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Autor Thema: Pfeifenorgel mit Digitalorgel(Lautsprechern) ergänzen  (Gelesen 19876 mal)
Wichernkantor
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« Antworten #10 am: 02. Juni 2014, 10:32:37 »

Ja, der Raum ist das beste Register ...

Aber auch am Spielschrank klingt das sehr gut, zumal die beiden Boxen auf der Ebene der Gehäuse-Hinterkante stehen und den Organisten nicht direkt anspielen. ich habe sie zudem zwecks besserer Schalldiffusion zur Wand gedreht (hartes Ziegelsteinmauerwerk) - Abstand ein knapper Meter.

Die Intonation der PO wurde lediglich geglättet und gerundet. Die Rohrflöte 4' im Brustwerk ist das einzige Register, das wir auf mehr Fülle intoniert haben. Auch die beiden 2'er - Prinzipal und Spitzflöte, wurden lediglich im Charakter besser ausdifferenziert. Der Intonateur hatte der Flöte anno 1979 relativ viel Substanz gegeben. Wir haben sie flötiger gemacht und den Prinzipal kaum verändert, weil er eh schon ziemlich eng war. Enge Pfeifen klingen sofort grell, wenn man ihnen zuviel Kraft abverlangt. Sehr spitz war vorher die Terz im Positiv. Sie ist jetzt weicher und geht schön im Ton der Rohrflöte auf. Kernstiche haben wir natürlich NICHT verwendet ... Soviel sportlicher Ehrgeiz muss sein.

Ich bin vor allem froh über die Pedalregister und den Prinzipal 8' im Hw. Den digitalen Labial-16er brauche ich eigentlich kaum. Der Pommer aus Metall gibt einen sehr vollen und klaren Ton, der sich ausgezeichnet durchsetzt. Der Eintritt der 16'-Lage in diesem Raum ist ein im wahrsten Wortsinn "fundamentales" Ereignis. Gerade beim Spiel polyphoner Literatur gibt das Fugenthema im Bass dem Plenumklang eine völlig neue Qualität gegenüber dem reinen Manualplenum. Ich kenne kaum einen Raum, bei dem das ausgeprägter ist.

Wir planen mittelfristig, den Prinzipal 8' auf einer Einzelventillade "in Pfeife" dazu zu bauen. Diese Lade kann dann über den Midi vom Man. und vom Ped. angesteuert werden. Wenn wir genug Kohle zusammenbekommen, gibt es dann auch ein richtiges Fagott. Mal sehen, was das Volk anlässlich des 50jährigen Kirchenjubiläums so in den Hut wirft.

LG
Michael
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Gemshorn
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« Antworten #11 am: 02. Juni 2014, 18:29:12 »

Höre mich gerade durch die Klangproben. Klingt fein!
... und ich freue mich ehrlich, dass man bei euch unverkrampft mit solchen Erweiterungen bzw. Zubauten (geplanter Prinzipal 8') umgeht... Man sieht: Es geht auch so!
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Wichernkantor
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« Antworten #12 am: 02. Juni 2014, 21:17:29 »

Der OSV ist Pragmatiker und wir verstehen uns gut - er hat nämlich richtig Ahnung.
Die Zubauten würden ja alle keinen Eingriff in die Originalsubstanz erfordern. Sollte ein OSV anno 2114 zur Erkenntnis gelangen, die Orgel der Wichernkirche sei ein bedeutendes Zeugnis der Orgelbaukunst und -ästhetik der 1970er Jahre, das nach streng denkmalpflegerischen Kriterien der staunenden Nachwelt erhalten bleiben müsse, dann zieht er einfach den Midi-Stecker heraus, entfernt die beiden (mechanischen) Kontaktrechen mit jeweils zwei Handgriffen und hat wieder sein "Original". Zeitaufwand für den "Rückbau": eine halbe Stunde ...

LG
Michael
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clemens-cgn
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« Antworten #13 am: 03. Juni 2014, 15:58:59 »

Zitat von: "hmmueller"
...aber unser lokaler Orgelbauer (dessen Vorgänger die Orgel gebaut hat) ist auch interessiert,... Andererseits bin ich einmal vorsichtshalber skeptisch, ob/wie man die Lautsprecher mit den Pfeifen "zusammenbringt" ...

Kennt irgendjemand ein solches Projekt (oder mehrere), das man sich anschauen und anhören könnte?

Grüße
Harald M.
Hallo Harald,

Die Ahlbornanlage in der NAK-Gifhorn hat mich vor Jahren schwer beeindruckt und ist auf jeden Fall eine Reise wert.

