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Autor Thema: "Französische Punktierung" versus Notentreue  (Gelesen 366 mal)
Romanus
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« am: 18. April 2018, 20:46:28 »

Wenn man sich die Interpretationen von Marc-Antoine Charpentier´s bekanntestem Stück, dem Prelude aus seinem Te Deum anhört, zeichnen sich 2 "Lager" ab:

Die einen spielen die 1/8-Noten so, wie sie in den Noten stehen, eben als solche:
https://www.youtube.com/watch?v=iwU37osOkQA

Andere spielen die jeweils erste Achtel punktiert und die 2. als 1/16-Note:
https://www.youtube.com/watch?v=16JXmZ0QHMc

Natürlich habe ich mir auch die Original-Noten heruntergeladen und festgestellt, dass der Komponist ganz normale 1/8 geschrieben hat.  Lupe
Das erinnert mich an eine Szene aus der Bach-Filmbiographie (1984) mit Ulrich Thein in der Titelrolle, in welcher ein Orchester eine französische Ouverture mit punktierten Noten spielt, um dem Franzosen und "Bach-Herausforderer" Louis Marchand eine Ehre zu erweisen und letzterer dies mit den Worten beanstandet: "Wenn der Komponist hier punktierte Noten gewünscht hätte, dann hätte er sie auch so geschrieben."
Ich kann mich dem nur anschließen und empfinde es als Unsitte, dass teilweise sogar Händel´s Marsch aus dem "Occasional Oratorio" mit punktierten 1/8-Noten gespielt wird, die der Komponist nicht als solche geschrieben hat.  Traurig

Wenn man "französische Punktierung" googlet, ist lediglich von Überpunktierung der punktiert notierten Noten die Rede, nicht aber von punktierter Interpretation "normaler" 1/8-Noten.
Gibt es irgendeinen, mir nicht bekannten Grund, 1/8-Noten in barocken Märschen entgegen der Notation punktiert zu spielen ?  Kopfkratzen
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Die einzig wahre Königin ist die Pfeifenorgel.
Etwas gleichwertiges muss erst erfunden werden !
Larigot
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« Antworten #1 am: 18. April 2018, 20:59:59 »

Was du beschreibst, ist mir als Notes inégales geläufig. Ist wohl auch nicht nur bei Märschen, Ouvertüren usw. machbar, meine Klavierlehrerin hat den Begriff damals bei der 2-stimmigen f-moll-Invention eingeführt. Aber was historische oder pseudohistorische Aufführungspraxis angeht, lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, da gibt es bessere Experten....  duck und weg

LG
Larigot
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« Antworten #2 am: 18. April 2018, 21:00:29 »

Lieber Romanus,

du wirst unter Inegalität bei französischer Musik sicher was finden. Achteln spielt man quasi triolisch  - nicht scharf punktiert - oder hin und wieder auch lombardisch, also die 1. kürzer als die 2.
Da gibts sicher geschmackliche Unterschiede, was man wo wie macht, aber in der Literatur auch eindeutige Hinweise darauf, dass man das so macht. Auch darauf, welche 1/8 oder 1/16 das betrifft...

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Martin78
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« Antworten #3 am: 18. April 2018, 21:04:14 »

Ja, beim Laukvik lässt sich einiges über den „State of the Art“ der Historischen Aufführungspraxis finden, eine wirklich gute Veröffentlichung.
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Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
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« Antworten #4 am: 19. April 2018, 10:04:53 »

