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Autor Thema: Wie lange habt ihr geübt, bis zum ersten Gottesdienst?  (Gelesen 2688 mal)
SeltenGedackt
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« Antworten #10 am: 19. Juli 2018, 09:30:26 »

Noch mal ein diesbezüglicher Nachtrag von mir.
Wenn ich es recht sehe, zielt die Thread-Frage auf: welche Qualität muss ein Gottesdienst-Spiel mindestens haben?

Unsere sehr engagierte und befähigte Kantorin vor Ort hat einen Orgelschüler einen Gottesdienst begleiten lassen.
Bei Vorspiel und Nachspiel interessiert das Können weniger, beim Gemeindegesang schon.
Ob da irgendwelche Satzfehler existieren, merkt kaum jemand; aber "singen" im Wortsinne sollte man schon können.
Bei einem Spieltempo von etwa der Hälfte des Notwendigen konnte von Singen aber keine Rede mehr sein.
So ist weder der Gemeinde noch dem "anfahenden" Organisten gedient.
Hier liegt m.E. die Grenze des Zulässigen.
Bei meinem ersten Gottesdienst war ich vor Aufregung viel zu schnell und konnte nach meinem letzten Ton noch einer Zeile der allein singenden Gemeinde lauschen... 
Das hat sich aber schnell eingepegelt.

lg

SeltenGedackt
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Wichernkantor
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« Antworten #11 am: 19. Juli 2018, 11:10:28 »

Die Fähigkeit, die Choralsätze in flüssigem Tempo und ohne Stocken zu spielen, ist auch m.E. ein wichtiges Kriterium für die Gottesdiensttauglichkeit eines Vertretungsorganisten.
Ich entsinne mich mal, in einem Gottesdienst gesessen und gedacht zu haben, da oben spielt eine 90jährige Diakonisse, der jede Sensorik für Takt und Tempo abhanden gekommen ist - von der Trefferquote ganz zu schweigen. Stockend, laaaaangsam, klebrig - kurz: *würg*.
Ich war kurz davor, hinaufzugehen und die Dame vom Orgelbock zu zerren. Meine Gemahlin blockierte mit ihrer Hand mein Kniegelenk. Da war der Gottesdienst auch schon zu Ende - und von der Empore stieg ein junger Mann um die zwanzig.

Ich habe die Gemeindesekretärin angeraunzt, bei welchem Dorfschmied denn dieser "Virtuose" Unterricht gehabt habe. Und damit stand ich im größten anzunehmenden Fettnapf. Denn der Maestro war ihr Sohn ... *peiiiinlich ...*  duck und weg

LG
Michael
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SeltenGedackt
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« Antworten #12 am: 19. Juli 2018, 11:35:43 »

Nach dem bewußten Gottesdienst wurde der ca. 17jährige Orgelzögling beklatscht und mit Blumen ob seines Mutes bedacht. Da habe ich dann nur der Kantorin ein paar angemessene Takte gesagt.
Hierzulande muss man sich über jeden freuen, der überhaupt noch eine Taste bewegt.
Sehr viele Orgeln sind seit Jahren und tw. Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden und sehen auch dementsprechend traurig aus. Viele sind absolut nicht mehr spielfähig und tw. schon halbzerstörte Ruinen.
Die Gemeinden leben von Harmonium-Begleitung oder Keyboards - bei vielleicht einem GoDi pro Monat oder weniger.
Die wenigen Enthusiasten haben es in stark schrumpfenden oder schon seit Jahrzehnten auf einem Niveau von 5-30 sonntäglichen Besuchern dahindämmernden Gemeinden sehr schwer.
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Gemshorn
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« Antworten #13 am: 19. Juli 2018, 11:47:03 »

Ja, die Besucherzahlen sinken weiter.
Früher hat mich das merkwürdigerweise mehr mit Besorgnis erfüllt als heute - zumindest was die Musik betrifft.
Singen kann man auch zu zweit oder sogar alleine. Die Frage für mich lautet eher, welches Repertoire (und in welchem Umfang!) in Zukunft gebraucht werden wird.
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Kein Mensch ist arm zu nennen, der ab und zu tun kann, was immer ihm Spaß macht. (Dagobert Duck)
Martin78
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« Antworten #14 am: 19. Juli 2018, 12:13:31 »

Die Fähigkeit, die Choralsätze in flüssigem Tempo und ohne Stocken zu spielen, ist auch m.E. ein wichtiges Kriterium für die Gottesdiensttauglichkeit eines Vertretungsorganisten.
Meines Erachtens ist das richtige Tempo das wichtigste Kriterium!

Nehmen wir einmal an, ein Organist spielt mit der rechten Hand die Melodie flüssig, ohne Fehler und im richtigen Tempo. So, dass er selber auch gut mitsingen könnte (viele lehnen Mitsingen beim Orgelspiel ja strikt ab).

Nehmen wir mal das Lied "Lobe den Herren". Linke Hand permanent nur F-Dur, Akkord zur Begleitung, Grundton F im Pedal, jeweils taktweise neu angeschlagen. Einziger Harmoniewechsel bei "Ehren" auf C-Dur (meinetwegen im Takt vorher die Subdominante B-Dur).

