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Autor Thema: Es kommt ein Schiff geladen - Advent- oder Weihnachtslied ?  (Gelesen 3496 mal)
Romanus
Allwissendes Orakel
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« Antworten #10 am: 15. November 2016, 23:34:03 »

Der »Glanz« und die Vorfreude ist liturgisch durchaus vorhanden: Sowohl der vorletzte (4.) Fasten- als auch (3.) Adventssonntag stehen in diesem Zeichen. Darum hellt sich an diesen Tagen auch die liturgische Farbe von Violett zu Rosa auf.
Laetare in der Fastenzeit und Gaudete im Advent kenne ich natürlich und auch sonst gibt es einige Parallelen zwischen Fasten- und Adventzeit. Ich erinnere mich z.b. an einen schönen Fernsehgottesdienst am Palmsonntag vor vielen Jahren (als ich noch die Johannus Wesley Allegro 30 hatte), da wurden vom Kirchenchor "Machet die Tore weit" (Andreas Hammerschmidt) und "Tochter Zion" gesungen. Selbstverständlich gehört Glanz auch zur Adventzeit. (Nur daß er bei GL 227 schon vor der Geburt von der Krippe aufsteigt, finde ich etwas paradox.)
Ich lass die Gottesdienstbesucher die Besonderheit dieser Sonntage auch anders »spüren«: Es gibt im Gegensatz zu allen anderen Gottesdiensten der Fasten- und Adventszeit (mit Ausnahme der Hochfeste) ein Orgelnachspiel und weniger »staade« Phasen im Gottesdienst.
Ein Orgelnachspiel gibt es bei uns im Advent eigentlich immer, natürlich mit adventlich-angemessenem Charakter, in der Fastenzeit nie, erst am Palmsonntag und Gründonnerstag, bevor Orgel und Glocken "nach Rom fliegen".
Am Gaudete-Sonntag haben wir natürlich auch ein etwas festlicheres, strahlenderes Programm als im übrigen Advent.
Wenn es nach mir ginge, gäbe es durchaus auch in der Fastenzeit Postludien, wer sagt denn, dass sie laut und brausend sein müssen ? Man könnte die Nachspiele sehr gut dem Charakter der Fastenzeit anpassen, es gibt doch auch so viele meditative Orgelstücke, die sich dafür vorzüglich eignen.
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Die einzig wahre Königin ist die Pfeifenorgel.
Etwas gleichwertiges muss erst erfunden werden !
fawe
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« Antworten #11 am: 16. November 2016, 00:18:11 »

Ist zwar jetzt weder theologisch noch rational, aber so empfinde ich es (und vor allem an Weihnachten geht es ja um Empfindungen):
Die Auferstehung ist RRRRUMPS – STEINUMFALL – HALLELUJA!!!
Die Geburt ist ein Prozess, still, leise und unspektakulär; und man erkennt ein »Licht am Ende des Tunnels«. Der Glanz strahlt von der Krippe auf.

Natürlich kann man ein charakterlich passendes Orgelstück spielen. Meine Beobachtung ist aber, dass die Leute sich mehr Gedanken machen, wenn sie »ohne Musik« entlassen werden. Das ist natürlich auch je nach Gewohnheit unterschiedlich, aber viele nutzen das »Gedudel« (Zitat zu Buxtehude-Präludium+Fuge!) der Orgel, um sich lautstark zu unterhalten (welch Affront, wenn der Organist dazu auch noch zu laut spielt!). Ich will die Leute zum Denken anregen. Und da habe ich auch die Unterstützung des Pfarrers und vieler in unserer Pfarrei.
Am Palmsonntag gibt es ein Nachspiel, natürlich. Am Gründonnerstag ist die Orgel aber bei uns schon nach dem Gloria auf dem »Weg nach Rom«. Ab da ist alles a capella bis zum Gloria der Osternacht. Ein feierliches Nachspiel, während der Pfarrer am Gründonnerstag den Altar »verwüstet«, würde mir widerstreben.
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jogo31
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« Antworten #12 am: 16. November 2016, 10:06:17 »

Bei uns gibt es in der Adventszeit selbstverständlich Musik (in angemessener Form versteht sich), in der Fastenzeit nicht, da werden nur die Lieder begleitet (Ausnahme: Laetare und natürlich Hochfeste). Am Palmsonntag gibt es beim Einzug der Prozession ein Hosianna-mäßiges Orgelspiel, nach der Passion ist dann aber wieder Schluss mit lustig, sozusagen, ein Nachspiel gibt es nicht. Am Gründonnerstag bist zum Gloria natürlich wieder das volle Orgelprogramm.

