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Autor Thema: Michaels Literaturliste  (Gelesen 2852 mal)
Wichernkantor
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« Antworten #10 am: 03. Juni 2017, 09:10:02 »

Teil IV: Choralbearbeitungen einzelner Komponisten

Dabei setze ich voraus, dass jeder sein „Orgelbüchlein“, die „Leipziger Choräle“ etc. von JSB hat – es soll auch Ausgaben geben, die Bachsche Choralvorspiele in die heute üblichen EG- oder GL-Tonarten transponieren. Ich besitze keine, da ich Bachs choralgebundene Orgelwerke als „Literatur“ verwende und nicht zur Choral-Einleitung.

Gleich nach dem „Orgelbüchlein“ und noch vor Regers op. 67 kommen für mich die „66 Choral-Improvisationen op. 65“ von Sigfrid Karg-Elert. Ich kenne keine weitere Sammlung von so differenziertem Formenreichtum und stilistischer Vielseitigkeit. Natürlich ist nicht alles, aber doch recht vieles mit wenig Aufwand zu spielen. In puncto Ausdeutung von Text- und Stimmungsgehalt ist Karg-Elert allein durch seine raffinierte Klangregie (die eine entsprechend dimensionierte Orgel voraussetzt) eine Ausnahmeerscheinung. Er bringt es fertig, aus den paar Takten von „Jesu, geh voran“ ein Stück von sinfonischem Zuschnitt und ebensolchen Dimensionen zu machen. Ich liebe vor allem die Festchoräle („Wachet auf“, „O Ewigkeit, du Donnerwort“, natürlich die heute populäre „Marche triomphale“ über „Nun danket alle Gott“. Dazwischen finden sich immer wieder reizende Miniaturen wie „Alles ist in Gottes Segen“, das in nur 20 Takten (auf drei Manuale verteilt!) vom „piano delicato“ bis zum „Organo Pleno“ führt. Schon Karg Elerts Vortragsbezeichnungen sprühen vor Esprit! Die Stücke gibt es in sechs thematisch gegliederten Heften (1. Advent/Weihnachten. 2. Passionszeit, 3.Neujahr, Ostern, andere Festtage, 4. Himmelfahrt/Pfingsten, 5. Reformationstag, Bußtag, Abendmahl, Totenfest und 6. Konfirmation, Trauung, Taufe, Erntefest) bei Breitkopf unter EB 8261 – 66. Meine Noten habe ich übrigens bei „Breitkopf & Härtel London, Dolphin Yard“, gekauft. 1974 waren sie nicht im deutschen Sortiment!! Dort habe ich auch Karg-Elerts „20 Prae- und Postludien (Choralstudien) für Orgel op. 78“ beschafft. Darin unter anderem ein pompöses Nachspiel über „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“  („alla Toccata“) und eine verträumte „Air“ über „Jesus, meine Zuversicht“. Das Heft gibt es jetzt wieder bei Breitkopf, Germany, EB 8269.

Die kleineren Choralvorspiele von Max Reger gehören ebenfalls in jede umfangreichere Orgelbibliothek. Sinnvollerweise besorgt man sich den Band 7 der Reger-Gesamtausgabe von Breitkopf (EB 8497), darin sind die „52 leicht ausführbaren Vorspiele zu den gebräuchlichsten ev. Chorälen op. 67“, „13 Choralvorspiele op. 79b“, „30 kleine Choralvorspiele op. 135a“ und „6 Choralvorspiele ohne Opuszahl“ enthalten, also bis auf die großen Fantasien das gesamte Choralschaffen Regers. Als Einstieg in die Tonsprache empfiehlt sich op. 135a, Reger hat es einem Mäzen und Hobby-Organisten gewidmet. Die Stücke sind wirklich leicht und trotzdem schon „richtiger“ Reger. Als „junger Wilder“ habe ich meine Gemeinde alladventlich mit „Macht hoch die Tür“ als Begleitsatz „confundiret“, bin darob auch „admoniret“ worden, erwies mich jedoch jahrelang als „incorrigibel“. Für viele der anderen Stücke verlangt Reger selbst einen „über eine souveräne Spieltechnik gebietenden Spieler“. Das Üben lohnt sich!

Wer es gern etwas leichter zugänglich und vor allem allgemeinverständlich hat (und wer hat schon eine substantielle „Reger-Orgel“?), kommt an J.G. Walther nicht vorbei. Sein reiches Choralschaffen ist in den meisten Standardsammlungen üppig verbreitet, üblicherweise in die alten EKG- oder neuen EG-Tonarten transponiert . Die textkritisch ausgezeichnete Neuausgabe der Choralbearbeitungen in drei Bänden von Klaus Beckmann (bei Breitkopf, alphabetisch geordnet, EB 8679 / 8680 / 8681) bietet die Originaltonarten, also oft zu hoch. Aber es ist nun mal die „wissenschaftliche“ und damit korrekte Ausgabe. Wer dennoch „mehr“ Walther will, trifft mit den „Orgelchorälen“ hg. von Otto Brodde bei Bärenreiter, (BA 379) eine gute Wahl. Brodde hat nur Bearbeitungen ausgewählt, die in den damaligen Bärenreiter-Sammlungen bisher nicht enthalten waren. Unter anderem eine große Partita über „Lobt Gott, ihr Christen allzugleich“. Wer Fortschritte in der choralgebundenen Improvisation machen will, kommt am intensiven Studium von Walthers (und Pachelbels) Arbeiten nicht vorbei. Das ist bestes Organisten-handwerk, spürbar „aus den Fingern“ gelaufen.

Ein gutes Stück leichter sind die „44 Choräle zum Präambulieren“ des JSB-Onkels Johann Christoph Bach, erschienen bei Bärenreiter (BA 285). Durchsichtiger Satz mit mäßiger Polyphonie (Imitationen, mehr oder weniger strenge Kanons) über Pedal-Orgelpunkten, trotz einfacher Faktur nie „simpel“ klingend. Ich habe die Sätze im Unterricht immer zum Einstieg in das Pedalspiel erarbeiten lassen.

In allen Sammlungen der Jahrhundertwende üppigst vertreten, dann 80 Jahre lang in „Verschiß“, jetzt wieder „hoffähig“: die Choralvorspiele von Christian Heinrich Rinck. Eine gelungene, praxistaugliche Auswahl in „neuen“ Tonarten gibt es, hg. von Ehrenfried Reichelt, bei Strube (VS 3239). Die rund 40 Bearbeitungen des Heftes passen zu mehr als 80 EG-Chorälen. Die formale Vielfalt und die reizvolle, frühromantische Harmonik strafen das vernichtende Urteil Lügen, das meine Lehrergeneration über diese Musik fällte.

Wer es lieber doch so richtig „barock“ mag und eine triofähige Orgel hat, sollte zu den „Choralvorspielen für Orgel“ von Georg Andreas Sorge greifen, hg. von Helmut Scheck bei Böhm & Sohn, Verlagsnr. 12694-72. 11 anmutige Choraltrios mit c.f. in Sopran, Tenor oder Baß und spätbarocker Klangsprache bei mäßigem Schwierigkeitsgrad machen viel Spielfreude. Aus dem Vorwort ist zu erfahren, dass weitaus mehr Choralvorspiele von Sorge überliefert sind. Darauf wäre ich nach Kenntnisnahme dieser Auswahl neugierig.

In der formalen Traditionslinie Rincks und der harmonischen Enkelschaft Mendelssohns steht der Berliner Orgelmeister Otto Dienel. Seine „43 Choral Preludes for Service use“, hg. von Bert Wisgerhof bei Willemsen/Huizen (Verl.Nr. 714), sind äußerst praxistauglich, klingen vor allem auch auf den „übriggebliebenen“ Dorforgeln der Jahrhundertwende und sind ausgesprochen gut gemacht. Dienel schreibt einen sehr durchsichtigen, klassischen Satz und verzichtet auf Effekthaschereien. Das Tonmaterial ist logisch aus dem jeweiligen c.f. entwickelt. Spielen kann das eigentlich jeder – und das war Dienels Absicht.

Wer hinter dem biederen Titel „Choralvorspiele für Dorforganisten“ von Max Drischner banale Kadenzenschusterei vermutet, wird Augen (und Ohren) machen. Drischner erwartet vom „Dorforganisten“ eine gehörige Portion Übefleiß und Fingerfertigkeit, erfordert aber nie wirkliche „Virtuosität“. Der Lohn der Mühe sind liebevoll gearbeitete, durchweg manualiter zu spielende Arbeiten in konventioneller, barocksierender Klangsprache. Der Band enthält jede Menge Improvisationsanregungen, was durchaus im Sinne des Erfinders ist. Erschienen ist das Heft bei Schultheiss in Tübingen, m.W. liegt der Vertrieb inzwischen bei Thomi-Berg. Mein Exemplar habe ich seinerzeit beim pro-organo-Versand in Leutkirch bestellt.                                                                                                                      
Eine weitere Drischner-Sammlung „Choralvorspiele für Orgel mit Pedal“ entspricht den selben Kriterien und erfordert obligaten Pedalgebrauch, was die Schwierigkeit aber nicht erhöht. Erschienen ist das Heft ebenfalls bei Schultheiss, genauso wie zwei Einzelausgaben von Drischners „Choralfantasien“: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Das sind schon richtige, „große“ Konzertstücke auf C-Prüfungs-Niveau. Letztere habe ich wegen des schönen Giguen-Charakters gern auf dörflichen Orgelweihen gespielt - vor allem, um die Trompete bzw. das Zungenplenum vorzuführen.

Eine weitere empfehlenswerte Sammlung mit handwerklich gediegenen Barock-Stilkopien: „Gottesdienstliche Orgelmusik im alten Stil“ nennt Paul Horn sein Heft, das bei Strube unter VS 3072 erhätlich ist. Der Autor hat 16 längere Choralbearbeitungen geschrieben, in denen der c.f. bevorzugt im Tenor liegt. Ideenreiche Kontrapunkte und mäßiger Schwierigkeitsgrad zeichnen die Stücke aus, die vor allem als Abendmahlsmusiken oder als längere Präludien zum Wochenlied gute Dienste leisten. Als Zugabe gibt es noch vier Präludien und Fugen in barockem Duktus, das in D ein richtig prunkendes „Festpräludium“ in organo pleno – leicht, aber nicht simpel, daher so richtig geeignet, Orgelschülern Erfolgserlebnisse zu verschaffen.

Einer der „orgelbewegten“ Komponisten von Gebrauchsliteratur zwischen den Weltkriegen war Paul Kickstat. Den Begriff „Gebrauchsliteratur“ sei hier nicht abwertend, sondern als Kompliment verstanden. Denn Kickstat liefert ausgezeichnete Vorspielliteratur. Er arbeitet – in einer jedem Hörer zugänglichen, konventionellen Tonsprache - nach den Prinzipien der barocken Affektenlehre und erfindet originelle, textausdeutende Kontrapunkte zu den Chorälen. Und das alles bei äußerst mäßigem Schwierigkeitsgrad. Ich selber mag die Trios am liebsten („Nun danket all und bringet Ehr“, „Lobt Gott, ihr Christen“, „Herzliebster Jesu“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ etc.), sie sind z.T. wirkliche kontrapunktische Kunststückchen und klingen auf jedem neobarock konzipierten Instrument ideal. Insgesamt gibt es sieben Hefte, erschienen bei Möseler unter M. 19.001 bis 19.007. Leider ist in jedem Heft das Alphabet das einzige Ordnungskriterium. Um das EG relativ flächendeckend zu erfassen, braucht man schon alle Hefte. Und da sie nicht thematisch oder nach EG-Nummern geordnet sind, geht dann das Suchen los. Möseler würde sich mit einer „sortierten“ Neuauflage wirklich verdient machen. Mein Gegenmittel: Schon vor Jahren habe ich mir die sieben Hefte in einen Band binden lassen, die Seiten neu paginiert und ein Register (mit Choralkonkordanz) nach Liedanfängen und nach (alten) EKG-Nummern erstellt. Das vermeidet Sucharbeit und hat dazu geführt, dass ich relativ regelmäßig zu der Sammlung greife. Ein neues EG-Nummernverzeichnis wäre eigentlich jetzt mal dran...

Im unfangreichen Oeuvre von Flor Peeters gibt es drei Sammlungen, die ich für spielens- und beachtenswert halte. „Thirty short Preludes on well-known Hymns“ op. 95, erschienen bei Peters, EP 6195. Schon der Titel zeigt, dass die Sammlung für den angelsächsischen Markt konzipiert ist. So umfasst die Auswahl überwiegend Choräle der Anglikaner, aber auch deutsche „Klassiker“ wie „Großer Gott, wir loben dich“ kommen vor. Schön ist an allen Peeters-Ausgaben, dass der jeweils zugrunde liegende Choral in (englischem) Text und Noten abgedruckt ist. Gerade diese nur wenige Takte zählenden Miniaturen eignen sich ausgezeichnet zur Einführung in Peeters’ linear-polyphone Tonsprache. Das meiste ist auch leicht zu spielen – wer mit der strengen legato-Zweistimmigkeit der r.H. in Quarten und Sexten Schwierigkeiten hat, sollte vorher in Peeters’ ausgezeichnete Orgelschule „ars organi“ Bd. II (erschienen bei Schott) die Etüden zum zweistimmigen Legatospiel in einer Hand intensiv durcharbeiten. Zwischenbemerkung: Ich halte diese dreibändige Schule, aus der ich selber gelernt habe, immer noch für die beste und didaktisch sinnvollste für Schüler, die es ernst meinen mit dem Orgellernen. (Wiewohl neuere Konzepte dem gesellschaftlichen Trend huldigen und den „Spaßfaktor“ betonen, womit sie – hoffentlich - der Schülergeneration anno 2005 einen wirklichen und keinen Bärendienst erweisen. Denn wer wirklich Orgel „spielen“, will, kommt nun mal ums „Pauken“ nicht herum.) Peeters’ Schule führt – immer einen guten Lehrer und viel Übefleiß vorausgesetzt - in drei, vier Jahren zur technisch souveränen Beherrschung des Instrumentes – vor allem zu einer grundsoliden Pedaltechnik. Außerdem enthält sie sehr viel wirklich wertvolle Literatur für „anfahende“ Organisten.                                                                                                                    
Etwas umfangreichere Choralbearbeitungen sind in der Sammlung „30 Chorale Preludes opp. 68, 69, 70 zusammengefaßt, erschienen in drei Heften bei Peters, EP 6023, 6024, 6025. Hier findet sich trotz englischer Titel und Texte durchweg deutsches (überwiegend ev. Bzw. ökumenisches) Choralgut. Der Schwierigkeitsgrad geht ebenfalls selten über C-Prüfungs-Niveau heraus. Auch die Klangsprache bleibt dem normalen Gottesdienstbesucher immer gut zugänglich.
Wer danach „Blut geleckt“ hat und noch mehr will, kriegt „Peeters bis zum Abwinken“ in den 24 Heften der „Hymn Preludes for the liturgical year, op.100“, die m.w umfangreichste Choralvorspiel-Sammlung eines einzelnen Komponisten auf diesem Planeten, ebenfalls bei Peters, EP 6401 bis 6424. Die Ordnung folgt dem Kirchenjahr, so dass man durchaus selektiv anschaffen kann. In diesen Heften findet sich wirklich alles, von der kleinen (ganz leichten) Choralbearbeitung mit 16 Takten bis zur (virtuosen) großen Choralfantasie oder zur konzertfähigen Partita. Natürlich schleicht sich in ein so umfangreiches Opus etwas „Massenproduktion“ ein. Aber der Formen- und Ideenreichtum des Komponisten ist schon sehr beeindruckend. Ich habe mir alle Bände mal vom Christkind bringen lassen (ansonsten wär’s ein teuerer Spaß geworden).

Nicht ganz so viel Eigencharakter haben die vielen Choralbearbeitungen, die Herbert Paulmichl in diversen Verlagen zu den Liedern des kath. GL veröffentlicht hat. Sie sind allesamt satztechnisch sehr gediegen, bisweilen etwas formelhaft, aber immer gut klingend. Paulmichl hat eine besondere Vorliebe für Kanonformen – cantus firmi im Oktav- oder Quintkanon sind allgegenwärtig. Fugen über Verszeilen, gelegentlich auch kleine Variationsformen sind in den – stets thematisch geordneten –Heften ebenfalls zu finden. Neun Hefte sind unter dem Titel „Orgelbüchlein zum Gottesdienst bei Doblinger erschienen (Hefte 1 – 6 Verl.Nr. 02 361 – 02 366, Hefte 7 – 8 Verl.Nr. 02 402 – 02 404. Besonders gut gelungen – da deutlich originellere Kontrapunkterfindung als in den übrigen Heften – sind die Bearbeitungen zu Advents- und Weihnachtsliedern in den Heften 1 und 9. Spielenswert ist auch ein kleiner Zyklus über „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ in Heft 4 („Lob und Dank“). Ich habe ihn mehrfach erfolgreich bei Orgelvorführungen verwendet.  
„Das liturgische Jahr“ heißt eine achtteilige Paulmichl-Heftreihe bei Butz (BU 1119 – 1126). Die Hefte enthalten z.T. längere Choralbearbeitungen, sind ebenfalls thematisch geordnet. Besondere Praxistauglichkeit hat Heft VIII, „kleinere Stücke zum Gotteslob“ (manualiter), überwiegend Lob- und Danklieder, Gesänge aus den Meßreihen des GL und Christuslieder. Heft VII mit Pedaltoccaten hat mehr Etüdencharakter als liturgische Berechtigung. Heft IV bietet u.a. eine große Fuge über „Lobe den Herren“ und ein klangprächtiges Präludium über „Erfreue dich, Himmel“. Schließlich hat Paulmichl noch bei „pro organo“ in Leutkirch veröffentlicht – wenn ich mich recht entsinne ebenfalls sechs oder sieben Hefte. (Leider hat der Verlag und Versand immer noch keine Homepage, deshalb kann ich es jetzt auf die Schnelle nicht recherchieren.) Die Reihe heißt „Choralvorspiele zum GL“. Ich selber besitze nur Band III (Verl.Nr. 1068) „Lob und Dank, Vetrauen und Bitte, Meßgesänge“. Die Edition zeichnet sich auch durch ein sehr gut lesbares Notenbild aus – in den Zeiten der Billig-(will sagen: primitiv)-Notensatz-Programme leider keine Selbstverständlichkeit.

Wirkliche Raritäten des Genres sind wieder bei „incognita organo“ der Harmonia Uitgave zu finden. Heft 34 (HU 3753) bietet Choralbearbeitungen von Johann Caspar Simon, stets nach dem selben Schema: Choralpräludium als Fugato, Choralharmonisierung mit den im Spätbarock offenbar weitverbreiteten einstimmigen Laufwerk-Zwischenspielen und dem „Choral im Bass variirt“. Das Heft enthält sechs Bearbeitungen aus dem EG mit Mehrfach-Verwendungsfähigkeit. Und alle sind sehr leicht zu spielen.

Acht Choralvorspiele von Gottfried August Homilius enthält Heft 27 (HU 3571), durchweg in Trioform bzw. mit c.f. auf einem Solomanual. „Schmücke dich, o liebe Seele“ steht als „Incertum“ im Anhang von Duprés Bach-Ausgabe (Bd. XII) – wenn das kein Kompliment ist! Sehr schöne, musikantische Sätze, an denen sich viel lernen lässt. Als Alternative bietet sich die Gesamtausgabe der Homilius-Choralbearbeitungen bei Breitkpopf an (EB 8541). Sie ist natürlich viel umfangreicher, hat Quer- statt Hochformat und den bei Breitkopf üblichen (hohen) drucktechnischen Standard.

