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Autor Thema: Live-Begleitung bei Trauungen  (Gelesen 3574 mal)
trompetendulzian
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« am: 06. März 2017, 20:47:19 »

Hallo Zusammen,

seit einigen Jahren meine ich einen Wandel in der musikalischen Gestaltung bei kirchlichen Trauungen festzustellen: Während es "früher" regelmäßig vorkam, dass Sängerinnen oder Instrumentalisten von mir an der Orgel begleitet werden sollten, stelle ich fest, dass dies seit etwa fünf bis sechs Jahren kaum noch der Fall ist: In den meisten Fällen bringen die Solisten ihre eigene Begleitung in Form eines Playbacks mit. Die technische Ausstattung kann dabei in einigen Fällen durchaus beeindrucken.
Ich finde es einerseits schade, dass bewusst auf die Möglichkeit der Live-Begleitung verzichtet wird - die meiner Meinung nach zu einem intensiveren und musikalischeren Musizieren führen könnte - andererseits spare ich mir dadurch den Aufwand, mit mehr oder weniger begabten Solisten zu proben.
Wie sieht es bei euch aus? Gehört das Begleiten bei euch noch dazu oder wurdet ihr in dieser Funktion schon durch eine App abgelöst? Es muss wohl eine App mit Begleitversionen von allen möglichen und unmöglichen Hochzeitsstücken geben ist mein Verdacht - gesehen habe ich die noch nicht.

Viele Grüße
Trompetendulzian
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Gemshorn
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WWW
« Antworten #1 am: 06. März 2017, 20:50:48 »

Um Hochzeiten mache ich seit Jahren einen großen Bogen und lasse berufenere Kollegen ran.
Musikalisch gesehen ist mir jeder Todesfall lieber als eine Trauung... Teufel 1
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Was würde wohl dazu sagen?
clemens-cgn
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« Antworten #2 am: 06. März 2017, 22:35:11 »

Wenn die monetäre Spende an die Gemeinde entsprechend ausfällt, ziehe ich mich gern nach Rücksprache mit dem Rector Ecclesia auf meinen Teil zurück. Einzug und Auszug bleiben allerdings lt. KV-Beschluß ausnahmslos der Orgel vorbehalten.
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Wichernkantor
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« Antworten #3 am: 07. März 2017, 06:29:46 »

Ich hatte ja mal an anderer Stelle erzählt, dass ich im vergangenen Jahr hier im Umland eine Trauung zu beorgeln hatte, zu der die Solistin ihre "Band" auf einem I-Phone mitbrachte, das an einen alten Gitarren-Kofferverstärker angeschlossen war. Exquisit, kann ich Euch versichern. Die Exzellenz war indes noch steigerungsfähig - dadurch, dass während der feierlichen Kopulation ein Fan der Solistin anrief. Und diesen Anruf auch noch wiederholte, nachdem die Kontaktierte das Gespräch zwar wegdrückte, aber nicht das Menü fand, um die (zweifellos marginale) Telefon-Funktion des Gerätes abzuschalten ...
Die Skala der Peinlichkeiten ist nun mal nach unten offen. Und ich tendiere zu Klaus' Lösung, mich solchen Lustbarkeiten fürderhin zu entziehen. Die Gemeindesekretärinnen in der Gegend wissen inzwischen, dass sie mich gar nicht fragen brauchen, wenn sich Firlefanz und "Hochzeitsmärsche" abzeichnen.
In meiner eigenen Gemeinde herrschen zum Gück eindeutige Verhältnisse. Mit einem einfachen Beschluss hat unser KV jeder Form von akustischer Pornographie vorgebeugt.
Und unsere Kirche genießt bei allen "Bands" einen guten schlechten Ruf. Denn der gemeine Schlagzeuger, der glaubt, jetzt mal richtig in die "Schießbude" hauen zu können, bekommt von der Akustik brutale Schläge zurück. Und wenn ein Keyboarder den Fuß nicht von der Dämpferhebung lässt, gibt es einen gewaltigen Klangbrei, in dem nichts mehr zu erkennen ist.
Ich entsinne mich an eine Trauung, zu der das Brautpaar Pfarrer und Band selber mitbrachte, so dass wir nur Vermieter der Baulichkeiten waren. Ich wurde (in der Sakristei) Ohrenzeuge, dass ein Gesangssolist die für amerikanischen Lobpreis-Käse typische Modulation um einen Halbton am Schluss überhaupt nicht mitbekam. Am klanglichen Ergebnis änderte es eh' nichts mehr ... *grusel*

LG
Michael

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« Antworten #4 am: 07. März 2017, 21:53:30 »

Da hab ich es meist einfacher. Bis auf einige wenige Male überließ das Brautpaar bis dato mir die Wahl der Musik mit den Worten: "Sie wissen doch besser was zu solchen Festen anständig klingt." Die die mich nicht mit "Sie" anreden kennen mich und meine Einstellung bereits vorher. Ansonsten halt ich's mit Wichernkantor und lehne jedwede Tingeltangelveranstaltung ab, sobald sich die Anzeichen dieses Typus zeigen. Und ich kann euch sagen...man merkt es dem  Brautpaar bereits an der Haustüre an, auf welche musikalische Reise man sich begeben wird.