Nein, diese Begleitung wünsche ich keiner Gemeinde.  Teufel 2  Fest steht aber, dass diese ordentlich mitsingen würde, vor allem, wenn noch ein kurzes Vorspiel im richtigen Tempo davor käme (Durchzählen nach dem Vorspiel, pünktliches Einsetzen der "Liedbegleitung"). Sie würde auf jeden Fall besser mitsingen als bei einigen Vertretungsorganisten, die ich schon gehört habe, die unbedingt regelgerechte Begleitsätze nach Vorlage spielen wollten, diese aber nicht beherrschten, wodurch sich Stockungen usw. ergaben.

Also: Bei einfachsten Verhältnissen erst einmal Tempo und Phrasierung der Melodie richtig erfassen ...
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« Antworten #15 am: 19. Juli 2018, 12:20:08 »

Meine Gottesdienstliederorgelbegleitungskarriere nahm einen ähnlichen Anfang wie bei Aeoline. Lied 444 aus dem Melodienbuch C-Dur "Wie bist du mir so innig gut" zweistimmig auf dem Harmonium. Einen Mitkonkurrenten der schon dreistimmig spielte, kenne ich namentlich sogar noch heute und war voller Neid. Mit 12 dann einer der ersten Highlights für mich: Choralbegleitung auf dem Klavier in einem voll besetzten Hotelsaal in Rimini mit lauter deutschen Italienurlaubern: Lied 228 C-Dur Ich bete an die Macht der Liebe, vierstimmig. Da hatte ich schon den damals verlangten Klavierunterricht. Schulauftritt in der Quinta mit einem Carl Orff Stückchen. Nach Cellounterricht mit 16 Orgelunterricht in der evangelischen Pauluskirche. Anlaß war ein Satz aus dem 3. Brandenburgischen Konzert J.S.Bach mit Pop/Jazz Einlage von Keith Emerson (The Nice/ ELP). Danach viele Phasen mit Sinn und Unsinn in der Gemeindebegleitung. Irgendwann kommt man dann in der Erfahrungswelt an, die es ermöglicht auch über und unter dem Gemeindetrott angemessen zu begleiten, was immer für mich heißt, den Gemeindegesang zu führen. Die Zeit, mein angebliches Können darin zu zeigen, das ich schneller begleite als andere, ist vergangen. Auch dass ich auf meinen Bodenseedörfern in der katholischen Messe an den Zeilenanfängen auf die Gemeinde warten muss, wie das von evangelischer Seite gerne mal unterstellt wird, ist Märchen von gestern. Auch heute 80/90-jährige sind dem deutschen Volkslied längst entwachsen und kennen die Jazzschlager der Nachkriegszeit allzugut. Und für ein "jugendliches" Tempo gibt es Pluspunkte für den Organisten. Nicht zu viel Baß, nicht zu viel Obertöne, klar erkennbare rythmische Stimmführung, aber keinesfalls zu laut, bewegt auch einen Seniorengesang.

Auch heute ist das Orgelspiel im Gottesdienst, das ich z.Zt. in drei Konfessionen praktiziere, eine schöne Aufgabe, welche ich von mir aus gerne noch so lange ausübe, bis ich von Orgelbock falle.

Michael




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Uwe Madsak
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« Antworten #16 am: 19. Juli 2018, 15:01:21 »

Jetzt gebe ich auch auch mal meinen Beitrag ab:
Klavierunterricht beim katholischen Organisten für etwa ein halbes Jahr 1982
1983 nochmal so ein bisschen Kalvierunterricht

1982 Kindergottesdienst auf dem Harmonium bekleidet
Zuvor die Pfeifenorgel in der Urlaubsgemeinde nicht von unserem Hormonium unterscheiden können
1982 bis 1986 Kindergottesdienst und Religionsunterricht auf dem in der Gemeinde vorhandenen einmanualigen elektrischen Harmonium
1986 Umzug nach Wuppertal Barmen. Dort Orgelspieler von 1986 bis 2008 mit Pfeife: 13 Register
2008 nach Umzug kurz in Wuppertal-Langerfeld
Nach Trennung/Scheidung aushilfsweise Remscheid evangelische Adolf-Clarenbach Kirchengemeinde 2009/10
Seit 2010 apostolische Gemeinde Krefeld aushilfsweise Vertretungsdienste
so um 2012-2014 evangelische Kirchengemeinde Wuppertal Heckinghausen an einer elektronischen Allen
seit 2013 die evangelischen Gottesdienste im Wuppertaler Bethesda-Krankenhaus
seit Ostern 2018 vertretungsweise apostolische Gemeinde zu Düsseldorf

Wie mein Werdegang unschwer vermuten lässt, liegt mein Schwerpunkt auch eher auf Gemeindebegleitung.
Vielleicht ergibt sich ja auch mal was in der Pauluskirche  Zwinkern
Bis heute kein Orgelunterricht und dementsprechend auch kein Orgelschein
 
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Ich habe meine große Liebe gefunden:
Gloria Excellent 242 mit UHT Klaviaturen
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« Antworten #17 am: 19. Juli 2018, 19:21:58 »

Dann auch aus Holland mal eine kleine Nachricht.

