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Autor Thema: Vorsicht Satire!  (Gelesen 618 mal)
Wichernkantor
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« Antworten #10 am: 11. November 2017, 09:38:00 »

Es hat nur wenige gegeben, die eine so hohe DIchte und Vielschichtigkeit an Pointen zustande bringen konnten wie er. Man kann vieles von ihm mehrfach gucken oder lesen und entdeckt immer wieder neue Pointen, die einem vorher entgangen waren, weil man noch über etwas anderes schmunzelte, lachte oder nachdachte.

So isses!! Kongenial ist seine "Rezension" des Bahn-Kursbuches - "mit den Worten ... in Saarbrücken Hauptbahnhof kann mit Anschluss nicht gerechnet werden ... endet das Werk" herrlich!

Das große Loriot-Buch gehört zu meiner Handbibliothek in der Redaktion. Und die Volontäre sind enthusiasmiert, wenn ich daraus gelegentlich "Dichterlesung" halte ...

Irgendwer (vermutlich ein kluger Mensch) hat mir mal das gesamte filmische Werk Loriots auf DVD geschenkt - alle Sketche, alle Filme. Ein Quell des Vergnügens bis an mein Lebensende. An so manchem "gemütlichen" (O-Ton Frau Hoppenstedt: "Opa, jetzt sei doch mal gemütlich ...") Abend haben wir uns "Odipussi" eingeworfen - immer mit dem von Dir beschriebenen Effekt: Jedesmal entdeckt man eine bislang verborgene Finesse. Und sei es nur im Bildhintergrund. Loriot war ein akribischer Arbeiter am Detail. Auch der Klavier-Sketch ist an solchen Nuancierungen kaum zu toppen - "Mutter, wir danken Dir" *würg* ...

LG
Michael
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wohli
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« Antworten #11 am: 11. November 2017, 09:43:28 »

Diese Mixtur aus Heimatidyll und einem hochradig makabren Geschehen ist nicht zu toppen ...

"Die sechs Pakete, heil'ger Mann, 's alles, was ich geben kann ..."

 Zwinkern
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Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten [Friedrich Schiller (1759-1805), Wilhelm Tell (III,1)]
wohli
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« Antworten #12 am: 11. November 2017, 11:08:28 »

Ein Geniestreich sonder gleichen ist auch seine Bundestagsrede:

http://www.cdu-sievershuetten.de/Loriot_Bundestagsrede.pdf

 Engel
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Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten [Friedrich Schiller (1759-1805), Wilhelm Tell (III,1)]
Wichernkantor
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« Antworten #13 am: 11. November 2017, 12:56:49 »

" ... das muss in diesem Hause mit aller Deutlichkeit - und gerade Sie, meine Herren von der Opposition ..."
Ach ist das köstlich.  Lachen

Ich hatte mal in den späten 80er Jahren das Vergnügen, ein Interview mit ihm zu führen und habe ihn gefragt, nach welchem "Rezept" er arbeitet.
"Scharf beobachten, leicht überzeichnen und dazu einen Schuß Surreales", lautete seine Antwort.

LG
Michael
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Machthorn
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« Antworten #14 am: 11. November 2017, 13:02:38 »

Zitat
"Scharf beobachten, leicht überzeichnen und dazu einen Schuß Surreales"
Das merkt man! Beispielsweise die beiden Männer in der Badewanne: Das typische Reviergehabe erwachsener "Erfolgstypen" scharf beobachtet, leicht überzeichnet, und dann in eine komplett surreale Umgebung verlegt. Aber auch das nicht als Selbstzweck, sondern weil diese Umgebung das Verhalten der Männer entlarvt.
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Gloria Klassik 226 Trend
pvh
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« Antworten #15 am: 11. November 2017, 14:04:38 »

Hallo,
[...]Ich hatte mal in den späten 80er Jahren das Vergnügen, ein Interview mit ihm zu führen [...]
interessant. Und gab er sich so wie in seinen Rollen oder völlig anders?

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.
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Wichernkantor
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« Antworten #16 am: 11. November 2017, 15:21:00 »

Hallo,interessant. Und gab er sich so wie in seinen Rollen oder völlig anders?

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

Das Interview fand statt auf einer stilvollen schmiedeeisernen Bank im barocken Kurpark eines fränkischen Staatsbades - vor der ebenso stimmigen Kulisse eines Nobelhotels, in dem seine weitverzweigte Familie ein Sippentreffen hielt. Der Direktor dieses Hotels gehörte zu meiner Amigo-Szene und hatte mir verraten, dass sein Haus gerade Loriot beherbergt. Ich hab' ganz dreist angerufen und mit seiner Frau palavert, die dann meinte: "Das macht er, ich schicke ihn nach dem Mittagessen vorbei."
Loriot kam - wie es sich gehört - im korrekten Dreiteiler. Mit penibel gerolltem Regenschirm, man weiß ja nie. Und die Treffsicherheit seiner Formulierungen stand denen in seinen Sketchen kaum nach. Wir hatten beide einen Mordsspaß, in dem wir erst mal den promenierenden Kurgästen zugesehen und anhand der Akteure seiner Sketche Typenstudien getrieben haben ...

Natürlich haben wir heftig über die Journaillenzunft abgelästert und über die dümmlichen Fragen, die ihm Lokalredakteure normalerweise stellen ...
Reporter Schmöller ließ heftig grüßen ...

Meine letzte Frage war natürlich, ob es im Hotel auch Kosakenzipfel gebe ...  Lachen
Die Antwort: "Das sollten wir ausprobieren" ...
Damals haben wir noch im Lichtsatz gearbeitet - nix Desktop Publishing und Bildschirmumbruch. Redaktionsschluß war gnadenlos um 16.00 Uhr. Deshalb unterblieb das Experiment. Leider ...

LG
Michael


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« Antworten #17 am: 11. November 2017, 19:02:45 »

Dann gibt es noch die "Neue Frankfurter Schule":

z. B. die Arschgesichterkonferenz von Robert Gernhardt:

https://www.youtube.com/watch?v=EyI0Nr245xc

oder von demselben:

Ich sprach

Ich sprach nachts: Es werde Licht!
Aber heller wurd' es nicht.

Ich sprach: Wasser werde Wein!
Doch das Wasser ließ dies sein.

Ich sprach: Lahmer, Du kannst geh'n!
Doch er blieb auf Krücken stehn.

Da ward auch dem Dümmsten klar,
dass ich nicht der Heiland war.



Michael
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« Antworten #18 am: 11. November 2017, 19:20:13 »

Na ja, Gernhardt bevorzugt ein zweihändiges Richtschwert, Loriot eher das Florett.  Lachen

Der Chorsatz dazu ist ja herrlich - auch hier die Mischung aus Idyll und einer in die Pervertierung gewendeten Wirklichkeit ...

LG
Michael
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