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Autor Thema: Fernsehgottesdienst 22.07.2018  (Gelesen 1854 mal)
Martin78
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« am: 22. Juli 2018, 22:21:43 »

Der ZDF-Fernsehgottesdienst kam heute aus der Autobahnkirche Baden-Baden, wo eine Digitalorgel steht. Sieht für mich wie ein Johannus-Modell aus, mit mindestens 30 oder 38 Registern. Kann jemand von euch das Modell (mit den massiven Seitenwangen und Rolldeckel) identifizieren?

Wie fandet ihr den Klang? Nun ist mir bewusst, dass die Mikrofonierung bei einem Fernsehgottesdienst den Klang vor Ort nicht zuverlässig wiedergeben wird, und ich kenne weder den Raum noch die Klangabstrahlung; dennoch finde ich, dass die Orgel hier in der Übertragung eher leise und dezent klingt, und das bei einer Registeranzahl, bei der die Kirche wackeln müsste! Der Volksgesang ist dennoch gut, nicht zuletzt durch die Verstärkung des Gemeindegesanges durch einen Chor und die gegenüberliegende Aufstellung der Bankreihen mit Einander-Zusingen. Ich denke, in diesem nicht ganz kleinen, aber überschaubaren Raum wäre eine Pfeifenorgeln mit ca. 20 Registern disponiert. Hier hat man fast doppelt so viele digitale Register zur Verfügung ... für mich klingt das mal wieder relativ zugedreht und leider dadurch wenig authentisch. Jedes Register klingt deutlich leiser als sein Pfeifenorgel-Pendant, damit die Orgel den Raum nicht erschlägt. Oder täuscht mein Eindruck? Bei Fernsehgottesdiensten mit PO-Einsatz hatte ich nie das Gefühl einer so unterbelichteten Orgel wie hier ... insgesamt finde ich die Übertragung keine Werbeveranstaltung für DO-Einsatz in Kirchen. Der Eindruck vor Ort kann aber wie schon beschrieben ein ganz anderer sein.
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clemens-cgn
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« Antworten #1 am: 23. Juli 2018, 01:39:53 »

Lieber Martin,
ich mußte auch mehrfach genau hinschauen. Das es Johannus nicht sein konnte, sondern Viscount sein mußte, ist an den Registerwippen zu erkennen. Die Unico hab ich am Klang erkannt (intonationsmäßig wäre da durchaus noch Luft nach oben). Der Principalchor war mir komplett zu leise.  Ein wenig Gnadenhall aus der UNICO selbst (der ist gar nicht so schlecht) hätte dem Klang sicher nicht geschadet.
Bei den Rundumschwenks der Kamera war keine externe Klangabstrahlung zu erkennen. Es klingt aber immerhin schon besser als die k-tv-Übertragungen.
Es ist eine Viscount Unico CLV4 in Eiche hell.
Identifizierende Erkennungszeichen: Notenpultgestaltung und Viscountschriftzug auf dem Sturz des Klaviaturfundamentbrettes.
Wenn die KFZ-Segnungsworte nicht so übermäßig stark gewesen wären, hätte man vom Nachspiel etwas mehr erhören können.
Lieben Gruß
Clemens
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Martin78
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« Antworten #2 am: 23. Juli 2018, 02:43:18 »

Hallo Clemens,

tatsächlich, du hast Recht - Danke für deinen Spürsinn! Eine CLV 4!

Damit hat die Orgel 35 Register. Wenn ich mir den Raum anschaue und die Frage nach dem Aufstellungsort (rundum die tollen Fenster und seitlich niedrige Höhe) einmal ausblende, wäre als absolute PO-Luxus-Dispo daraus 22 übriggeblieben:
P 16, 8, 8, 4, 16
I 8, 8, 4, 4, 2, Mix, Tr
II 8, 8, 8, 4, 4, 2 2/3, 2, 1 3/5, Sch, 8

So etwas wie 16‘-Manualzungen oder 32‘ wären mir bei dem Raum im Traum nicht in den Sinn gekommen. Anstelle jedem Register der Unico dann das Volumen zuzugestehen, das es als PO-Register bei freier und natürlicher Ansprache entwickeln würde, hat man dann einfach alles proportional leiser geregelt, damit der Griff zum ff-Knopf noch erträglich und möglich bleibt. Dies und evtl. die (öfters hier kritisierte) On-Board-Klangabstrahlung einer Unico tragen dann zum dünnen Prinzipalchorklang, der von den paar Dutzend Sängern in Grund und Boden gesungen wird, mit bei.

Das ist dann ein klassisches Beispiel, dass dem Prinzip „weniger ist mehr“ bei DO mehr Beachtung geschenkt werden sollte, jedenfalls im Hinblick auf Authentizität. Natürlich ist es verführerisch, wenn die Sprünge zur nächstmöglichen Registerzahl immer nur wenig Aufpreis im Verhältnis zum Anschaffungspreis selbst kosten („warum sich bei einer DO in irgendeiner Form einschränken?“), aber ich finde, zuerst sollte man bei Anschaffung einer DO für einen Kirchenraum zu einem gegebenes Budget immer erst einmal davon leiten lassen, welche (externe) Klangabstrahlung sich für das Geld realisieren lässt; an zweiter Stelle dann das Orgelmodell aussuchen!