Reizvolle kleine Partiten im „galanten“ Stil der Klassik von Karl Gottlieb Umbreit sind in Heft 33 der Harmonia-Reihe zu finden (HU 3713). Der Titel „Vier Choräle mit Veränderungen für das Pianoforte oder die Orgel“ weist den Inhalt als leicht spielbare manualiter-Literatur aus.
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« Antworten #11 am: 03. Juni 2017, 09:12:19 »

Drei größere Choralbearbeitungen des Merseburger Domorganisten August Gottfried Ritter (1811 – 1885) sind in Heft 22 (HU 3443) erschienen. Sie stellen etwas höhere technische Anforderungen, vor allem im Pedal. Eine ausführliche Bearbeitung über „Jesu, meine Freude“ (fast eine Choralfantasie) führt das Pedal über weite Strecken in Oktavgängen – bei einer bis zur Mixtur reichenden Pedaldisposition kann man natürlich mogeln und die Oktavierung weglassen. Aber ich hatte sportlichen Ehrgeiz und kam trotz mattglänzender Dupré-Technik ganz schön ins Schwitzen, bis ich die Passagen „drauf“ hatte – zumal ich die „Freude“ durch entsprechendes „Allegro furioso“ unterstreichen wollte.

„Orgelmusik der Klassik und Frühromantik“ heißt eine Serie bei Bärenreiter. Heft 2 (BA 6448) enthält „Choralpräludien des Dresdeners Christlieb Siegmund Binder (1723 – 1789). Die Faktur der 12 Stücke ist weitgehend identisch. In ein freies Präludium vom mäßigem Schwierigkeitsgrad und gefälliger Motivbildung ist ein Choral zeilenweise eingebettet – sinnvollerweise auf einem schwächer registrierten Nebenmanual zu spielen. So entstehen reizvolle Kontrastwirkungen. Die Stücke eignen sich auch als gottesdienstliche Festpräludien, da die Auswahl die wesentlichen Festchoräle umfasst. Nur „Ein feste Burg“ ist als – sehr locker gebaute – Fuge angelegt.

Unbedingt mehr Beachtung verdienen die Choralvorspiele von Johann Ludwig Krebs. Band III der Krebs-Gesamtausgabe von Breitkopf (EB 8415) bietet einen reichen Fundus. Die Stücke stehen stilistisch in der Bach-Tradition, liegen in der Länge zwischen denen von Bachs „Orgelbüchlein“ und den „Leipziger Chorälen“. Etwas leichter macht es der Band IV (EB 8417), „Clavierübung“ betitelt, jeweils aus (manualiter-)„Präambulum“, „Choral“(-Bicinium) und einem „Choral alio modo“ mit Generalbassbezifferung bestehend. Beide Bände sind als Vorübungen und/oder „Beikost“ zu Bachs Choralwerk allerwärmstens (sozusagen „heiß“) zu empfehlen.

„Leichte Choralvorspiele für Orgel op. 105“ von Johann Christian Heinrich Rinck, erschienen bei Carus, Verlagsnr. 18.105. Choralvorspiele von Rinck fand man bisher fast nur in den Uralt-Sammlungen, die auf vielen Orgelemporen vor sich hin modern. Und die meisten standen einen Ton oder eine Terz zu hoch. Carus hat aus Rincks opulentem Oeuvre „für einfache Verhältnisse“ einen Band mit Choralvorspielen zu 155 Melodien des EG und des GL zusammengestellt, natürlich in die jeweiligen Tonarten transponiert und mit einer ökumenischen Titel- und Nummernkonkordanz versehen. Die Stückchen umfassen jeweils eine Druckseite, selten ist der Choral mehr als einmal vollständig zitiert. Formal gibt es Fughetten über eine Verszeile, c.f.-Durchführungen in wechselnden Lagen oder eher freithematisch-harmonische Introduktionen. Allen gemeinsam ist ein minimaler bis mittlerer Schwierigkeitsgrad. Und in Rincks handwerklich gediegene „Massenproduktion“ hat sich an etlichen Stellen erfreuliche Originalität eingeschlichen. Wäre ich noch Mitglied einer Prüfungskommission, würde ich aus diesem Band in der C-Prüfung vom Blatt spielen lassen. Denn wer einen vierstimmigen Choralsatz prima vista spielen kann, der schafft das auch. Zur weiter oben besprochenen Rinck-Sammlung von Strube gibt es nur zwei Doubletten. Einziger (dicker) Wermutstropfen: Der Band kostet 59 Euro und ein paar Cent. Das ist ganz schön happig! Und ich finde, für soviel Geld hätte Carus einen stabileren, festen Einband spendieren können. Denn den braucht dieses „Orgelbüchlein der Frühromantik“, da es sich schnell zum vielgenutzten Handwerkszeug entwickeln wird. Deshalb empfehle ich Euch/Ihnen, mal mit der Kirchengemeinde - unter Verweis auf die hohe Praxistauglichkeit - zu verhandeln, ob sie den Notenkauf sponsort.

Schon seit einiger Zeit stand der seit Jahren vergriffene Band „Schwäbische Orgelromantik“, hg. von Karl Gerok, erschienen bei J.B. Metzler, Stuttgart, ganz oben auf meinem Wunschzettel. Unsere Biliothekarin gab mir den Tip, es mal im „Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher“ zu versuchen. Und in der Tat: unter www.zvab.de mit Suchwort „Schwäbische Orgelromantik“ tauchten gleich mehrere Exemplare in diversen Notenantiquariaten auf. Der Band, den ich dann gekauft habe, war in tadellosem Zustand, quasi neuwertig, und hat mich 11 (!) Euro gekostet. Dafür habe ich 75 Choralvorspiele auf 107 Seiten gekriegt! Und jede Seite lohnt sich. Zwar finden sich ein paar Doubletten zu den neuen Sammlungen zum EG bei Breitkopf und Bärenreiter. Aber das meiste ist nicht mehr greifbar - so zum Beispiel etliche mit viel Klangsinn gearbeitete Vorspiele von Karl Hasse. Auch der Herausgeber, ehemals Stuttgarter Stiftsorganist, hat ein paar gediegene Stimmungsbilder hinzugefügt. Absolutes Rarissimum: Kompositionen des berühmten Pianisten Wilhelm Kempf, der ja aus einer Pfarrers- und Organistenfamilie stammte. Der Band ist der tönende Beweis dafür, daß sich romantisches Klangempfinden und gekonnter polyphoner Satz nicht ausschließen. Wer schnell ist, erwischt vielleicht noch ein Exemplar!

Am Sonntag der Bundestagswahl (2005) habe ich mir einen besonderen Spaß gemacht: Ich habe im Gottesdienst Musik von (Hermann) Schroeder und (Gustav Adolph) Merkel gespielt. Von letzterem besitze ich - neben einigen Sonaten in der Traditionslinie Mendelssohns - einen Band mit Choralvorspielen aus dem Carus-Verlag (CV 18.103). Er enthält 56 Vorspiele zu Liedern des EG und des GL. Die Stücke umfassen meistens eine Druckseite, sind überwiegend polyphon oder imitatorisch gearbeitet, gehen harmonisch nicht über Mendelssohn hinaus und klingen gerade aud frühromantischen Orgeln mit vollen, sonoren Prinzipalen und runden Flöten ausgezeichnet. Merkel war Hoforganist in Dresden genoß zu Lebzeiten hohes Ansehen. Wie immer bei Carus ist der Preis für den Band saftig, wie immer sind Notenbild und Druckqualität exzellent - Carus und Breitkopf haben m.E. derzeit die besten Druckbilder.

Weniger streng in der Form, dafür etwas lautmalerischer und harmonisch ausladender sind die - nicht längeren und nicht schwierigeren - Choralbearbeitungen von Carl Piutti, ab 1880 Thomasorganist zu Leipzig. „Ausgewählte Choralvorspiele“ hat Hermann J. Busch bei Forberg herausgegeben. Die Auswahl - in den EKG-Tonarten - umfaßt 19 Stücke aus einer Sammlung von 200 Arbeiten. Wenn die Stücke für Piuttis Stil repräsentativ sind, dann würde ich gern auch die 181 restlichen kennenlernen. Denn da findet sich sehr viel Originelles rund um den c.f. - immer geeignet, eine Gemeinde nicht nur in die Melodik, sondern auch in die Stimmung des Chorals einzuführen. Auf irgendeiner sächsischen Orgelempore muß doch eine Originalausgabe zwei Weltkriege, die glorreichen „1000 Jahre“ und den ruhmreichen Sozialismus überdauert haben ... Dafür würde ich schon eine erkleckliche Spende für die Orgelrenovierung springen lassen. In irgendeiner anderen Sammlung - ich glaube, bei Breitkopf - gibt es ein Piutti-Choralvorspiel über „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ in wuchtigstem Akkordsatz und majestätischem Fortissimo. (Ich finde den Band gerade nicht. Er muß in der Kirche liegen.) Damit pflege ich gelegentlich Vorführungen meiner Expander-bewehrten Hausorgel abzuschließen. Das fegt noch an den Nachbarhäusern die Spinnweben von den Dachsparren!

Eine meiner diesjährigen (2012) Urlaubs-Entdeckungen sind die Choralvorspiele von Otto Heinermann (1887-1977). Ich hörte im Gottesdienst auf dem Darß in MeckPomm eine Einleitungsmusik über „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ im Stil einer Bachschen Kantaten-Ouvertüre und dachte: „Da oben sitzt entweder ein toller Improvisator oder jemand, der Literatur besitzt, die ich nicht kenne.“ Um ersteres zu klären und letzteres schleunigst zu ändern, habe ich den Kollegen post sacramentum heimgesucht und siehe: Er hatte einen Band „Orgelmusik der Spätromantik - Choralvorspiele von Otto Heinermann“, hg. von Hans Martin Balz bei Strube als VS 3034. 14 Tage später hatte ich den Band auch. Er enthält 23 z.T. längere und nicht immer leichte Arbeiten. Heinermann, der in Dortmund wirkte, saß - wie Karg-Elert - absolut sicher in allen stilistischen Sätteln. Romantische Meditationen, barocke Prunkmusiken, (damals) kühne Modernismen - das gesamte formale und harmonische Handwerkszeug aus vier Stilepochen stand ihm zu Gebote.