...dann könnte eine Teilnahme am nächsten Forumstreffen bei Bauer-Music für Dich hoch interessant werden. (Schau mal in der Plauderecke nach;-) )
Zum einen der Kontakt mit Dieter Schuster.... Rodgers hat dafür einen eigens dafür konstruierten Expander im Angebot (hier nicht gemeint der MX 200!!!). Evtl. ist davon ein Exemplar in Heusenstamm zum Testen vorhanden. Soweit ich weiß, ist einer davon auch in D in Betrieb.

Außerdem sind i.d.R. mindestens zwei Kombinationsorgeln in der Ausstellung...

Des weiteren könnte eine Kontaktaufnahme zu H.U. Hielscher (Wiesbaden Marktkirche ) für Dich aufschlußreich sein. Dort ist ebenfalls durch die wartende Orgelbaufirma ein Expander miditechnisch komplett in den gesamten Spieltisch auch softwaremäßig installiert. Evtl. kannst Du ja die Orgelbauer miteinander vernetzen;-)

Lieben Gruß
Clemens
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hmmueller
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« Antworten #14 am: 06. Juni 2014, 19:51:20 »

Nocheinmal vielen Dank an alle - Antwort von unserm Organisten: "Brauche noch ein wenig, um alles zu durchforsten. Aber, sehr interessant und gut zu wissen, dass man nicht allein mit den Gedanken ist!!!"
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Dieter Schuster
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« Antworten #15 am: 12. Juni 2014, 01:46:00 »

Dass sich Pfeifen und 'lautsprecherverteilte Stimmen' erstaunlich gut vertragen und geradezu liebevoll miteinander verschmelzen, zeigen die Installationen in Gifhorn (das ist immerhin schon fast ein 'Hybrid-Veteran') und an ein einigen weiteren Ortenim deutschsprachigen Raum. Frühere technik- und wissensbedingte Schwierigkeiten und Fehler sind längst überwunden. Realistisch und seriös geschätzt dürften heute gut und gern 5000-6000 (!) Pfeifen-/Digital-Kombinations- oder Hybridorgel rund um den Globus ihren Dienst verrichten, die allermeisten davon zur besten Zufriedenheit ihrer Besitzer.

Ich bin davon überzeugt, dass in sich Zukunft auch eine größere Zahl an Orgelbauern, freiwillig, überzeugt oder auch gezwungenermaßen, der Frage widmen werden, wie man gute und angemessen spezifizierte Orgeln zu weiterhin vertretbaren und finanzierbaren Kosten bauen kann - ganz abgesehen von den vielfältigen neuen musikalisch-kreativen Möglichkeiten, die Hybridinstrumente bieten KÖNNEN (wenn man sie nur lässt...) ;)

Ein Beispiel: In Peking/China wurde im Auditorium eines Music Colleges vor ca. 10 Jahren eine viermanualige Hybridorgel installiert (insgesamt ca. 60 Register, 12 davon sind Pfeifenregister). Seitdem verzeichnet die Musikschule einen dramatischen Zuwachs an Studenten - mit der Folge dass der digitale Spieltisch nun in den nächsten Monaten durch ein Instrument neuester Generation ersetzt wird, ohne dass der 'alte' Spieltisch damit obsolet würde - der wurde nämlich als reine Digitalorgel an eine neu gebaute Kirche verkauft, wo sie sicherlich noch gut und gerne 20-25 Jahre ihren Dienst tun wird. Die Gewinner sind Beide - Music College und Kirche.

Nun schaue man sich dagegen nur mal die aktuelle Situation im Pfeifenorgel-Neubau und auf dem hiesigen Pfeifenorgel-Gebrauchtmarkt an: In Einzelfällen werden Instrumente wegen des Überangebotes an Pfeifenorgeln aus geschlossenen oder 'gemergten' Kirchengemeinden fast schon verschenkt (gegen Selbstabholung, wie gesehen und gespielt) - einfach weil es nicht genügend potentielle Abnehmer dafür gibt. Mit relativ wenig Aufwand ließen sich aus solchen Instrumenten in Kombination mit einem modernen digitalen Spieltisch nebst allen Spielhilfen wie z.B. einer großen Setzeranlage, digitalen Dispositionsergänzungen, 'smarten' Oktavkoppeln, kreative MIDI Einbindung im Hinblick auf neue, zeitgemäße musikalische Formen in der Liturgie usw. wirklich reizvolle neue Lösungen kreieren.

