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Autor Thema: Orgelmarathon Nordeifel 2018  (Gelesen 3332 mal)
Wichernkantor
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« am: 06. August 2018, 19:32:49 »

Mittwoch geht's los!
Orte und Termine hier: https://orgelarena.de
Ich bin bis Samstag dabei. Sonntag muss ich selber orgeln ...

LG
Michael
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Martin78
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« Antworten #1 am: 06. August 2018, 20:00:02 »

Viel Spaß in der Nordeifel, Michael!

Gibt’s da bei den derzeitigen Temperaturen eigentlich ein Zungen-Beistimm-Kommando, das vor dem Tross die Kirchen abfährt?  Teufel 2
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Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
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« Antworten #2 am: 06. August 2018, 21:37:40 »

Das wird sicher öfter nötig sein als bisher.
Meine Dienstorgel steht in einem Raum, der derzeit gegen Mittag Saunaklima entwickelt. Heute war um 11.30 Einschulungsgottesdienst. Beide Manualzungen stimmten ...
Bosch hat die Becherlängen exakt berechnet und so abgestimmt, dass sie mit dem Flötwerk mitgehen. Ich kenne etliche Orgeln dieses Hauses in meinem Beritt, deren Zungen fast immer stimmen.
Die eines anderen (durchaus traditionsreichen) Orgelbauers, dessen Instrumente hier in vielen Kirchen zu finden sind, sind nach einer Stimmung oft keine Woche zu gebrauchen ...
Die einer "mustergültig" und nach "denkmalpflegerischen Gesichtpunkten" restaurierten Schöler-Orgel hierzulande stimmen ca. 20 Minuten ...

LG
Michael
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PM
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« Antworten #3 am: 06. August 2018, 23:30:59 »

Viel Spaß. Die orgel in Walhorn kenne ich, wen ich mich gut erinnere ist es eine von Müller (19e Jh.), die hat in die gegend viele instumente gebaut (auch in die Niederlände: Zuid Limburg). Ein schönes Instrument, "mit ein ziemlich klassische klang.

LG PM
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„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
Wichernkantor
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« Antworten #4 am: 07. August 2018, 05:44:14 »

Ja, Müller/Reifferscheid hatte im 19. Jh. durchaus regionale Bedeutung. Im gesamten Eifelraum bis nach Luxemburg und links der Mosel und des Rheins bis nördlich von Aachen hatte diese Firma ihre Kunden. Man baute überwiegend Orgeln für kleine Dorfkirchen bis etwa II/20. Lange hielt man an der mechanischen Schleiflade fest, was vielen Müllerinnen das Überleben im "Bildersturm" der Orgelbewegung sicherte. Als das Haus (sehr spät) auf Pneumatik umstellte, hatten andere Firmen in der Region (Stahlhut, Klais) einen Erfahrungsvorsprung mit diesem System, den die Reifferscheider Orgelmacher nicht mehr einholten.

LG
Michael
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Martin78
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« Antworten #5 am: 07. August 2018, 11:51:52 »

Die Hillesheimer Orgel ist klanglich ganz toll, in der klassizistischen Kirche klingt sie kathedralhaft. Beim Blick auf den Cockpit-Spieltisch von 1973 (bei der damaligen "Restaurierung" verlor sie ihre seitenspielige Spielanlage) würde man nicht unbedingt ein Stumm-Müller-Instrument vermuten ...

In Nideggen baute Orgelbau Fasen eine sehr schöne Orgel, ansonsten kenne ich nur die bekannten König-Orgeln in Schleiden und Steinfeld (da verpasst du was am Sonntag); im Netz gibt es noch eine Vorstellung der Korfmacher-Orgel in Breinig.

Ach ja, die Weimbs in St. Michael, AC-Burtscheid, durfte ich schon einmal ausprobieren - oder ist wirklich die griechisch-orthodoxe Michaelskirche gemeint?
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Gloria Concerto 350 Trend
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« Antworten #6 am: 07. August 2018, 12:03:44 »

im Netz gibt es noch eine Vorstellung der Korfmacher-Orgel in Breinig.

 Freudensprung Freudensprung Super, das ist der neue und junge Michael in "Klein"  Phantom
LG Matthias
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Wichernkantor
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« Antworten #7 am: 12. August 2018, 20:12:13 »

Heute war das Schlusskonzert des Orgelmarathons Eifel in der Basilika Steinfeld. Leider habe ich es versäumt, denn ich musste gestern Abend auf die Piste gen Mittelhessen, weil ich heute früh auf dem Bock zu sitzen hatte.