Ich habe meinen ersten Tasten nur berührt, als ich 14 oder 15 war. Angeregt von Aufnahmen von Helmut Walcha und Marie Claire Alain nahm ich Orgelunterricht, die erste 2-3 Jahre beim falschen Lehrer (populäre Musik à la Carlo West – da lernte ich nicht was ich wollte), später bei gute Lehrern: ich spielte Bach, Norddeutscher Barock, Französischer Barock.

Das konnte ich ziemlich gut spielen, als ich nach ungefähr 20 Jahren anfing, im Gottesdienst zu spielen. Und dann stellte sich heraus, ich könnte nicht ein einziges Choralsatz richtig spielen. Ich hatte das niemals seriös versucht.

Fazit: können in Literaturspiel sagt nichts über die Fähigkeit ein Gottesdienste zu begleiten.

LG PM
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„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
Helmut29
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« Antworten #18 am: 21. Juli 2018, 13:12:04 »

Es hat ja derweil einige interessante Schilderungen zur Annäherung ans Orgelspielen gegeben, so dass ich meinen Weg zur Orgel gern anfügen möchte - wir sind ja schließlich in der "Plauderecke".
Ich hatte mit etwa 10 Jahren begonnen, Klavierunterricht zu nehmen, und mich nach mehreren Jahren bis zu den Beethoven-Sonaten hochgedient. Von einer "Orgel" hatte ich derzeit nur nebulöse Vorstellungen, denn in Hannovers Innenstadt gab es keine Orgeln. Die Kirchen waren alle zerbombt, und da war es erst einmal angezeigt, die Dächer einzudecken und neue Fenster einzusetzen. Glücklicherweise hatten wir in unserem Gymnasium einen sehr rührigen Musiklehrer, der durchsetzte, dass in der Aula eine Orgel eingebaut wurde  -  der erste Orgelneubau in Hannover nach dem Kriege, wenn ich mich recht entsinne. Und da war meine Begeisterung entfacht, und ich hatte ideale Übungsmöglichkeiten. So kam es, dass ich zum Abitur eine Reihe der großen Bachschen Präludien und Fugen prima spielen konnte, aber noch nie einen Gottesdienst begleitet hatte.
Erst 1952 wurde mit Orgelneubauten in den großen Kirchen begonnen, und unter der Obhut eines angesehenen A-Musikers legte ich dann die C-Prüfung ab und war damit für das gottesdienstliche Orgelspiel "zertifiziert".
Herzliche Grüße in die Runde
Helmut29

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Machthorn
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« Antworten #19 am: 22. Juli 2018, 12:10:15 »

Mein Weg an die Tasten war ähnlich wie bei vielen neuapostolischen Mitforisten. Begeistert hatte mich die Orgel schon als kleines Kind. In einer Nachbargemeinde stand eine für NAK-Verhältnisse sehr stattliche PO mit 27 Registern (Steirer-Stahl, 1969, ziemlich "bewegt"). Da unsere kleine Gemeinde zu Festgottesdiensten oft dorthin eingeladen war, konnt ich sie oft genug hören. Dieser Klang hat mich in den Bann gezogen und bis heute nicht mehr losgelassen. Das wollte ich auch machen: Orgel spielen!

Professionellen Unterreicht gab es damals in der NAK nicht, bei der "Konkurrenz" lernen war verpönt, Klavier interessierte mich nicht. Aber immerhin hatten wir eine (berüchtigte) Yamaha Electone zuhause und in der Nachbarschaft gab es eine Frau, die Orgel im Alleinunterhalterstil lehrte. Da bin ich mit neun Jahren angefangen und habe mit zehn beschlossen, dass mir das wenig bringt. Folglich bestellte meine Mutter, die selbst ein wenig Orgel spielen kann, die Deis'sche Orgelschule und wir fingen gemeinsam an, diese durchzuarbeiten. Irgendwann dann dazu das Melodienbuch und Choräle üben. Das man damit nicht schnell und effizient lernt, ist klar. Folglich saß ich mit einer Liste erübter Lieder bei der Hand erst mit vierzehn zum ersten mal in unserer kleinen Gemeinde an der analogen Orgel, eine Ahlborn Sonata. Den Einstieg ins Pedalspiel zeigte mir dann ein nur zwei Jahre älterer Mitorganist aus der Gemeinde.

Seit dem habe ich mich stetig aber stets zu langsam weiterentwickelt, weil es immer mühselig ist, sich Zeit zum Üben in der Kirche zu organisieren, vielleicht bin dazu auch etwas zu faul. Zügig vorwärts geht es erst, seit ich zuhause ein Instrument stehen habe. Folglich kann ich jedem Anfänger nur empfehlen, wenn es Platz und Budget irgendwie hergeben, sich ein adäquates Instrument ins Heim zu stellen. Muss ja nicht gleich neu und dreimanualig sein...
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Gloria Klassik 226 Trend
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