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Autor Thema: Orgelspiel im Gottesdienst: anpassen an der Gemeinde....oder nicht?  (Gelesen 665 mal)
PM
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« am: 27. Oktober 2018, 21:06:01 »

Einige Zitate aus die Topic Wer kennt diese Kirchen(?)lieder: "Volle Kraft voraus" "Rückenwind"
Zitat
Ich glaube, danach spiele ich doch lieber was "Unpassendes", denn es widerstrebt mir ehrlich gesagt, mich an diese Auswahl anzupassen !
Zitat
Da hätte ich nur einen Wunsch: weit weg zu sein von solcher "Kirchen"musik ...
Zitat
Einige Mitforisten werden sich jetzt sicherlich gruseln, aber ich greife bei solchen Gelegenheiten gerne zu Michael Schütz: 20 Pop-Stücke für Orgel.
Zitat
Ich sehe es auch als meine Aufgabe an, die Musik so vorzubereiten, dass die jeweiligen Gottesdienstteilnehmer/innen sich wohlfühlen und sich gerne erinnern.

Interessante Diskussion: Wie weit passen wir Organisten uns dem Musikgeschmack der Kirchenmitglieder / Vorgänger an?

Wen ich es richtig sehe…..
- gibt es einerseits eine strikte Position: spiel einfach gute Musik. Punkt.
- gibt es andererseite die Position: wir sind als Organist tatsächlich in der Gemeinde angestellt. Und deshalb spielen was die Gemeinde will.

Und drittens machen wir Musik in der Gottesdienst "Coram Deo" (hat jemand diesen Standpunkt schon erwähnt?)

In der Praxis sind der erste und der zweite Standpunkt häufig miteinander im Widerspruch. Und was genau orgelpiel 'Coram Deo' gerecht wird, ist (mir) nicht immer klar. Ist Gott am besten mit guter Musik bedient (und was ist "gut")? Oder ist Gott am besten gedient, wenn er sich mit der Erfahrung der Gemeinde verbindet? Oder etwas anderes?

Es ist ideal, wenn es hier keine Spannung gibt. Aber ein Spannungsfeld ist oft da. Faszinierend aber trickreich. Es wurde bereits mehrfach im Forum diskutiert. Gibt es hier ein "letztes Wort" oder bleibt es immer ein Spannungsfeld?

LG PM
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„Bach ist Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fuszt jeder wahre Fortschritt“  - Max Reger
Machthorn
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« Antworten #1 am: 27. Oktober 2018, 22:40:18 »

Meine persönliche Auffassung ist folgende:

Zentrale Aufgabe eines Gottesdienstes ganz allgemein, egal welcher Konfession, ist doch die, den Menschen näher zu Gott zu bringen. Alles was ihm dabei hilft, ist gut. Was ihn daran hindert, passt nicht.

Wenn ich jemanden woanders hinbringen will, muss ich ihn da abholen, wo er ist. Sich also der Zielgruppe des Gottesdienstes bewusst zu sein und daran zu orientieren, ist grundsätzlich notwendig.

Allerdings muss man sich auch bewusst machen, wo man den Menschen hinbringen will, und das ist nun einmal näher zu Gott. Und das bedeutet auch, sich dessen bewusst zu werden, wie Gott ist.

Gerade für Kindergottesdienste eine einfache und kindgerechte Musik anzubieten, die dem Kind Gott erklärt, ist richtig.

Leider haben kindgerechte Lieder immer mal die Tendenz, das göttliche Wesen in einen Bereich zu rücken, den Kinder aus der Unterhaltungskultur kennen und damit Gott zu verniedlichen, als "Superstar" darzustellen oder ähnliches. Da ist bei mir denn der Grat überschritten.

Allerdings sind diese Überlegungen mit Augenmaß zu verwenden. Familiengottesdienste dürfen entsprechende Elemente gerne enthalten, Kindergottesdienste auch überwiegend daraus bestehen. Dass man Kinder und Familien aber mit dem dauerhaften Einsatz solcher Elemente häufiger in die Kirchen bekommt, ist ein Trugschluss. Solange nicht das grundätzliche Bedürftnis da ist, Gott näher zu kommen, sind Gottesdienste nicht interessant. Die Kirchen mit "Showeinlagen" füllen zu wollen, widerspricht der Aufgabe eines Gottesdienstes und mindert dessen Wert. "Erfahrene" Gottesdienstbesucher allerdings erwarten in der Regel die Musik, die sie selbst mit Gottesdienst assoziieren. Deren Bedürftnisse müssen selbstverständlich im gottesdienstlichen "Alltag" Berücksichtigung finden.
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pvh
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« Antworten #2 am: 28. Oktober 2018, 22:24:10 »

Hallo,

ja, so ähnlich sehe ich das auch.

Wir hatten heute ein lateinisches Ordinarium (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei), 2 Lesungen mit Psalm zum Zwischengesang und Hallelujaruf (Kantor), Halleluja, NGL zur Gabenbereitung (Komposition eines Gemeindemitglieds) und Danklied (GL 400), traditionelle Kirchenlieder zum Eingang (GL 481) und Schluss.

Es gibt aber auch Gottesdienste, die etwa von der Kita gestaltet werden und in der beispielsweise ein Anspiel die Predigt ersetzt und die Kinder zur Klampfe singen. Dabei wird es aber gerne gesehen, wenn ich beim Refrain auf der Orgel die Melodie mitspiele, damit die Gemeinde stärker einstimmt.

