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Autor Thema: Orgeltag Kassel im Herbst 2018  (Gelesen 5422 mal)
Wichernkantor
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« Antworten #90 am: 29. Oktober 2018, 08:46:47 »

Eigentlich war es ja nur als „kleines“ Treffen gedacht – sowohl vom Umfang des Programms als auch vom erwarteten Zulauf der Forianer.
Und schließlich haben wir das Dutzend doch nur haarscharf verfehlt, das sich am Samstag früh im Hause Kisselbach einfand. Schön, dass Ihr alle da wart – die inzwischen übliche und immer passende Mischung aus Altforianern (den Typen, die Harald gern als die „üblichen Freibiergesichter“ apostrophiert) und „Ersttätern“.
Was wir da so alles gesehen, gehört und geredet haben, vielleicht später.

Mich jedenfalls drängt es, zunächst von dem zu schreiben, was mich emotional so gepackt hat, wie schon lange kein musikalisches Erlebnis: die Besichtigung der neuen Orgel in der Kasseler Martinskirche.
Vorab ein riesiges Dankeschön an den künstlerischen Hausherrn, KMD Eckhard Manz. Wie er uns sein neues Instrument nahebrachte, war in jeder Hinsicht beeindruckend – auch und vor allem ob des Herzblutes, dass er in den Werdegang dieser Orgel investiert hat. Einer Orgel, deren Genese ja noch nicht zu Ende ist, wie wir erfuhren.

Man könnte es in einem Satz sagen: Die Orgel der Kasseler Martinskirche ist einzigartig. Und das im realen Wortsinn. Sie ist die Einzige ihrer Art.

Trotz aller Innovationen, die das Erzeugen bis dahin unerhörter Klänge ermöglichen, hat sie Wurzeln und Traditionslinien.
So ist das technische Konzept absolut „retro“: mechanische Schleiflade und ebensolche Registertraktur. Beides jedoch auf die Spitze des Machbaren getrieben. Die fünf Teilwerke stehen nebeneinander auf einer Ebene in einem Gehäuse, das die gesamte Breite der Empore (und damit des Kirchenraumes) einnimmt. Das komplette „Erdgeschoß“ des Instrumentes wird benötigt, um die aufwändige und peinlich exakt gearbeitete Traktur mit Abstraktur und mehrfacher Wellatur pro Trakturbahn aufzunehmen. Losgelöst von der mechanischen Funktionalität bietet dieser Teil der Orgel ein Bild vollendeter Ästhetik, ist allein von der Optik her ein Kunstwerk für sich.
Auch die Kompensationsbälge für die Teilwerke befinden sich im Untergehäuse. Sie spielen im Konzept des Instrumentes eine wichtige Rolle, bieten sie doch die Möglichkeit, den Winddruck in feinsten Abstufungen zu modifizieren.
Der Streupfeifenprospekt, hinter dem die Werke aufgestellt sind, ist nicht neu. Walter Supper, der ja von Hause aus Architekt war, hat solche Aufstellungen bereits in den 50er Jahren propagiert, fand jedoch wenig Resonanz bei Musikern und Designern. (Falls mal jemand nach München kommt: In der Innenstadt steht die – moderne – Abteikirche St. Bonifaz der Benediktiner. Dort hat der Elsässer Mühleisen in den 70er Jahren einen solchen Prospekt nach Suppers Entwurf gebaut.)
Der breite Prospekt steht in spannungsvollem Kontrast zum Raum. An der linken Seitenwand der Kirche erhebt sich ein monumentales Epitaph für die kurhessischen Landgrafen aus der Renaissance. Und der Raum, nach dem Krieg wieder aufgebaut, wird von einem stilisierten Netzgewölbe abgeschlossen, dessen Rippen durch eine durchgehend weiße Bemalung kaschiert werden, während im Chor noch das Originalgewölbe farblich im Steinton abgesetzt ist.
Die gesamte Möblierung dieser Kirche suggeriert, dass sie kein Museum sein will, sondern ein Nutzraum. Und zum Nutzungskonzept gehört die Orgel – auch optisch. Ihre – bei aller Vielgliedrigkeit – schlichte Prospektgestaltung bringt Ruhe in den Emporenbereich. Wiewohl der „Gehäusefries“ aus (künstlichem) Rosshaar eine markante Horizontale über die Rückwand zieht.
Eine Intention der Designer war es, die Orgel als lebendigen „Organismus“ darzustellen. Sie atmet. Das wird visualisiert durch die Ventilatoren, die den Schweif des Prospektes zum Wehen bringen. Jede klangliche Veränderung am Instrument erzeugt eine Veränderung an der Intensität und Dauer der Luftströme, die das Haar bewegen. Die Algorithmen, nach denen sich der Windstrom ändert, sind nicht nachvollziehbar. Sie sollen nach dem Willen der Gestalter und Designer geheim bleiben.