33 kleinere und leichtere Bearbeitungen von Heinermann hat Balz bei Merseburger als EM 1897 veröffentlicht. Heinermann hat in diesen Spätwerken zu einer etwas homogeneren Klangsprache gefunden und betont eher die Linien als die Harmonien. Daduch ergeben sich Reibungen, die aber nie als Härten empfunden werden. Das Notenbild ist etwas steil und hakelig (der Setzer hatte offenbar Probleme mit dem Teil des Satzprogramms, das für die optimalen Längen-proportionen der Notenhälse zuständig ist).

Johann Christian Kittel, Bach-Schüler und Übermittler der Bach-Tradition von der Klassik an die Romantik - hat zu Lebzeiten eine Sammlung mit „155 Chorälen nebst Vorspielen“ veröffentlicht. Darunter befanden sich - dem damaligen „empfindsamen“ Zeitgeschmack geschuldet - zahlreiche Einleitungen ohne Bezug zum c.f. Diese Stücke sollten lediglich in Tonart und „Stimmung“ des Chorals einführen - eine Praxis, die der Kittel-Schüler Rinck und sein Schülerkreis bis in die Mitte des 19. Jh. pflegen.                                                                                                
Wolfgang Stockmeier hat 50 Kittel-Vorspiele mit erkennbaren thematischen Bezügen ausgewählt und sie in zwei Bänden „50 Choralvorspiele“ in der Möseler-Reihe „Orgelmsuik aus Klassik und Romantik“ herausgegeben (M 19.219 und M 19.220). In Stockmeiers Auswahl geht es durchaus noch barock-plyphon, aber auch zunehmend klassisch-tonmalerisch zu. Wenn z.B. bei „Christ fuhr gen Himmel“ der c.f. mit aufsteigenden Skalen - erst in Achteln, dann in Sechzehnteln - kontrapunktiert wird, dann ist dieser Effekt zwar nicht neu (Bach machte es genauso), aber vordergründiger und auffälliger als in der barocken Affektenlehre. Da die Sammlung dem Alphabet folgt, empfiehlt sich der gleichzeitige Kauf beider Bände, um das EG flächendeckend zu erfassen. Das meiste ist leicht zu machen, bisweilen wird der Schwierigkeitsgrad von Bachs „Orgelbüchlein“ erreicht, in ganz wenigen Fällen wird er überschritten.

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« Antworten #12 am: 03. Juni 2017, 09:12:43 »

Zu den Kollegen, die immer wieder ihren Schülerkreis mit gut gemachter choralbezogener Literatur versorgen, gehört Thomas Riegler, KMD in Bad Nustadt/Saale. "Originelle Choralvorspiele für Gottesdienst und Konzert" hat er unter der Editionsnummer 3414 bei Strube veröffentlicht. Beide Attribute treffen 76 Seiten lang uneingeschränkt zu. Der Mann hat Ideen! Da wird aus einer machtvollen Instrodkution über "Sollt' ich meinem Gott nicht singen" ein rhythmisch mitreißender Bolero und aus dem "Urhymnus" "Christ ist erstanden" ein brillanter "Sonnentanz", mit dem man gottesdienstliche Hörer begeistern kann. Chapeau, Herr Kollege! Solche Musik macht schon beim Üben Spaß und beim Spielen allemal. Natürlich findet sich auch handwerklich Grundsolides im "alten Stil" - immer gut klingend, immer ohne großen Aufwand spielbar und machbar.
Davon gern mehr!

Karl-Peter Chilla hat die Erfahrung eines ganzen Kantorenlebens nach Eintritt in den Ruhestand kondensiert in bisher vier Heften mit Choralfantasien aus eigener Feder. Die Hefte sind thematisch am Kirchenjahr ausgerichtet und tragen demnach die Titel "Advent" (VS 3367), "Weihnachten" (VS 3389), "Passion" (VS 3360) und "Ostern" (VS 3464). Er hat sich dabei durchaus auch der Werke anderer Komponisten bedient, im Sinne von Bearbeitungen bzw. "kom"-positorischer Ergänzung durch chorale Bezüge, ein durchaus legitimes Verfahren, wenn man Ergebnisse und Nutzwert betrachtet. Die Kernaufgabe des Organisten, gottesdienstliche und jahreszeitliche "Stimmungen" aufzufangen und musikalisch zu tragen, ist mit den Stücken in vielerlei Hinsicht sehr gut gelöst.

Die weiter oben empfohlenen Choralvorspiele von Paul Kickstat, ursprünglich in sieben Heften bei Möseler erschienen, gibt es jetzt einer Neuausgabe in zwei Bänden: "Paul Kickstat - Choralvorspiele zum ev. Gesangbuch", Hg. und Bearbeiter: Dietrich Höpfner. Er hat die Sätze in die heute üblichen EG-Tonarten transponiert, dabei auch anhand der EG-Nummern sortiert. In den Notentext hat er nur eingegriffen, wenn durch das Abwärtstransponieren Klaviaturgrenzen erreicht wurden (wenn C im Pedal zu BB würde). Die beiden Bände sind bei MDH in Nördlingen erschienen und haben die Ed.-Nr. Kickstat 001-160 N.A. bzw. Kickstat 001-160 N.B.
Die beiden Hochformat-Hefte sind ziemlich dick geraten und haben leider nur Klammerheftung. Mit den Möseler-"Urausgaben" gemein haben sie leider auch einige sehr ungünstige Wendestellen. Sinnvoll wären auch Deckel aus stärkerem Karton. Leider sind sie nur aus Papier, was bei häufigem Gebrauch (für den sich die Stücke in dieser Sortierung anbieten) zum schnellen Verschleiß führt. Ich werde mir beide Bände wohl zu einem einzigen mit Textil- oder Klebebindung und festen Deckeln einbinden lassen.

Hohe Praxistauglichkeit bieten die drei Hefte von Dieter Golombek: "Begleitsätze und Choralvorspiele zu ausgewählten Melodien des EG", erschienen bei Strube unter 3109, 3110 und 3111. Die "Auswahl" erstreckt sich auf die viel verwendeten Choräle, durchweg ökumneisches Liedgut, das auch in unterschiedlichen Tonarten bereitsteht. Golombek (dessen dreistimmige Spruch- und Psalmen-Motetten ich hiermit gleichfalls allerwärmstens empfehle) schreibt in den Vorspielen einen konventionellen Stil in imitatorischen und polyphonen Techniken. Zu jedem Choral gibt es mehrere Intonationen, Vor- und Nachspiele. Die Begleitsätze berücksichtigen - oft mehrere - drei- und vierstimmige Sätze, sehr wertvoll für ein farbiges Begleiten sind die Varianten mit c.f. in Bass- oder Tenorlage. Es sind jewweils eigenständige, handwerklich grundsolide, gut klingende und gut in den Fingern liegende Sätze, die schnell zu erarbeiten sind. Wer die Sammlung ganzjährig nutzen will, sollte sich alle drei Hefte anschaffen. Wenn Strube sie in einem Band zusammenfassen würde, wäre das eine seriöse Ergänzung zu den "offiziellen" Vorspiel- und Begleitpublikationen des EG.
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« Antworten #13 am: 03. Juni 2017, 09:15:26 »

Teil V: Weihnachten

Zunächst für die, die es ganz einfach haben wollen oder brauchen, ohne in den Ruf geraten zu wollen, „Simples“ zu spielen: Euch sei der fränkische Barockkomponist Valentin Rathgeber (1682 - 1750, also Bach-Zeitgenosse) ans Herz gelegt. Ich besitze zwei Hefte: „Pastorellen für die Weihnachtszeit“, erschienen bei Butz, St. Augustin. Meine Ausgabe - mindestens 35 Jahre alt - hat die Verlagsnummer 250. Die ist möglicherweise nicht mehr aktuell, da Butz-Bestellnummern heute vierstellig sind. Aber ich weiß, daß das Heft ist noch im Programm ist. Und das aus gutem Grund. Denn Rathgebers kleine Stücke - allesamt manualiter machbar, doch mit Pedal wesentlich „pompichter“ - sind wirklich charmante Orgelmusik, die man auf jedem Instrument irgendwie gut zum Klingen bringen kann. Natürlich bieten eine „trillerfreudige“ Mechanik und ein Registerfundus in der Ästhetik des südd. Barock die idealen Voraussetzungen zur Wiedergabe. Der Schwierigkeitsgrad liegt deutlich unter dem einer Klaviersonatine. Aus den acht Stücken lassen sich auch - abwechslungsreich zu registrierende - Zyklen zusammenstellen. Ich habe mir z.B. aus den Nummern 1 (F-Dur), 7 (d-moll) und 8 (F-Dur) eine „Alternative“ zu Bachs „Pastorale“ zusammengebastelt.
 Es soll übrigens bei Butz auch einen Band II geben. Leider ist mein Katalog verschwunden (irgendein Saboteur - vermutlich weiblichen Geschlechts - hat in meinem Musikzimmer „aufgeräumt“), sonst würde ich schnell mal nachsehen. Kaufen werde ich mir das Heft wohl nicht, denn ich besitze zudem die „Weihnachts-Pastorellen“ von Rathgeber aus der Edition Peters (Nr. 8087), hg. von Traugott Fedtke. Für diese zwölf Stücke gilt das oben gesagte uneingeschränkt. Zum Butz-Heft gibt es nur eine Doublette, ansonsten sind in diesem Band die Kreuztonarten bevorzugt, während bei Butz die weicheren „Pastoraltonarten“ dominieren.