Meine Literatur vor dem Gottesdienst, zur Kommunion und um Nachspiel wähle ich meist so, dass die Musik passt, ich es spielen kann und es den Leuten gefällt. Heute zum Weltmissionstag habe ich etwa eine Elevationstoccata von Zipoli gespielt, ganz historisch uninformiert (Stück stammt auch nich aus seiner Zeit in Italien) auf 2 Manualen, so dass ich einen tropischen Vogel (4' Traversflöte) zwitschern lassen konnte - Zipoli wurde ja Jesuit und ging als Missionar nach Südamerika, starb aber früh in der Nähe des argentinischen Cordobas, wo er als Musiker tätig war.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.
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Larigot
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« Antworten #3 am: 29. Oktober 2018, 20:40:28 »

Zentrale Aufgabe eines Gottesdienstes ganz allgemein, egal welcher Konfession, ist doch die, den Menschen näher zu Gott zu bringen. Alles was ihm dabei hilft, ist gut. Was ihn daran hindert, passt nicht.

Wenn ich jemanden woanders hinbringen will, muss ich ihn da abholen, wo er ist. Sich also der Zielgruppe des Gottesdienstes bewusst zu sein und daran zu orientieren, ist grundsätzlich notwendig.

Das kann ich genau so unterschreiben, und genau dafür werde ich auch bezahlt. Von mir wird erwartet, dass ich gegenüber möglichst vielen Musikstilen und -richtungen offen bin (das erwarte ich auch von mir selbst und es macht mir auch Spaß), auf der anderen Seite werden Anregungen und konstruktive Kritik auch dankbar angenommen.

Dass man Kinder und Familien aber mit dem dauerhaften Einsatz solcher Elemente häufiger in die Kirchen bekommt, ist ein Trugschluss. Solange nicht das grundätzliche Bedürftnis da ist, Gott näher zu kommen, sind Gottesdienste nicht interessant. Die Kirchen mit "Showeinlagen" füllen zu wollen, widerspricht der Aufgabe eines Gottesdienstes und mindert dessen Wert. "Erfahrene" Gottesdienstbesucher allerdings erwarten in der Regel die Musik, die sie selbst mit Gottesdienst assoziieren. Deren Bedürftnisse müssen selbstverständlich im gottesdienstlichen "Alltag" Berücksichtigung finden.

Hmm... was der Einzelne als angemessen/schön und was als "Show" empfindet, ist natürlich immer eine Frage des persönlichen Glaubens bzw. der kulturellen Prägung. In Afrika habe ich einen Gottesdienst erlebt, in dem die Menschen zu allen Liedern getanzt und einmal sogar eine Polonäse durch die Kirche gemacht haben. Ist deren Gottesdienst deshalb weniger wert (oder wäre er das bei uns, wenn wir es genauso machen würden)?

Nun sind wir natürlich nicht in Afrika, aber auch hier sind die Voraussetzungen und Erwartungen individuell unterschiedlich, und es ist ja leider so, dass die etablierten Kirchen Mitglieder verlieren und Kirchen schließen (gerade gestern erlebt), während sich jüngere Menschen auf der Suche nach Gott verstärkt zu Freikirchen mit moderneren Formen und Liedern orientieren. Nicht dass ich die Freikirchen kopieren wollte, aber ich sehe es schon so, dass die Volkskirchen in der Ansprache jüngerer Leute erheblichen Nachholbedarf haben (wobei das von Gemeinde zu Gemeinde natürlich höchst unterschiedlich sein kann).

LG
Christian
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« Antworten #4 am: 29. Oktober 2018, 21:28:11 »

Zitat
Hmm... was der Einzelne als angemessen/schön und was als "Show" empfindet, ist natürlich immer eine Frage des persönlichen Glaubens bzw. der kulturellen Prägung. In Afrika habe ich einen Gottesdienst erlebt, in dem die Menschen zu allen Liedern getanzt und einmal sogar eine Polonäse durch die Kirche gemacht haben. Ist deren Gottesdienst deshalb weniger wert (oder wäre er das bei uns, wenn wir es genauso machen würden)?
Da hast du völlig recht. Mit Show meinte ich eher Ansätze, Menschen für etwas Spektakuläres in die Kirchen ziehen zu wollen statt einen Weg zu Gott aufzuzeigen.

Wobei sich mir da die Frage stellt: Gibt es etwas spektakuläreres als ewiges Leben bei Gott? Aber damit kämen wir vom Thema ab...
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« Antworten #5 am: 29. Oktober 2018, 21:45:17 »

Vielleicht kommen wir gar nicht ab. Denn es leuchtet zwischen euren Zeilen immer wieder die Erkenntnis durch, dass Kirchenmusik eine theologische (nicht bloß musikalische) Größe ist. In deinen Ausführungen, Machthorn, atmet auch ganz stark der Geist des Bruder Klaus von der Flüe: „Mein Herr und Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir...“
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Kein Mensch ist arm zu nennen, der ab und zu tun kann, was immer ihm Spaß macht. (Dagobert Duck)
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« Antworten #6 am: 29. Oktober 2018, 22:02:26 »

Für mein Empfinden habe ich am Samstag in Martini die "RUACH" pusten gespürt.... Das an Ort und Stelle mit derartigen Improvisationen begleitete Fürbittgebet möchte ich gerne mal in der Liturgie miterleben.... Mir hat sich ein riesiges Lernfeld eröffnet.
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Machthorn
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« Antworten #7 am: 29. Oktober 2018, 22:08:33 »

Zitat
„Mein Herr und Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir...“
Ja, das ist ein hohes Ideal. Aber von alleine passiert das nicht und ohne eigenes Zutun kann es uns der Herr auch nicht geben. Da muss man schwer dran arbeiten.
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