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Autor Thema: Fachliteratur über Pfeifenorgelbau  (Gelesen 945 mal)
Wichernkantor
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Beiträge: 3751


« am: 06. November 2017, 14:25:44 »

Da offenbar Nachfrage zum Betreff besteht, hier ein paar Literaturhinweise aus meiner Bibliothek:

Es handelt sich um die jedem interessierten und mathematisch-technisch versierten Laien zugänglichen Standardwerke aus mehreren Epochen - vieles ist vergriffen, aber das meiste dürfte (ggf. mit etwas Geduld) antiquarisch zu beschaffen sein. Bewusst ausgeklammert habe ich Orgelmonographien, Orgelbestandsaufnahmen ("Orgeln in XY") und Dispositionssammlungen.

Für einen ersten Überblick über die diversen Bereiche und Aspekte im Orgelbau ist immer noch Wolfgang Adelungs "Einführung in den Orgelbau" ein guter Griff. Nach der Erstauflage von 1955 hat es mehrere Neuauflagen geben, Breitkopf hat das Buch immer noch im Sortiment:

https://www.breitkopf.com/work/243/einfuhrung-in-den-orgelbau

Wer es etwas differenzierter haben will und keine Angst hat vor viel Physik und vielen Tabellen und Formeln, der kommt nicht am "Handbuch der Orgelkunde" von Wilfried Ellerhorst vorbei.
Das Original erschien 1935 bei Benziger in Einsiedeln - Ellerhorst war Organist im dortigen Kloster. 1975 erschien ein zweibändiger Nachdruck bei Frits Knuf in Buren, NL, den ich besitze. Danach muss es nochmal dreibändig aufgelegt worden sein, denn im "Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher" ZVAB habe ich folgenden Eintrag gefunden:

https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=18135940438&searchurl=kn%3Dellerhorst%2Bhandbuch%2Bder%2Borgelkunde%26hl%3Don%26sortby%3D20

Der Klassiker unter den Lehrbüchern, seit gut 150 Jahren das Standardwerk, ist das vierbändige "Lehrbuch der Orgelbaukunst" von Töpfer/Smets. Zuletzt wurde es unmittelbar nach dem II. Weltkrieg aufgelegt, ich besitze die letzte Ausgabe aus dem Rheingold-Verlag in Mainz aus 1960.
Im ZVAB werden oft nur einzelne Bände angeboten. Wenn das gesamte Werk offeriert wird, geht der Preis schnell mal in den gehobenen dreistelligen Bereich.

Der Klassiker aus dem 18. Jh, das erste umfasssende Kompendium, kommt aus Frankreich: Der Benediktiner Dom Bedos de Celles schrieb "L'art du facteur d'Orgues" zu deutsch: die Kunst des Orgelbauers.
Deutsche Übersetzungen gibt es als bibliophile Gesamt- und Prachtausgabe mit allen Originalzeichnungen und Abbildungen des Verfassers im Faksimiledruck. Oder als reiner Textteil in einer ebenfalls guten deutschen Übersetzung. Ich habe davon ein Exemplar bei Amazon gefunden - der Preis ist stattlich.
Das Werk beschreibt indes in aller Ausführlichkeit und Vollständigkeit jeden Arbeitsgang, der zum Bau einer klassischen französischen Orgel nötig ist. Weshalb es heute noch Pflichtlektüre an der Meisterschule in Ludwigsburg ist - vor allem für die, die nach historischen Prinzipien arbeiten und bauen wollen.

https://www.amazon.de/kleine-Dom-Bedos-Kunst-Orgelbauers/dp/3921848059

Einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte und die Wurzeln der Elsässischen Orgelreform, eine der Quellen der "Orgelbewegung", gibt "Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst" von Emile Rupp. Mein Exemplar ist ein Nachdruck der Erstausgabe von 1928, erschienen 1981 bei Olms in Hildesheim. Rupp beschreibt die verschiedenen Entwicklungslinien und Bauprinzipien im Orgelbau bis zur spätromantisch-sinfonischen Orgel, die nach dem I. Weltkrieg letztlich zur Reformbewegung führte. Die deutsch-romantische Orgel kommt dabei nicht gut weg. Den ganzen ideologischen Kram muss man sich wegdenken. Aber es bleiben genug wissenswerte Fakten und manche scharfsinnige Analyse.
Bei ZVAB gibt es sogar noch Originalausgaben, während mein Exemplar nirgendwo zu finden war:

https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/die-entwicklungsgeschichte-der-orgelbaukunst/autor/rupp/

Wer sich näher mit den Bau- und Gestaltungsprinzipien der Orgeln Gottfried Silbermanns befassen will, sollte "Gottfried Silbermanns Orgelklanggestalt" von Frank-Harald Greß lesen. Ich habe die Lizenzausgabe von Breitkopf aus 1989, Greß lebte und arbeitete in der DDR, das ist an manchen Sprachwendungen und Deutungen herauszulesen, tut dem Verdienst aber keinen Abbruch, die Instrumente und ihre Strukturen erforscht und kategorisiert zu haben.
Im ZVAB finden sich gleich mehrere Exemplare:

https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/die-orgeln-gottfried-silbermanns/autor/frank-harald/

Ein reizvolles Bild in die Gedankenwelt eines OSV im kriegszerstörten Deutschland gibt "Neuzeitlicher Orgelbau" von Paul Smets aus 1949. Er entwickelt Visionen, die im Sande verlaufen sind, u.a. recht spannende Theorien zum Bau entlegener Aliquoten, deren Mensuration und Intonation.
Bei ZVAB gibt es auch die ersten Auflagen von vor dem Krieg. Ich halte die letzte aus '49 aber für die, die am ehesten lesenswert ist.

https://www.zvab.com/buch-suchen/titel/neuzeitlicher-orgelbau-die/autor/smets/

Das Zeug zum Standardwerk der Gegenwart hat "Die Geschichte der Orgel" von Roland Eberlein, 2011 bei Siebenquart erschienen. Eberlein schreibt weniger eine Chronologie. Vielmehr beschreibt er Phänomene, wie das Entstehen der Werkorgel, das Aufkommen des Cornetts, die Ausprägung der verschiedenen Orgellandschaften etc.
Ich halte das für einen klugen Ansatz, zumal sich das alles sehr gut liest und schlüssig entwickelt ist.
Falls noch jemand was für den Wunschzettel braucht, wäre das mein Tipp.

https://www.eurobuch.com/buch/isbn/9783941224018.html

Ich habe noch ein paar Regalmeter mit Wälzern, die dann teilweise sehr ins Detail gehen und die ich Euch erspare. Aber wenn mal jemand was Spezielles sucht: Ich dürfte das meiste in meinem Fundus haben - oder zumindest wissen, wo es zu bekommen ist.

LG
Michael
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geris
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« Antworten #1 am: 06. November 2017, 14:31:26 »

Hallo Michael,

vielen Dank für die Infos.  Danke

Viele Grüße
Gerd
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Ebi
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« Antworten #2 am: 06. November 2017, 18:11:41 »

Hallo Michael

Merci vielmals für die Zusammenstellung der Literatur und die Kommentare dazu. Das Buch von Roland Eberlein interessiert mich besonders, jedoch ist es leider im Moment vergriffen....

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Beste Grüsse aus der Schweiz
Eberhard Brune
Wichernkantor
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« Antworten #3 am: 06. November 2017, 19:32:23 »

Hallo Michael

Merci vielmals für die Zusammenstellung der Literatur und die Kommentare dazu. Das Buch von Roland Eberlein interessiert mich besonders, jedoch ist es leider im Moment vergriffen....

Versuch's mal hier:

https://www.buchhandel.de/buch/Die-Geschichte-der-Orgel-9783941224018

Da gilt es als lieferbar.

LG
Michael
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Bass-Coppel
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« Antworten #4 am: 06. November 2017, 22:34:49 »

Hallo Ebi,
versuch doch mal diesen Link:
https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=9&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjN7_7t76rXAhXJuBoKHVxTA2MQFghfMAg&url=https%3A%2F%2Fwww.hieber-lindberg.de%2FDie-Geschichte-Der-Orgel-Eberlein-Roland-978-3-941224-01-8-189434.html&usg=AOvVaw3dJo6x1eioYV51oRG9p-bB
Hier soll momentan noch ein Exemplar lieferbar sein.
MfG.
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Bass-Coppel
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« Antworten #5 am: 06. November 2017, 22:41:20 »

Hallo Michael,
auch von mir ein großes  Danke für die hilfreiche Zusammenstellung dieser Fachliteratur.

