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Autor Thema: Spielen bei der Beerdigung eines sehr nahen Angehörigen  (Gelesen 1991 mal)
sweelinck2
Novize
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« am: 20. November 2017, 10:47:19 »

Ein sehr trauriger Anlass hat jetzt diese Frage aufgeworfen:
Hat schon mal jemand bei der Beerdigung eines sehr nahen Angehörigen selbst den Trauergottesdienst gespielt. Der Bestatter rät wegen der zu großen psychischen Belastung eindringlich davon ab. Gibt es jemand, der schon mal diese Erfahrung gemacht hat. Ich weiß, man kann das nicht auf alle übertragen, aber ich würde sehr gerne den Gottesdienst spielen, habe aber natürlich dahingehend Bedenken, was ist, wenn es mir plötzlich nicht mehr möglich ist, weiterzu-spielen. Die Kirche wird sicherlich sehr gut besucht sein, sodass das Ganze nicht nur im familiären Umfeld ist, wo man vielleicht Verständnis erwarten könnte. Sollte mir das Spielen plötzlich unmöglich werden, würde ich wahrscheinlich auf wenig Verständnis stoßen. Der Todesfall steckt mir doch sehr in den Knochen.
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Wichernkantor
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« Antworten #1 am: 20. November 2017, 11:03:33 »

Ich denke, das musst Du selber wissen und entscheiden. Nur Du selber kannst einschätzen, wie belastbar du bist.
Ich habe beim Tod einiger sehr naher Angehöriger selber gespielt und es war für mich ein sehr tröstlicher Gedanke, nun so gut und so würdig wie nur irgend möglich zu musizieren.

Bei einigen Beerdigungen habe ich nicht selber gespielt und mich meistens geärgert über den unsensiblen Trampel (oder eine Trampeline), der da auf den blank liegenden Nerven der Familie herumtrampelte - einmal mit einem unsäglich verstimmten 1' ...

Mein Grundgedanke beim Spiel zu Beerdigungen: Ich habe nicht zu trauern, sondern zu trösten. Das führt in der Konsequenz dazu, dass ich keinesfalls mit der Streicherschwebung herumschmachte, sondern stille, klare Flöten und sehr diskrete Solofarben ohne Tremulant verwende. Beim Begleiten gehe ich (abhängig von der Gesangsbeteiligung) selten über die Oktave 4' hinaus, wenn's sein muss, noch einen 2', nie eine Mixtur.

LG
Michael
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Gemshorn
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WWW
« Antworten #2 am: 20. November 2017, 12:39:43 »

Das sehe ich ganz ähnlich wie Wichernkantor.
Vor Jahren hatte ich das Begräbnis meines allerbesten Freundes zu beorgeln - und mir war klar, dass ich während der Feier einfach zu "funktionieren" hatte. Gott sei Dank gelang es - sowohl was das Orgelspiel als auch das Chordirigat betrifft. Erst als die Feier ihrem Ende zustrebte und der Sarg unter den Klängen von "Segne du, Maria" aus der Kirche geführt wurde, fiel die Anspannung von mir ab und ich spielte das Lied gleichsam "blind" zu Ende.
Im Rückblick kann ich sagen: Ich bin froh, dass ich meinem lieben Freund diesen letzten Dienst erweisen durfte.
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Kein Mensch ist arm zu nennen, der ab und zu tun kann, was immer ihm Spaß macht. (Dagobert Duck)
Jesaiah
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« Antworten #3 am: 20. November 2017, 12:47:34 »

Bin etwas zwiegespalten.

Beim Begräbnis meiner Mutter habe ich "nur" teilgenommen.
Beim Begräbnis meines besten Freundes, der mit knapp 40 an Leberkrebs verstorben war, habe ich als Diakon mitgefeiert und auch die Predigt gehalten.
Gespielt habe ich schon bei mehreren Begräbnissen von Nahestehenden, das ist mir immer leichtergefallen als das Predigen, und Singen wäre mir wohl auch nicht leicht.