Bei mir gehören sowohl der Heiden Heiland (oder: Komm du Heiland), als auch das Schiff, sowie auch "Die Nacht ist vorgedrungen" in die Übergangszeit zwischen Erwarten und Ankunft und finden dann ab dem 17. Dezember ihren Einsatz, da werden dann auch die Krippenstrophen gesungen. Zeitliche Vorausgriffe sind insbesondere in Kirchenliedern durch aus üblich. Sieht man auch sehr schön an der Strophe

" O betet: Du liebes, Du göttliches Kind
was leidest Du alles für unsere Sünd’!
Ach hier in der Krippe schon Armut und Not,
am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod."

aus Ihr Kinderlein kommet, die ja so auch im Gotteslob steht.

Ansonsten, sind für mich die Kategorien im Gotteslob oder Gesangbuch zwar hilfreich, aber sie schließen ja die Nutzung an anderen geeigneten Stellen nicht aus. Ich hab "Macht hoch die Tür" auch schon am Palmsonntag gespielt, weil es textlich eindeutig auch dahin passt. Auch diese Woche am Christkönigsfest kommt es quasi eine Woche zu früh zum Einsatz, weil es einfach passt. Und "Wachet auf" passt selbstverständlich auch in die Adventszeit, insbesondere die ersten beiden Adventssonntage sind ohnehin eschatologisch geprägt (wie schon die Sonntage davor). Zu den ersten beiden Sonntagen gehören z. B. auch Lieder wie "Mit Ernst o Menschenkinder" (Gott sei Dank noch im Anhang bei uns) oder "Aus hartem Weh die Menschheit klagt" (leider nicht mehr drin).
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Gemshorn
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« Antworten #13 am: 16. November 2016, 10:13:45 »

Dem vorhergehenden Beitrag folgend:
Welcher Mutige wagt sich daran, die zitierte Strophe aus "Ihr Kinderlein, kommet" in der Fastenzeit zu spielen?
 duck und weg

Im Ernst: Auch das Kirchenjahr selber ist mit fließenden Grenzen strukturiert: Die letzten Sonntag verweisen mit ihrer eschatologischen Prägung bereits in den Advent hinein.
Dem über das neue GL Gesagte kann ich nur zustimmen: An vielen - oft nicht vermuteten Stellen - findet sich Passendes, ganz abseits aller Kategorien. Letzten Sonntag beispielsweise gab es bei uns den Kehrvers "Hebt euch ihr Tore, unser König kommt"; im GL adventlich, tatsächlich aber auch an anderen Tagen passend.
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Wichernkantor
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« Antworten #14 am: 16. November 2016, 10:54:31 »

Zum Kirchenjahreswechsel sind in meiner Gemeinde seit Jahren zwei Stücke gesetzt: Der Gottesdienst am Ewigkeitssonntag schließt mit BWV 645 (Wachet auf). Und der Gottesdienst am 1. Adventssontag hebt an mit BWV 695 (Nun komm, der Heiden Heiland). Das sind musikalische Wegmarken, auf die die Gemeinde wartet. Ich würde da auch gar nichts anderes spielen wollen. Langeweile kommt da nicht auf.

Ansonsten gibt es den ganzen Advent über Orgelmusik nach dem Prinzip: vom Dunkel zum Licht. Sonntag für Sonntag wird es heller und festlicher. Nachspiel am 4. Advent ist dann Guilmants Paraphrase über "Tochter Zion" oder Ähnliches. Und die Christvesper für Nachtschwärmer um 22 Uhr beginnt mit Selbergestricktem über "Herbei, o ihr Gläub'gen" oder Luthers Fallschirmjägerlied.

