Seiten: [1]   Nach unten
Drucken
Autor Thema: Orgeln in Frankreich  (Gelesen 562 mal)
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3733


« am: 06. Juli 2018, 16:14:19 »

Hallo liebe Leute,

wir waren ja ein paar Tage in Frankreich unterwegs - überwiegend entlang der Loire. Und da steht nicht nur in jeder Ecke ein Schloss, sondern auch eine gotische Kathedrale.
Während es mit Orgeln auf dem flachen Lande ja eher bescheiden aussieht, haben die Kathedralen (meistens zwei) Instrumente, deren künstlerischer Rang dem der Bauwerke entspricht. Hier mal ein paar Bilder, die technischen Daten liefere ich nach, wenn wir wieder daheim sind.

Die Kathedrale von Orléans ist ein Juwel der Hochgotik. Die Hauptorgel auf der Westempore:
https://www.dropbox.com/s/808c761cz61i0r0/Orleans%20Hauptorgel.jpg?dl=0

Die Chororgel vorne links über dem Chorgestühl - der Standardplatz, wie mir aufgefallen ist.
https://www.dropbox.com/s/8wfwm8ixsxukw0p/Orleans%20Chororgel.jpg?dl=0

In der Nähe von Orléans liegt die Benediktinerabtei St. Benoit sur Loire. Späte Romanik vom Allerfeinsten, durch die Verwendung hellen Sandsteins trotz kleiner Fenster auch innen sehr hell und freundlich. Die Orgel ist eine altfranzösische Stilkopie mit spanischen Zungen - Becher in Weißblech, was einen sehr aggresiven, raumbeherrschenden Ton ergibt.
https://www.dropbox.com/s/n6ug4zkzbpfqcm2/St%20Benoit%20sur%20Loire.jpg?dl=0

In Blois ist wieder Gotik zu sehen, auf der Westempore ein ausladendes Barockgehäuse mit mehrfach verändertem Innenleben:
https://www.dropbox.com/s/1np87c7pclquys7/Blois%20Hauptorgel.jpg?dl=0
Die Chororgel aus dem 19. Jh. ein recht eigentümlich proportionierter "Schrank".
https://www.dropbox.com/s/0r8c6aobd40ykkf/Blois%20Chororgel.jpg?dl=0

Ein Juwel der Hochgotik ist die Kathedrale von Tours. Sie bietet in ihren großflächigen Fenstern Glaskunst vom 14. Jh. bis zur Moderne.
Die Hauptorgel steht an der Stirnwand des rechten Seitenschiffes - auch sie mit der klassischen Gliederung in Türme und Felder des frz. Barock.
https://www.dropbox.com/s/3d5gskutye5g8tc/Tours%20Hauptorgel.jpg?dl=0
Die Chororgel hat die typische Prospektform der "Zweitgotik", mit Bögen, Fialen und Kreuzblumen. Eine schöne Schreinerarbeit. Klanglich steht sie zwangsläufig im Schatten der "großen Schwester", die - wie häufiger in Frankreich - im Laufe ihres Lebens mehrfach auf "gewachsenen Bestand" restauriert, überarbeitet und erweitert wurde.
https://www.dropbox.com/s/neoz8i2f83zp6wc/Tours%20Chororgel.jpg?dl=0

Soweit mal für's erste - wir haben uns spontan zu einem Abstecher in die Schweiz entschlossen und sind auf einem Campingplatz am Thuner See gelandet.
Wissende wissen, wer von unseren Forianern dort lebt. Und wir ziehen morgen natürlich auf eine kleine Orgeltour ...