Bei Coppenrath, Altötting, gibt es eine Reihe „Süddeutsche Weihnachtsmusik“. Der Band 13 trägt den Titel „Pastoralmusik bayerischer Komponisten des 18. Jh.“ Die Opera der Herren Theodor Grünberger, Joh. Anton Kobrich, Marian Königsperger, Gregor Schreyer, Justinus Will und Ludwig Zöschinger sind allesamt im „galanten“ Rokkoko-Stil der Mozart-Zeit geschrieben. Sie decken also eine Epoche ab, in der wenig repräsentatives für Orgel geschrieben wurde. In einschlägigen Konzerten habe ich gern ein oder zwei dieser Sachen als Vertreter der Klassik ins Programm genommen. Die Maestri waren durchweg Klosterorganisten und schreiben einen schlichten, anmutigen Stil, der den Hörer unmittelbar anspricht. Auch diese Stücke stellen technisch äußerst moderate Anforderungen. Wer einen vierstimmigen Satz aus dem Choralbuch spielen kann, kriegt das auch ordentlich hin. Einige Kabinettstückchen leben allerdings von einem spritzigen Tempo. Auch hier genügt eine bescheidene Orgel, wenn sie nur schöne Flöten 8’ und 4’ mit einem glitzernden Prinzipal 2’ darüber hat.

Die romantischen Pendants zu diesen Stücken bietet Heft 7 der Coppenrath-Reihe, „Pastoralmusik für Orgel aus dem 19. Jh.“ Auch da tauchen Namen aus der Zweit- und Drittbesetzung auf (Aiblinger, Führer, Pitsch, Schiedermayr), was nichts über deren kompositorische Fähigkeiten aussagt. Immerhin war Simon Sechter der Lehrer Anton Bruckners. Diese Stücke sind nicht nur etwas länger als ihre klassischen Geschwister. Sie stellen auch geringfügig höhere Anforderungen ans Spielvermögen, ohne den Bereich der C-Kurs-Tauglichkeit zu verlassen. Sehr gelungen ist Robert Führers Präludium über „Freu dich, Erd und Sternenzelt“. Ich verwende es sehr gern als etwas ausführlicheres Choralvorspiel. Denn mit fröhlich hingetupften Staccato-Skalen und pianistischen Schüttelfiguren drückt Führer das „freu dich“ sehr nachvollziehbar aus.

„Süddeutsche Orgelmusik zur Weihnacht aus dem 16.-18. Jh.“ heißt ein von Rudolf Walter bei Coppenrath herausgegebenes Heft. Da gibt’s u.a. von Pachelbel die bekannte F-Dur-“Pastoral“-Toccata mit ihren hübschen Echopassagen und das Choralvorspiel über „Vom Himmel hoch“ (mit Pedal-c.f.), erfreulicherweise ins Gesangbuch-C-Dur transponiert und damit tauglich für den liturgischen Einsatz. Außerdem finden sich kleinere polyphone Sachen von Alessandro Poglietti, Joh. Caspar Ferd. Fischer und Franz Xaver Murschhauser (ein Münchener Domorganist des frühen 18. Jh.). Alles nicht sonderlich schwer, alles gut klingend. Der Pedalpart beschränkt sich überwiegend auf Orgelpunkte. Leichte Spielbarkeit ohne qualitative Abstriche war erkennbar das Editionskonzept. Und es ist durchaus aufgegangen.

Der langjährige Organist der Abtei Weingarten, P. Gregor Klaus, hat lebenslang in den Bibliotheken der südd. Klöster die Notennachlässe seiner komponierenden Amtsbrüder und Vorgänger durchstöbert. Aus einer Ottobeurener Handschrift von 1695 stammen die Variationszyklen, die Klaus unter dem Titel „Weihnachtliche Orgelmusik der Barockzeit“ bei Böhm & Sohn in Augsburg verlegt hat. Das Heft enthält vier Stücke von Anton Estendorffer und Georg Muffat, allesamt in Partitenform und wohl ausdrücklich dazu bestimmt, der versammelten Christmettengemeinde während längerer „liturgischer Geländespiele“ des Klerus die Klangfarben der vielmanualigen und registerreichen Abteiorgeln vorzuführen. Die Stücke gehen ebenfalls kaum über die „Schwierigkeiten“ des vierstimmigen Choralsatzes hinaus. Aber sie erfordern eine sorgfältig ausgetüftelte Klangregie. Dann aber ist die Wirkung - gemessen am Aufwand - eine enorme.

Etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch recht brauchbar ist Traugott Fedktes Band „Weihnachtliche Barockmusik - Variationen über Weihnachtslieder“, bei Peters als Nr. 8468 erschienen. Er enthält beste mitteldeutsch-barocke Literatur: G.F. Kauffmanns vier Variationen über „Nun komm, der Heiden Heiland“, „Gelobt seist du, Jesus Christ“ von Georg Böhm (Partita mit 5 Variationen), drei Bearbeitungen von F.W. Zachow über „Vom Himmel hoch“, 8 Variationen über „Lobt Gott ihr Christen allzugleich“ von Joh. Gottfr. Walther und - für Kindergottesdienste und kindlich gebliebene Gemüter - 18(!) Variationen in „galantem Stil“ über „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ von Johann Christoph Friedrich Bach (dem „Bückeburger Bach“). Diese Sammlung ist also so etwas wie das norddeutsch-protestantische Gegenstück zum Heft von Gregor Klaus.
Kleines Manko: Bis auf „Vom Himmel hoch“ steht alles in den alten (höheren) Tonarten. Aber die Walther-Vorspiele gibt es in Auszügen in den einschlägigen Vorspielsammlungen zum EG (Breitkopf, Bärenreiter) in F oder sogar Es-Dur notiert. In der frz. Literatur hat die Komposition von Weihnachtsmusiken - sog. Noels - eine lange Tradition. Ihren Platz haben diese Stücke im kath. Gottesdienst Frankreichs übrigens als Musik zur Gabenbereitung (als „Offertoire“).

Als Prototypen des Genres gelten die Noels von Louis-Claude Daquin. Die am leichtesten greifbare praktische Ausgabe stammt von Aléxandre Guilmant (Er hat sich schon vor mehr als 100 Jahren um die Neuedition von Barockmusik verdient gemacht - als das Barock noch als „Zopfzeitalter“ galt!) und ist erschienen bei Schott unter der Nummer ED 1875. Der Untertitel „pour l’orgue et le clavecin“ sagt bereits aus, daß es sich überwiegend um - in Partiten-Form gegossene - manualiter-Literatur handelt. Das übersichtliche Notenbild täuscht. Zwar sind die Piècen nicht wirklich schwer zu spielen. Aber sie erfordern eine souveräne Beherrschung der diffizilen barock-französischen Ornamentik. Der deutsche „Reichseinheitstriller“ reicht nicht aus, um die Stücke lebendig und farbig zu gestalten. Auch um die typischen Spielgewohnheiten der Zeit und des Landes sollte der Interpret wissen (inegalié etc.). Außerdem muß die Orgel natürlich die vom Komponisten geforderten Farben hergeben. Sie ist also im Idealfall französisch (barock) inspiriert. Die mageren dt. Krummhörner sollte man in der l.H. mit einem 4’-Prinzipal verstärken und pseudo-neo-barocke „Meckertrompeten“ mit der 4’-Oktave des Hw „aufpolieren“. (Vorheriges Reinstimmen ist dringend anzuraten - sonst kommt man in den fragwürdigen Genuß einer „Trompetenschwebung 8’/4’“ - bei Nobelorgeln heißt das dann „tromba suspirans“).

Einen Tick besser gefallen mir persönlich die Noels von Jean-Francois Dandrieu. Sie sind zwar ähnlich gestrickt, haben die gleichen thematischen Vorlagen, aber ich finde sie durchweg origineller und technisch etwas fordernder - sonore Zungen und farbenreiche Aliquoten sind auch hier die halbe Miete. Ich habe diese witzigen, vor Spielfreude sprühenden Stücke gern bei Orgelvorführungen verwendet. Es gibt sie in vier Heften (Heft 12, 16, 19 und 22) in der Reihe „L’organiste liturgique“ der „Editions musicales de la schola cantorum“, Paris. Dieser Verlag ist längst untergegangen, aber das Sortiment wurde m.W. von einem Schweizer Verlag übernommen. Meine Exemplare habe ich seinerzeit über „pro Organo“ in Leutkirch bezogen. Aber ich denke, daß auch andere Auslieferungen (z.B. mmz, Musia, Bodensee-Musikversand) sie besorgen können.

Eine komplette Orgelmesse über „Noel“-Themen gibt es von Aléxandre P.F. Boely. Ewald Kooiman hat sie als Heft 16 der Reihe „Incognita Organo“ bei „Harmonia Uitgave“ in Hilversum veröffentlicht. Boely weiß sich als Frühromantiker noch den barocken Formen verpflichtet, gießt in diese Formen aber schon viel romantische Harmonik und Würze. Der klassisch-französische Registerbestand genügt zur klangschönen Wiedergabe. Denn Boely kennt noch kein Schwellwerk (!!). Auch technisch sind die Stücke für nebenamtliche Organisten durchaus mit vertretbarem Übeufwand zu machen. Und ein paar „Ohrwurm“-Themen enthalten sie allemal.

Die „Noel“-Kompositionen der frz. Hoch- und Spätromantiker kommen durchweg aus der konzertanten Tradition. Sie sind nahezu allesamt als Virtuosenliteratur konzipiert (Dupré!). Einzig Aléxandre Guilmant geht in seinen beiden „Noel“-Bänden op. 60 bei Schott (ED 7346 und 7347) etwas auf Augenhöhe mit dem „Normalorganisten“. Das Ergebnis sind Zyklen von Stücken, die einfach bezaubernd klingen. Die Orgel muß nicht einmal „Cavaillé-Coll“ sein - oder das, was die Experten heute dafür halten. Es genügt, wenn sie tragfähige Grundstimmen, ein wirksames Schwellwerk mit einer schönen Oboe 8’ und eine Streicherschwebung hat. Aber Vorsicht - Guilmant kann seine Profession und Professionalität nicht leugnen. Bisweilen birgt das so harmlos aussehende Notenbild gut getarnte fuß- und fingersatztechnische Fallgruben. Also vorher das Terrain sorgfältig erkunden - sonst ist der Einbruch vorprogrammiert!