Am ergiebigsten sind da die Vorworte, die die französischen Barockmeister gemeinhin ihren "Livres d'Orgue" voranstellen. Oft sind sie auch mit Ornamentierungstabellen versehen. Auf jeden Fall verstehen sie sich i.d.R. nicht als Handbücher der musikalischen Dogmatik, sondern als Anregungen zum kreativen Umgang mit Instrument und Musik.
Oft wird an den "bon gout", den guten Geschmack des Spielers appelliert, der ja als solcher bildungs- und entwicklungsfähig ist.
Kleines Beispiel: In meinen Lehrjahren spielte man bei uns in Deutschland Couperins "Offertoire sur les gands jeux" im ersten Teil mit streng metrischen Achteln. Das machten auch bekannte Interpreten so, z.T. auf damaligen Referenzeinspielungen. Mir selber hat man es so als "korrekt" beigebracht. Als ich zum ersten Mal jemanden hörte, der das Stück mit "notes inégales" spielte, dachte ich spontan: Der spielt falsch! Aber schon beim zweiten Hinhören kam mir der Gedanke: Der spielt schön!
"Bon gout" schlägt Dogma. Wobei mir der ketzerische Gedanke kommt, dass heute die "Inégalité" fast schon wieder Dogma ist. Ähnlich wie das Gedöns, das manche "Orgelpäpste" seit Jahren um "historische" Finger- und Fußsätze machen.

LG
Michael
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« Antworten #5 am: 19. April 2018, 22:30:37 »

Selbstverständlich ist von keiner Dogmatik die Rede, aber sehr wohl von neuen Kenntnissen, die eben hin und wieder entdeckt werden. Inegales Spiel eignet sich ja auch nicht für alle Achteln. Es macht ja einfach Spaß, ein flexibles Spiel zu forcieren. Es swingt einfach! Das ist gar kein Begriff des frühen Zeitalters, aber gibt wohl ein Gefühl des Jetzt wieder. So macht alte Musik einfach Sinn und Spaß!
Klar, dass durchaus auch viele andere Spielweisen nicht in den Noten zu finden sind. Da denk ich an Vorwörter von Frescobaldi, die die Ausführung erklären oder an den Stylus phantasticus, dessen Regeln und Vorstellungen auch nicht in den Noten zu finden sind, aber manches in erhaltenen Quellen in etwa erklärt wird. Beim Ausprobieren wird erst klar, wie toll diese Musik auch noch heute auf uns wirkt und wie leer der Ausdruck ist, wenn ich mich im Gegenzug metronomisch am Notentext festklammere.
Der Geschmack ist in jedem Fall wichtig und vor allem die Freude am Gestalten und Spannendmachen von Musik.
Ist das nicht toll, dass wir so viele Werkzeuge zur Hand haben, um Musik emotional zu erleben?

LG
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MagisterPerotin
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« Antworten #6 am: 19. April 2018, 22:44:47 »

Das ist natürlich ein großes Thema. Ich würde allerdings sagen, dass ein Verzicht auf die Inegalität sicherlich an der Idee der Musik vorbeigeht. Die alten Franzosen waren ja auch durchaus der Meinung, dass nur sie selbst ihre Musik richtig wiedergeben können, weil alle Nichtfranzosen mit der Inegalität nicht ausreichend vertraut sind. Es mag natürlich dogmatisch erscheinen, aber wenn man sich die französische Barockmusik ansieht, so ist diese ja auch selbst recht dogmatisch. Der vielzitierte "gute Geschmack" ist natürlich ein dehnbarer Begriff, aber grundsätzlich ist die Inegalität aus meiner Sicht eigentlich immer anzuwenden, wenn die Melodik sich vornehmlich schrittweise bewegt, oder nicht bedeutende andere Gründe daegegen sprechen. In welchem Maße ist natürlich verhandelbar.

Zu diesem Thema lohnt sich neben Laukvik auch Hermann J. Busch "Zur Interpretation der französischen Orgelmusik".

Grenzwertig finde ich natürlich Musik im französischen Stil von nichtfranzösischen Komponisten. Da bleibt die Frage, wie sehr diese mit der damaligen frz. Aufführungspraxis vertraut waren.

Die ganze Inegalität ist solch ein spannendes Thema. Man kann Seiten zu schreiben und würde doch keine endgültige Lösung erhalten.
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Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle. - Mauricio Kagel
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