Hier ein paar Impressionen - wohl in mehreren Teilen und lockerer Folge. Anfangs auch mit Bildern, ab dem zweiten Tag hatte ich dazu schlicht keine Zeit mehr. Denn zwischen den Spielorten lagen z.T. beträchtliche Entfernungen und das Spiel der Aufnahmetechnik mit dem Interpreten hieß "Hase und Igel". Eingespielter Assistentin sei Dank, gingen Auf- und Abbau des jeweiligen Bestecks zackig vonstatten und wir hatten stets rechtzeitig Saft und Signal, wenn Matthias Grünert in die Tasten griff.
Zweites Handicap war die enorme Hitze - zunächst draußen und drinnen. Harald hätte sich vermutlich pudelwohl gefühlt. Aber wenn man mit Kabeltaschen und Hochstativ über enge Emporentreppen kraxelt, an deren Ende eine noch höhere Temperatur wartet, träumt man nach dem dritten Konzert des Tages nur noch von einer kalten Dusche und einem kühlen Bier. Vor diese Fata Morgana hatten die Wettergötter jedoch viel Schweiß gesetzt ...
Erst gestern hatten sich die Temperaturen in den besuchten Kirchen den - inzwischen idealen - Außentemperaturen angeglichen.

Sogar der Aachener Dom, Schauplatz des Auftaktkonzertes am Mittwoch, glich mit seinen Wandplatten aus poliertem Marmor bei 30 Grad plus eher einem römischen Dampfbad als einer Kühlung verheißenden Kirche.
Gleich in der Vorhalle wurden wir freundlich empfangen - von einer großen Tafel, auf der all das in Schrift und Piktogramm (Lesen wird ja von weiten Kreisen der Bevölkerung inzwischen maßlos überschätzt) angeschlagen war, was in den geschichtsträchtigen und geheiligten Hallen streng verboten ist. Schneller wäre es umgekehrt gegangen - mein Vorschlag: "Beten und Spenden erlaubt."
Soviel zum Thema "einladende Kirche". Aber vermutlich muss man an Orten, an denen im Viertelstundentakt "andachtsfördernde" Busladungen knipsender Touris durchgeschleust werden, von denen die Wenigsten die Hausnummer kennen, so deutliche Ansagen machen ...  Traurig

Wir wurden von einem sehr freundlichen Domschweitzer empfangen, aber der liebe Mann hatte keinerlei Informationen.
Er wusste lediglich, dass sich der Domorganist im Urlaub befindet und von der hohen Domgeistlichkeit niemand zu Eröffnung komme. (!) Schließlich kam der Subsitut des Dommusikers, ein netter und hilfsbereiter Kollege aus dem Aachener Umland. Aber er brachte keine besseren Nachrichten. Irgendjemand im Team kam dann auf die Idee, dass ich ein paar fromme Gedanken zum Auftakt absondern solle. Vermutlich deshalb, weil ich trotz Hochtemperaturen politisch korrekt gekleidet war ...  Lachen

Ich zog mich also in die Nikolauskapelle zurück, um mir ein paar ökumenisch vertretbare Sentenzen zu Psalm 150 zurechtzulegen, als das Signal "Entwarnung" kam - die Kulturdezernentin der Stadt Aachen hatte sich in letzter Minute eingefunden und machte die einleitenden Honneurs.

Verboten war natürlich auch das Fertigen von Tonaufnahmen. Auf Anfrage war es auch uns verboten worden. Hm, irgendwie hatte ich dann doch ein paar Signale auf der Festplatte. Der liebe Gott und ich wissen, wie die dahingekommen sind ...  Lachen
Und den Rest der Welt geht es nichts an ...  Freudensprung Ätsch!

Die Orgel des Aachener Doms steht komplett auf dem Umgang des zentralen Oktogons. Es ist eine dreiteilige Anlage, im Kern von Hans Klais aus 1939, von seinem Sohn 1973 erweitert und 20 Jahre später vom selben Haus "reorganisiert".
In der Mittelachse steht ein dreimanualiges mechanisches Werk, das mit Rückprospekt auch den anschließenden Hochchor beschallt. Es hat einen eigenen Spieltisch.

https://www.dropbox.com/s/831rwtlvtds0nmz/Aachen%2C%20Dom%20Orgel%20Mitte.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/ii10r4toazime7q/Aachen%2C%20Dom%20Orgel%20Mitte%20Pedalturm%20links.jpg?dl=0