Für mich ist erst dann Weihnachten, wenn in der Christvesper „Es ist ein Ros’ entsprungen“ gesungen wurde und ich zum Schlusse derselben JSBs Es-Dur-Präludium gespielt habe. Im vergangenen Jahr habe ich mit dieser Tradition zum zweiten Mal in 40 Organistenjahren gebrochen. Schuld daran war eine Neuerscheinung: die „Toccata im romantischen Stil über ‘Tochter Zion’“ des Zeitgenossen Willem van Twillert.
Van Twillert hat eine faszinierende Stilkopie einer französisch-sinfonischen Toccata in der Traditionslinie Gigout - Boellmann - Dubois geschrieben. Gebrochene 16-tel-Figuration in der r.H., in die Spitzentöne das markante Händel-Thema eingearbeitet, in der l.H. skandierende Akkordschläge in Achteln, (zum Glück) eine ruhige, das Kopfmotiv imitierende Pedalbewegung, ein spannungsvoller Modulationsplan, ein etwas zurückgenommener Mittelteil, hymnischer Schluß und brillante Coda - van Twillert hat alles aufgeboten, was das Genre hergibt. Herausgekommen ist eine sprühende weihnachtliche „Wunderkerze“. Allerdings muß man das Stück wirklich üben - die technischen Anforderungen entsprechen im Manualpart durchaus denen eines Allegrosatzes in Bachs Triosonaten. Hinzu kommt, daß beide Hände - wie in der frz. Sinfonik üblich - sehr hoch geführt werden. Also nur was für Leute mit sehr solider Basistechnik - wenn’s denn wirklich Freude machen soll. Vor der Reprise hat der Komponist dankenswerterweise eine Abbruchkadenz eingebaut. Aber wenn entsprechend feurig gespielt wird, hören die Leute gern bis zum Schluß zu. Erschienen ist das Werk bei Butz, St. Augustin, als BU 1891.

Butz hat überhaupt ein stattliches Sortiment mit origineller weihnachtlicher Orgelmusik. So z.B. ein Heft mit Kompositionen des Spätromantikers Carl Sattler, ein „Weihnachtsalbum für Orgel“, erschienen als BU 1819. Sattler ist ein Meister der romantischen c.f.-Bearbeitung und hat ein feines Gespür für Stimmungen. Die fünf Stücke verarbeiten die Lieder „Ihr Hirten erwacht“ (2x), „Heiligste Nacht“, Adeste fideles“ und „Es ist ein Ros’ entsprungen“ - durchweg in Variationsform. Am gewichtigsten ist die „Adeste fideles“-Bearbeitung: Markige Introduktion im Stil Mendelssohns, vier c.f.-Durchführungen, Fuge im Kanzonentypus, hymnischer Schlußchoral mit durchgehender 16tel-Bewegung im Pedal. Sattler muß über eine exzellente Pedaltechnik verfügt haben. Als gelernter Dupré-Techniker habe ich ganz schön geschwitzt, bis ich die letzten 24 Takte im Ped. „legatissimo e prestissimo“ hingekriegt habe. Leider ist die Ausgangs- und Schlußtonart A-Dur. Ein Tönchen tiefer wäre der gottesdienstlichen Praxis entgegengekommen. (Eine Variation steht in F. Die habe ich dann - Notensatzprogramm „Finale“ sei Dank - in den Rechner gespielt, per Mausklick nach G transponiert und als Choralvorspiel verwendet.) Eine schöne und flüssig strömende Fuge beendet auch die vier Variationen über „Es ist ein Ros“ - leider in G! Zum Einspielen und Transponieren nach F war ich bisher zu faul.


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« Antworten #14 am: 03. Juni 2017, 09:17:01 »

In manchen kath. Gemeinden ist nur Weihnachten, wenn der Kirchenchor Joseph Schnabels „Transeamus usque Bethlehem“ gesungen hat. (Ein kath. Kollege hat mir erzählt, er müsse beim wundervollen Einleitungssolo der Männerstimmen seine Soprane immer mit strengem Blick fixieren, weil die sonst hörbar mitsummen.) Herbert Paulmichl hat just dieses Motiv zur Vorlage von sechs Orgelvariationen genommen. Herausgekommen ist eine in konventioneller polyphoner Tonsprache gehaltene Partita, die alle Qualitäten von Paulmichls Orgelstil trägt: Durchsichtigkeit, Wohlklang und relativ leichte Ausführbarkeit. Uns Lutherischen ist der Komponist entgegengekommen, indem er in die Ouvertüre und in die Schlußfuge „Vom Himmel hoch“ als Gegenthema eingeführt hat - eine heitere, festliche Spielmusik, mit deren einzelnen Teilen man einen kompletten Gottesdienst gestalten kann, ohne daß Langeweile aufkommt. Denn Paulmichl gewinnt dem Thema in jedem Satz einen neuen Ausdruck ab und stellt es in einen anderen kontrapunktischen Kontext. Das Stück eignet sich gut für weihnachtliche Konzerte. Die programmatischen Titel der einzelnen Teile sind dem Hörer sehr leicht zu vermitteln. Ach so, fast hätt’ ich’s vergessen: erschienen bei Butz, BU 1196.

Hermann Schroeder galt in meinen Orgelsäuglings-Jahren als der „moderne“ Orgelkomponist schlechthin (neben Ahrens, Pepping, Distler). Er war ein Studienfreund meines ersten Orgellehrers und ich habe ihn als Schüler öfter „live“ gehört. Und da wirkte seine Musik - auf einer entsprechend groß dimensionierten Orgel in einem halligen Raum - sehr apart. Schroeder war ein begnadeter liturgischer Improvisator. Die „zwölf Orgelchoräle“, erschienen bei Schwann/Peters als S 2360, wirken allesamt wie aufgeschriebene und ausgearbeitete Improvisationen im typischen Schroeder-Stil: konsequente Linearität, ohne „gesuchte“ Dissonanz und Vorliebe für Quartparallelen - typische „Schroeders“ - ohne die Kantigkeit und Schroffheit, die manche seiner größeren Werke prägen. Bei aller Modernität bleibt hörbar Weihnachten. Ich habe z.B. bereits öfter das „Schlummerlied der Hirten“ mit Gedeckt 8’ und als Epistelmusik gespielt, ohne daß mein harmonieverwöhntes Publikum darob gezuckt hat, statt in Verzückung zu geraten. Ein halbwegs versierter Organist spielt das ganze Heft vom Blatt. Denn Schroeder war Praktiker genug, in die Finger zu komponieren. Die anderen müssen halt üben - und das nicht allzu heftig.

Noch etwas moderner kommen „Meditation und Variationen über O du fröhliche“ meines Lehrmeisters Franz Lehrndorfer daher. Lehrndorfer arbeitet schon etwas stärker mit Sekundreibungen und harmonischen Ausweitungen. Aber es bleibt immer „fröhlich“ - und nicht sonderlich schwer, wenn sich die Finger an ein paar harmonisch gewagte Griffe gewöhnt haben. Lehrndorfer plaudert munter aus dem Nähkästchen seiner Improvisationstechniken und zeigt, „wie man’s macht“. Erschienen ist das Heft im Jubilate-Verlag, Eichstätt, Verlagsnummer RM 1001.

Wer noch ein richtig großes Weihnachtsstück sucht, ohne sich wochenlang ins Trainingslager zurückziehen zu wollen, dem rate ich zu Max Drischners Choralfantasie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Ein flüssiges, fugiertes Präludium über die Kopfzeile lebt vom Kontrast zweier (noch besser dreier) Manualplena. Der Mittelteil ist eine Pastorale mit eingebettetem Choral (Registriervorschrift: „Vox humana“ - akkordisch - also ein fast französisch-sinfonischer Effekt. Immerhin schreib Drischner das Werk für seine Orgel in Brieg, ein dreimanualiges Instrument des schlesischen Barockorgelbauers Engler.) Zum Schluß ein locker gebauter Konzertsatz, an dem man etwas üben muß, weil er ein straffes Tempo braucht und der c.f. in Diskant-Oktaven legatissimo über dem Gewühl der Figuration stehen muß. Einzige rhythmische Schwierigkeit sind Diskant-Triolen gegen Pedal-Duolen in den Schlußtakten. Ein sehr wirkungsvolles, handwerklich solides Stück, erschienen bei Schultheiß, Tübingen, dessen Sortiment auf Thomi-Berg übergegangen ist. Mein Exemplar habe ich über „pro organo“, Leutkirch, bezogen. Die sind für die Raritätensuche immer gut - aber leisten sich schwäbisch-sparsam einfach keinen Internetauftritt.

Andreas Rockstroh hat bei Butz eine Reihe mit romantischen Choralvorspielen und Bearbeitungen zu den bekanntesten Advents- und Weihnachtschorälen herausgegeben. Bisher sind folgende Titel erschienen:
1.) Macht hoch die Tür/Es ist ein Ros’ entsprungen BU 1760
2.) Tochter Zion/Stille Nacht BU 1640
3.) Vom Himmel hoch, da komm’ ich her BU 1815
4.) Wachet auf, ruft uns die Stimme/In dulci jubilo BU 1876
5.) O Sanctissima (O du fröhliche) BU 1587      
                                                               
Offenbar hat der Herausgeber Zugriff auf einen riesigen Fundus von Sammlungen der Jahrhundertwende - und er hat einen ausgezeichneten Riecher für die Trüffel aus diesen Anthologien. Jeder Band enthält jeweils um die 20 Bearbeitungen der genannten Choräle. Und da ist für jeden Spieler und jeden Anlaß etwas dabei: Von der „vom-Blatt“-Intonation mit 16 Takten bis zur mehrseitigen „Konzertfantasie“ à la Reger oder Karg-Elert. Das Autorenverzeichnis belegt, daß „unbekannt“ nicht gleich „unbedeutend“ sein muß. In der Zeit zwischen 1870 und 1930 ist in Deutschland wohl mehr handwerklich solide, bisweilen wirklich originelle Orgelmusik komponiert worden als bisher angenommen. Die große Mehrzahl der Stücke dürfte in keiner anderen modernen Ausgabe am Markt sein - und wenn, dann nicht in der EG- oder GL-Tonart. Aber auch daran hat Rockstroh gedacht: Viele Praktiker haben nicht mitgemacht beim „Tieferlegen“ mancher Weihnachtschoräle von F nach Es oder von D nach C und spielen weiter aus den alten Choralbüchern. (Alter Szene-Kalauer: Was haben das neue EG und ein Opel Manta gemeinsam? Beide sind tiefergelegt - doch gebracht hat es nichts. ) Sie finden Stücke in „alter“ und „neuer“ Tonart. Bd. II bietet z.B. „Tochter Zion“-Bearbeitungen in D, Es, F und G an. Man kann also seine Introduktion jeder Gemeinde und jedem Chor anpassen. Mir machen die fünf Bände seit Jahren Freude. Ich finde immer noch etwas, um meine Gemeinde damit (angenehm) zu überraschen. Und ich hoffe, daß der Herausgeber weiter nach Trüffeln schnüffelt. Übrigens ist auch das Preis-Leistungsverhältnis - im Vergleich zu anderen Verlagen - äußerst stimmig. Da nehme ich gern in Kauf, daß die relativ dicken Bände nur Klammerheftung und einen recht dünnen Deckel haben - und man einigen Notensatzspiegeln ansieht, daß sie etwas gestaucht wurden, damit sie noch auf die Seite passen.

Rockstroh zeichnet auch für die Neuausgabe von „Vier Weihnachts-Festfantasien op. 104“ des ostpreußisch-schlesischen Spätromantikers Max Gulbins bei Butz verantwortlich (BU 1598). Kleine Zwischenbemerkung: Ich werde nicht von diesem Verlag „geschmiert“ . Aber in puncto Weihnachtsmusik haben die einfach ein Sortiment, das meinem Geschmack und meinem Suchtrieb nach Originellem sehr entgegenkommt. Ende der Zwischenbemerkung. Der Schwierigkeitsgrad der vier Fantasien ist sehr unterschiedlich: „Vom Himmel hoch“ ist ein breit strömendes Präludium im Stil Mendelssohns und mit wenig Aufwand zu machen. „Stille Nacht“ ist eine ruhige Pastorale, die von weichen Farben und einer schönen Soloflöte lebt - sie macht kaum Mühe. Bei „O du fröhliche“ geht es schon etwas zur Sache. Die Fingersätze für die durchlaufenden Sext- und Terzparallelen in der l.H. wollen mit Sorgfalt erarbeitet sein, denn sie müssen in sauberstem Legato und in flüssigen 16teln perlen. Der „feierliche Marsch“ über „Tochter Zion“ schließlich sieht im Notenbild nicht nur aus wie Reger oder Karg-Elert, er erreicht auch durchaus diesen Schwierigkeitsgrad. Dafür macht er aber enorm was daher und ist nicht allzu lang (so um die vier Minuten).

Wem Bachs Pastorale zu „abgenutzt“, die gleichnamigen Opera anderer Meister zu „terzenselig“ sind, dem rate ich zu den „Drei Pastoralen über Weihnachts-Choräle op 7“ von Alfred Grundmann (1857 - 1939) als Reprint der Originalausgabe erschienen - na, wo wohl - richtig, bei Butz (BU 1391). Harmonisch und motivisch geht es in den Bearbeitungen von „In dulci jubilo“, „Vom Himmel hoch“ und „Quem pastores laudavere“ („Den die Hirten lobeten sehre“) ganz schön zur Sache. Dennoch hält sich der Übeaufwand in Grenzen. Allein schon wegen der alten Tonarten sind die Stücke reine Sololiteratur - von der Sorte, bei der die Gemeinde garantiert aufhorcht, wenn man die harmonischen „Überraschungseier“ der Partitur in entsprechend gepolsterte „Klangnester“ legt.

Um nicht vollends meinen schlechten Ruf zu verderben, hier der Beweis, daß es auch andere Verlage gibt. Herbert Paulmichl, bestens ausgewiesen als gewiefter Praktiker, hat bei Böhm & Sohn, Augsburg, eine schöne Partita über „Als ich bei meinen Schafen wacht’“ veröffentlicht. Und er hat als Zugabe einen wohlklingenden und effektvollen Chorsatz fürs „Alternatim“-Musizieren draufgesattelt. Paulmichls Vorliebe für kanonische Formen und c.f.-Durchführungen in den Mittelstimmen feiert (im wahren Wortsinn) fröhliche Urständ’. Musik zum Zurücklehnen, Zuhören und Schönfinden, sogar der Organist darf sich entspannen. Denn die kurzen Sätze sind nicht übermäßig schwierig.

Wenn wir schon bei Paulmichl sind - hier noch eine Partita über „O du fröhliche“. Es gibt sie - wieder mal - bei Butz (BU 1014). Die zehn Variationen sind leichtest und auf allem zu machen, was Tasten hat. Sogar das Pedal ist entbehrlich. Und bei aller Einfachheit ist es trotzdem richtig schöne, handwerklich solide, verspielte weihnachtliche Musik.

Paulmichl hat ja jede Menge Arbeiten zum kath. GL veröffentlicht, und zwar gleich mehrbändig in drei Verlagen: bei Doblinger/München-Wien, Butz/Sankt Augustin und pro Organo/Leutkirch. „Orgelbüchlein“ nennt sich die auf 9 Hefte angewachsene Sammlung bei Doblinger. Die Hefte 1 (02361) und 9 (02404) enthalten Vorspiele zu Advent- und Weihnachtsliedern. Ich finde, es sind Paulmichls stimmigste Beiträge zum Genre Choralvorspiel. Da spürt man - neben allem handwerklichem Können - auch etwas „Herzblut“. Und Paulmichl hat sich als langjähriger Orgellehrer in „einfachen Verhältnissen“ auch ein Herz für die Kollegen bewahrt, die nicht über die „kleine Eignungsprüfung“ hinausgekommen sind. Er liefert ihnen stimmige, freudige, niemals seichte oder sentimentale Weihnachtsmusik. Beispiel: drei Partiten über „Vom Himmel hoch“ in Heft 1. Da wird das Thema zeilenweise in einer Pedalsolo-16tel-Figur versteckt, dann jeweils von einem vollgriffigen Akkordsatz abgelöst. Das klingt - mit einem brillanten, festlich gestimmten Orgelplenum - nach richtig „großer“ Orgelmusik - und ist dabei wirklich einfach. (Als jemand, der selber gelegentlich ein paar Gedanken zu Chorälen zu Papier (resp. zu Mac) bringt, ziehe ich den Hut bis auf den Boden und sage: Respekt! So einfach zu schreiben, ist alles andere als einfach.) Dann kommt eine Pastorale in wiegendem 6/4-Takt mit c.f. im Tenor. Und zum Schluß läuft der c.f. als Oktavkanon in Baß und Diskant gegen einen Kontrapunkt aus munteren Triolen in der l.H. Und das alles ist spielbar für jemanden, der die Begleitsätze aus dem Choralbuch hinkriegt! Heft 9 griff wohl die Weihnachtsthematik wieder auf, weil es erhebliche Nachfrage gab. Daraus sei die Trias über „Nun freut euch, ihr Christen“ (für Lutherische: „Herbei, o ihr Gläub’gen“) hervorgehoben: Einleitendes Trio mit c.f. in der Mittelstimme, Pastorale mit verspielten Echos, vierstimmiges „Wiegenlied“ mit c.f. im Tenor.

Bei Butz heißt die Paulmichl-Reihe „Das liturgische Jahr“ und die Advents- und Weihnachtsstücke stehen im Heft 1 (BU1119). Dem Vorwort zufolge handelt es sich um Studien, die aus der Unterrichtspraxis am Bozener Konservatorium erwachsen sind. Das ist an einigen Stellen zu spüren. Denn mancher Kontrapunkt ist vom Regelwerk „an die Leine gelegt“. Und die zweistimmigen Bicinien sind z.T. spieltechnisch schwieriger als Dreistimmiges aus den Doblinger-Heften. Dennoch enthält das Heft ein paar wirklich nette Sachen, u.a. ein anmutiges Trio über „Es ist ein Ros’ entsprungen“ - leider „tiefergelegt“ nach Es-Dur. Ich hab’s für meinen eigenen Gebrauch nach F „erhoben“, weil es einfach ein traumhaft schönes Vor- oder Nachspiel zum einschlägigen Prätorius-Chorsatz abgibt.

Von Paulmichls pro-Organo-Heften besitze ich nur Heft 4, Advent/Weihnachten ist in Heft 1. Aber ich gehe mal davon aus, daß der Maestro Compositore da seiner Linie treu geblieben ist. Die Reihe hat übrigens ein mustergültiges Notenbild: groß, übersichtlich und mit ausgezeichneter Proportionalteilung der Notenzwischenräume (schlechte Spationierung ist das häufigste Manko in PC-Notensatzprogrammen).

