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Autor Thema: Noten als (Einzel-)Download - Geschäftsidee oder Sargnagel für die Verlage?  (Gelesen 1752 mal)
Larigot
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« am: 18. April 2018, 20:19:55 »

Ich nutze den Fred zum Ökumenischen Orgelbuch direkt mal, um ein anderes Thema anzureißen, über das ich mir schon seit langem Gedanken mache.

Choralvorspiele und Begleitsätze werden ja von allen Verlagen als mehr oder weniger umfangreiche Sammelbände angeboten. Bei den Standardwerken, die an jede Orgel gehören, macht das ja auch durchaus Sinn.

Aber wenn ich mir jetzt dieses neue Werk (stellvertretend für unzählige andere) anschaue: 540 Seiten zum stolzen Preis von erst 148, dann 178 Euronen... In der Praxis werden bei uns vielleicht 25 der enthaltenen Melodien regelmäßig gesungen, weitere 25 gelegentlich. Zu den bei uns häufig gesungenen Melodien habe ich in der Regel eigene Begleitsätze.
In Sammlungen von Choralvorspiele gucke ich sehr gerne hinein, aber ich habe bis jetzt in wohl keinem Band mehr als 3-4 gefunden, die ich sie entweder spiele oder für mich abwandele.
Abgesehen davon finde ich das Hantieren mit Orgelbüchern an der Orgelbank sowieso lästig und bin schon vor Jahren auf einen "Zettelkasten" mit selbst abgeschriebenen Sätzen umgestiegen.
Mit anderen Worten: Weder ich noch meine Kirchengemeinde brauchen einen derartig teuren Staubfänger, der nur alle Jubeljahre genutzt wird. Trotzdem bin ich sicher, dass ich einzelne Sätze oder Vorspiele gern nutzen würde. Wenn es diese auch als Einzeldownload gäbe, wäre ich sofort dabei und auch gerne bereit, dafür einen Betrag von mehreren Euro zu zahlen. Das wäre ein faires Geschäft für mich und für den Verlag. Der Verlag würde sogar noch ein zusätzliches Geschäft mit Kollegen machen, die erst am Samstag Mittag die Lieder bekommen und auf die Schnelle ein Vorspiel suchen... Und diejenigen technikaffinen Kollegen, die schon jetzt ein Tablet o.ä. am Spieltisch nutzen, könnten sich die Mühe der Digitalisierung sparen (Im Moment sicher eine Minderheit, aber ich denke, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird).
So bleibt mir als legale Option nur, aus einer geliehenen Ausgabe (Stadtbibliothek...) die Noten von Hand im Notenschreibprogramm abzutippen - lästig für mich, kein Geld für den Verlag. Von den illegalen Möglichkeiten will ich erst gar nicht anfangen...

Ich frage mich, ob ich der einzige bin, der das so sieht? Würdet ihr einen Einzeldownload nutzen, so er denn angeboten würde? Haben die Verlage die Zeichen der Zeit nicht erkannt? Oder befürchten sie (womöglich zu Recht), dass die Umsätze dann einbrechen?



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trompetendulzian
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« Antworten #1 am: 18. April 2018, 21:00:12 »

Ich denke, das ist eine Frage der Zielgruppenorientierung des Verlags: Beim Erscheinen eines neuen Gesangbuches sind die Kirchengemeinden ja quasi gezwungen, sich an all ihren Gottesdienststätten mit der dazugehörigen Begleitliteratur auszustatten. Dort wird dann in jedem Fall das Komplettpaket benötigt, denn wie will man der mühsam engagierten Vertretung vermitteln, dass sie ihre eigenen Noten mitbringen soll, weil in der Loseblattsammlung das eine heute gesungene Lied fehlt? Das heißt, der Verlag kann die Zahl der abzusetzenden "Einheiten" relativ gut abschätzen.

Als Organist habe ich die Orgelbücher seinerzeit auch selbst angeschafft, da ich dann auch im Unterricht damit arbeiten konnte (Fingersätze etc.). Mittlerweile übe ich zu Hause und finde es praktisch, die Sätze, die ich in der Kirche spielen werde, auch zu Hause schon einmal durchfingern zu können. Allerdings habe ich auf die Anschaffung des Regionalteils der hiesigen Landeskirche verzichtet - für die paar Lieder, die daraus mal vorkommen, ist mir der einfach zu teuer.

Aus Organistensicht finde ich die Orgelboxen aus dem Strube-Verlag interessant, die es jedoch nur für einige Landeskirchen in Süddeutschland gab: Da hat man jedes Lied auf einer Pappkarte und dazu einen Ringbuchordner bekommen, in dem man seine benötigten Sätze in der Reihenfolge für den Gottesdienst einsortieren konnte. Allerdings verliert man damit die Flexibilität, spontan ein Lied gegen ein anderes auszutauschen. Wenn die Noten zu Hause in der Box sind, ist das schwierig.

Einzelausgaben von Begleitsätzen nebst passendem Vorspiel würde ich durchaus begrüßen, vor allem, wenn man sie kurzfristig als Download beziehen kann! Bei Chorliteratur ist das ja durchaus üblich. Der Aufwand für den Verlag, Einzelausgaben zu erstellen, dürfte relativ gering sein, da der heutige Notensatz ja ohnehin digital erfolgt. Die Bedenken liegen vermutlich beim Rechtemanagement: Wie kann der Verlag sicherstellen, dass du den Satz, den du einmal gekauft hast, nicht an alle deine Organistenkollegen weitergibst oder an jeder Orgel eine Kopie deponierst?
Letzten Endes befürchte ich außerdem, dass die Zielgruppe einfach zu klein und die erzielbaren Absatzzahlen zu undefiniert sind, vor allem im Vergleich zu den verlässlichen Komplettkäufern.

Viele Grüße
Trompetendulzian
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Larigot
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« Antworten #2 am: 18. April 2018, 21:32:59 »

Die Bedenken liegen vermutlich beim Rechtemanagement: Wie kann der Verlag sicherstellen, dass du den Satz, den du einmal gekauft hast, nicht an alle deine Organistenkollegen weitergibst oder an jeder Orgel eine Kopie deponierst?
Letzten Endes befürchte ich außerdem, dass die Zielgruppe einfach zu klein und die erzielbaren Absatzzahlen zu undefiniert sind, vor allem im Vergleich zu den verlässlichen Komplettkäufern.

Genausowenig kann der Verlag sicherstellen, dass ich die gedruckte Ausgabe nicht auf den Kopierer lege und das gleiche mache. Und wie du selbst schreibst, bei Chornoten geht es ja auch.
Ich glaube schon, dass die meisten Musiker bereit sind, für ein Produkt einen angemessenen Preis zu bezahlen, weil sie eben auch wollen, dass die Verlage weiterhin hochwertige Ausgaben auf den Markt bringen.

Das ganze erinnert mich etwas an die Internet-Musik-Tauschbörsen von vor 15 Jahren. Die haben ja auch deshalb so floriert, weil viele Nutzer nicht bereit waren, für einen Song, den sie wirklich haben wollen, ein ganzes Album zu kaufen. Apple hat damals als erstes die Zeichen der Zeit erkannt und Einzeldownloads zu einem fairen Preis angeboten.
Ich persönlich habe dadurch nicht weniger Geld für Musik ausgegeben, sondern eher mehr.

Ich glaube, dass sich im im Fall eines Choralbuchs die Zielgruppen für die gebundene Ausgabe und Downloads unterscheiden. Als Gelegenheitsnutzer stimmt für mich das Preis-Leistungsverhältnis nicht, Bärenreiter wird nichts an mir verdienen. Bei Einzeldownloads z.B. für 4 Euro pro Vorspiel+Begleitsatz wären es sicher ein paar Zehner. Aber ich kann in der Tat nicht abschätzen, ob ich da eine Minderheit bin, für die sich der Aufwand nicht lohnt.
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Gemshorn
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« Antworten #3 am: 18. April 2018, 21:37:48 »

Ich würde solcherart überteuerte Bücher niemals kaufen.
Auch ein Einzeldownload käme für mich nicht in Frage. Ich bin mir relativ sicher, dass sehr bald ein Zettelchaos ausbräche und die Blätter - dank fehlendem Schutz innerhalb eines gebundenen Buches - bald zerfleddern würden.