Wenn ich musikalisch zuständig bin und es für die Trauerfamilie nicht völlig abwegig ist, versuche ich immer als letztes Lied ein österliches Auferstehungslied zu platzieren, mit Halleluja.

Ich glaube, es hängt tatsächlich sehr von der persönlichen Verfassung und Einstellung ab. Wichtig ist: Man spielt/singt/predigt nicht für sich und auch nicht "für den Verstorbenen", sondern für die TeilnehmerInnen am Gottesdienst. Daher ist die Schlüsselfrage wohl, wie der Wichernkantor das oben auf den Punkt bringt: Schaffe ich es, zu trösten und Hoffnung zu vermitteln? Oder würde ich nur schmerzvermehrend wirken?


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« Antworten #4 am: 20. November 2017, 18:05:37 »

Hallo,

ich habe beim Requiem eines engen Verwandten, der ein gesegnetes Alter erreicht hat, gespielt. Singen (Psalm, Halleluja) hatte ich überlegt, aber das wäre wohl nicht gut gewesen. Spielen ging gut und ich bin froh, dass ich das Requiem mitgestaltet habe.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.
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« Antworten #5 am: 20. November 2017, 20:12:11 »

Ich habe auf besonderen Wunsch der Familie sowohl bei der Trauerfeier für meine Großmutter als auch für meinen Großvater die Orgel gespielt. Es war anstrengender und emotionaler als bei anderen Trauerfeiern. Aber der Familie und letztlich aber auch den Verstorbenen diesen Wunsch zu erfüllen, war für mich persönlich auch etwas Tröstliches. Ob ich es aber z.B. auch tun könnte, würde meine Frau unerwartet entschlafen, das wage ich zu bezweifeln. Letztlich ist das etwas ganz Individuelles, da gibt es keine Patentantwort.
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« Antworten #6 am: 21. November 2017, 09:26:26 »

Ich würde an der Trauerfeier an der Seite meiner Verwandten teilnehmen und zu Ehren des Verstorbenen vielleicht zu Beginn ein Stück spielen.  

LG
Matthias
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« Antworten #7 am: 21. November 2017, 11:16:04 »

Ich habe bei der Beerdigung meines Großvaters die Kirchenmusik zusammen mit meiner Familie selbst übernommen, und wir waren alle froh, dass wir "was zu tun" hatten.

Gruß, fawe
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« Antworten #8 am: 21. November 2017, 18:54:29 »

Ich habe sowohl bei der Trauerfeier für meine Großmutter, Schwiegervater und auch für meinen Vater die Orgel gespielt.
Bei der Großmutter u.a. ihr Lieblingsstück (Largo aus Xerxes von Händel) und bei meinem Vater eine niederländische Liedbearbeitung über "So nimm denn meine Hände".
Für mich war es in beiden Fällen mein ganz persönlicher Abschied. Beim spielen habe ich mein komplettes Umfeld (einschließlich knarrender Orgelbank) komplett ausgeblendet (was mir sonst nicht so gelingt).
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« Antworten #9 am: 21. November 2017, 20:01:04 »

Das muss jeder sicher selbst entscheiden, andere können nur eigene Erfahrungen beitragen.
Ich habe vor ungefähr 1 einhalb Jahren die Trauerfeier meines Vaters gespielt und ich bin sehr froh darüber. Für mich war es dann ein sehr persönlicher Abschied, genau wie für meine Mutter und meine Geschwister.
Die Tränen kamen erst nach dem Schlussakkord.
Ich würde es wieder machen - außerdem weiß ich schon jetzt was meine Mutter sich wünscht wenn es einmal so weit sein sollte.
Wenn du dich selber in der Lage dazu siehst, mach es. Ich hätte es im Nachhinein bedauert es nicht gemacht zu haben.

LG
Christoph
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