Gruß
Martin
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22.04.17 - heute      AHLBORN PRÄLUDIUM IV
Guilain
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« Antworten #5 am: 08. März 2017, 08:44:51 »

Früher habe ich Brautpaare in die Kirche mitgenommen und ihnen entsprechende Stücke vorgespielt. Vor allem, um die epidemischen Ave Marias (mit Vorliebe von einem Mann gesungen!) und Hochzeitsmärsche zu verhindern. Einem Brautpaar konnte ich freilich Bachs "In dulci jubilo" (Anhang Peters Bd. V) nicht ausreden. Auf meine Frage, wie sie darauf kämen, antworteten die beiden, das sei auf einer CD mit Hochzeitsmusik. Ich hab's halt gespielt, und nicht einmal Bischof Stecher, der die Trauung leitete, erkannte  den Choral. - Im Zeitalter von YouTube ist Vorspielen freilich sinnlos.
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Wichernkantor
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« Antworten #6 am: 08. März 2017, 09:01:15 »

Leider spielt wohl das www inzwischen eine sehr unrühmliche Rolle bei der Verbreitung von "gottesdiensttauglicher" Hochzeitsmusik. Mir haben einige Brautpaare ihre abstrusen Wünsche mit der Aussage zu begründen versucht: "Aber das ist doch auf der Page XY ausdrücklich für die kirchliche Trauung empfohlen ..."
Bei den Betreibern dieser Pages handelt es sich wohl meistenteils um "Event-Agenturen", deren "Art Director" weder über kirchliche Sozialisation noch über ansatzweise Kenntnisse in puncto Kirchenmusik verfügt ...
Ich recherchiere da bewusst nicht nach. Könnte sich als negativ für mein voerst weiter positives Weltbild und meinen Blutdruck erweisen.  Lachen

LG
Michael
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« Antworten #7 am: 08. März 2017, 17:32:50 »

Mein Pfr. hat von mir eine Liste mit Stücken, die vom Normalhonorar abgedeckt sind -Ave verum und Panis Angelicus- nur in Brautmessen! (ohne Ave Marias, Händels Largo, Pachelbel-Kanon,...). Alles was darüber hinaus geht, wird gesondert von mir abgerechnet (incl. legale Notenanschaffung, Übungszeit (nach Zeitaufwand), Aufführungshonorar) und mit Faktor 2 multipliziert. Die durch den Faktor 2 erwirtschaftete Einnahme fließt zu 50% dem Diakoniefond zu, die anderen 50% der Gemeindekasse. Bislang zur allseitigen Zufriedenheit.
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Martin78
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WWW
« Antworten #8 am: 08. März 2017, 17:55:57 »

Also, Wünsche wie die Hochzeitsmärsche und Ave Maria oder andere gängige Klassiker treiben jedenfalls bei mir den Blutdruck nicht in die Höhe.

Kann man Musik nicht als das auffassen, was sie ist - schön oder nicht schön bzw. gut oder nicht gut? Ich habe zwar Verständnis dafür, dass ein "Ave Maria" für manchen evangelischen Geistlichen als mit der Marienverehrung konnotiert nicht so gut ankommt, aber von allen genannten Sachen gibt es gut geeignete und auf jeden Fall orgelgemässe Bearbeitungen. Besser Mendelssohns Hochzeitsmarsch als irgendein CD-Player-Einzug, ist jedenfalls meine Meinung. Da freue ich mich lieber, wenn Leute überhaupt noch in der Kirche heiraten, und spiele denen gerne den Mendelssohn (oder meinetwegen den Schwäbische-Hochzeitsnudel-Brautchor), wenn sie es wünschen. Wer bin ich, dass ich Brautleute orgelgeeignete Musik für ihre Trauung oberlehrerhaft ausreden sollte? Über ein paar ernstgemeinte Ratschläge meinerseits, was man z.B. als Gloria nehmen könnte, haben sich dagegen noch fast alle Brautpaare gefreut.

Alles würde ich allerdings nicht spielen, klar, und auch andere Orgelmusik vorschlagen. Bei meiner Trauung kam ebenfalls keiner der Hochzeitsmärsche und auch kein Ave Maria ...  duck und weg

Komplett zu verbiegen braucht man sich nicht, aber wenn sämtliche Organisten mit Kommentaren wie "sowas spiele ich nicht, suchen Sie sich doch einen anderen Organisten" ablehnen, wirft das zum einen ein schlechtes Licht auf die Organisten allgemein und es spielt nachher vermutlich irgendein Pianist, der den Leuten dick Geld aus der Tasche zieht, aber von Registrieren auf der Orgel / Pedalspiel keine Ahnung hat, oder er bringt direkt sein Digitalpiano mit. Im Sinne der Orgelmusik ist damit niemandem gedient.
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Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
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« Antworten #9 am: 08. März 2017, 18:58:35 »

Ich rede niemandem etwas aus. Ich sage klar an, was ich mache und was ich nicht mache. Per KV-Beschluss wird in den Gottesdiensten unserer Gemeinde ev. Kirchenmusik gemacht. Die Entscheidung, was Kirchenmusik ist, ist an den Kantor delegiert. Ich nehme also einen Punkt meiner Dienstpflichten wahr.
Das funktioniert in meiner Gemeinde seit einem Dutzend von Jahren reibungslos. Und weder in meinem Arbeitsvertrag noch in anderen Heiligen Schriften steht, dass ich in anderen Gemeinden bei Trauungen aushelfen und Firlefanz spielen muss ...
Irgendwas mit Widerwillen runterdreschen, was irgendwer für Orgelmusik hält, "dient" der Zunft und der Gattung "Orgelmusik" genauso wenig. Das brauch' ich einfach nicht ...  Lachen

LG
Michael
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