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Autor Thema: Orgelraritäten zu Weihnachten  (Gelesen 355 mal)
Wichernkantor
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« am: 09. Dezember 2017, 10:19:06 »

Hallo Leute,

ich bin mal wieder (viel zu?) brav gewesen und deshalb hat mir Nikolausi die drei Hefte obigen Titels durch den Kamin geworfen. Mittwoch früh lagen sie (mit obligatem rotem Schleifchen drumherum) "unauffällig" auf meiner heimischen Orgelbank.

Erschienen sind sie bei B-Note, hier gibt es Vorschau-Probeseiten:
http://www.bodensee-musikversand.de/product_info.php?products_id=241770&p=ext-record-2
(Band I, für die weiteren Bände nach unten scrollen!)

In der Tat enthalten die drei Hefte Stücke, nach denen man sonst umständlich suchen muss. Klar, Sachen wie Francks oder Guilmants "Offertoires pour noel" hatte ich im Fundus. Aber ähnliche Kompositionen von Jules Grison, William Thomas Best oder William Faulkes sind durchaus spielenswert und waren für mich weiße Flecke auf der Landkarte der Weihnachtsliteratur.
Heft II enthält überwiegend deutsche und angelsächsische Meister der Romantik - auch Merkels (Gustav Adolf, nicht Angela!) A-Dur-Pastorale ist ja inzwischen weiter verbreitet. Aber wer Mallings "Christmas Eve" oder die Pastorale von Samuel de Lange auflegt, hat "Stimmungsmusik" im positiven Wortsinn. Wobei bei den Amerikanern (Georgel Elvey) der (sehr persönlich zu definierende) Grat zum Banalen sehr schmal wird ...
Heft III ist meine Favoritin: Zwei wirkungsvolle Stücke aus Jan Zwarts "1. Christfest-Suite", eine pompichte Entree über "Eere zij God", die witziger Weise im Pianissimo endet - Registerangabe "alleen Viola". Und dann zwei stiltreue Miniaturen über "Stille Nacht". Ein weiteres Bonbon: Ein Orgelarrangement der Arie "Schlafe mein Liebster" aus Bachs WO - werde ich gleich mal üben. Lefebure-Wélys "Adeste fideles" enthebt sich in B-Dur der Kompatibilität mit dem Gemeindegesang, als Literaturstück ist es jedoch schnell erarbeitet und von imposanter Wirkung.
Wer spielen will, was die anderen nicht spielen, macht keinen schlechten Deal und hat mit den drei Heften auf Jahre hin Spaß.

Was mir an den B-Note-Ausgaben stets gefällt: Sie sind auf dickem Papier gedruckt, das nicht reinweiß ist, sondern einen leichten Chamois-Ton hat. Das gibt - vor allem bei notorisch schlechter Spieltischbeleuchtung - mit schwarzer Druckfarbe den besten Kontrast.
Die Hefte haben französisches Quartformat, d.h. etwas größer als Hochformat DIN A 4.
Es handelt sich um (vor allem bei den Franzosen aus dem Sextformat vergrößerte) Reprints der Originalausgaben. Das hat an einigen Stellen nicht optimal funktioniert, da muss man dann (an wenigen Stellen, wohlgemerkt) schon genau hinsehen und ggf. ein paar Noten mit schwarzer Tinte nacharbeiten.

Der Preis ist auf jeden Fall budgetfreundlich. (Mein persönlicher Nikolausi hat's außerdem ...  Lachen)

LG
Michael
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« Antworten #1 am: 09. Dezember 2017, 10:50:27 »

Uralter Notensatz, wie man anhand der Beispieldatei ersehen kann. Manches wirkt (zumindest am Bildschirm) nicht mehr so gut lesbar. Nimmt sich das beim Gedruckten anders aus?