Wenn dann nachher 50% Register mehr zu finanzieren sind als eine vergleichbare PO am Aufstellungsort bräuchte, sollte man die Möglichkeit des Tuttispiels als Preis für Authentizität des Klanges opfern. Bei einer Unico könnte man natürlich, sofern die Editor-Software vorhanden ist, noch ein paar der dem Raum unangemessen Register gegen in der Disposition fehlende Solisten bzw. Labialregister austauschen, hier z.B. dem Pedal eine Mixtur oder dem Hauptwerk eine Quintadena und einen barocken Streicher mitgeben ...

LG
Martin
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Wichernkantor
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« Antworten #3 am: 23. Juli 2018, 07:46:17 »

Gegner digitaler Lösungen finden mit dieser Aufnahme jedes ihrer Vorurteile bestätigt. Der klang ist flach und spitz, nicht tragfähig und säuft in den Mittellagen ab, sobald jemand dazu singt.
Der Chor hat das Instrument garantiert nicht gehört, denn die "Überchöre" zum Gemeindegesang waren ja immer kurz davor, aus dem Ruder zu laufen.

Vor wenigen Tagen haben wir dort noch auf der Heimfahrt vom Urlaub abgewartet, bis sich der obligatorische Feierabendstau am Dreieck Hockenheim verflüchtigt hatte. Die Kirche ist ein Baudenkmal ersten Ranges. Sie lohnt auf jeden Fall eine Besichtigung. Im Innern wirkt sie eher übersichtlich, die in den 60ern verbreiteten "Nur-Dach-Ferienhäuser" lassen grüßen. Mit einer PO von 15-20 Registern wäre sie sehr gut bedient. Die Fenster sind sagenhaft schön, zaubern Licht und- Farbenspiele wie in gotischen Kathedralen. Die Orgel steht einfach irgendwo in der Ecke 'rum, ist aber gegen außergottesdienstlichen Gebrauch gesichert wie die Bank von England.
Ich entsinne mich, dass wir vor mindestens 35 Jahren da mal bei einem Chorausflug ins Elsass Station gemacht haben. Damals gab es dort eine analoge Ahlborn, im Vergleich zum damaligen Standard sehr wertig mit Holzklaviaturen, freien Kombinationen und einer Tonerzeugung aus Einzelton-Generatoren. Irgendwo in der Decke war eine externe Abstrahlung eingebaut. Den Klang habe ich als durchaus ordentlich in Erinnerung - immer in Relation dazu, wie damals Elektronenorgeln klangen ... Er trug wenigstens und wirkte recht lebendig. Die Zungen konnte man natürlich vergessen - fürchterliche Sägen.

LG
Michael
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Martin78
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« Antworten #4 am: 23. Juli 2018, 08:08:22 »

Gut, dann bin ich schon einmal beruhigt, dass ich nicht alleine den Orgelklang, so wie er wiedergegeben wurde, suboptimal finde ... sind wir schon zu Dritt.
Vor wenigen Tagen haben wir dort noch auf der Heimfahrt vom Urlaub abgewartet, bis sich der obligatorische Feierabendstau am Dreieck Hockenheim verflüchtigt hatte. Die Kirche ist ein Baudenkmal ersten Ranges. Sie lohnt auf jeden Fall eine Besichtigung.
Tja, da mache ich mir schon Gedanken. Sie ist mein Baujahr 1978 ...  Opa
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Gemshorn
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« Antworten #5 am: 23. Juli 2018, 08:58:46 »

Ganz grundsätzlich: Eine hohe Registerzahl hat doch nur sehr bedingt mit der Tutti-Lautstärke zu tun? Kopfkratzen
Ich erinnere mich dunkel, dass Hans Klotz in seinem Buch von der Orgel an einer Stelle schreibt, dass das Hinzuziehen eines weiteres Achtfüßers die Lautstärke nur unbeträchtlich erhöht, da er weitestgehend vom dominanten Achtfüßer absorbiert wird.
M.E. hat die Intonation jedenfalls so zu erfolgen, dass jedes Register in quasi-natürlicher Lautstärke erklingt. Niemand zwingt einen Organisten, ein überlautes Tutti zu registrieren; die Vielfalt der Farben lässt sich auch ohne ein solches gut nützen. Will sagen: Eine Digitalorgel darf (wiederum m.E.) gerne mehr Register haben als eine Pfeifenorgel, vor allem um der Vielfalt und der farbigen Nutzung wegen. Dass in einer Dorfkapelle ein Bombardwerk mit 32’-Fundament etwas seltsam anmutet, müssen wir hoffentlich nicht diskutieren; dass dort aber eine solistische Quintade oder ein dezentes Kornett oder eine filigrane Streicherschwebung durchaus seinen Reiz hat, mag jedoch einleuchten.