Eine so flexibel wie möglich verwendbare Windversorgung ist der Kern dieses Orgelkonzeptes. Flexibler Wind ist ja ebenfalls nicht neu: Im Harmoniumbau gibt es das seit mehr als 150 Jahren. Und auch in experimentellen Orgeln der Nachkriegszeit gehörte die – meistens über einen Zug regulierbare – Winddrossel zu den gern verwendeten Spielhilfen. In Kassel hat man solche Konzepte auf die Spitze getrieben. In zwei Teilwerken der Orgel lassen sich die Winddrücke über Schwelltritte von null bis zur Grenze des Überblasens modifizieren. Das physikalische Prinzip ist simpel, die technische Umsetzung komplex. Auf die Oberplatten der Kompensationsbälge wirken einarmige Hebel. Auf diesen Hebelarmen liegen Bleigewichte, die auf Schlitten motorisch bewegt werden können. So ist der Druck auf jeden Kompensationsbalg stufenlos regulierbar.
In der Praxis heißt das: Eingeschaltete Register lassen sich vom leisen Röcheln bis zum Flattern und Knattern der Pfeifen modifizieren. Wie uns der Hausherr demonstrierte, sind mit dieser Technik vor allem in tief liegenden Clustern Klangereignisse möglich, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen. Und das in Dynamik und Intensität  stufenlos regelbar.
Matthias hat seine Eindrücke als „Walgesänge“ beschrieben. Das trifft es genau. Ich war fasziniert, wie diese Schallereignisse den Raum durchfluten, ihn dicht füllen und im Nichts versinken können. Dieses Instrument ermöglicht es einem sensiblen Spieler (der die Möglichkeiten nutzen kann,) die gesamte Palette akustischer Ausdrucksmöglichkeiten zu entfalten und aus diesen Farben unerschöpfliche Klangbilder zu generieren. Der Hausherr erzählte uns, dass er solche Farbkompositionen unter Fürbittgebete im Gottesdienst lege. Genau das würde ich gern mal live erleben.

Nicht zuletzt hat diese Orgel eine „regelgerechte“ Disposition. (Auf einem Stuhl in Spielschranknähe lag der Bach-Band mit den Triosonaten – und er hatte deutliche Gebrauchsspuren ...  Lachen) Sie steht zwischen den Stilen (und man sitzt mir ihr als Interpret zwischen den Stühlen ...  Lachen) und verfügt in Pedal, Hw und Sw über zerlegte Septimenkornette auf 32’, 16’ und 8’-Basis. Die Aliquoten sind auf völlige Verschmelzung und feine Lasierung intoniert. Ich bin ja ein Tiefaliquoten-Fan, seit ich die Orgeln von Gerhard Schmid kenne. Die Intonation dieser Aliquoten ist deutlich von Schmids Aliquotenbehandlung inspiriert. Damit ist die Klangfarbensynthese im solistischen und akkordischen Spiel eine zentrale Option. Und auch das ist ja nicht neu, nur wieder konsequent weitergedacht.

Auch Steinmeyers und Walckers Physharmonica feiert in dieser Orgel fröhliche Urständ’.
Und zwar in 32’-. 16’- und 8’Lage. Eine 32’-Harmoniumzunge im Manual – das kann man nicht beschreiben. Man muss es gehört haben.

