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Autor Thema: Ökumenisches Orgelbegleitbuch  (Gelesen 3389 mal)
Wichernkantor
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« Antworten #10 am: 19. April 2018, 19:11:26 »

Das württembergische Choralbuch (1. Auflage 1953) war zu Zeiten des EKG (1949-1993 in Gebrauch) in einigen Landeskirchen offiziell eingeführt. (So wie heute das EG Bayern/Thüringen in vielen Kirchengemeinden Sachsens und Brandenburgs.) Die Begleitsätze waren durchweg im Kantionalstil der Schütz-Epoche gehalten, also mit großen Intervallen im Bass (i.d.R. Grundton), die Harmonien enthielten überwiegend Grundakkorde; "Gewürze" wie Sextakkorde, Akkordrepetitionen oder gar frei eintretende Septimen waren verpönt. Es war der "strenge" Satz aus den damals üblichen Harmonielehre-Büchern (Lemacher/Schröder, Dachs-Söhner), der ja in der Schützzeit nie so komponiert wurde. Dennoch erfüllten diese Sätze ihren Zweck. Sie waren gut zu spielen (im Pedal können sich r. und l. Spitze meistens ablösen) und handwerklich sauber. Das Buch enthielt etliche Choräle in mehreren Tonhöhen. "Herzliebster Jesu" z.B. in g, f und e, "Wachet auf" in C und B, war also durchaus gemeindefreundlich und praxisnah. M.W. war es bis Mitte der 90er bei Bärenreiter im Verlagsverzeichnis gelistet - also ein Bestseller und Longseller, wie man auf gut deutsch sagt.

Gerade bei den spezifisch protestantischen Urchorälen in den alten Modi gucke ich ganz gern mal hinein, wie die damaligen (orgelbewegten) Tonsetzer das gelöst haben. Man wird dadurch nicht dümmer ...  Lachen

LG
Michael
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Gemshorn
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« Antworten #11 am: 19. April 2018, 19:24:23 »

Aus dem Württembergischen Choralbuch bezogen auch die Macher des alten Gotteslob-Orgelbuches einige Sätze, z.B. Es ist ein Ros entsprungen. Die Sätze sind auch für meinen Geschmack gleichermaßen schlicht und gut. Was will man mehr. Freundlich
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Larigot
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« Antworten #12 am: 20. April 2018, 00:03:38 »

Die Begleitsätze waren durchweg im Kantionalstil der Schütz-Epoche gehalten, also mit großen Intervallen im Bass (i.d.R. Grundton), die Harmonien enthielten überwiegend Grundakkorde; "Gewürze" wie Sextakkorde, [...] waren verpönt. [...] Das Buch enthielt etliche Choräle in mehreren Tonhöhen.

Hmm... in dem Band, den ich meine, gibt es reichlich Sextakkorde. In Verbindung mit vielen Mollparallelen (bei Durtonarten) in der Harmonisierung ergibt sich dann auch eine (wie ich finde) eher lineare Bassführung. Choräle in mehreren Tonarten gibt es bei mir nicht...

Also entweder ich bin komplett blöd oder wir reden von unterschiedlichen Choralbüchern (ich hoffe letzteres...  Ratlos ).

Ich schicke dir am besten mal einen Scan. Dann fischen wir hier nicht im Trüben...

LG
Christian
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Wichernkantor
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« Antworten #13 am: 20. April 2018, 07:08:01 »

Mollakkorde und Sextakkorde gehörten selbstverständlich zum Akkordrepertoire der Schützzeit und des "strengen Satzes". Ich sprach vom Quartsextakkord (einem typischen, kadenzierenden Stilmittel der Klassik und der Romantik), Terzverdopplungen sowie frei eintretenden Septimen. Die sind in den einschlägigen Lehrtraditionen verpönt. Ein eigenes Kapitel sind die Stimmführungsregeln - Gegenläufigkeit der Baßstimme zum Diskant (sog. übergeordnete Zweistimmigkeit), weitgehende (d.h. nicht generelle) Vermeidung von Sekundschritten im Baß zugunsten von Terzen, Quarten und Quinten - im Idealfall in wechselnde Richtung.
Andere Leute brauchen für dieses Regelwerk mehrere hundert Buchseiten. Es in einem Thread auch nur ansatzweise zu erklären, ist etwas komplex ...  Lachen

LG
Michael
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trompetendulzian
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« Antworten #14 am: 25. November 2018, 13:28:30 »

Um nochmal auf das Ursprungsthema zurückzukommen: Aufgrund des Hinweises im letzten Bärenreiter-Newsletter, dass der Einführungspreis bald endet, habe ich, da ich schon länger damit liebäugelte, mir das Ökumenische Orgelbuch kurzerhand bestellt und gestern rechtzeitig zur Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes in der Post vorgefunden.
Mein erster Eindruck beschränkt sich mangels Zeit auf die Inhalte zu zwei Liedern, die heute auf dem Programme standen:
1.) Wachet auf, ruft uns die Stimme
Vorspiel (Carillon) über 80 Takte / 4 1/3 Seiten - mit ein paar Wochen regelmäßigen Übens für mich eventuell realisierbar aber für die praktische Anwendung im Gottesdienst zu lang und ohne Registrant oder zumindest Umblätterer unmöglich umzusetzen
Begleitsatz A: Cantus Firmus im Tenor - schöne Abwechslung! Schwierigkeitstechnisch für mich einigermaßen vom Blatt realisierbar, könnte eventuell als "Last verse" herhalten, keinesfalls für alle Strophen.
Begleitsatz B: Cantus Firmus im Sopran, Begleitung in "chromatisch-schräger" Harmonik. Wäre ebenfalls zur Begleitung einer einzelnen Strophe geeignet, wenn der Notensetzer nicht eine total blöde Wendestelle (halbe Note Pause im c.f., Begleitung läuft chromatisch-legato weiter) nach der dritten Liedzeile, also quasi der Wiederholung eingebaut hätte. Ohne Assistenten (oder illegale Wendestellen-Kopie) bekomme ich das nicht hin.

2.) O dass doch bald dein Feuer brennte
Vorspiel (Orientalisch federnd) über 83 Takte / 7 Seiten - für mich eindeutig zu schwer sowie für die praktische Anwendung im Gottesdienst zu lang und ohne Registrant oder zumindest Umblätterer unmöglich umzusetzen
Begleitsätze gibt es diesmal vier, zwei zum EG und zwei zum GL aufgrund von Unterschieden in den Pausen nach der ersten Zeile (im EG gibt's eine halbe Pause, im GL nicht). Es gibt wieder jeweils einen Satz mit c.f. im Tenor und einen mit c.f. im Sopran. Harmonisch sind die Sätze wie bei "Wachet auf" mit Chromatik und Alterationen an der Grenze meines Wohlfühlspektrums. Immerhin gibt es diesmal kein Wendestellenproblem.

Mir ist bewusst, dass dies nur ein erster Eindruck ist und ich gebe der Sammlung noch eine Chance, mich beim weiteren Anspielen zu überzeugen. Anderenfalls wäre es das erste Mal, dass ich Noten zurückschicke, aber 148 € sind mir für's Herumstehenlassen im Regal einfach zu viel.

Viele Grüße
Trompetendulzian
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Martin78
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« Antworten #15 am: 25. November 2018, 15:25:54 »

Danke für den Bericht. Eine kleine Zwischenfrage: Darf man bestellte Noten bei Nichtgefallen zurücksenden?
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Gloria Concerto 350 Trend
trompetendulzian
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« Antworten #16 am: 25. November 2018, 16:50:31 »

Ich denke, dass dafür das normale Widerrufsrecht wie bei den meisten anderen Versandartikeln auch gilt.

Mittlerweile habe ich ein bisschen weiter gestöbert und einige Vorspiele und Sätze gefunden, die bei mir durchaus auf Wohlgefallen stoßen (und realisierbar erscheinen). Vermutlich hatte ich einfach Pech mit der ersten Kostprobe.

Im Vorwort heißt es übrigens:
Zitat
Danken möchten wir allen Kollegen dafür, dass sie sich auf die Aufgabe eingelassen haben, reizvolle, liturgisch wie konzertant verwendbare und auch für (versierte) nebenberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker spielbare Musik zu komponieren.
Interessant ist der Hinweis auf die konzertante Verwendung, was die Länge und Schwierigkeit der oben von mir angeführten Beispiele erklären dürfte. Allerdings möchte ich behaupten, dass die nebenberuflichen Kirchenmusiker die Hauptzielgruppe einer solchen Sammlung sein sollten, da Hauptamtler mit ihrer Ausbildung im Liturgischen Orgelspiel eher nicht darauf angewiesen sind.

Viele Grüße
Trompetendulzian
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Larigot
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« Antworten #17 am: 25. November 2018, 23:26:49 »

Danke für den Bericht. Das bestärkt mich in der Meinung, dass ich diese Bände nicht brauche. Also neugierig wäre ich schon, vor allem weil ich im Inhaltsverzeichnis eine Menge von Hans-André Stamm entdeckt habe. Aber nicht zu diesem Preis. Traurig

Allerdings möchte ich behaupten, dass die nebenberuflichen Kirchenmusiker die Hauptzielgruppe einer solchen Sammlung sein sollten, da Hauptamtler mit ihrer Ausbildung im Liturgischen Orgelspiel eher nicht darauf angewiesen sind.

Hmm, wer weiß. Ich habe schon Hauptamtler erlebt, die jenseits der Begleitsätze keine einzige Note ohne Notentext gespielt haben. Und gute Improvisatoren spielen vielleicht nicht die Koposition, sondern lassen sich "nur" (oder gerade) von der Idee inspirieren.
LG
Christian
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Wichernkantor
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« Antworten #18 am: 26. November 2018, 08:06:29 »

Einen großen Teil des Inhaltes - grob gesagt: alles, was über 2:00 hinausgeht - würde ich losgelöst vom Choral als eigenständige Literatur einordnen.
Ob jemand diese Stücke als gottesdientlichen Rahmen verwendet, als Choralvorspiel oder als Vorlage für eigene Bearbeitungen, spielt doch eher eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, ob mir die beiden Bände den Preis wert sind. Und das ist ein völlig subjektives Kriterium. Das muss jeder selber wissen. Ich gehöre eher zu den Leuten, die mal gucken wollen, was die Kollegen aus den Chorälen gemacht haben. Und da ist sehr viel Gelungenes zu lesen und zu spielen. Zudem stimmt die "Hardware": Der Druck ist ausgezeichnet, die Papierqualität ist hochwertig und der Einband stabil und strapazierfähig. So wünscht man sich einen Notenband. Insofern hat sich der Kauf für mich "gerechnet".

LG
Michael

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trompetendulzian
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« Antworten #19 am: 27. November 2018, 20:15:16 »

Wie in vielen Dingen lohnt es sich auch in diesem Fall, einen zweiten Blick zu riskieren:
Nach dem für mich ziemlich enttäuschenden ersten Eindruck, der Anlass für meine obige Kritik lieferte (Samstag riss ich das Paket auf, voller Enthusiasmus, gerade noch rechtzeitig zur Vorbereitung des Gottesdienstes am Sonntag neues Notenfutter auf's Pult zu bekommen und dann folgte die Erkenntnis, dass die Vorspiele und Sätze zu den fälligen Liedern für mich unbrauchbar waren). Nun, nach einer zweiten Annäherung kann ich meine Kritik in weiten Teilen zurücknehmen: Es gibt viele Begleitsätze, die mich ansprechen, sowie kürzere und technisch weniger anspruchsvolle Vorspiele neben für mich nicht realisierbaren. Den Satz zu "Großer Gott, wir loben dich" werde ich als willkommene Abwechslung in's Hochzeitsgepäck packen.
An ein, zwei Stellen würde ich mir noch eine spieltechnische Erläuterung wünschen, zum Beispiel bei der Angabe "Gospel feel" (ist das jetzt ternär, binär oder ...) in Michels Vorspiel zu "Gott gab uns Atem".
Die oben bemängelte Wendestellenproblematik, die dazu führt, dass man mittten im Satz umblättern muss, gibt es leider noch an zwei, drei anderen Stellen. Das hätte man sicherlich eleganter lösen können.
Davon abgesehen kann ich mich Michaels Aussage zur technischen Qualität der Ausgabe nur anschließen.
Wenn sich "alles" als Kompositionen in der Machart meiner ersten Stichprobe entpuppt hätte, würden die Bände bei mir keinen Platz bekommen aber so bin ich nun doch gespannt, wie oft sie sich in der Praxis einsetzen lassen.

Viele Grüße
Trompetendulzian
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