Seiten: [1] 2 3 4   Nach unten
Drucken
Autor Thema: Eine schöne Entdeckung ...  (Gelesen 2828 mal)
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3824


« am: 25. Juli 2017, 08:51:58 »

... habe ich vergangenen Sonntag gemacht - und das gleich hier in der Nähe. Ich bin ja eigentlich in Urlaub. Aber Freitagabend erreichte mich dann eine Vertretungsanfrage für einen erkrankten Organisten aus einem kleinen Dorf hier in der Nähe, in dem ich vorher noch nie gewesen bin, obwohl es gerade mal 20 Kilometer entfernt am östlichen Rand des Westerwaldes liegt. Der 300-Einwohner-Ort liegt halt nicht irgendwo am Weg, d.h. wer da nicht hin muss, kommt nicht durch. Der einstige Landesherr, einer der gefühlten tausend Solmser Grafen, hatte das Dorf Ende des 17. Jh. als Kolonie für Hugenotten angelegt, die Ludwig XIV. aus Frankreich vertrieben hatte.
In meinen Orgel-Inventarlisten war der Name "Daubhausen" ein weißer Fleck. Ich vermutete, dass mich da eine der regionaltypischen Nachkriegs-Försterinnen mit I/7 und Einheitsdisposition nach Pfarrer Theodor W. erwarten würde, eingebaut in ein altes Gehäuse. Förster-Nicolaus nahm bisweilen die seltsamsten Verbiegungen hin, um einem historischen Gehäuse eine seitenspielige Anlage zu verpassen. Da kann dann schon mal Pedal-e0 unter Manual-f1 liegen, Hauptsache, man kriegt den vom "Experten" seinerzeit für unerlässlich erklärten Pedalumfang C-f1 hin ...
Also packte ich für den Fall der Fälle auch etwas manualiter-Literatur ein.
Ich fand vor: Ein Schätzchen mit I/12 aus dem Jahre 1822 des herzoglich-Darmstädtischen Hoforgelbauers Bürgy aus Homburg v.d.H. Eine mit Akribie restaurierte Schwester, die ich sehr schätze, steht in der ev. Kirche in Leun.
Die Orgel war urprünglich gebaut für die alte Kirche in Biskirchen. Das ist ein Nachbarort von Leun. Und der Bau der Orgel war sicher ein "Anschlußauftrag" an das gelungene Leuner Instrument. Den Biskirchenern wurde ihre Kirche zu klein, sie bauten kurz vor der Jahrhundertwende neu und verkauften ihre Orgel nach Daubhausen. Da hat sie offensichtlich alle Modernisierungswellen überlebt, indem sie einfach funktionierte und klang.
Irgendwann wurde wohl dann die seitliche Spielanlage marode. Und ein kluger Restaurator hat sie dann (wohl in den 70ern) erneuert und auf Norm gebracht. Er hat nicht an den Umfängen herumgefummelt, so dass eigentlich nur die Manualklaviatur und das Pedal ausgetauscht wurden. Ich habe mich darauf spontan wohlgefühlt. Die klangliche Ästhetik der Werkstatt blieb gleichfalls unbefummelt. Salizional und Gedackt mischen sich zu einem feinen Prinzipalton, die dreifache Mixtur ist weich und voll, rundet das Plenum nach oben kompakt ab. Die Prinzipale 4' und 2' singen völlig unforciert. Das Kirchlein braucht kaum Mensur. Sogar die Trompete 8' mit einem dezenten, abgerundeten Ton bindet gut ein - und sie stimmte! Das hinterständige Pedal mit der für Bürgy typischen, geräumig angelegten Pedallade mit pyramidaler Pfeifenanordnung wurde wohl im gleichen Atemzug mit der Erneuerung der Spielanlage in ein vergittertes Schrankgehäuse an die Stirnwand der Kirche gestellt. Um an den Spielschrank und auf die rechte Seitenempore zu kommen, muss man über den Trakturkanal zum Pedal steigen. Er ist wohl knapp einen halben Meter hoch, so dass ich darunter ein liegendes Wellenbrett vermute.
Leider hat man bei dieser Maßnahme wohl in die Registersubstanz eingegriffen. Denn der in Bürgys Dorforgeln übliche Fagottbass 16', der bei der Leuner Schwester ein ungemein substantielles Bassfundament liefert, wurde gegen einen Choralbass 4' ausgetauscht. Durch die Gitter der Gehäusetüren war zu sehen, dass es sich um neues Material aus Naturguss handelt. Die Breite der im Original vorhandenen Pedallade ist so bemessen, dass - ebenfalls wie in Leun - hölzerne Stiefel für eine 16'Zunge mit Holzbechern bis 8' Länge darauf passen.
Der hölzerne Oktavbass 8' ist - falls er ebenfalls neu sein sollte - gut ins Klangbild hineinkomponiert. Da war dann jedenfalls jemand am Werk, der Ohren hat, zu hören.

