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Autor Thema: Kirchenmusiker verzweifelt gesucht: die Organola  (Gelesen 1244 mal)
MagisterPerotin
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« Antworten #10 am: 28. Januar 2018, 23:12:02 »


In orthodoxe Kirchengemeinden („Refo“ heißt es im Holland), werden ausschließlich Genfer Psalmen gesungen, der Organist spielt meistens nur relativ kurze Intonationen als Einführung in den Psalmgesang, oft werden nur vier oder fünf Psalmstrofen gesungen, und bei das Orgelspiel vor Anfang und nach Abschluss der Gottesdienst werden nur „Psalmbewerkingen“ gespielt, kein Literatur. Man würde sagen: eine begrenzte Kirchenmusikalische Beitrag.  Das Akzent liegt bei Predigt, Schriftlesung und Gebet, eine Gottesdienst kann halt anderthalb stunde dauern wobei die Predigt 45-60 Minuten dauert und Schriftlesung und Gebet 20-30 Minuten.

Wie soll man das zusammengehen von eher arme Kirchenmusik und volle Kirchen interpretieren? Interessant denke ich, oder?

Gruß, PM


Ich würde vermuten, dass mit der eher reformiert-calvinistischen Tradition des Protestantismus in den Niederlanden vielleicht auch über lange Zeit eine andere Erwartungshaltung an Gottesdienste entstanden ist als in Deutschland, wo vielleicht der Lutheranismus doch stärker geprägt hat und auch eine tendenziell üppigere Kirchenmusiktradition begünstigt hat.
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Es mag sein, dass nicht alle Musiker an Gott glauben; an Bach jedoch alle. - Mauricio Kagel
jogo31
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« Antworten #11 am: 02. Februar 2018, 09:47:30 »

Ich kann da eigentlich gar nicht mitreden, da ich in einer Gemeinde beschäftigt bin, in der wir sage und schreibe 5 Organisten sind und wir uns eher darum ringen, überhaupt mal "dran" zu kommen. Aber die Problematik gibt es natürlich trotzdem, daher machen wirs so, dass wir uns eben auch in anderen Gemeinden engagieren, die händeringend Organisten suchen.

Ein wichtiger Punkt ist auch der Punkt "Bezahlung". Natürlich gehört immer eine gute Portion Idealismus dazu und Ehrenamt und eine positive Einstellung zu selbigem ist ja grundsätzlich zu begrüßen. Aber für "Gottes Lohn"  krieg ich weder eine Wohnung, noch kann ich mir für jenen Futter kaufen.
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Gemshorn
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« Antworten #12 am: 02. Februar 2018, 13:10:28 »

Zudem scheint mir das Motiv Belohnung (nicht: Entlohnung) doch sehr speziell katholisch. duck und weg
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clemens-cgn
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« Antworten #13 am: 02. Februar 2018, 18:13:26 »

Ohne Moos, nix los. Zur Dienstverrichtung gehört die Vorbereitung (üben!), An- und Abfahrt, die Dienstverrichtung und ein stetiger Anteil an meinen Notenanschaffungen.
Den Stundenlohn eines Handwerksgesellen sollte der Dienst schon erbringen. Bei beiden Großkirchen sind die finanziellen Ressourcen vorhanden.
Unter einem gewissen Niveau bewege ich mich nicht mehr. Schlechtem Geld, mein gutes nachzuwerfen sehe ich nicht  mehr ein. Wenn der vereinbarte Satz nach "BAT" im Umschlag an der Orgel ohne weiteren Papierkram (egal bei welcher Konfession!) da liegt, komme ich auch wieder, sonst landet der Spielort auf der schwarzen Liste.
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Rauschbass
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« Antworten #14 am: 04. Februar 2018, 11:19:26 »

Ein positives Signal hinsichtlich der Nachwuchsförderung kommt aus Eichstätt: dort wurde gestern das neue diözesane Zentrum für Kirchenmusik und das Haus der Dommusik eingeweiht. Hier finden an zwei Orgeln (Sandtner und Jann (die ehemalige Hausorgel Prof. Lehrndorfers)) Aus- und Fortbildungen für nebenamtliche Kirchenmusiker statt, hier finden die diözesanen D- und C- Kurse sowie workshops statt. Nebenbei kommen jede Woche über 170 Chorsänger von 5 bis 65 und proben im Vorschulchor, dem Domkinderchor, den Jugendkantoreien, der Schola Gregoriana sowie dem Domchor bis zu zweimal pro Woche. Es gibt Aufenthaltsräume für Schulkinder, Stimmbildungsräume, zwei Chorsäle und einen separaten Orgelraum. Hier hat die Diözesanleitung wirklich ein mutiges und engagiertes "Leuchtturmprojekt" realisiert, trotz aller Sparzwänge und vielleicht auch gegen den Zeitgeist. Denn: Kirchenmusik ist auch pastorale Arbeit. Ein Video über die Einweihungsfeier findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=WEcny-H72SY.
Heute ist Tag der offenen Tür.
Viele Grüße (und: Freudensprung)
Stephan
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clemens-cgn
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« Antworten #15 am: 04. Februar 2018, 14:39:20 »