Ein bisschen schade, dass sich niemand die Mühe macht, die alten Setzereien neu zu setzen und so für künftige Generationen zu sichern.
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Gloria Concerto 234 DLX Trend
Wichernkantor
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« Antworten #2 am: 09. Dezember 2017, 11:05:12 »

Im Druck kommt es besser - es sind ein paar Stellen, vor allem an den Anfängen und Schlüssen der jeweiligen Akkoladen, an denen wirklich Nachbesserungsbedarf besteht. Wie gesagt, das scheint mir beim Vergrößern alter Borneman-Editionen passiert zu sein. Die sind auch im Original nicht von berauschender Qualität. Das ist noch Lithographie im ursprünglichen Wortsinn - also Druck mit geätzten Steinplatten. Da ist die Randschärfe nicht so sauber - und diese Ungenauigkeiten werden durch das Vergrößern eben vergrößert.
Da sollte sich der Inhaber des Ein-Mann-Betriebes mal mit den entsprechenden Rechnerprogrammen für das Retuschieren auseinandersetzen. Oder vielleicht doch mal einen Schriftsetzer hinzuziehen - die lernen sowas heute in der Ausbildung.

Ein bisschen schade, dass sich niemand die Mühe macht, die alten Setzereien neu zu setzen und so für künftige Generationen zu sichern.

Schelm! Lachen Der Wink mit dem Zaunpfahl ist angekommen. Aber unter meinen Projekten für das baldige Rentnerdasein hat das "Handbuch der kirchenmusikalischen Perversitäten" eindeutig Priorität.
Es geht dabei immerhin darum, die Kuriositäten eines Organistenlebens für die nächsten Generationen zu erhalten ... wg. Weltkulturerbe und so ... Lachen


LG
Michael

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Gemshorn
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« Antworten #3 am: 09. Dezember 2017, 11:14:52 »

Was du da wieder aus meinen absichtslosen Zeilen herausliest... Lachen
Im Ernst, (diesmal) wollte ich wirklich nicht mit dem Lattenzaun winken.
Dass das Handbuch hinsichtlich seiner Priorität außer Streit steht, dürfte inzwischen im Kreis der Eingeweihten common sense sein. Lachen
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Gloria Concerto 234 DLX Trend
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« Antworten #4 am: 09. Dezember 2017, 12:24:56 »

Lieber Michael,
danke für Deine Beschreibung Freundlich.
Falls Du Dich auch noch an Jan Zwarts "2. Christfest-Suite" Interesse hast: Sie verarbeitet im Eingangssatz (in A!) mit harmonisch sehr interessanten Wendungen (die sogar auf ungleichschwebenden Stimmungen klingen) die Melodie Adeste fideles (Komt allen te samen) prächtig auf 150 Takten aus. Gefolgt von einer Pastorale "De Herders" nach einer Melodie von C.A. Kern. Der 3. Satz ist ein Allegretto über "Vom Himmel hoch". Daran schließt sich die zweite Pastorale über "De herdertjes lagen bij nachte" (altes niederl. Weihnachtslied) und mündet auch diesmal in den Choral: "Vom Himmel hoch in C" mit Zeilenzwischenspielen allerdings im pp. Das flotte "Koraal-Intermezzo" über "Vom Himmel hoch" in Es, bildet eine Brücke zu "Meditatie": eine Art NL Melodienpotpouri. Es startet mit der in D als "Laßt mich gehen" bekannten, ausgesetzten Melodie - gefolgt von 3 niederl. Melodien. Das Postludium (ein für Zwart so typische Variationsbehandlung) verarbeitet den NL Choral "Daar is uit ´s werelds duistre wolken". Beim Schlußchoral (samenzangtauglich) erät im FF jede Balgplatte in Schwingungen.  
@ Gemshorn: Zur Druckqualität (bei B-Note).
Ein photomechanischer Nachdruck kann nie besser sein, als das Original. Die nachträglichen Neusetzungen stellen m.E. nach häufig Verschlimmbesserungen dar. Da nehme ich lieber eine schwarze Tusche und eine sehr feine Feder zur Hand. Ausdrucke auf größerem als Din A 4 liefern wegen der häufig größer verwendeten Drucktypen eine erheblich bessere Lesbarkeit. Wer jemals die bei Schott als Din A4-Verkleinerungen erschienenen Guilmantausgaben der alten Franzosen neben den französischen Originaldruck gelegt hat und daraus spielt, wird es beim Spiel merken. Der Satz ist durch das größere Format luftiger und damit auch beim Spiel wesentlich leichter zu erfassen. Deswegen sind mir 1:1 Nachdrucke der Originale häufig lieber.
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Wichernkantor
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« Antworten #5 am: 09. Dezember 2017, 13:56:03 »