Da müssten eigentlich die Fantasien und Ideen von Pfeifenorgelbauern und deren potentiellen Kunden geradezu sprießen - z.B. im Hinblick auf hybride Lösungen, mit denen sich viele Wünsche von Kirchen und OrganistInnen nach einem flexiblen, 'runden' Instrument zu ziemlich budgetverträglichen Kosten verwirklichen lassen. Die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten sind ja vorhanden, man muss sie nur nutzen wollen.
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Machthorn
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« Antworten #16 am: 12. Juni 2014, 20:53:18 »

Ich sehe den Markt für Hybridlösungen zumindest in Europa deutlich skeptischer.

Zum Einen verhindern Hardliner seitens der Sachverständigen manche Hybridlösung ebenso wie reine DOs. Zum Zweiten sehe ich auch das zwingende Interesse der Orgelbauer nicht, verdienen sie an einer Hybridlösung mit z.B. 10 echten und 20 digitalen Registern doch deutlich weniger als an einer echten PO mit nur 20 Registern. Auch das Interesse des Kunden ist bei einem Neubau eher eingeschränkt. Wer sich schon zu einer Hybridlösung durchgerungen hat, ist von einer reinen DO auch nicht mehr weit weg, und die ist nochmals deutlich billiger als eine Hybridorgel.

Sinnvoll sind sie dort, wo eine bestehende PO durch Digitalregister aufgebohrt werden kann, aber da verdient der Orgelbauer wiederum fast nichts. Auch sinnvoll sind sie, wo Großorgeln neu gebaut werden und exotische, wenig gebrauchte oder teure Register einfach digital ausgeführt werden. Aber gerade bei Großorgeln ist der Europäer glaube ich noch zu stolz, um dort eine Hybridorgel zu akzeptieren, da sind die Amerikaner pragmatischer. Allerdings sind ihre Orgeln im Durchschnitt glaube ich auch deutlich größer als hierzulande.
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Gloria Klassik 226 Trend
Wichernkantor
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« Antworten #17 am: 13. Juni 2014, 08:09:57 »

Ich beobachte seit Jahren einen eher entkrampften Umgang vieler OSV und Orgelbauer mit dem Phänomen "digitale Zusätze zur Pfeifenorgel".
Und soooo neu sind diese Versuche übrigens auch nicht. Der britische Orgelbauer Compton stellte schon vor dem (hoffentlich) letzten Krieg Versuche an, die teuren, tiefen Töne seiner Orgeln durch elektrische Tongeneratoren zu erzeugen und über großvolumige und großhubige Lautsprecher abzustrahlen. In seinem Buch "neuzeitlicher Orgelbau" (meine Ausgabe stammt aus 1949) hält der OSV Paul Smets (Sympathien für die digitale Klangerzeugung garantiert unverdächtig) solche Versuche für durchaus erwägenswert - damals schon mit dem Kostenargument. Smets war übrigens auch aufgeschlossen für Aliquotreihen, die weit über die Septime hinausgingen und er regte an, sie (bei elektrischer Traktur und Kegel- oder Kastenlade) als Auszüge aus einem Multiplexsystem zu generieren. Entschieden votierte er dafür, einem Grundstock von "klassisch" disponierten und intonierten Prinzipalen, Mixturen und Flöten ein Auxiliaire aus "Farbstimmen" (Streicher, Aliquoten, Zungen) beizugeben.
Compton baute übrigens in mehreren Orgeln einen 32' als so genannte "Baß-Okarina". Das war ein großer Kubus mit einem elektropneumatischen Klappensystem (vergleichbar dem einer Klarinette). Die Klappen wurden via Relais von der Traktur geschaltet und ermöglichten es, aus dem Würfel die zwölf Halbtöne der Oktave herauszuholen, natürlich nicht simultan, sondern sukzessiv.
Durchgesetzt hat sich das nicht - auch dadurch, dass durch das Wirtschaftwunder ziemlich bald nach dem Krieg Geld für Großorgelprojekte vorhanden war.

LG
Michael
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« Antworten #18 am: 13. Juni 2014, 13:47:54 »

Ein ganz ähnliches Register gibt es doch von Hehl? Die haben einen Cubus 16' patentieren lassen, wenn ich mich nicht irre - ein labiales Bassregister, das weit weniger Platz braucht als ein Subbass.
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Wichernkantor
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« Antworten #19 am: 13. Juni 2014, 14:17:15 »

M. W. hat in jüngerer Zeit (d.h. so in den 80ern) nur Oberlinger den Gedanken aufgegriffen und für seine Hausorgeln einen Cubus 16' patentieren lassen. Allerdings für jeden Ton einen Würfel, wenn ich mich recht entsinne - und nur für die tiefe Oktave.
Ein Argument gegen den Comtpon-Würfel war, dass jeder Ton eine andere Klangqualität und Intensität aufwies - also eine "changierende Mensur", wenn man es in den Proportionen der Pfeifenröhre denkt.

LG
Michael
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