Das gab es schon zur Zeit meiner Orgeljugend in der Diasporadiözese Hildesheim. 1976 habe ich dort als jüngster Absolvent mal meine D-Prüfung abgelegt. Heute ist man dort sogar soweit, daß die Nachwuchsausbildung der Nebenamtler bis zur C-Prüfung ökumenisch erfolgt. Für meine anschl. C-Prüfung benötigte ich noch eine Ausnahmegenehmigung, um bei der ev. LK überhaupt in den Kreis der Auszubildenden aufgenommen werden zu können.... Heute bin ich über meine Bereicherung aus der Beschränkung immer noch dankbar.   
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« Antworten #16 am: 04. Februar 2018, 22:06:56 »

Ein positives Signal hinsichtlich der Nachwuchsförderung kommt aus Eichstätt:
Nachwuchsförderung bringt aber noch lange keinen Nachwuchs. Wenn ich mir die C/D-Ausbildungsjahrgänge in Eichstätt anschaue, dann gibt es in den letzten Jahren einen deutlich sichtbaren Rückgang.
Und das ist, ehrlich gesagt, kein Wunder. An begabtem Nachwuchs fehlt es sicher nicht. Aber dem potentiellen Auszubildenden wird in den Gemeinden schon rechtzeitig demonstriert, dass Qualität weder erwünscht ist noch sich irgendwie auszahlt.
Ich schätze aber, dass dies kein lokales Phänomen ist...
LG
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« Antworten #17 am: 04. Februar 2018, 22:48:46 »

Wenn ich mir die C/D-Ausbildungsjahrgänge in Eichstätt anschaue, dann gibt es in den letzten Jahren einen deutlich sichtbaren Rückgang.
Hast du da genaue Zahlen? Ich schau morgen mal ins Amt und sehe nach, ob diese Aussage zu validieren ist. Grundsätzlich ist die Nachwuchs- und Jugendarbeit in allen Bereichen in Bayern durch das G8 in Schieflage geraten, viele der Kandidaten, die das früher - zu meiner Zeit des uralten G9 - nebenbei gewuppt haben, kamen aus dem gymnasialen Bereich. Sowohl die Verkürzung (ein Jahr weniger zuhause) als auch der deutlich erhöhte Zeitaufwand ab der Mittelstufe führen zu einem Rückgang in allen Sparten des Ehrenamtes, so womöglich auch hier.
Dennoch ist eine ansprechende Ausstattung, ein anregendes Kursangebot und die gezeigte Wertschätzung der Kirchenmusik der Nachwuchspflege sicher zuträglich. Deutlich wird das am hohen Zuspruch der Jugendlichen in der Stadt und dem näheren Umland, was das Engagement in den Chören anbelangt - weder der Domchor noch die Jugendchöre können über mangelnden Zuspruch klagen.
LG
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« Antworten #18 am: 05. Februar 2018, 00:55:40 »

.... Aber dem potentiellen Auszubildenden wird in den Gemeinden schon rechtzeitig demonstriert, dass Qualität weder erwünscht ist noch sich irgendwie auszahlt. Ich schätze aber, dass dies kein lokales Phänomen ist...
Musikalisch un- oder verbildete Kleriker, oder auch die würdevollen Hasen aus dem Kirchenvorstand taten und tun das ihrige genau im Abschreckungsbereich. Zur Ausbildung müßte sicher auch ein "Kommunikationskurs" zum Umgang mit Klerikern und "Gemeindehonoratioren" gehören....
Diese Erfahrungen machen übrigens auch viele "Alte Hasen" (Haupt- und Nebenamtler) im Orgel/Chorfach... (Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen, Burnout ... bis zum Suizid hinter der Orgel) war schon alles da. Auf ev. Seite habe ich in der Regel ein professionelleres Arbeitsfeld für die Musica sacra vorgefunden. 
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trompetendulzian
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« Antworten #19 am: 05. Februar 2018, 17:42:20 »

Aber dem potentiellen Auszubildenden wird in den Gemeinden schon rechtzeitig demonstriert, dass Qualität weder erwünscht ist noch sich irgendwie auszahlt.
Also wenn ich mich an meine eigene Schulzeit zurückerinnere, habe ich mir mit dem Orgelspielen durchaus das Taschengeld deutlich aufgebessert. Wer kann schon von sich behaupten, mit seinem Hobby auch noch Geld zu verdienen? Besser als im Supermarkt Leergut zu sortieren oder in der Gastronomie zu jobben, was typische Tätigkeiten meienr Mitschüler waren, war der Sonntagvormittag auf der Orgelbank allemal. Auf das Erarbeiten der Literatur für den Unterricht und darüber hinaus, haben sich die regelmäßigen Dienste auch ausgezahlt, denn mit dem Ziel der Aufführung vor Augen übt es sich nunmal deutlich motivierter und die meisten Gemeinden signalisieren meiner Erfahrung nach durchaus Gefallen.
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