MfG.
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Martin78
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WWW
« Antworten #6 am: 06. November 2017, 22:58:38 »

Hallo Michael

Merci vielmals für die Zusammenstellung der Literatur und die Kommentare dazu. Das Buch von Roland Eberlein interessiert mich besonders, jedoch ist es leider im Moment vergriffen.

Hallo Ebi,

dieses Werk kann ich auch nur empfehlen, hab es mir damals gleich nach Erscheinen bestellt. Das ist seinen Preis-wert.

Als Vorgeschmack und voluminöser Appetithappen ein umfangreicher Auszug daraus, in gleicher Gliederung wie das eigentliche Buch.

LG
Martin
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Gloria Concerto 350 Trend
basson16
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« Antworten #7 am: 06. November 2017, 23:53:14 »

Hallo Michael,

vielen Dank für die Liste!  Danke Es ist ja doch recht erstaunlich, dass es kein Lehrbuch jüngeren Datums gibt - zumal ja mittlerweile auch (dankenswerterweise) die Errungenschaften jüngerer technischer Entwicklungen im Orgelbau Einzug halten... Womit wohl in Ludwigsburg gelehrt wird?

Viele Grüße,
Johannes
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Wichernkantor
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« Antworten #8 am: 07. November 2017, 07:18:43 »

Womit wohl in Ludwigsburg gelehrt wird?

Viele Grüße,
Johannes

Na, an den Bauprinzipien für eine haltbare, gut klingende Orgel hat sich seit 300 Jahen nix Grundlegendes geändert. Nach dem "Dom Bedos" lässt sich eine gut funktionierende und gut klingende Orgel bauen. Bei kreativer Anwendung sogar eine der Spätromantik. Die technischen Neuerungen sind meistens Sache von Spezialisten. Das meiste Fachwissen im Orgelbau-Handwerk wird nicht an der Meisterschule gelehrt, sondern im Lehrbetrieb von Generation zu Generation tradiert. Ich kannte z.B. einen Orgelbauer in Luxemburg, der in den Blütejahren des orgelbewegten Purismus verbeulte Streicher aus Zink - damals klassisches Entsorgungsmaterial bei Generalüberholungen und Verschlimmbesserungen romantischer Instrumente - zum Singen brachte. Das hatte ihm kurz nach dem Krieg in seinem Lehrbetrieb (natürlich Walcker, wer sonst?) ein alter Meister beigebracht. Und von diesem Können zehrte er, als allmählich das Interesse an den Orgeln der Jahrhundertwende wieder erwachte und man begann, Zinkgamben nicht durch Pommer zu ersetzen, sondern sie in Neu- und Erweiterungsbauten zu integrieren.

Dieselbe Zeitlosigkeit trifft auf Töpfer/Smets zu. Die Arbeitsabläufe sind heute noch dieselben, wie dort vor 150 Jahren beschrieben. Im Lauf der Zeit sind lediglich die Werkzeuge besser oder zumindest effizienter geworden. Dauerte das Abrichten einer Windlade und das Bohren der Stöcke in Handarbeit noch in den 80er Jahren des 20. Jh. Wochen und Monate, arbeitet eine CAD-Fräse mit digitaler Steuerung heute aus dem verleimten Block in knapp einer Stunde sämtliche Windführungen und Kanäle heraus - in einer Präzision und Qualität, die unglaublich ist. Ist habe so ein Ding in der Werkstatt eines Freundes in Slowenien bei der Arbeit gesehen. Wahnsinn!
Nur in der Pfeifenmacherei, vor allem in der Zungenfertigung, ist noch alles Handarbeit - wie vor 300 Jahren. Der Schmelzofen wird halt nicht mehr mit Holzkohle, sondern elektrisch befeuert.

Rensch hat vor Jahren in seinem Fachverlag viel von dem publiziert, was ein Meister können muss, vor allem auch für die betriebswirtschaftlichen Fächer. Aber wenn es um das rein Handwerkliche geht, gilt nach wie vor das, was in den alten Standardwerken steht.

LG
Michael

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basson16
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« Antworten #9 am: 08. November 2017, 20:23:37 »

Dann werde ich mich mal an den "Dom Bedos" halten... Praktischerweise gibt es die Texte dazu unter http://dom-bedos.hydraule.org  Geheimtipp - da werde ich wohl mein Schulfranzösisch wieder aufwärmen dürfen.

Viele Grüße, Johannes
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