Stell Dir vor, es ist Orgel und niemand weiß davon ...
Hätte ich ein halbes Jahr früher um dieses Schmuckstück gewusst, hätte ich es Matthias Grünert für die Orgelarena angedient. Wir sind nur zwei Kilometer daran vorbeigefahren ...

Ich habe den Dienst an dieser Orgel richtiggehend genossen, zumal die Gemeinde in Form kräftigen und metrisch exakten Mitsingens heftig applaudierte.

Die Kirchenvorsteher waren ziemlich baff, als ich ihnen hinterher klarmachte, was für ein Kleinod sie da in ihrer Kirche haben. Und ich habe gleich angemerkt, dass sich mit sehr wenig Aufwand die Originaldisposition wiederherstellen ließe - die Infrastruktur ist ja komplett vorhanden. Die Kanzellen sind darauf ausgelegt, eine 16'-Zunge zu speisen.

Auf jeden Fall werde ich da gern wieder spielen - und ich will da unbedingt nochmal hin und mit dem mittleren Besteck ein paar Klangdokumente sichern.

LG
Michael





Gespeichert
mvn
Erleuchteter
****
Beiträge: 254



« Antworten #1 am: 25. Juli 2017, 19:13:05 »

Auch mir aus der kleinen Schweiz ist eine Orgel "begegnet", die ich so noch nicht kannte.

Für unser diesjähriges Chor- Orchester- Projekt haben wir für unsere Musikwoche einen idealen Standort gesucht. Fündig wurden wir im Stiftsberg in Kyllburg (Eifel), die uns ideale Räumlichkeiten zum Musizieren und Wohnen anboten. Zugleich konnten wir die Benützung der Stiftskirche samt Orgel "einhandeln".

Die aktuelle Orgel in der Stiftskirche besteht aus aus ehemals 2 Orgeln - der Hauptorgel auf der Empore (1993 - 1994 Orgelbau Reinhart Tzschöckel (Althütte), sowie der Chororgel 1909 von der Orgelbaufirma Roberts & Co. (Leeds, Großbritannien) erstellt. Im Sommer 2015 wurde die Hauptorgel auf der Empore an den Spieltisch der Chororgel angebunden.Damals wurden diverse Register zu einem Solowerk zusammengefasst. Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_Kyllburg#Orgeln

Fazit: Die "Grundorgeln" sind absolut Romantisch geprägt. Bisher bin ich noch nie einer Orgel mit so vielen romantischen Registern begegnet.

Mit dem "Zusammenschalten" der beiden Orgeln im Chor und auf der Empore auf einen gemeinsamen Spieltisch in der Nähe des Chors konnte aus meiner Sicht eine einzigartiges, spezielles Instrument geschaffen werden.

Zu erwähnen ist noch, dass die Stiftskirche in Kyllburg baulich über eine spezielle Nachhall-Charakteristik verfügt - der Nachhall ist mehrere Sekunden lang (in keiner meiner Dienstkirchen habe ich vergleichbare Verhältnisse).

Zum Glück hatte unsere Musikleiterin für den Chor Werke von Ch. Gounod (Messe brève mit Orgelbegleitung), sowie D. Bortnianski (Pojte Bohu nasemu) ausgesucht - diese Stücke erklangen in der Stiftskirche wunderbar.

Gewisse Orchesterstücke (z.B. eine rassige Kirchensonate von Mozart) bereiteten uns Schwierigkeiten, da unsere Ohren für die Hallverzögerungen zu wenig geübt waren.