LG
Michael


Gespeichert
Gemshorn
Administrator
*****
Beiträge: 6665



WWW
« Antworten #1 am: 06. Juli 2018, 16:19:49 »

Die Rosette in der Tourer Kathedrale ist ja der Hammer... Schock
Gespeichert

Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3733


« Antworten #2 am: 06. Juli 2018, 17:15:10 »

Alle Fenster in diesem Raum sind genial. Wir waren dort wie immer im ersten Büchsenlicht. Die Sonne leuchtete von Südosten in die Fenster des Hauptschiffes und des rechten Querhauses. In jedem Joch des Hauptschiffes gab es eine neue Lichtstimmung, die sich dazu noch im Fünfminutentakt änderte. Ich hätte den ganzen Vormittag in diesem Raum herumgehen können, um die verschiedenen Bilder einzufangen. Ich habe eine ganze Serie von Fotos allein von den Fenstern gemacht. Wenn man auf dem Platz vor der Kathedrale steht und die beiden Eingangsportale offen stehen, blickt man bis zu den Chorfenstern durch eine sonnenbeschienene Allee auf Pfeilern in unterschiedlichen Farbtönungen. Der neutrale hellgraue Sandstein reflektiert jede Lichtfarbe der Fenster.
Schon lange hat mich kein Kirchenraum mehr so beeindruckt.
Auch von der Musik wird man nicht gleich am Portal "erschlagen". Da beide Orgeln vorn stehen, wird man auch klanglich in den Raum "hineingezogen", wenn der Organist präludiert.

LG
Michael
Gespeichert
Aeoline
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1559



« Antworten #3 am: 06. Juli 2018, 17:50:08 »

Wie wär's mit einer Orgelreise nach Frankreich?

Sozusagen: Unsere Tour nach Tours...

 Dafür

VG
Aeoline
Gespeichert

Viscount Unico 400 DE V1.13.1 (56/III/P) (seit 11.2012)
Johannus Opus 520 (45/II/P) (10.1987 bis 11.2012)
Siel HB 700 (9/II/P) (1977 bis 09.1987)

Viele Organisten leiden an einer schlimmen Krankheit:
Augentinnitus - Man(n) sieht nur noch Pfeifen
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3733


« Antworten #4 am: 06. Juli 2018, 17:55:05 »

Ich wäre sofort dabei. Die Touraine (die Gegend rund um Tours) hat alles, was man so braucht: Erlesene Tröpfchen von der Frucht des Weinstockes, in jedem Nest einen eigenen, charakteristischen Käse, Kunst in jeder Form (auch Lebenskunst) und nicht zu vergessen: Obelix hat nicht weit entfernt seine Wildschweine gejagt.  Lachen

LG
Michael
Gespeichert
PM
Gelehrter
***
Beiträge: 183



« Antworten #5 am: 06. Juli 2018, 19:47:27 »

Danke für das Bericht. Du gebt auch Klankeindrücke, haben sie die Orgel gespielt oder gehört?

LG PM
Gespeichert

„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
clemens-cgn
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1571


« Antworten #6 am: 06. Juli 2018, 19:58:05 »

...Wissende wissen, wer von unseren Forianern dort lebt. Und wir ziehen morgen natürlich auf eine kleine Orgeltour ...
Vielen Dank für den Reisebericht.
Nimm ganz liebe Grüße an die schweitzer "Exilanten" mit und habt viel Freude.
Gespeichert
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3733


« Antworten #7 am: 07. Juli 2018, 07:58:20 »

Du gebt auch Klankeindrücke, haben sie die Orgel gespielt oder gehört?

LG PM

Saint Benoit und Blois Hautptorgel gespielt, die anderen gehört, aber keine Aufzeichnungen gemacht.

LG
Michael
Gespeichert
matjoe1
Erleuchteter
****
Beiträge: 410


« Antworten #8 am: 09. Juli 2018, 16:19:38 »

Auch von mir ein Dankeschön für Deine Eindrücke und die Bilder.
Viel Spaß noch.

