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Autor Thema: Liturgiereform in der EKD zum 1. Advent  (Gelesen 1009 mal)
Larigot
Gelehrter
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« Antworten #20 am: 30. November 2018, 12:25:22 »

In (mindestens) einem Punkt irrt die Studie: Sie schreibt vom Aufblühen der Gospelchöre. Ich beobachte hierzulande, dass dieses Strohfeuer in etlichen Gemeinden bereits heruntergebrannt ist.

Das beobachte ich auch, aber nicht speziell bei Gospelchören, sondern bei Chören (und auch Laienorchestern) insgesamt. Die Bereitschaft und/oder Möglichkeit, sich "fest" an ein Ensemble zu binden und einmal wöchentlich zur Probe zu gehen, hat stark abgenommen. Stattdessen finden "Projektchöre" (ach auf Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene) immer mehr Zuspruch, die in überschaubaren Probenzeiten ein fest umrissenes Programm einstudieren und zur Aufführung bringen.

LG
Christian
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« Antworten #21 am: 30. November 2018, 14:28:53 »

Stattdessen finden "Projektchöre" (ach auf Kirchenkreis- bzw. Dekanatsebene) immer mehr Zuspruch, die in überschaubaren Probenzeiten ein fest umrissenes Programm einstudieren und zur Aufführung bringen.


Auch wenn es langsam etwas off-topic wird: Die Beobachtung sehe ich grundsätzlich auch und sehe das als Gefahr, da man mit Projektensembles zwar schon viel erreichen kann, aber auf Dauer ist es nicht mehr möglich einen Chor oder anderes Ensemble nachhaltig weiterzuentwickeln, sondern man greift halt immer nur auf das gerade vorhandene "Material" zurück und wenn diese stetige Entwicklungsarbeit auf Dauer nicht mehr stattfindet, dann fehlt irgendwann die Basis für die Projektchöre.

Ich denke aber, dass die stehenden Chöre nie gänzlich aussterben werden. Meist habe ich den Eindruck, dass es eine "kritische Schwelle" in der Größe gibt: Ab einer gewissen Größe kann man attraktiveres Repertoire anbieten und das zieht auch wieder Menschen an, aber wenn man eine gewisse Größe nicht erreicht kämpft man gegen eine sehr frustrierende Abwärtssirale, da man dann leichtere und ddeswegen häufig als uninteressanter empfundene Literatur machen muss, warum dann wieder Menschen gehen und so weiter...
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Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle. - Mauricio Kagel
Wichernkantor
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« Antworten #22 am: 30. November 2018, 16:35:16 »

Die Beobachtung mache ich auch und sehe das als Gefahr, da man mit Projektensembles zwar schon viel erreichen kann, aber auf Dauer ist es nicht mehr möglich einen Chor oder anderes Ensemble nachhaltig weiterzuentwickeln, sondern man greift halt immer nur auf das gerade vorhandene "Material" zurück und wenn diese stetige Entwicklungsarbeit auf Dauer nicht mehr stattfindet, dann fehlt irgendwann die Basis für die Projektchöre.

Genau diese Tendenz erkenne ich auch. Sie zeugt den Bruder des "Eventhoppers", den "Projekthopper".
Qualitätvolle Chorarbeit lebt aber von Kontinuität und der Option auf Entwicklung. Das Projektchor-(Un-)Wesen ist ein nur befristet erfolgreicher Versuch, auf die abnehmende Bindungswilligkeit zu reagieren. Irgendwann beißt sich die Katze selber in den Schwanz, dem sie nachhechtet ...

LG
Michael
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« Antworten #23 am: 30. November 2018, 17:57:48 »

Hallo,
Genau diese Tendenz erkenne ich auch. Sie zeugt den Bruder des "Eventhoppers", den "Projekthopper".
Qualitätvolle Chorarbeit lebt aber von Kontinuität und der Option auf Entwicklung. Das Projektchor-(Un-)Wesen ist ein nur befristet erfolgreicher Versuch, auf die abnehmende Bindungswilligkeit zu reagieren.
so ein hartes Urteil wird, wie ich finde, den Verhältnissen nicht gerecht. Wenn ich den kleinen Ausschnitt ansehe, den ich überblicke, so ist zunächst festzuhalten, dass die regelmäßigen Chorgänger eher höhere Bildung aufweisen. Wenn diese dann vollzeit berufstätig sind, wird es gerade in akademischen Berufen schon schwierig, über Jahre hinweg die einigermaßen regelmäßige Teilnahme an den Chorproben sicherzustellen. Bei großen Chören ist es nicht so schlimm, wenn man Proben versäumt und unsicher ist, aber in kleinen, also solche mit den 2 oder 3 Tenören, wird das schwierig. Ich kenne genug Leute, die sich daher gezielt so einen Projektchor terminlich freischaufeln. Projektchöre haben ja eine übersichtliche Laufzeit und man kann die Termine vorab alle mit dem eigenen Terminkalender abgleichen. Das ist doch besser, als gar nicht in einem Chor mitzusingen.

Ich bin aktuell in 10 Tagen, also 2 Arbeitswochen gerade mal an 3 Tagen nicht auf Dienstreise. Im vergangenen Jahr hatte ich überlegt, an einem Projektchor teilzunehmen, aber auch da musste ich sagen, dass keine kontinuierliche Teilnahme an den Proben möglich war, vor allem das abschließende Probenwochende war beruflich belegt.