"Orgelschweigen" im Advent ist für uns undenkbar. Das Crescendo vom 1. Advent bis zum Heiligen Abend wird als vertiefend empfunden und ist ausdrücklich gewünscht. Am 4. Advent haben wir auch keine Berührungsängste zum Vers "Glanz strahlt von der Krippe auf". Denn sie ist ja schon in Reichweite. Und ich würde über "Macht hoch die Tür" erst gar nicht versuchen, "still" zu präludieren. Da erwartet die Gemeinde Trompetensignale an Tür und Tor, die die Ankunft des Herrn der Herrlichkeit ankündigen. 
Oder man stelle sich Jochen Kleppers "Die Nacht ist vorgedrungen" zu Johannes Petzoldts kongenialer Melodie mit ein paar dürren Akkorden als Intonation vor ...
Melodie und Text gebieten es vielmehr, das allmähliche Weichen der Nacht und das Aufgehen des Morgensterns musikalisch auszudeuten - mit stufenweisem Crescendo und ständiger Verdichtung des musikalischen Ablaufs, bis der Morgenstern in strahlendem G-Dur die "Angst und Pein" bescheint. Wir haben das auch schon als Orgelmediation gemacht und die Gemeinde aufgefordert, den Text mitzulesen. Die Reaktion war eindeutig: "Wir haben nach einer solchen Orgeleinleitung Lust, das Lied dann auch zu singen."

"Mission accomplished", wie man auf Deutsch zu sagen pflegt ...  Lachen

LG
Michael

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Orgelschreck
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« Antworten #15 am: 16. November 2016, 12:46:42 »

Bei uns gibt es sowhl in der Fastenzeit,als auch im Advent am Sonntag Orgelspiel zum Auszug.Allerdings eben eher kurz und medidativ.Aber der Sonntag soll sich doch etwas abheben.Er zählt ja auch nicht zu den Fastentagen.
Beim Lesen dieser Beiträge ist mir eingefallen,es wäre doch äußerst interessant,dieses Schiff - Lied zu singen,wenn der 24.12 auf einen Sonntag fällt.Da singt man am Vormittag die Strophen,die noch voll Erwartung sind,und in der Mette dann die anderen.

Lg
Michael
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jogo31
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« Antworten #16 am: 16. November 2016, 13:13:03 »

Stimmt, nächstes Jahr ist es ja wieder soweit, der 4. Advent fällt auf den 24. Aber da gibt es bei uns am Morgen keine Messe, sondern nur eine Vorabendmesse.
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Gemshorn
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« Antworten #17 am: 16. November 2016, 14:49:54 »

„Die Nacht ist vorgedrungen“ zählt wahrlich zum besten, was es an adventlichem Liedgut gibt.
Auf Geheiß spielte ich das Lied eine Zeit lang auf die Melodie von "Den Herren will ich loben", aber irgendwann wechselte ich dann zur Petzold-Melodie; die ist einfach gelungen. Allerdings - und die guten Sänger aus euren Gemeinden mögen mich nicht steinigen: auf e. Schock Ein Tribut an die tiefen Singstimmen...
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Wichernkantor
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« Antworten #18 am: 16. November 2016, 16:15:44 »

Ja, Spitzenton es2 ist schon grenzwertig. Da fällt das "froh-mit-Einstimmen" nicht allen leicht.

Zum (OT-)Thema alternative Melodien: Vergangenen Samstag ist mir endlich aufgegangen, dass es zum scheußlichsten aller EG-Lieder (Auf und macht die Herzen weit) eine passende zweite Melodie gibt. Das Adventslied "Gott sei Dank durch alle Welt".
Aus unerfindlichen Gründen erfreut sich die "Chinesenmusik" (politisch unkorrekter O-Ton eines Kirchenvorstehers) unter Liturgisch Vertretenden (gendergerechter Neologismus meines Sprachsatirezentrums im Hinterkopf) allergrößter Beliebtheit. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich bisher immer nur eine kürzestmögliche Intonation gespielt (mit leerer Bordunquinte C-G im Wechsel mit G-D bei gezogenem Regal) und zum Begleiten den offiziellen, Ratlosigkeit widerspiegelnden Satz aus dem Orgelbuch. Auf so einen melodischen Sondermüll verschwende ich kein Milligramm Hirnschmalz.
Wie dieser Unsinn seinerzeit ins EG gekommen ist, ist  mir schleierhaft. Mir ist noch niemand aus der Zunft begegnet, der solchen Singsang mag ...  Traurig
Selbst den Klampfern ist er zu langweilig ...

 LG
Michael
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« Antworten #19 am: 16. November 2016, 16:22:12 »

Anscheinend wirklich chinesisch: https://www.youtube.com/watch?v=zfhAe6H-n1E
Musste erst googlen, was es mit "Gott sei Dank..." auf sich hat; das ist ja Mendelssohns Weihnachtshymne "Hark! The herald angels sing". Herrlich! Aus irgendeinem Grund wurde es nicht ins GL (Stammteil) aufgenommen...  Traurig
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