Und wer glaubt, eine Viertelton-Klaviatur (technisch gelöst mit Subsemitonien, die schon Schnitger gebaut hat – als wieder nix neues unter der Sonne) sei nur für Avantgarde einsetzbar, wurde durch eine Improvisation des Kollegen Manz von diesem Irrglauben geheilt. Denn ich könnte mir in gottesdienstlichem Kontext solche Klänge durchaus als Meditation oder Abendmahlsmusik vorstellen.
Denn in solcher Musik – oder vielleicht besser – in solchen Klangereignissen manifestiert sich für mich die Kirchenmusik der Moderne. Nicht in synkopiert gehopsten E-Dur-Kadenzen zu Trommelgeklopfe und Klampfengezupfe.

Alles, was ich hier geschrieben habe, sind Bruchstücke. Sie geben nicht annähernd wieder, was ich in den anderthalb Stunden dieser Orgelführung wahrgenommen und empfunden habe.

Ich habe dieses Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ungemein bereichernd erlebt. So paradox es klingen mag: In der Martinskirche hat die Avantgarde Tradition. Denn auch das Vorgänger-Instrument aus den 60ern sprengte ja auf seine Art Konventionen in Orgelklang und Orgelspiel.
Wer es selber erleben will: einfach hinfahren. Eckhard Manz ist ein sehr freundlicher, kollegialer Zeitgenosse, dessen künstlerisches Wollen und Schaffen an den Möglichkeiten dieser Orgel reifen. „Die Orgel gehört ja nicht mir, sondern den Menschen“, sagte er uns. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Und sie ist noch nicht fertig. Es wird zwei sogenannte "Module" geben, die frei im Raum platzierbar sind. Und in der dritten Entwicklungsstufe soll die Orgel "nach draußen" gehen. An der Außenwand der Kirche wird dann ein in die Moderne transponiertes "Hornwerk" aus hängenden Holzpfeifen in einem schützenden, unten offenen Glaskasten stehen. So jedenfalls sieht es auf den Planstudien aus. Ob es dann so kommt oder anders - das bleibt offen.

Ob man an dieser Orgel Widor, Buxtehude, Vierne oder Bach „authentisch“ spielen kann – diese Frage tauchte nicht auf. Sie stellt sich nicht. Jedenfalls nicht für mich.

LG
Michael
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« Antworten #91 am: 29. Oktober 2018, 14:17:07 »

Ich kann dem bereits geschriebenen nichts hinzufügen. Es war wie immer schön, im Hause Kisselbach zu Gast zu sein und die gewohnte Vielzahl an Instrumenten erleben zu dürfen. Auch von mir ein herzliches Dankeschön an das Ehepaar Kisselbach, für die herzliche Aufnahme und die vielen Gespräche. Die Besichtigung der neuen Orgel in der Martinskirche war auch für mich sehr beeindruckend. Bei mir entstand jedoch der Wunsch, nicht nur die moderne, künstlerische Seite  der Orgel kennen zu lernen, sondern auch den Alltagsbetrieb mitzuerleben. Ich fand in Metallgedackt und SaintSernin zwei ebenfalls Interessierte, die mit mir am Sonntag den Gottesdienst besuchten. Und wir wurden nicht enttäuscht. Die Orgel kann auch Gottesdienst (warum auch nicht). Für mich war es ein sehr schöner Abschluss dieses Treffens.
@ Gemshorn: Der Aufwand für die Reservierung waren ein paar Telefonate und Emails. Die Hauptarbeit hatte Aeoline beim letzten Treffen in Baunatal, der dieses Hotel mit dieser ausgezeichneten Küche, aufgetan hat. Ich hoffe, dass er beim nächsten Treffen wieder dabei sein kann.