Um den Gehäusekörper luftig zu halten, wurde eine schlanke, aufstrebende Gliederung gewählt und die Pedaltürme zu beiden Seiten vom Hauptgehäuse abgesetzt. Zum Hochchor hin ist ein Rückpositiv eingesetzt. Eine sehr durchdachte und überzeugende Lösung. In den anschließenden Feldern des Oktogons rechts und links der Hauptorgel steht das alte Werk von Hans Klais, rechts mit Zentralspieltisch.

https://www.dropbox.com/s/1jggoc5scitrzgd/Aachen%2C%20Dom%20Orgel%20links.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/faq9mg39i9lb1vt/Aachen%2C%20Dom%20Orgel%20rechts%20mit%20Hauptspieltisch.jpg?dl=0

Hier die Bilder vom Hauptspieltisch - der Organist hat nur über einen viergeteilten Monitor Blick auf die Altarinsel und andere Brennpunkte des liturigschen Treibens.

https://www.dropbox.com/s/u2kgsukx004x6ex/Aachen%2C%20Dom%20Hauptspieltisch.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/bz55bqplgaepae9/Aachen%2C%20Dom%20Hauptspieltisch%20Register%20links.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/i9nbg54zigp0epe/Aachen%2C%20Dom%20Hauptspieltisch%20Register%20rechts.jpg?dl=0

Nicht einmal Karl der Große himself könnte dem amtierenden Maestro Cantore von seinem gegenüberliegenden Thron auf die Finger sehen, denn zusätzlich ist der Spieltisch gegen neugierige Blicke durch einen Paravent abgeschirmt. (Wäre ja auch zu peinlich, wenn zu sehen wäre, ob der Maestro in der Nase bohrt oder ob er Predigtlektüre säkularen Charakters studiert, während ein Stockwerk tiefer die heilsgeschichtlich bedeutenden Fragen definitiv geklärt werden ...)

Matthias Grünert eröffnete - wie könnte es anders sein - mit Bastis "Empidemischer". Und man kann sagen, war man will: Zur effektvollen Darstellung der klanglichen Möglichkeiten einer Großorgel ist sie bestens geeignet, wenn sie so stringent und intelligent gespielt wird. Der Aachener Dom ist ja keiner der größten, seine Kubatur ist lediglich sehr komplex. Die Orgel in diesem Raum ist mit III/62 durchaus angemessen dimensioniert. Und sie ist ganz, ganz großer Hans Klais: mächtig, kraftvoll, tragend, mit rheinischer Breite und Behäbigkeit, nie scharf oder schrill, immer saftig.
Der zweite Charakter dieser Orgel zeigte sich in einem meiner Lieblingsstücke aus Matthias Grünerts Repertoire, der 1956 entstandenen Sonate des ungarischen Zeitgenossen Frygies Hidas.
Diese Domorgel erlaubt herrliche, gläsern klingende und fein lasierende Mischungen im mp-Bereich. Die Aliquoten verschmelzen traumhaft schön mit den Grundstimmen. Selbst steile Lückenregistrierungen werden als angenehm empfunden. Trotz extremer Innentemperaturen - ich denke, es herrschten deutlich mehr als 30 Grad und von unten dräute ein Strom heißer, mit menschlichen Ausdünstungen angereicherter Luft nach oben in die Kuppel - Verwirrt stimmten die vielen glänzenden Zungen, die sich von den heute üblichen Brüllern sehr angenehm unterschieden. Eine Klais-Orgel eben. Das mit der Stimmhaltung der Zungen sollte sich eine Stunde später und nur wenige Meter weiter ins Gegenteil verkehren - aber das ist eine andere Geschichte.
Vom Orgelspaziergang in Aachen und seinen Vororten mehr im nächsten Kapitel meines Erlebnisaufsatzes. Und jetzt mache ich etwas ganz Banales: Ich hänge beim "Tatort" ab und nippe an einem erfrischend kühlen "blanc de noir" vom fränkischen Weinstock.

LG
Michael
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« Antworten #8 am: 12. August 2018, 22:24:13 »

Den österreichisachen Tatort?

Hoffe, der Wein hat geschmeckt!  Lachen

LG und danke für den launigen Bericht!
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« Antworten #9 am: 12. August 2018, 22:31:57 »

LG und danke für den launigen Bericht!
(...) der Lust auf mehr macht!

Schon ganz gespannt:
Martin
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