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Autor Thema: Spielen bei der Beerdigung eines sehr nahen Angehörigen  (Gelesen 843 mal)
clemens-cgn
Allwissendes Orakel
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Beiträge: 1517


« Antworten #10 am: 21. November 2017, 23:52:11 »

ein Erfahrungsbericht: Das Requiem meiner Mutter mit Sarg in der Kirche (für kath. Verhältnisse in der Diözese Hildesheim außergewöhnlich) habe ich in diesem Jahr selbst gespielt. Ich war zweieinhalb Stunden vorher bereits in der Kirche, um meine Registrierungen nochmal durchzugehen und  in Hautbois 8´ und  Cor anglais 16´ im SW die Ausreißer beizustimmen. Wie oft hatte Mutter mir dabei früher die Tasten gehalten... Meine Eltern waren vor und während der Erbauung der Orgel überzeugte Förderer dieses Instrumentes... Dann bin ich zu Mutters Sarg vor dem Altar gegangen, habe mich noch einmal vor ihr verneigt (verabschiedet hatten wir uns kurz vor ihrem Tod)... sicher, dann schossen meine Tränen... anschl. vor der Kirchtür waren so viele Menschen da, die ich teilweise seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte.... Dann habe ich mich durch Ausblendung persönlicher Befindlichkeiten an die Orgel begeben und meinen Dienst so gut ich nur konnte versehen.
Gestaltet war das Requiem mit Lieblingsliedern und Stücken meiner Mutter.
(Vorspiel: freie Improvisation über "Vater unser, der Du wohnest in dem schönen Himmelreich", Sub com.: Berceuse op 19, G. Fauré, Sargprozession: Prière von Ambroise THOMAS). 
Mutter wäre stinksauer gewesen, wenn ich ihre persönliche Liedkatechese (30 Jahre Religionslehrerin) musikalisch nicht ausgestaltet hätte. Alle Lieder wurden mit allen Strophen gesungen. Segne Du Maria als Schlußlied mit allen Strophen. Als es dann gesungen wurde, wurden in der letzten Liedzeile die Türen des Hauptportales geöffnet. Es entstand ein Sog am Notenpult und die Noten des Nachspiels segelten um meine Orgelbank herum. Als ich mich danach bückte, hörte ich im "Innen" meine Mutter fast im Befehlston sagen:" Du drehst Dich jetzt nicht um! Und Du schaust auch nicht in den Spiegel! Spiel...!" Das Priére hat seine Wirkung nicht verfehlt und ich bin heile im Schlußakkord angekommen. Im Nachhinein bin ich froh und dankbar, diesen Dienst zum Trost aller selbst gespielt zu haben. Eine der schönsten Rückmeldungen war: Immer wenn die Tränen rollen wollten, durften wir gegen unsere Trauer ansingen. Das tat so gut.
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jogo31
Erleuchteter
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Beiträge: 435


« Antworten #11 am: 27. November 2017, 11:33:40 »

Bei meiner Großmutter habe ich das gemacht und es ging auch ganz gut. Bei meinem Vater habe ich es allerdings vorgezogen einen Organisten meines Vertrauens zu engagieren, da ich dann doch lieber während des Requiems in der Nähe meiner Mutter sein wollte. Grundsätzlich bin ich da immer ganz gefasst, die Fassungslosigkeit über den Tod naher Angehöriger macht sich bei mir immer erst bemerkbar, wenn der ganze organisatorische und "offizielle" Teil vorbei ist und ich zur Ruhe komme.
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sweelinck2
Novize
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Beiträge: 2


« Antworten #12 am: 05. Dezember 2017, 19:36:57 »

Danke für die vielen Antworten!
Ich habe bei der Beerdigung die Orgel gespielt. Während des ganzen Gottesdienstes war ich voll auf das Spielen konzentriert, ich glaube, noch nie so konzentriert wie bei diesem Gottesdienst. Es war die absolut richtige Entscheidung selbst zu spielen. Ich hätte es im Nachhinein bereut, nicht selbst gespielt zu haben. Ich kann aus meiner jetzigen Erfahrung nur dazu raten, wenn man spielen will, es dann auch zu tun. Die Lieder hatte ich selbst ausgesucht, die Strophen waren nach dem Inhalt ausgewählt. Es gab viele positive Resonanz seitens der Kirchenbesucher. Ich möchte noch betonen, dass ich keinesfalls der "harte Typ" bin und ich es dennoch geschafft habe. Der einzige "Nachteil", wenn man das so nennen will, ist, dass man nicht bei den Angehörigen in der Bank sitzt.
Nochmals "Danke!" für die vielen Antworten.
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