Bei uns gibt es auch eine Tendenz, dass größere Projekte (Elias, Mozart-Requiem, Schöpfung) von mehreren Kantoreien (konfessionsübergreifend) aufgeführt werden. Es wird in den einzelnen, kleineren Chören geprobt und dann in gemeinsamen Probenwochenenden oder Proben das Ganze zusammengeführt.

Übrigens sind die regelmäßigen Chorsäger/innen von den Projekten gar nicht so angetan. Ich habe eher den Eindruck, dass durch die Projekte Leute angesprochen werden, die sonst gar nicht aktiv wären und auch aussterbenden Chören zumindeste zeitweise neues Leben eingehaucht wird. Wobei ich jetzt nicht sagen will, dass Projekte auf so Zombie-Chöre beruhen. ;-)
 
Beste Grüße von der Waterkant (bzw. von unterwegs)
Christoph P.
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Wichernkantor
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« Antworten #24 am: 01. Dezember 2018, 07:26:13 »

Nicht überall herrschen die selben "Verhältnisse". Das Städtedreieck GI/MG/WZ galt immer als "Sängergegend".
Die Entwicklung, dass die Projektchöre einen hohen Anteil an engagierten (z.T. überengagierten) Multifunktionsträgern, an Logen und Gogen aufweisen, halte ich ebenfalls nicht für erfreulich. Das führt u.a. dazu, dass es Chöre gibt, die an den hohen kirchlichen Feiertagen nicht einsatzfähig sind, weil ein hoher Prozentsatz der Mitglieder auswärts urlaubt.

Vor 20 Jahren war das Singen im Chor - zumindest hier in der Region - noch eine "Volksbewegung". Da sangen Menschen (fast) aller sozialen Schichten und Berufsgruppen in den Chören und manches Dorf mit 3.000 EW hatte zwei oder drei Gesangvereine, die in befruchtendem Wettbewerb standen. Das Projektchor-Wesen hat den lokalen Chören oft die besten Kräfte entzogen.
Das Phänomen trifft auch die Landkirchenchöre. Eine hiesige renommierte Kantorei, die eine große Oratorientradition hat, rekrutierte sich noch Ende der 90er Jahre fast ausschließlich aus Mitgliedern der eigenen Gemeinde. Mittlerweile kommen die Sänger aus einem Radius von 30 und mehr Kilometern - und fehlen in den heimischen Chören.

Es vergeht kaum ein Quartal, in dem ich nicht gefragt werde, die Leitung eines solchen ausblutenden Chores zu übernehmen - in dem ich dann zu den Jüngeren zählen würde ...

Nicht mein Urteil ist hart, sondern die Realität ... leider.

LG und gesegneten 1. Advent
Michael
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« Antworten #25 am: 01. Dezember 2018, 10:31:23 »

Zum Thema zurück: Wir sabotieren morgen die Einführung der neuen Liturgie: Auf dem Liedplan der mich gerade ereilte, steht: "Wir singen besser keine Liturgie, damit wir pünktlich fertig sind ..."

Zur Ehrenrettung des Liturgen: Er hat genau 50 Minuten Zeit - die verbleibenden zehn braucht er, um pünktlich im Nachbardorf zu sein ...

Ich find's nett, dass er nicht von mir verlangt hat, meine Vorspiele zu kürzen. (Da wir uns gut kennen, weiß er, dass das zwecklos ist ...  Lachen)

LG
Michael
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« Antworten #26 am: 01. Dezember 2018, 10:46:38 »

Frei analog zu einem gewissen Herrn Luther : " Hier spiele ich, ich kann nicht anders "  Zwinkern
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Gemshorn
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« Antworten #27 am: 01. Dezember 2018, 11:54:56 »

Damit machst du ein großes Fass auf, Michael...

Was, wenn einer von beiden - Pfarrer oder Organist - noch in eine weitere Kirche muss und somit unter Zeitdruck steht? Da wird man um einen Kompromiss nicht herumkommen... Niemand wünscht dem anderen hoffentlich einen Herzinfarkt.

Inakzeptabel finde ich es, wenn ich meinen Liedplan beschneide, der geistliche Herr dann aber extra lang predigt - ganz egal, wer von beiden weg muss.
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Kein Mensch ist arm zu nennen, der ab und zu tun kann, was immer ihm Spaß macht. (Dagobert Duck)
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« Antworten #28 am: 01. Dezember 2018, 14:11:40 »

Liebes Gemshorn!
Nach meiner Lesart des ausgeführten Lageberichts: In diesem Falle lag doch der gelungene Kompromißvorschlag genau für den von Dir erläuterten Sachverhalt vor.
Der dahinterliegende "nicht explizit geschriebene" Sinninhalt zwischen den Zeilen (der sicherlich mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist), scheint Dir offensichtlich verborgen geblieben zu sein.... 
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Gemshorn
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« Antworten #29 am: 01. Dezember 2018, 15:31:52 »

Wie gut, dass du immer alles durchschaust, lieber Clemens - und dabei trotzdem solch beeindruckende Demut an den Tag legst.
Ach, könnte ich das nur auch. Verwirrt
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