Die 2. Keerstmas-Suite von Zwart habe' ich im Original. Die "Herdertjes" haben in der Wichern-Christvesper Kultstatus. (Den Choral naturally mit der Prinzipalschwebung.)
Ich habe auch etwelche andere "Stukken" aus Zwarts Feder. Seinerzeit während eines Hollandurlaubs direkt im "Autiquariaat Jan Zwart" abgegriffen ...

LG
Michael
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« Antworten #6 am: 09. Dezember 2017, 14:09:34 »

Band II: William Carl "Christmas Pastorale"
Registrieranweisung: Prepare Drawbars  Lachen
Leslie bitte auf "slow"
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clemens-cgn
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« Antworten #7 am: 09. Dezember 2017, 15:34:55 »

Die parallelen Hammond Registrieranweisung sind für sämtliche Ausgaben Dr. Carls typisch. Bevor wir heute die Nase rümpfen, lassen sich die Klangvorstellungen der Herausgeber an Hand eines entsprechenden Hammond-Sound-Dictionary rückverfolgen. Mitunter ist er da etwas inkonsequent bei Registrierangaben (Hammond angegeben und PO nicht). Die Vorliebe der Amerikaner für das flotte Leslie versucht er damit etwas zu bremsen. Und das Choral(slow)-Leslie bringt etwas Bewegung in den sonst zu starren Sound der Hammonds. Bezahlbare Hallgeräte gab es noch nicht. Im späteren Elektronen und Analogorgelbau hieß dieser Parameter "Random Motion" Zwinkern
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PM
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« Antworten #8 am: 09. Dezember 2017, 19:02:09 »

Ich habe auch etwelche andere "Stukken" aus Zwarts Feder.
Hallo Herr Wichernkantor,

Schön das Sie Zwart spiele. Als Holländisch – Lutherische Kirchenmusiker kann man ihm als Verbindung zwischen Holland und Deutschland sehen. Kennen Sie Zwarts Fantasie over het Lutherlied: Een vaste Burg is onze God? Ein schönes und sehr effektive Musikstück. Auch Asma, Schüler von Zwart, hat schöne Musik komponiert, z.b. Fantasie over Dankt, dankt nu allen God (Nun danket alle Gott) – vielleicht etwas banal aber fürs Publikum sehr effektiv. In mein Jugend hatte ich Herr Asma vielfach spielen gehört, auch mit Musik von Zwart. Asma’s Kirche und Konzerte waren sozusagen bei mir um die Ecke (etwa 5 km).

Gruß, PM
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Wichernkantor
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« Antworten #9 am: 09. Dezember 2017, 22:16:08 »

Ja, natürlich habe ich die Noten von "Ein' feste Burg". Ich habe sie einige Male gespielt, unter anderem beim 50jährigen Jubiläum unserer Kirche.
Außerdem besitze ich einige der Choralfantasien, die Fantasie über "Wilhelmus" und etliche Hefte mit kleineren Choralbearbeitungen.
Ich mag diese Musik sehr, denn sie klingt gut und liegt gut in den Fingern.
Von Feike Asma stehen etliche Tonaufnahmen in meinem Schallplatten- und CD-Bestand.

LG
Michael
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