LG
Matthias
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Wichernkantor
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« Antworten #92 am: 29. Oktober 2018, 15:04:38 »

Die Besichtigung der neuen Orgel in der Martinskirche war auch für mich sehr beeindruckend. Bei mir entstand jedoch der Wunsch, nicht nur die moderne, künstlerische Seite  der Orgel kennen zu lernen, sondern auch den Alltagsbetrieb mitzuerleben. Ich fand in Metallgedackt und SaintSernin zwei ebenfalls Interessierte, die mit mir am Sonntag den Gottesdienst besuchten. Und wir wurden nicht enttäuscht. Die Orgel kann auch Gottesdienst (warum auch nicht).
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Matthias

Erzählt doch mal! *Neugiermodus ein*

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Michael
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« Antworten #93 am: 29. Oktober 2018, 16:23:09 »

Leider werde ich Deine Neugier nicht befriedigen können, da ich nicht annähernd von einem Instrument so gut berichten kann wie Du. Aber ich versuche es. Zuerst sei erwähnt, dass die Eintausend möglichen Plätze nur zu 5% besetzt waren. Ein Trend, der sich leider in vielen Kirchen wiederfindet. Beim Eintreten in die Kirche wanderte mein Blick als erstes auf die Empore, wo diese sehr gelungene Orgelinstallation zu sehen war. Wer nicht zu sehen war, war KMD Eckhard Manz. Er hatte frei oder war von der Orgelvorstellung am Vortag noch völlig erschöpft  Zwinkern. Den Gottesdienst selbst fand ich sehr ansprechend. Dieser hatte auf mich einen katholischen Eindruck gemacht, den ich aber sehr gut fand. Leider fängt in meiner Schilderung jetzt der Teil an, bei dem ich deutliche Schwächen offenbaren muss  Hilfe. Den Klang der Orgel zu beschreiben, fällt mir schwer, aber das Vorspiel, ich glaube es war von J.S. Bach  Kopfkratzen wirkte auf mich trotz reicher Registrierung nicht zu laut sondern sehr warm und auf den Raum gut abgestimmt. Vielleicht können Metallgedackt und SaintSernin ihre Eindrücke noch besser beschreiben, damit Du, lieber Michael schreiben kannst "Neugiermodus aus"  Zwinkern. Es war, wie ich schon schrieb, ein sehr schöner Abschluss dieses Treffens.

LG
Matthias
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Wichernkantor
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« Antworten #94 am: 29. Oktober 2018, 16:42:53 »

Es war, wie ich schon schrieb, ein sehr schöner Abschluss dieses Treffens.
LG
Matthias

Das denk' ich mir. Hätte ich nicht selber vortanzen müssen, wäre ich dabei gewesen.

LG
Michael
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« Antworten #95 am: 29. Oktober 2018, 18:59:09 »

Danke alle für deine lebhaften Beschreibungen. Es ist, als wäre ich dort gewesen. Danke
LG PM
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„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
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« Antworten #96 am: 29. Oktober 2018, 20:18:25 »

Hallo an Alle,

Erst einmal  ein großes Dankeschön an unsere Gastgeber Orgelhaus Kisselbach und KMD Eckhard Manz. Das Treffen war diesmal etwas kürzer, dafür aber sehr intensiv was die erlebten Eindrücke angeht. Man merkt es auch an den detailierten Berichten von Machthorn und Wichernkantor, so das ich nicht mehr viel schreiben muß Zwinkern. Da ich Sonntags keine Verpflichtungen hatte konnte ich am Gottesdienst teilnehmen und mir das Instrument im "Normalgebrauch" anhören. Zum Anfang gab es Bach (welches Stück weis ich leider nicht) mit einem schönen runden Plenum und dann im Gottesdienst EG 155, 78, 590, 412? Einziger Farbtupfer war bei einem Lied eine der beiden Trompeten8` im Hauptwerk die wunderbar weich geklungen hat. Nachher  kam ich mit Metallgedackt überein, das man auch im Gottesdienst etwas von dem Möglichkeiten des Instrumentes hörbar machen sollte (natürlich nicht so intensiv wie bei unserer Vorführung). Ich habe die Improvisationen von KMD Mantz mitgeschnitten und werde sie im Mitgliederbereich zugänglich machen. Mal schauen wie sie auf Euch wirken, aber die Beschreibung Walgesänge von Strahlrohrflöte trifft´s recht genau.

LG
Frank
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