LG
Matthias
Gespeichert
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3733


« Antworten #9 am: 12. Juli 2018, 10:53:00 »

Am vorletzen Tag unseres Urlaubs haben wir uns u.a. in Colmar umgesehen. Natürlich ist der Isenheimer Altar die touristische Attraktion. Aber in seinem Schatten geht sehr gern unter, dass auch das Martinsmünster eine Gipfelleistung der Spätgotik des süddeutsch-allemannischen Kulturkreises darstellt. Die Colmarer waren Pragmatiker: Als das Geld ausging, gaben sie dem Turm einen Helm-Abschluss - anstelle der in der Nachbarschaft (Freiburg, Thann, Sélestat) üblichen hoch aufragenden steinernen Spitze. Trotz seiner gedrungenen Form wirkt der Baukörper sehr harmonisch und proportioniert. Und diese Harmonie wird übertroffen von den feinen Ziselierungen und Steinmetzarbeiten des Innern.

https://www.dropbox.com/s/a2uf8ci8o85ij7e/Colmar%20St.%20Martin%20Chor%20au%C3%9Fen.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/lb6dsjy86qsdz7d/Colmar%20St%20Martin%20Chor%20innen.jpg?dl=0

Der Straßburger Andreas Silbermann baute im frühen 18. Jh, eine angemessene Orgel, von der nur das Gehäuse überlebt hat. Pfeifenwerk und Windlande fielen einer "Modernisierung um die Jahrhundertwende zum Opfer.
1979 geschah Unerhörtes, das ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald der Fachpublikationen auslöste: Die Kirchengemeinde bestellte beim Schweizer Orgelbau Felsberg eine neue Orgel (im alten Gehäuse), die eine Stilkopie des Norddeutschen Barock werden sollte. Ein gewaltiger Eklat in einer Region, in der Leute wie Schweitzer und Rupp zu Beginn des 20 Jh. die sog. "elsässische Reform" angestoßen hatten. Sie kanonisierten die Orgeln eines Andreas Silbermann und seiner Söhne mit ihrer Symbiose des altfranzösischen und des süddeutschen Klangideals zum Archetypus der "Bachorgel". Die Welt der tatsächlichen und selbsternannten Experten stand Kopf. Als Jungstudent verfolgte ich mit Befremden den Krieg, der um diese Orgel entbrannte und vielleicht vergleichbar ist mit dem Streit, der um die neue Orgel für die Dresdener Frauenkirche geführt wurde (die ja von einer elsässischen Firma - Kern - ausgeführt wurde).
Die Colmarer entschieden sich bewußt für eine Ästhetik, die norddeutsche Barockmusik in den Vordergrund rückte. Das Experiment gelang so gut, dass Wolfgang Rübsam an dieser Orgel in den 80er Jahren eine überzeugende Buxtehude-Gesamteinspielung realisierte.

https://www.dropbox.com/s/1jh90tbykhdwr6w/Colmar%20St.%20Martin%20Hauptorgel.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/jlf62wudjqzampo/Colmar%20St.Martin%20Dispo%20Hauptorgel.jpg?dl=0

Schon 1976 hatte die Straßburger Firma Schwenkedel bereits eine Chororgel erstellt, die deutlich allemannisch-silbermännisch spricht. Sie weist zwei Besonderheiten auf:
1. Das Regal des Brustwerkes (einzige Manualzunge!) ist horizontal angeordet und entsprechend kräftig ausgelegt.
2. Das Gehäuse besteht aus Teilen eines Beichtstuhles und Altares, die ein Kunstschreiner anno 1910 in hochgotischer Manier und mit ausgeprägtem Stilempfinden für das Martinsmünster gefertigt hatte.

https://www.dropbox.com/s/ryfoirlfcocvgta/Colmar%20St.%20Martin%20Chororgel.jpg?dl=0
https://www.dropbox.com/s/hp08139z5ukfa4q/Colmar%20St.%20Martin%20Dispo%20Chororgel.jpg?dl=0

Zwei äußerst bemerkenswerte Instrumente in einem singulären Raum.

LG
Michael

Gespeichert
Seiten: [1]   Nach oben
Drucken
 
Gehe zu: