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Autor Thema: Kirchenmusiker verzweifelt gesucht: die Organola  (Gelesen 1953 mal)
Positiv
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« am: 26. Januar 2018, 07:48:18 »

Quer/ BR Bericht:


http://www.ardmediathek.de/tv/quer-mit-Christoph-S%C3%BC%C3%9F/Kirchenmusiker-verzweifelt-gesucht/BR-Fernsehen/Video?bcastId=14912730&documentId=49528610

Alle Versuche Organisten zu ersetzen, werden scheitern. Viel einfacher als mit der Organola ist es mit den Midi Liedprogrammen, die ich aber in der Praxis noch nirgends gesehen habe. Eher gibt es eine musikfreie Predigt.

Michael
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Wichernkantor
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« Antworten #1 am: 26. Januar 2018, 08:14:56 »

Dem kann ich nur beipflichten. Kirchen-Karaoke ist eine Sackgasse. Alle Gemeinden, die ich kenne und die sowas probiert haben, haben so eine Maschine nach wenigen Wochen wieder abgeschaltet.

Hier in der Region wird die Versorgungslage mit Organisten, die wenigstens die Choralsätze aus dem Orgelbuch sauber spielen können, immer prekärer. In ihrer Not engagieren manche Gemeinden Keyboardritter und kaufen Digitalpianos. Die Konsequenz: Die Orgel (gerade erst und erfreulicher Weise bei uns in Deutschland zum "Weltkulturerbe" aufgewertet,) verschwindet mittelfristig auch im ländlichen Raum aus dem öffentlichen Bewusstsein, wenn dieser Trend anhält.
Wie soll ein Heranwachsender auf die Idee kommen, dass es die Mühe lohnen könnte, das Orgelspiel zu erlernen - wenn er in seiner Konfizeit im Gottesdienst irgendeinen Klimperer (meistens eine Klimpereuse) an einem Digitalpiano beim kakophonen Herunterhacken von NGL oder gar der gestümperten Akkordklauberei eines Choralsatzes erlebt?

Die Kirchen selber (vor allem die rheinische) jammern über fehlende Organisten in den ländlichen Regionen und in kleineren Gemeinden - aber sie machen gleichzeitig durch ihre destruktive Stellenpolitik den Kirchenmusiker-Beruf immer unattraktiver. Jeder engagierte Hauptamtler wäre aber ein wichtiger Multiplikator ...

Vor mehr als 50 Jahren weckten eine sehr gute, neue Klais-Orgel in meiner Heimatgemeinde und das beeindruckende Spiel unseres Kantors in mir den Wunsch: Das will ich lernen! Und in meiner Klasse am Gymnasium gab es von 50 Kerlen (ja, das war damals die Standard-Klassenstärke) allein fünf, die Orgelunterricht hatten - also exakt zehn Prozent.
Und das zeitigte Langzeitfolgen: Einer ist Domorganist in Norddeutschland, einer hat eine Professur an einem bayerischen Konservatorium, einer ist Kantor an der Wichernkirche und die anderen beiden versehen in ihren Heimatdörfern im nördlichen Saarland seit Jahrzehnten zuverlässig und kompetent den Organistendienst.

Klar, Jammern und von alten Zeiten schwärmen nützt nix.
Aber - wo bleiben die Konzepte der Kirchenleitungen, die man dort sonst für alle möglichen Szenarien in der Schublade hat? ("Gospelchöre" mit Keyboard sind definitiv keine Lösung - hier lösen sich die ersten Formationen schon wieder auf. Der Hype ist durch.)
Mc Kinsey schweigt - oder rät zur "Organola" ...  Traurig

LG
Michael
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Machthorn
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« Antworten #2 am: 26. Januar 2018, 22:18:34 »

Das mit der Konfi-Zeit ist aber leider auch immer schwieriger. Wenn Eltern in Gegenwart ihrer Kinder darüber jammern, wie schwierig es doch ist, die erforderliche Mindestzahl an Gottesdienstbesuchen zusammen zu bekommen und der Vater dann auch noch bei der Arbeit einen Anruf vom Pfarrer bekommt, wo soll da Begeisterung für Kirche im Allgemeinen und ihre Musik im Besonderen herkommen? Da kann der Organist noch so gut sein.

So gerade heute bei einem Kollegen erlebt...

Aber prinzipiell hast du ja völlig recht: Nur was gut gemacht ist kann Begeisterung wecken.
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Gloria Klassik 226 Trend
Gemshorn
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« Antworten #3 am: 27. Januar 2018, 08:43:40 »

In Zeiten, wo Kirchen verkauft oder abgerissen werden...
In Zeiten, wo Bischöfe ganze Regionen zu Seelsorgeräumen zusammenfassen, um dem sinkenden Gottesdienstbesuch und dem Pfarrermangel Rechnung zu tragen...
In solchen Zeiten ist die Frage Kirchenmusik, quo vadis in der Dringlichkeitsliste der Verantwortlichen vermutlich weit hinten.

Die seelsorglichen Lösungen sahen bisher so aus: Man legt zusammen oder schließt. Was soll man von Leuten erwarten, die solche Konzepte schon in der Seelsorge verfolgen? Traurig
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Machthorn
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« Antworten #4 am: 27. Januar 2018, 09:18:04 »

Zitat
In solchen Zeiten ist die Frage Kirchenmusik, quo vadis in der Dringlichkeitsliste der Verantwortlichen vermutlich weit hinten.
Das ist sicherlich so, aber ich halte das für zu kurz geschossen.

Ich unterstelle einfach mal, dass die meisten gläubigen Christen in ihrem Leben auch durch Zeiten gehen, wo sie zweifeln, wo ihnen das theologische Angebot wenig gibt. Hier kann die Musik Lücken schließen, Brücken schlagen.

Gute Musik in der Kirche öffentlich gemacht kann für Aufmerksamkeit und Stellenwert im Umfeld sorgen.

Konzerte können helfen, Spenden für den Unterhalt von Gebäuden und Einrichtungen zu sammeln und damit den Etat zu entlasten.

Vernachlässigt man die Musik in den Gemeinden, sägt man aber einen tragenden Pfeiler ab, zumindest was die Tradition westlicher Kirchen angeht. Schade, dass sich die Verantwortlichen mancherorts dessen nicht bewusst sind.
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Gloria Klassik 226 Trend
Wichernkantor
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« Antworten #5 am: 27. Januar 2018, 09:47:10 »

Nicht vergessen darf man die, für die die genuine Kirchenmusik ein letztes Bindeglied zur Kirche ist.

Meine Frau kam vor ein paar Wochen beim Einkaufen mit dem Leiter eines Supermarktes ins Palavern über Gott und die Welt. Und der sagte ihr, er gehe selten zur Kirche. Und wenn, dann vor allem, um ein festliches Orgelspiel zu hören und dazu die alten Choräle zu schmettern. Sonst stehe er ja auf härtere Musik. Aber in der Kirche erwarte er, dass die Orgel so richtig rauscht.

Daraufhin hat im die Meine beim nächsten Einkauf die CD geschenkt, die ich für Familie und Freunde als Weihnachtsgabe 2017 eingespielt habe. Der Mann war happy!

LG
Michael
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trompetendulzian
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« Antworten #6 am: 27. Januar 2018, 11:18:10 »

Ich gerne auch noch den Aspekt hinzufügen, dass in den meisten mir bekannten Ortsgemeinden die kirchenmusikalischen Gruppen (Chören, Posaunenchöre etc.) neben dem Sonntagsgottesdienst das einzige / letzte verbliebene Angebot für die Altersgruppe - überspitzt formuliert - zwischen Konfirmation und Seniorenkaffee darstellen. Der Anteil der Gemeindemitglieder, der über die Kirchensteuer den ganzen Laden finanziert, bekommt am wenigsten dafür geboten...

Viele Grüße
Trompetendulzian

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PM
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« Antworten #7 am: 27. Januar 2018, 15:14:15 »

Ich lese dieses Thema mit besondere Interesse mit. Kirchenmusik ist auch meiner Meinung nach ein wichtiger Teil der Liturgie. Aber es gibt eine Randnotiz zu machen. Im Holland gibt es ein Phänomen, das darauf hinweist, dass andere Faktoren vielleicht wichtiger sind um Menschen in der Kirche zu halten.

In orthodoxe Kirchengemeinden („Refo“ heißt es im Holland), werden ausschließlich Genfer Psalmen gesungen, der Organist spielt meistens nur relativ kurze Intonationen als Einführung in den Psalmgesang, oft werden nur vier oder fünf Psalmstrofen gesungen, und bei das Orgelspiel vor Anfang und nach Abschluss der Gottesdienst werden nur „Psalmbewerkingen“ gespielt, kein Literatur. Man würde sagen: eine begrenzte Kirchenmusikalische Beitrag.  Das Akzent liegt bei Predigt, Schriftlesung und Gebet, eine Gottesdienst kann halt anderthalb stunde dauern wobei die Predigt 45-60 Minuten dauert und Schriftlesung und Gebet 20-30 Minuten.

Trotzdem sind viel von diese orthodoxe Kirchen zweimal pro Sonntag voll (morgens und abends), es gibt keinen Organistenmangel (eher ein überschoss, da sind Gemeinden wo ein Roulationsystem existiert), da werden sogar neue Kirchen und neue Orgeln gebaut und da sind noch immer junge Leute die Orgel spielen oder es lernen wollen (wobei gesagt werden muss, auch in diese Denomination gibt es zunehmend Interesse in andere Instrumenten nebst Orgel). Übrigens, neben die Gottesdienst existiert ein (sub)Kultur von Chor- und Orgelkonzerte und auch ein (sub)Kultur von Zusammensang (allerdings auch meistens Psalmen).  

Wie soll man das zusammengehen von eher arme Kirchenmusik und volle Kirchen interpretieren? Interessant denke ich, oder?

Gruß, PM
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„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
trompetendulzian
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« Antworten #8 am: 27. Januar 2018, 20:36:51 »

Hallo PM,

zu deinen Beobachtungen fallen mir einige Erklärungsansätze ein. Auch in Deutschland ist es so, dass einige Denominationen, ich fasse sie der Einfachheit als freie Gemeinden jeglicher Couleur zusammen, wissend dass dies dem vielfältigen Spektrum nicht gerecht werden kann, starken Zulauf verzeichnen, während die Zahl der Gottesdienstbesucher in den Volkskirchen stetig abnimmt.

Ein wesentlicher Aspekt ist meiner Meinung nach, dass in den freien Gemeinden meistens "einfach zugänglich" gepredigt wird in dem Sinne, dass sich der Einzelne direkt angesprochen fühlt und einen Bezug zu seiner Lebenswirklichkeit herstellen kann. Wenn ich Sonntags auf der Orgelbank in den hiesigen evangelischen Gemeinden sitze, darf ich mir im Gegensatz oft sehr verkopfte, fast an eine Vorlesung erinnernden Predigten anhören.
Dazu kommt auf jeden Fall noch ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl. Ich war selbst während meiner Schul- und Studienzeit regelmäßig als Gast in einigen freien Gemeinden unterwegs und habe selbst erlebt, dass dort eine ganz andere Art von Gemeinschaft gelebt wurde. Beispielsweise wurde jeder herzlich begrüßt, man blieb nach dem Gottesdienst noch lange zusammengeblieben, hat sich für den Nachmittag verabredet etc. Dazu kommt, dass die Gemeinde von allen aktiv gestaltet wird, d.h. jeder bringt sich nach seinen Talenten ein, egal ob es sich dabei um Kaffeekochen, Musik im Gottesdienst, Kinderbetreuung oder andere Dinge handelt.
Kurzum: Es gibt ein lebendiges Gemeindeleben und das wiederum wird der Grund dafür sein, dass die Hütte voll ist.

Nun sind wir hier aber wirklich vollkommen off-topic...

Viele Grüße
Trompetendulzian
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Gemshorn
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« Antworten #9 am: 27. Januar 2018, 21:06:27 »

Predigten mit Bezug zur Lebenswirklichkeit, das vermisse ich auch oft.
Heute Abend durfte ich mir im Gottesdienst anhören, dass die Ehe für alle Teufelswerk ist... Gut, dass ich mein Smartphone immer dabei habe... Augenrollen
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