Zum Thema „miese Intonation“ kann ich eine Erfahrung mit einer Johannus Ecclesia beisteuern, die in einer Altersheimkapelle hier in der Umgebung steht – und zwar ohne externe Abstrahlung. Der Klang ist selbst dann für normalen Gemeindegesang zu schwach, wenn ein Tutti aufregistriert wird. Einfach peinlich. Traurig Dass so eine „Installation“ (lieblose „Hinstellung“ wäre der passendere Begriff...) Wasser auf die Mühlen der Polemiker ist, versteht sich von selbst.
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Kein Mensch ist arm zu nennen, der ab und zu tun kann, was immer ihm Spaß macht. (Dagobert Duck)
Martin78
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« Antworten #6 am: 23. Juli 2018, 09:09:08 »

Ganz grundsätzlich: Eine hohe Registerzahl hat doch nur sehr bedingt mit der Tutti-Lautstärke zu tun? Kopfkratzen
Jein. Was du über die Achtfüßer schreibst, ist alles richtig. Wenn eine Digitalorgel aber eine gewisse Registeranzahl bereithält, sind darunter auch Register, die eben nicht in jedem Raum funktionieren, neben den schon erwähnten 32‘ auch Manualzungen 16‘ und 4‘ sowohl Manualprinzipal 16‘. Damit ist die Versuchung da, diese Register auch zu benutzen bzw. im fest abgespeicherten ff sind sie mit drin. Wenn sie dann denn Maßstab für die Lautstärke des Rests der Orgel darstellen, wird es lächerlich: Eine Manualtrompete 16‘ mit der Klangstärke einer leisen Harmonium-Aeoline klingt halt unglaubwürdig. So leise bekäme ein Pfeifenorgelbauer ein solches Register doch gar nicht intoniert ... und der Prinzipalchor wird dann unbrauchbar schlapp.
Das ist meines Erachtens echt eine Gefahr bei der Aufstellung von Digitalorgeln als Pfeifenorgelersatz: Die ungesunde Völlerei an Registern bewirkt einen Verlust an Authentizität.

Obwohl ich die 32‘ an meiner DO auch toll finde, möchte ich bzgl. der o.a. Register für wirklich große Kirchenräume (s.o., also eben nicht nur bzgl. der 32‘) einen ansonsten etwas mit Vorbehalt zu lesenden Aufsatz von Dr. Carl Elis in der Schildknecht-Orgelschule zitieren:
"Von der Wirkung des 32 Fuß, sowohl als Labialstimme (offen oder gedeckt), wie als Zunge, und ebenso von seinem akustischen Ersatz durch Quinte 10 2/3' usw., sind wir ziemlich zurückgekommen und gestehen derartigen Stimmen nur noch in wirklich großen Orgeln ihren Platz zu. Dort allerdings können sie dem Orgeltone eine gewaltige Wucht geben."
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Martin78
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« Antworten #7 am: 24. Juli 2018, 09:37:09 »

Zum Thema „miese Intonation“ kann ich eine Erfahrung mit einer Johannus Ecclesia beisteuern, die in einer Altersheimkapelle hier in der Umgebung steht – und zwar ohne externe Abstrahlung. Der Klang ist selbst dann für normalen Gemeindegesang zu schwach, wenn ein Tutti aufregistriert wird. Einfach peinlich. Traurig
Das ist ja heftig. Die kleinste aktuelle Ecclesia hat doch 4x70 Wart + 1x170 W Verstärkerleistung, 9 Lautsprecher. Krass, dass eine vergleichbare Digitalorgel keine Kapelle füllen kann (ich rede nur von der Lautstärke, dass eine Orgel nur hosenbeinmäßig in einer Kirche abgestrahlt keine gute Figur macht, ist mir schon klar; aber die Ecclesia will ja genau das leisten).
Bei meiner dreimanualigen Concerto denke ich, dass sie mit zwei Drittel der Maximal-Lautstärke schon eine klanglich nicht ganz ungünstige Dorfkirche locker füllen könnte.
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Machthorn
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« Antworten #8 am: 24. Juli 2018, 22:17:52 »

Zitat
dass eine Orgel nur hosenbeinmäßig in einer Kirche abgestrahlt keine gute Figur macht, ist mir schon klar; aber die Ecclesia will ja genau das leisten
Vorsicht, die Ecclesia Choir strahlt eben gerade nicht hosenbeinig sondern über die Rückwand ab. Bei richtiger Aufstellung ist das gar nicht so schlecht. Außerdem will sie ja auch keinen Gemeindegesang begleiten sondern digitale Chororgel sein (wer hätt's gedacht).
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Martin78
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« Antworten #9 am: 24. Juli 2018, 22:50:26 »

Ja, so hatte ich das auch im Kopf, aber ich hatte es falsch formuliert, sorry. Ich wundere mich trotzdem, dass gerade aufgrund der vorteilhafteren Abstrahlung eine Ecclesia ja in einer Altenheimkapelle - so groß sind die ja in der Regel nicht - absäuft. Ob da ein Verstärker defekt ist?
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