Ich ertappe mich heute dabei, dass ich das mache, was ich bei unseren Altorganisten oftmals kritisiert habe: Ich verwende die Begleitsätze aus den alten Orgelbüchern - nicht immer, aber immer wieder. Einfach, weil ich sie in vielen Fällen für qualitativ hochwertiger halte als manches Arrangement aus den aktuellen Orgelbüchern.
In den Kirchen liegt Gott sei Dank beides auf der Orgelempore: Die alten wie die neuen Bücher.
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Larigot
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« Antworten #4 am: 18. April 2018, 22:00:44 »

Ich verwende die Begleitsätze aus den alten Orgelbüchern - nicht immer, aber immer wieder. Einfach, weil ich sie in vielen Fällen für qualitativ hochwertiger halte als manches Arrangement aus den aktuellen Orgelbüchern.

Zustimmung!  Dafür Dafür Dafür

Auf katholischer Seite habt ihr ja den Vorteil, dass die Tonarten schon im alten GL konsequent an die Praxis angepasst wurden. Im EG ist das ja (wenn überhaupt) erst 1995 passiert, d.h. wir haben immer das Tonartenproblem.
Ein Begleitbuch zum Gotteslob von 1975 habe ich aus meinen katholischen Orgel-Anfängen auch noch im Regal stehen, und ich gucke tatsächlich noch relativ oft hinein.
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trompetendulzian
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« Antworten #5 am: 19. April 2018, 07:43:03 »

Genausowenig kann der Verlag sicherstellen, dass ich die gedruckte Ausgabe nicht auf den Kopierer lege und das gleiche mache. Und wie du selbst schreibst, bei Chornoten geht es ja auch.
Bei Chornoten ist die Auflage jedoch prinzipbedingt wieder deutlich höher und Einzelausgaben werden meiner Erfahrung nach oft nur in Chorstärke verkauft.
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Wichernkantor
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« Antworten #6 am: 19. April 2018, 08:24:21 »

Für die Verlage ist die Herausgabe eines "offiziellen" Orgelbuches derzeit immer noch ein Geschäft. Nur so ist z.B. die Fülle von Publikationen zu erklären, die Carus rund um das neue GL herausgegeben hat. Denn es ist in den meisten Kirchengemeinden noch üblich, ein Orgelbuch zu inventarisieren und es an die Orgel(n) zu legen. Und das ist auch gut so. Einem (i.d.R.) nebenamtlichen Organisten ist es nicht zuzumuten, diese Bücher - zum Stückpreis jenseits der 100-€-Grenze - selber zu kaufen. Sie sind notwendiges Werkzeug und daher vom Arbeitgeber zu stellen.

Die Verlage haben nach meiner Beobachtung derzeit ein anderes Problem (das mir ein Verlagsleiter vor wenigen Tagen in einem Gespräch bestätigt hat): IMSLP.
Dort sind mittlerweile Werke von Komponisten, die länger als 70 Jahre tot sind, nahezu flächendeckend erfasst. In der Konsequenz ist die Herausgabe ihrer Werke ein Geschäft mit immer weniger Gewinnspanne.
Für die Verlage lohnen sich in zunehmendem Maß nur noch Hefte mit Werken von lebenden Komponisten, die ihr Publikum erreichen, indem sie (z.T. ausgezeichnete) Stilkopien schreiben oder einen Personalstil pflegen, der den gottesdienstlichen Hörer spontan erreicht und dem Spieler technisch zugänglich ist.

Die Option, Einzelwerke gegen Gebühr autorisiert von einer Verlagspage zu laden, steckt noch in den Kinderschuhen, könnte aber ein Wachstumsmarkt werden.

An den "fliegenden Blättern" scheiden sich aber immer noch die Geister der Nutzer. Was für die einen selbstverständlich ist, ist denen ein Gräuel, die es gern ordentlich gebunden auf festem Notenpapier und in professionellem Notensatz haben. Ich zähle mich eher zu den letzteren und nehme Ausdrucke nur im Ausnahmefall oder von eigenen Sachen.
Das ist sicher nicht nur eine Typen-, sondern auch eine Altersfrage. In 20 Jahren ist das Spiel aus Ausdrucken (oder direkt vom Tablet-PC) vermutlich normal. Wenn die Bistümer/Landeskirchen sich dieser Entwicklung anpassen, wird es dann wohl auch Choralsätze und Vorspiele in offiziellen Datenbanken abrufbar geben, die die Gemeinden freischalten können.

LG
Michael


 
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ThoFi
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« Antworten #7 am: 19. April 2018, 10:07:53 »

Ich ertappe mich heute dabei, dass ich das mache, was ich bei unseren Altorganisten oftmals kritisiert habe: Ich verwende die Begleitsätze aus den alten Orgelbüchern - nicht immer, aber immer wieder. Einfach, weil ich sie in vielen Fällen für qualitativ hochwertiger halte als manches Arrangement aus den aktuellen Orgelbüchern.
In den Kirchen liegt Gott sei Dank beides auf der Orgelempore: Die alten wie die neuen Bücher.

Die Begleitsätze im OB zum neuen GL - zumindest die im Stammteil - sind großteils wirklich eine Zumutung - da rate ich doch gleich zu einem Keyboard mit Begleitautomatik.
Mein stv. Organist verwendet auch noch die alten Begleitbücher, tw. noch vom "Kirchenlied" oder vom ganz alten "Gottesdienst" des Erzbistums Mü-Fr. Da war wenigstens noch etwas "Saft" drin. Natürlich mussten wir dazu an einigen Stellen die Pausen anders setzen.
Ich selbst setze "spontan" aus dem einstimmigen Gesangbuch - dafür hat man´s ja gelernt.
Wenn ich die Zeit fände, werde ich einmal zumindest "mein" Pasinger Repertoire notieren mit Last-Verses etc.
Ja, wenn.......

Thomas
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« Antworten #8 am: 19. April 2018, 10:33:40 »

Die regionalen Orgelbücher aus der Zeit vor dem GL1975 verwende ich so gut wie nie; die Sätze darin waren größtenteils für ganz andere Singtempi geschrieben (d.h. viele Füllnoten und Übergänge in den Unterstimmen) und in den meisten Fällen auch für höhere Singstimmen, als wir sie heute vorfinden; da steigt die Melodie gar nicht selten bis e''. Freilich: Man kann alles transponieren - aber wenn die Altstimme dann mehrheitlich im Bereich des kleinen f grundelt, merkt man rasch, dass der betreffende Begleitsatz nicht für diese Lage geschrieben wurde.

Das improvisatorische Begleiten steht auch mir - Gott sei Dank - zur Verfügung... wenn alle Stricke reißen.
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MagisterPerotin
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« Antworten #9 am: 19. April 2018, 15:13:25 »


Die Verlage haben nach meiner Beobachtung derzeit ein anderes Problem (das mir ein Verlagsleiter vor wenigen Tagen in einem Gespräch bestätigt hat): IMSLP.
Dort sind mittlerweile Werke von Komponisten, die länger als 70 Jahre tot sind, nahezu flächendeckend erfasst.


Das stimmt schon, aber dazu muss man sagen, dass IMSLP häufig Editionen zu Grunde liegen, aus denen sich nach heutigem musikwissenschaftlichen und aufführungspraktischen Stand kaum seriös musizieren lässt, gerade im Bereich alter Musik.

Mag natürlich sein, dass diese Problematik nur einen geringen Teil der Organistenschaft tangiert. Für mich taugt IMSLP meist eher zur Recherche. Normalerweise kaufe ich dann aber doch eine Notenausgabe meines Wunsches.
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Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle. - Mauricio Kagel
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