Gerade betritt meine angetraute Traumfrau mein Arbeitszimmer (ich verbrate mal wieder ein winziges Stückchen des Überstunden-Berges) und hat ein dickes Päckchen in Händen. Ratet mal, was da drin ist: Falsch! Es ist nicht die fünfte Nachlieferung der Ausführungsverordnung zum 27. Nachtrag des hessischen Landesgesetzes über den Urheberrechtsschutz von Satzzeichen in Druckwerken der Trivialbelletristik (vulgo: „Drehbücher“), sondern - was niemand vermutet hätte - Orgelnoten. Ich habe mir - einfach auf gut Glück - mal eine Neuerscheinung bestellt: Johann Valentin Müller (weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Joghurt-Großerzeuger aus dem Allgäu): „Fantasie über das Thema aus Händels ‘Judas Maccabäus’ für Orgel, op 5.“ hg. von Andreas Rockstroh bei Butz, BU 1920.
Müller (1830 - 1905) war lt. Vorwort u.a. Kompositionslehrer am Frankfurter Konservatorium und in reiferen Jahren Organist in Rom. Die Fantasie ist dem „bayerischen ev. Orgelpapst“ des ausgehenden 19. Jh., J.G. Herzog, gewidmet. Introduktion und Thema kommen sehr konventionell und bieder daher. Sauberes Handwerk ohne allzu großen technischen Anspruch - auf die hand- und fußwerklich fortgeschritteneren und ambitionierten „Lehrerorganisten“ des 19. Jh. in Landstädten zugeschnitten. Die folgenden fünf Variationen sind überraschender-weise aber keine strengen c.f.-Arbeiten, sondern „Charaktervariationen“ im Beethoven’schen Sinn mit entsprechender motivischer Entfaltung und Modifikation des Themas - triolische Auflösung, Verwendung von Motivfragmenten, Wechsel in die Mollparallele etc. Das hat zwar alles nichts so recht mit „freue Dich“ zu tun, ist aber immerhin gut gemacht und gut klingend. Die knappe vierstimmige Schlußfuge ist ebenfalls solide gemacht, im Pedal ist das Thema etwas sperrig. Mit der damals weitverbreiteten deutschen „Spitzen-Trampeltechnik“ auf Flachpedal (noch in den Schulen von Schildknecht und Kaller gelehrt) mußten die armen Schulmeister sich ganz schön plagen, um das ordentlich hinzukriegen. Auf einem modernen BDO-Normpedal und unter Gebrauch der Absätze geht es mühelos. Etwas unvermittelt - und etwas früh - setzt der hymnische Schluß ein. Mir wäre da spontan eine Themenspiegelung - dreistimmig auf dem Nebenmanual - eingefallen, nach derselben eine Reprise auf dem Hw, und dann alle vorhandenen Briketts zum Finale nachgeschürt. Mein spontaner Gedanke: eine nette Abendmahlsmusik am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Gerade entnehme ich einem beiliegenden Werbeblatt, daß es zu Herbert Paulmichls w.o. beschriebener „O du fröhliche“-Partita (BU 1014) eine Fortsetzung gibt (BU 1015). Ich vermute mal, in identischem Strickmuster und Schwierigkeitsgrad.

Zwei weitere dicke Hefte von Butz werden mir wohl in Zukunft einige Wühlarbeit im Notenarchiv ersparen. „Ein Kind ist uns geboren - Orgelmusik für die Advents- und Weihnachtszeit aus dem 19. bis zum 20 Jh.“, hg. von Dr. Wolfgang Bretschneider als BU 1397, bietet auf 95 Seiten 40 sorgfältig ausgewählte Titel, die man sich sonst aus mindestens 20 Einzel- und Gesamtausgaben zusammensuchen müßte - wenn sie überhaupt am Markt sind. Nur ein paar Auszüge auf die Schnelle: Ein Marsch von Aléxandre Guilmant über Händels „Hoch tu Euch auf ihr Tore der Welt“ aus dem Messias; lebhafte Fuge in f-moll im Mittelteil, mit eingearbeitetem Motiv; am Schluß sehr vollgriffig; ein sich von pastoraler Stille zu ungemeiner Rasanz entwickelndes Konzertstück, das geübt sein will. Ein paar kleinere Regers aus op 67 - „Wachet auf“, „Vom Himmel hoch“, Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und - aus op. 145 - „Weihnachten“. (Mann, war ich stolz, als ich das vor gut 35 Jahren zum ersten Mal gespielt habe! Mein Hörervolk war weniger enthusiasmiert. Es wartete darauf, daß zum Schluß der Christvesper die spanische Zungenbatterie mit JSB, Es-Dur-Präludium, zuschlägt.)
                                                                            
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« Antworten #15 am: 03. Juni 2017, 09:17:12 »

Dann die üblichen Sachen aus den verbreiteten Choralvorspielbänden - Walther, Zachow, Buxtehude, Böhm - aber vom Herausgeber bewußt als „Literatur“ verstanden und deshalb in den (durchweg höheren) Originaltonarten. Eine schöne Erweiterung des barocken Repertoires: einige Choralbearbeitungen des Darmstädter Kapellmeisters Christoph Graupner, vom Hg. aus Kantatensätzen für Orgel bearbeitet - im Stil der Bach’schen Schübler-Choräle, aber längst nicht so schwierig. Zum Schluß noch ein Schmankerl: eine Orgelbearbeitung von Händels „Denn es ist uns ein Kind geboren“ von Henry Smart; nur was für geländegängige Hände, aber very british. Ich wage zu befürchten, daß die Leute, die sich an Weihnachten in einen Gottesdienst verlaufen, welchen ich beorgle, sich das „in praeludio“ anhören müssen ... Ich finde die Sammlung sehr gelungen, auch wenn ich erst schnell mal über einige Stücke drübergespielt habe.                                            
Der zweite Band (BU 1703) konzentriert sich auf Bearbeitungen der Romantik. Da Romantik ja gerade „angesagt“ ist, tun sich die Herausgeber von Sammlungen mit der Raritätenfindung da schon etwas schwerer. Einige Choralvosrpiele von Oechsler, Grundmann, Lang, Forchhammer, findet man auch in den „halboffiziellen“ Sammlungen zum EG, - in den „angepaßten“ Tonarten. Aber es findet sich durchaus Originelles - so z.B. „Venite Adoremus“ von L. J. Lefébure-Wely, ein dreiteiliger Variationszyklus über das bekannte „Herbei, o ihr Gläub’gen“ in des Meisters populärem und eingängigem „Salonorgel-Stil“. Das selbe Thema liegt einem technisch und inhaltlich etwas anspruchsvolleren Guilmant-Offertoire aus dessen op. 60 zugrunde. Eine wirkliche Repertoire-Bereicherung ist mal wieder eine Orgelbearbeitung des Herausgebers: Bretschneider hat aus dem Orchesterpart eines „Weihnachtssingens der Augsburger Singschule“ von Otto Jochum und Albert Greiner ein sehr stimmungsvolles Vorspiel über „Stille Nacht“ arrangiert. Um der Praxistauglichkeit willen gehörte es allerdings nach B-Dur transponiert. Denn die „Ruh“ ist alles andere als „himmlisch“, wenn der weibliche Teil der Gemeinde sich im C-Dur-Begleitsatz nach dem hohen F strecken muß (die Männer haben schon beim D aufgegeben). Wenn man bedenkt, daß beide Bände zusammen keine 50 Euro kosten und man dafür fast 200 Seiten mit ca. 70 mit moderatem Aufwand machbaren weihnachtlichen Stücken aus allen wesentlichen Stilepochen kriegt, dann ist allein das Preis-Leistungverhältnis ein äußerst stimmiges. Ich werde mir die beiden prallen Hefte wohl fest einbinden lassen, Denn ich denke, daß sie in den kommenden Jahren zum jeweiligen Ende derselben ärger strapaziert werden.

„Fourty Christmas Preludes for Organ“, erschienen bei Kevin Mayhew, ISBN 0-86209-567-0. Mit viel Klangsinn gemachte Bearbeitungen angelsächsischer „Carols“ von den aus anderen Mayhew-Bänden bekannten „Hauskomponisen“ des Verlages. Da die meisten Choräle nicht in deutschen Gesangbüchern stehen, sind die Stücke - selten länger als eine Doppelseite - sehr gut als „Literatur“ zu verwenden, die sonst garantiert kein Kollege im Radius von 50 Kilometern im Repertoire hat. Stilistisch gibt es von Barock-Stilkopien und c.f.Bearbeitungen im Trio oder Quattuor über spätromantische Klangschwelgereien bis zu behutsam gesetzten Modernismen eine immense Bandreite - also für jeden Geschmack und (fast) jede Orgel was dabei. Das meiste ist nicht schwer zu spielen und beim Rest lohnt die Mühe des Übens. Die ideale Orgel braucht satte Grundstimmen, weiche Flöten und mindestens eine schöne Solozunge für die allfälligen Tenordurchführungen.

Dasselbe gilt auch für den Mayhew-Band „Christmas Preludes“, ISBN 1-84003-625-7, mit 48 Choralbearbeitungen identischen Strickmusters. Darunter eine bezaubernde Meditation über „Stille Nacht“, um das meine drei Heiligabend-Gemeinden nicht umhin kommen werden, wenn die hohe Geistlichkeit sich dazu durchringen kann, diesen umstrittenen Cantus singen zu lassen. (In einer bestimmten Generation der ev. Pfarrerschaft - und in der mit dem Geburtsdatum zusammenhängenden theologischen Prägung - gilt das Lied immer noch als textliche und melodische Katastrophe. Was es ja auch ist, mit messerscharfer fundamentaltheologischer und musikwissenschaftlicher Ratio betrachtet. Aber das sind Denkkategorien, die dem weihnachtlich gestimmten „Gelegenheitstäter“ - und er ist in diesen Gottesdiensten in der Überzahl - weitgehend abgehen. Und mir steht es nicht an, ihn im einzigen - oder in einem der wenigen - Gottesdienste, die er im Jahreslauf besucht, zu schulmeistern.) Zurück zu besagtem Stück: farbige Harmonik, ein kleines Fest für die Streicherschwebung, über der eine perlende Soloflöte (aber bitte mit Sahne, bzw. Tremulant!) ihre Tongirlanden tiriliert. Und wer da glaubt, Blut, Schweiß und Tränen investieren zu müssen, der irrt gewaltig. Das Stück geht vom Blatt. Positivst aufgefallen ist mir auch eine wohklingende, farbige Bearbeitung über „Adeste fideles“ - eine weich wiegende Pastorale mit Bicinium für prickelnde 8’+1’-Mischung im Mittelteil.

Last, not least: Beide Bände zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis aus (knapp 25 Euro pro Stück). Die spezialisierten Internet-Musikalienhandlungen haben eigentlich kaum noch Mühe, die Noten über den Kanal zu schaffen.
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