Da wir vor Ort wohnten, habe ich etliche Stunden an der Orgel verbracht. Nach dem Angewöhnen des extrem langen Nachhalls, stieg meine Freude an diesem speziellen Instrument.

Für mich eine besonders lehrreiche Erfahrung.

P.S. Das Abschlusskonzert haben wir dann in der Kirche Welzheim bestritten, die doch "normale" akustische Verhältnisse bietet.

LG Martin
Gespeichert



Gloria Concerto 234 DLX
Martin78
Calcant
*****
Beiträge: 1699


WWW
« Antworten #2 am: 25. Juli 2017, 20:58:40 »

In Kyllburg habe ich schon gelegentlich georgelt, aber noch leider nicht die Anbindung der (nun wirklich nicht grundstimmenreichen) Tzschöckeline an den Spieltisch der Engländerin in Augenschein genommen. Es wurde übrigens nur HW und Pedal angebunden!

Das Ambiente dort ist wirklich einmalig und der orgelbegeisterte Dechant Bender eine Seele von Mensch.
In der Kirche klingt der labiale 16' der Engländerin und der als Quintauszug daraus gewonnene akustische 32' an manchen Stellen der Kirche so dermaßen fett, dass man sich nur wundert!  Zwinkern
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Martin78
Calcant
*****
Beiträge: 1699


WWW
« Antworten #3 am: 27. Juli 2017, 07:19:26 »

Etwas OT: In der Kyllburger Stiftskirche findet am Sonntag das nächste Konzert des Himmeroder Orgelsommers statt, nachdem es in der Himmeroder Klosterkirche direkt unter der bekannten Klais-Orgel gebrannt hat. Glücklicherweise wurde niemand verletzt und das Feuer schnell entdeckt, sodass "nur" die hölzerne Orgeltreppe, die Energieversorgung der Orgel und das vor einigen Jahren ergänzte Röhrenglockenspiel ein Raub der Flammen wurden (Mitteilung aus dem Newsletter des Kustos der Konzertreihe, vgl. Beitrag im Pfeifenorgelforum). Tragisch ist es schon, da die Kirche und die Orgel nun verrußt sind und mindestens eine umfangreiche Reinigung ansteht, das Kloster als solches aber schon mehrfach zur Disposition stand.
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3824


« Antworten #4 am: 27. Juli 2017, 08:03:49 »

Auweia ...

Die Himmeroder Klaisine ist m.E. ein Kulturgut und ein Kulturdenkmal ersten Ranges - ganz, ganz großer Klais. Es wäre ein Jammer, wenn da kein Geld für eine fachgerechte Instandsetzung (im Idealfall durch den Erbauer) aufzutreiben wäre. Da dürfte sich die - in anderen Bereichen ja immer wieder verblüffend spendable - "öffentliche Hand" mal weit auftun ...

Zum OT: Sollte sich da ausführlicher Informations- und/oder Gesprächsbedarf ergeben, wäre das Thema sinnvoller in einem eigenen Thread aufgehoben.

LG
Michael
Gespeichert
Martin78
Calcant
*****
Beiträge: 1699


WWW
« Antworten #5 am: 28. Juli 2017, 23:01:19 »

Ein kleiner abschließender Link zum OT-OT Himmerod: Schaden dick sechsstellig (möglicherweise ne halbe Million), aber man ist versichert. Wenigstens etwas Glück im Unglück!  Prost! Freudensprung Putzen
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3824


« Antworten #6 am: 22. August 2017, 08:31:44 »

Ein kleiner abschließender Link zum OT-OT Himmerod: Schaden dick sechsstellig (möglicherweise ne halbe Million), aber man ist versichert. Wenigstens etwas Glück im Unglück!  Prost! Freudensprung Putzen

Ich habe gerade die CD mit Markus Eichenlaub an der Himmeroderin auf den Ohren (gbt's nicht im Internet, sondern m.W. nur im Klosterladen). Un da kann man nur hoffen, dass sie diese grandiose Orgel wieder genau so hinbekommen. Reger ("Orgelmesse" aus op. 59) klingt da einfach sagenhaft saftig und trotzdem durchhörbar. Ich habe noch eine LP mit Wolfgang Oehms und denselben Stücken am selben Instrument. Die Orgel belegt, dass das Haus Klais sich nie in die Extremrichtung der Orgelbewegung locken ließ. Viktor Lukas spielte in den 70ern auch die Mendelssohn-Sonaten als LP-Doppelalbum ein - steht ebenfalls in meinem Fundus. Es soll da ja auch was auf CD geben - *habenwill*.
Ich glaub', an einem der sonnigen Herbstsamstage ist der Klosterladen mal Ausflugsziel ...

Die späten Orgeln von Hans Klais aus den frühen 60ern verkörpern einfach mein Klangideal. Liegt natürlich daran, dass ich auf der Werkstattschwester der Himmeroderin in meiner Heimatstadt die ersten Gehversuche als Orgelsäugling gemacht und sie während meiner Lehrlings- und Studienjahre täglich bespielt habe. Ihr kompakter Prinzipalchor ist der bleibende Klangeindruck meines Lebens. An ihm habe ich alles Folgende gemessen - und das Wenigste konnte diesem Klang das Wasser reichen ...

LG
Michael



Gespeichert
ChristiansOrgel
Novize
*
Beiträge: 6



« Antworten #7 am: 08. Mai 2018, 10:08:21 »

Hallo Leute,

ich bin neu hier, Himmerod-Fan (ziemlich nah dran) und wollte etwas zum Stand der Himmeroder Klais-Orgel-Renovierung sagen:

Derzeit werden die Pfeifen nach und nach wieder von der Firma Klais eingebaut. Vorletzte Woche kamen die ersten Pfeifen wieder aus Bonn und in dieser Woche kommen die großen Prospektpfeifen wieder in die Orgel.
Auch das Röhrenglockenspiel, was den Brand nicht überlebt hat, wurde neu angefertigt und wird installiert.

Die Voxhumana, die bei der letzten Revision (2006) für das Krummhorn im RP (dafür ein Corno di Bassetto im OW) eingelagert wurde, wird meines Wissens auch jetzt nicht mehr verwendet. Schade.

Ich bin jetzt schon gespannt, wie die Orgel nach Neuintonation klingt. Sie soll wohl ein wenig kräftiger werden.

Termine:
27. Mai 2018 10 Uhr feierliche Wiedereröffnung der Kirche mit Hochamt (Hauptzelebrant: Bischof Stephan Ackermann)
10. Juni 2018 15 Uhr Orgel-Sinfonie-Konzert mit John Pike (Bariton) und David Briggs (Orgel)

Alle weiteren Termine der Abteikonzerte und des Internationalen Orgelsommers findet ihr auf:
www.abteihimmerod.de
Gespeichert
Wichernkantor
Moderator
*****
Beiträge: 3824


« Antworten #8 am: 08. Mai 2018, 12:26:41 »

Schön, dass es dort weitergeht.  Dafür

Ad multos annos!  Phantom

LG
Michael
Gespeichert
Martin78
Calcant
*****
Beiträge: 1699


WWW
« Antworten #9 am: 08. Mai 2018, 12:49:50 »

Hallo und Willkommen im Forum, und Dankeschön für die Infos!
Derzeit werden die Pfeifen nach und nach wieder von der Firma Klais eingebaut. Vorletzte Woche kamen die ersten Pfeifen wieder aus Bonn und in dieser Woche kommen die großen Prospektpfeifen wieder in die Orgel.
"(...) neu in die Orgel.", müsste es wohl heißen.

Ende März wurde bei uns eine Zeitungsbeilage "Himmeroder Engel" verteilt, darin gab ein Artikel die folgende Info: "Erst nach dem Ausbau der Pfeifen zeigte sich, dass einige der im Prospekt stehenden großen Pfeifen unter der Hitze gelitten hatten. Nur diese zu erneuern hätte dem Anblick geschadet und so sind wir dankbar, dass die Versicherung der Erneuerung sämtlicher Prospektpfeifen aus klanglichen wie ästhetischen Gründen zugestimmt hat."

Die zwölf tiefsten Pfeifen des Pedalprinzipals 16' waren übrigens im Originalzustand der Orgel mit Zinn plattierte Zinkpfeifen. Ob man das rekonstruiert?

An der Intonation der Orgel sollte man m.E. möglichst nichts verändern ...

LG
Martin
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Seiten: [1] 2 3 4   Nach oben
Drucken
 
Gehe zu: