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Autor Thema: Michaels Literaturliste  (Gelesen 775 mal)
Wichernkantor
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« am: 02. Juni 2017, 21:11:19 »

Michaels Literaturliste

Ein paar Takte vorweg:

Diese Literaturliste entstand im Kern vor mehr als 35 Jahren für meine Schüler und C-Kursler. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Denn es handelt sich bei den vorgestellten Bänden und Einzelstücken um den Inhalt meines privaten Fundus’, der zwar immer noch wächst, dessen Umfang indes räumliche und finanzielle Grenzen gesetzt sind. Zudem ist mein Urteil zwangsläufig subjektiv. Natürlich spiele ich nur Musik, die mir persönlich gefällt. Allerdings fließen vier Jahrzehnte praktischer Erfahrung in die Bewertung ein. Und alles, was ich bespreche und empfehle, habe ich selber in der Praxis erprobt.
Die verschriftlichte und kommentierte Fassung dieser Liste entstand vor rund zehn Jahren für das – leider eingestellte - „Chor-Orgelforum“ der lieben Kollegin Ellen-Schwarz-Schertler, Kantorin in Friedrichroda/Thüringen.  Ich hatte die Textdateien noch auf der Festplatte, Klaus und ich haben überlegt, sie den Forianern zugänglich zu machen. Allerdings möchte ich, dass es „meine“ Liste bleibt, deshalb sind in diesem Thread keine Kommentare oder zusätzliche Einträge möglich. Wer Diskussionsbedarf sieht, möge einen eigenen Thread eröffnen oder mir eine PN schreiben.
Geordnet ist die Sammlung nur grob nach Gattungen, die Reihung ergab sich so, wie die Bände im jeweiligen Stapel lagen bzw in meine Notenschränke einrückten.

I.       freie Werke Sammlungen
II.     freie Werke einzelner Komponisten
III.   Choralbearbeitungen Sammlungen
IV.    Choralbearbeitungen einzelner Komponisten
V.      Weihnachten


Ich werde versuchen, meine Neuzugänge chronologisch jeweils am Ende einer jeden Liste einzuarbeiten und so den Bestand forzuschreiben.

Es geht mir indes keineswegs darum, „objektive“ Urteile zu fällen, sondern vor allem den nebenamtlichen KollegInnen meine zwangsläufig subjektiven Eindrücke und Erfahrungen zugänglich zu machen. Deshalb habe ich auf die Besprechung ausgesprochener Virtuosen- und Konzertliteratur verzichtet. Die erste und wichtigste Meßlatte ist die gottesdienstliche Brauchbarkeit – konfessionsbedingt eher die des protestantischen als des katholischen Gottesdienstes. (Aber es soll ja kath. Organisten geben, die einfach „evangelisch“ spielen, ohne es ihrem Pfarrer zu verraten.)
Zudem gehe ich davon aus, dass jeder, der sich eingehender mit dem Orgelspiel befasst, die gängige Standardliteratur besitzt: Bachs Werk komplett oder in Auszügen, Werke des norddt. Barock (Buxtehude, Böhm, Bruhns, Lübeck) – wer sie nicht hat, dem empfehle ich die drucktechnisch hervorragenden praktischen Ausgaben der jeweiligen Gesamtwerke von Breitkopf.                                                        
Wenn ich gelegentlich ins Blödeln verfalle oder einen Schwank aus meiner zarten Jugend einflechte, mögen mir es all diejenigen die nachsehen, die 365 Tage im Jahr die erdrückende Last der hehren künstlerischen Verantwortung auf ihren gramgebeugten Schultern über diesen Planeten schleppen und sich alle vier Jahre einmal zum heimlichen Lächeln in den Keller schleichen. Heißt es nicht Orgel „spielen“?

Und jetzt viel Freude beim Stöbern und Entdecken.
Michael

Teil I: Freie Orgelwerke in Sammelbänden/Anthologien

Die „Standardsammlung“ meiner Liste, von der ich meine, dass sie eigentlich auf jeder Orgelempore liegen müsste und es Aufgabe der Gemeinde wäre, sie zu beschaffen:                                                                                                              
„Orgelmusik im Gottesdienst“ Hg. Heinrich Funk, Hinrichsen-Verlag (gehört zu Peters) 3 Bde. No. 2006 a bis c. Band 4 dieser Sammlung ist die
„Zeitgenössische Orgelmusik im Gottesdienst“ (2006 d). Wenigstens die ersten beiden Bände sollte man gemeinsam beschaffen, denn die Anordnung der Stücke folgt den Tonarten (Bd. 1 C-Dur bis e-moll, Bd. 2 F-Dur bis h-moll). Bd. 3 ist dann wieder ein eigenständiger Erzänzungsband. Ich packe die beiden ersten Bände immer dann ein, wenn ich irgendwohin zur Aushilfe gerufen werde und nicht weiß, was mich dort orgel- und raummäßig erwartet. Meine Erfahrung: Irgendwas aus diesen Bänden klingt immer gut. Das liegt daran, dass der Herausgeber sehr sorgfältig ausgewählt hat aus dem reichen Schatz der barocken Orgellandschaften. Typisch französische Registerpiècen aus dem Umfeld Couperins, englische Voluntaries, süddeutsche Ricercari und kantige norddeutsche Fugen mit Repetitionsmotiven, Sätze aus Walthers Konzertbearbeitungen, italienische Elevationstoccaten – und das meiste geht vom Blatt. (Wobei Üben noch nie geschadet haben soll.) Umfang und Vielseitigkeit machen die Ausgabe für mich zur ersten Wahl. Billiger kommt man wohl kaum an ein so umfassendes Kompendium der Musik zwischen 1550 und 1750. Band drei schließt ein paar weiße Flecke auf der Landkarte, vor allem Böhmen – und spannt den stilistischen Bogen bis zu Dvoraks D-Dur-Präludium – als der Band 1971 erschien, eine ungeheure Kühnheit. Für den Band 4 sollte man Spaß an herber Klanglichkeit mitbringen. Die Stücke liegen halt nicht so gut in den Fingern. Da muss man schon etwas dran arbeiten. Aber unter entsprechenden Rahmenbedingungen findet man darin viel Schönes – u.a. drei Originalkompositionen von Marcel Dupré (ausnahmsweise mal nicht für Ausnahmevirtuosen, sondern für ganz normale C-Kurs-Absolventen mit geländegängigen Fingern).

Ebenfalls angejahrt, aber in der Praxis sehr bewährt: Das zweibändige Pendant von Bärenreiter. Unter dem Titel
„Freie Orgelstücke alter Meister“ hat Adolf Graf zwei Bände (BA 1224/BA 5478) zusammengestellt. Sie bilden das Gegenstück zu Grafs vierbändigen „Choralvorspielen zum gottesdienstlichen Gebrauch“ (siehe dort). Band I enthält 37, Band II 80 überwiegend knappere Präludien, Fugen und Toccaten von Meistern des 17. und 18. Jh. – durchweg Stücke, die bei Erscheinen nicht in den gängigen Gesamtausgaben greifbar waren, allesamt von gottesdienstgeeigneter Länge und moderater Schwierigkeit – und auf jedem orgelbewegten Instrument gut zu machen. Die schönen, klaren Druckbilder lassen sich auch über drei Manuale hinweg gut lesen – und mit 18 bzw. 30 Euro stimmt auch das Preis-Leistungsverhältnis.

Noch eine neuere Sammlung:
„Leichte Orgelstücke des 19. Jh. Bd. II“ aus dem Bärenreiter-Verlag (BA 8417). Der Herausgeber Martin Weyer ist auch so ein Raritätensucher wie ich. Und er hat in der Tat ein paar interessante Stückchen gefunden, so Präludien der Skandinavier Emil Sjögren und Ludvig Lindeman (m.W. nicht verwandt mit Loriots Erwin Lindemann). Dazu einiges, was in meiner Lehrzeit noch auf dem „Index“ stand: M.G. Fischer, Moritz Brosig usw. Immerhin reihen sich 35 Stücke zu einem kleinen Raritätenkabinett. Nur bei den ganz kleinen achttaktigen Harmonisierungen gregorianischer Choralthemen von Aléxandre Guilmant beschleicht mich der Verdacht, dass noch etwas freier Platz auf den Seiten gefüllt werden musste. Da kann man sich gleich das Orgelbuch auflegen und die A-und B-Sätze abwechselnd mit unterschiedlichen Registrierungen spielen, um die Zeit rumzukriegen. Aber vielleicht steckt dahinter ja ein höherer Sinn, der einem einfältigen Practicus wie mir verborgen bleibt. Trotz dieses kleinen (doch nicht?)Mangels ein empfehlenswerter Band. Band III (BA 8420) folgt den gleichen Editionsprinzipien. Unter den Komponisten der 36 Stücke tauchen der in meiner Lehrzeit verpönte, inzwischen längst rehabilitierte Chr. H. Rinck, M.G. Fischer und der Thüringer Carl-Gottlieb Umbreit gehäuft auf. Besonders gut gefallen mir die ordentlich gearbeiteten, mit einem singenden Prinzipalchor in dichtem Legato organisch strömenden Fugen des Böhmen Johann Beranek – eine davon über BACH. Band I (BA 8416) habe ich nicht, aber ich vermute mal, er ist ähnlich gestrickt.

Auch bei Carus gibt’s inzwischen viel romantische Kleinmeisterei, die nichts mit Kleingeisterei zu tun hat:
„Freie Orgelmusik des 19. Jahrhunderts für den gottesdienstlichen Gebrauch“, erschienen in drei Bänden Bd. I CV 40.593, Bd. II CV 40.592 und Bd. III 40.591. (Nein, kein Schreibfehler. Die Nummern sind wirklich rückläufig.) Die Stücke der Bände I uns II stammen überwiegend von deutschen Meistern aus der ersten Hälfte des 19. Jh., gehen also stilistisch und harmonisch kaum über Mendelssohn hinaus. Darunter etliches von Gustav Merkel, Moritz Brosig, Christian Heinrich Rinck, Michael Gotthard Fischer, die ja jede Menge Präludien zum Gebrauch der Lehrerorganisten jener Zeit geschrieben haben. Das meiste paßt auf zwei Druckseiten. Dem Herausgeber Helmut Völkl ist es gelungen, aus den bis ins frühe 20. Jh. verbreiteten Vorspielbänden eine qualitätvolle Auswahl vorzulegen. Das ist gut gearbeitete, wohlklingende Vor- und Nachspielliteratur, geordnet nach Tonarten. Band I enthält auch die schöne, singende BACH-Fuge von Joseph Rheinberger, eines meiner Prüfstücke für einen ausgeglichen intonierten Manualprinzipal 8’. Die beiden Bände haben jeweils rund 90 Seiten, das Druckbild und das Notenlayout sind mustergültig, wie bei Carus nicht anders zu erwarten. Das hat seinen Preis. Doch die Bände sind wegen der Materialvielfalt und der hohen praktischen Brauchbarkeit diesen Preis durchaus wert. Sie vermitteln einen guten Eindruck, was so um 1850 auf deutschen Orgeln gespielt wurde - und daß nicht alles aus dieser Zeit in den Schatten der sinfonischen Virtuosenliteratur gehört.
Band III schlägt einen kleinen Bogen durch die wesentlichen außerdeutschen Orgellandschaften. Der Däne Niels Gade, der Engländer Henry Smart, Antonin Dvorak mit seinem einzigen Orgelwerk (Präludium und Fuge in D), der Amerikaner Herbert Brewer, Lemmens, Wesley, sind mit charakteristischen Arbeiten vertreten. Außerdem gibt es einige Guilmants, an die sonst schwer heranzukommen wäre, weil sie in den Originalausgaben seit Jahrzehnten vergriffen sind und die neue Gesamtausgabe bei Bärenreiter kaum über die Sonaten herausgekommen ist. (Gerade die umfangreichen und vielseitig nutzbaren Guilmant-Sammlungen „l’organiste practique“ und „l’organiste liturgique“ mit ihrem praxisbezogenen Anspruch bei moderatem Schwierigkeitsgrad sind derzeit m.W. nirgendwo zu bekommen.) Außerdem enthält der 80seitige Band noch ein paar Petitessen von Mendelssohn und dem Leipziger Thomasorganisten Carl Piutti. Die insgesamt 26 Stücke sind durchweg etwas länger und einen (kleinen) Tick schwieriger als die der Vorgängerbände. Die drei Hefte haben das Zeug zur Standardsammlung. Die Kirchengemeinde, die sie kauft, tut sich und ihrem Organisten sicher einen Gefallen.

Wer es leichter und nicht ganz so umfangreich, dafür einen Tick moderner haben will, ist mit
„Leichte freie Orgelstücke für den gottesdienstlichen Gebrauch“ aus dem Verlag Merseburger (Verl. Nr. 859) gut beraten. Auf 47 Seiten gibt es in allen Tonarten knappe, schnell erarbeitete Stücke – ohne Wendestellen. Bei den Autoren handelt es sich um ev. Kirchenmusiker in der damaligen DDR. Sie schrieben sehr bewusst für die im ruhmreich untergegangenen deutschen Realsozialismus besonders weit verbreiteten „einfachen Verhältnisse“ – und haben mit diesem Heft bewiesen, dass „einfach“ nicht „simpel“ heißt. Da gibt es Präludien, bisweilen in Kanon- oder Trioform, Fugen, zwei kleine Passacaglien. Alles sehr spielerfreundlich und gut klingend. Die meisten Stücke sind zugleich gute Modelle für erste Improvisationsversuche.

Das „Traunsteiner Orgelbuch“ von Matthias Hippe, erschienen im Strube-Verlag (Edition Strube 3017) ist aus der täglichen pädagogischen Praxis des Orgelunterrichtes entstanden. Die Autoren der 23 Stücke quer durch den Quintenzirkel sind allesamt praktizierende bayerische Kantoren, die trotz lutherischer Konfession in ihrem Schreibstil etwas barock-katholisches (oder doch ökumenisch-urbajuwarisches?) durchscheinen lassen. Spieltechnisch bewegen sich die Stücke durchweg leicht bis deutlich unter dem Niveau der „8 Kleinen“ von Bach oder Nicht-Bach, für besonders gelungen halte ich eine dreisätzige „Pastorale“ von Matthias Hippe und sechs sehr vielseitig verwendbare Rondos von Gustav Gunsenheimer. Ich habe diesen Band regelmäßig als „Beikost“ im C-Unterricht verwendet. Und die Schüler haben ihn gemocht, weil wirklich einige Ohrwürmer drin sind, die „was daher machen“ – wenn man etwas dran übt.

Ebenfalls bei Strube (Edition Strube 3103) ist ein kleines Heft mit dem Titel
„Orgelmusik sub communione“ erschienen. Dem Titel zum Trotz stammt auch dieses kleine Bändchen von den „Lutherischen“ im Bayernland. (Kath. Kollegen mögen - falls sie darob Gewissensnöte peinigen - vor dem Spiel Dispens beim zuständigen Ortsordinarius einholen.) Eine herrliche „Musette“ über „Schmücke dich, o liebe Seele“, eine schöne Aria für einen ebensolchen Sesquialter, ein „Engelkonzert“ und eine heiter schreitende „Abendmahlsmusik“ gefallen mir besonders gut. Kleine Modernismen werden die Hörergemeinde kaum „confundiren“.

“Herzlich willkommen“ heißt ein Heft des Verbandes Bayerischer Kirchenmusiker (Strube, VS 3215). Sein Ziel: Angehende Nebenamtler sollen mit elementarer Basistechnik Stücke finden, die gut zu bewältigen sind und gut klingen. Beide Ziele sind voll erreicht. Und mehr: Aus den 17 Stücken lassen die neun Kantorenkollegen jede Menge musikalischen Charme sprechen, ohne Gemeinde und Spieler mit gesuchten Schrägheiten zu erschrecken. Das spielen Orgelschüler gern, das hören Gemeinden gern – leicht, aber nicht seicht. Das Heft kostet 8 Euro – und es ist ein Vielfaches wert. Ich habe es auf der Orgelempore im Heimatort meiner Frau herumliegen sehen, es schnell mal durchgespielt und hatte eine Menge Spaß daran. Hätte ich Orgelschüler, wäre das mein Weihnachtsgeschenk für sie.

In dieselbe Kerbe haut das Strube-Heft
„Einzug-Auszug“ (Hrsg. Klaus Wedel, VS 3067). Es enthält 9 Stücke verschiedener amtierender bajuwarischer Orgelmeister, die gleichermaßen an den Organistennachwuchs und an die Gemeinden denken. Auch das ist Musik, die – gemessen am Aufwand – schon „was daher“ macht, wenn das „Orgelbüchlein“ oder die „acht Kleinen“ erst in (Er-) Reichweite liegen.

Da die maximale Länge eines Beitrages 20.000 Zeichen beträgt, muss ich hier einen Überlauf anlegen.
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« Antworten #1 am: 02. Juni 2017, 21:12:59 »

Bei Möseler gibt es eine Reihe „Orgelmusik der Klassik und Romantik“, herausgegeben von Wolfgang Stockmeier. Sie umfasst mittlerweile so um die 30 Bände und Bändchen, zwei davon sind als Sammlungen konzipiert und zwar:
„Leichte Orgelstücke verschiedener Komponisten“ (Bd. 14 / M 19.214) und
„Orgelstücke für Kenner und Liebhaber“ (Bd. 23 / M 19.223). Da hat Stockmeier wirklich im nicht immer gehaltvollen Teig die Rosinen entdeckt. Zum Beispiel (Bd. 23) ein Präludium mit Fuge vom „Etüden-Czerny“. Ja, der konnte wirklich einen tadellosen Orgelsatz schreiben – überwiegend in weiter Lage, was auf früh-romantischen Orgeln gut klingt, mit sauberer motivischer Arbeit und reizvollem Modulationsplan. Das gilt auch für die Fuge! Ansonsten gibt es in diesem Band u.a. eine schöne und leichte „Communion“ von Lemmens – übrigens eine ausgezeichnete Übung für Schüler und andere Lernwillige, mit dem Schwelltritt die dynamische Spannung einer Phrase nachzuzeichnen. Stockmeier ist ja auch ein sehr guter „Restaurator“ und hat ein Fugenfragment von J. L. Krebs zum gottesdiensttauglichen Nachspiel erweitert. (Von ihm gibt es auch eine glänzend gemachte Vollendung des C-Dur-Fantasie-Fragmentes BWV 573, ich weiß leider nicht, in welchem Verlag und bin gerade zu faul, es zu recherchieren.) Übenswert ist auch ein „Ostinato c-moll“ von Mendelssohn, ein Jugendwerk, das hörbar unter dem Eindruck von Bachs Passacaglia entstanden ist.
In Bd. 14 gibt es vier kleine Präludien von Krebs, schon im „galanten Stil“ – anmutige „Hochzeitsmusiken“ oder kleine Festpräludien. Gut gefällt mir auch die klar gearbeitete Fuge c-moll des Böhmen Johann Beranek. Beide Hefte haben um die 70 Seiten, auf denen sich noch viel Spielenswertes findet. Der Schwierigkeitsgrad geht niemals über C-Kurs-Anforderungen hinaus.  

Wer schon beim Blick in die Noten von Liszts oder Regers „BACH“ kapituliert hat, dem bietet die folgende Sammlung doch noch die Möglichkeit einer klingenden Reverenz an unser aller Meister:
„Bach-Fugen für Orgel aus dem späten 18. Jh.“ heißt ein Heft aus dem Butz-Verlag (BU 1874), herausgegeben von Felix Friedrich. Gleich drei BACH-Fugen von Georg-Andreas Sorge präsentieren sich als gut klingende, gehaltvolle vom-Blatt-Stücke. Kellner, Krebs und mehrere Bach-Söhne haben ihrem Lehrer bzw. Vater mit Bearbeitungen der „magischen Tonfolge“ Tondenkmäler gesetzt. Insgesamt elf reizende Zugabenstücke für jedes Bach-Konzertprogramm, zugleich spannungsvolle, da modulationsreiche Organo-Pleno-Stücke für Gottesdienste.

An anderer Stelle habe ich bereits die Reihe „Orgelmusik des 19. Jh.“ aus dem Verlag Alfred Coppenrath erwähnt. Es handelt sich um Reprints aus der Sammlung „Orgelcompositionen aus alter und neuer Zeit“ von Otto Gauß aus dem Jahr 1903. Die Druckbilder sind gewöhnungsbedürftig, da mit Bindebögen, Crescendo-Schnäbeln und anderen Vortragszeichen überladen. Auch das üppige Hochformat macht die Hefte nicht überall „Spielschrank“-geeignet. Aber der Inhalt lässt diese Mängel verschmerzen. Heft II der Sammlung enthält „Franz. Orgelmusik des 19. Jh.“, darunter eine spielenswerte Fuge von Aléxandre Guilmant über „Adoro te devote“ (im kath. Gesangbuch „Gottheit, tief verborgen“). M.W. ist sie sonst nirgendwo zu bekommen. Eine lyrische Pastorale von Daniel Fleuret und eine toccatenhafte Fantasie von Eugène Lacroix sind ebenfalls der Mühe wert.
Im Heft X „Belgische und niederländische Komponisten“ sind das „Prélude“ von Alphonse Mailly sowie knappe Präludien von Alphonse Moortgat und Adrianus Janssen mit wenig Aufwand zur Aufführungsreife zu bringen. Sie klingen – sauberst legato gespielt – auf jedem Orgeltypus gut und dauern keine zwei Minuten.
Ein besonderes Bonbon, das jedoch mit etwas Übeaufwand aus dem Papier geschält werden muß: die „Cantilène“ von Joseph Jongen. Eine lyrische Oboe hinter einer von sensiblem Fuße gesteuerten Schwellerwand (bitte KEIN Krummhorn mit Meckertremulant!!) und satte, farblich differenzierte 8’-Flöten müssen aber sein.
Aus dem Heft XI „Englische und skandinavische Komponisten“ würde ich einen Orgelschüler zunächst mit Henry Smarts „Prelude“ „anfüttern“ – schlicht, doch nicht simpel und mit sorgfältig ausgetüftelter Registrierung sehr effektvoll. Generell gilt für die im Heft enthaltenen Arbeiten der englischen Romantiker: Sie sind nicht alle ganz leicht, aber sie machen was daher – auf einer entsprechenden Orgel. Nicht minder wirkungsvoll, aber etwas Arbeit: eine Fantasie des Dänen Niels Wilhelm Gade.
Zu orgelgeschmückten Festivitäten jeder Art packe ich seit einiger Zeit immer das Heft
„Zur Trauung“ Band 1 ein, hg. von Wolfgang Bretschneider, erschienen bei Butz (BU 1553). Natürlich sind da AUCH Mendelssohns „Hochzeitsmarsch“ (übrigens in einer anspruchsvollen Bearbeitung) und Händels „Largo“ drin (bisher war ich stolz darauf, so etwas nicht zu besitzen und habe danach fragenden Brautpaaren immer unter Tränen gestanden, das sei zu „schwer“ für mich), aber ansonsten sind da herrliche Festmusiken drin. Angefangen bei Guilmants berühmtem Orgel-arrangement der Sinfonia aus Bachs Ratswahlkantate BWV 29 und Händels „Ankunft der Königin von Saba“ aus „Salomo“ (tolles Arrangement des Heraus-gebers für drei Manuale). Beide Stücke leben aber vom „Klangrausch“ und brauchen schon ein souveränes „Allegro molto“ (Wer Czerny übt, hat mehr vom Leben!). Die „marche triomphale“ von Lemmens gehört zu den Stücken, die halt schon wieder ein größeres Instrument und etwas Raum drumherum brauchen. Dann haut sie aber wirklich ein! Wer keine Rheinberger-Einzelausgaben hat, findet auch die bezaubernde „Cantilene“ aus der 11. Sinfonie. Der Band hat 66 Seiten und bietet viel Festliches für relativ wenig Geld. Band 2 (BU 1554) ist identisch gestrickt. Natürlich eignen sich auch diese Stücke für jedweden Festgottesdienst. Mir gefällt Wolfgang Bretschneiders Arrangement von C.H. Parrys berühmtem „Krönungsanthem“ „Jerusalem“ besonders gut. (Pflichtstück in der „Last night of the proms“ – das Publikum singt regelmäßig mit. Und das ist NOCH ergreifender als das Deutschlandlied aus der Fankurve, wenn unsere Kicker mal wieder gewonnen haben.) Außerdem hat sich in meiner Praxis J.L. Krebs’ „Fantasia in giusto italiano“ mit anmutig schwebender Tenor-Kantilene für Krummhorn oder Vox humana als Abendmahls- oder Epistelmusik bewährt. Den Band der Krebs-Gesamtausgabe habe ich nämlich noch nicht.
Inzwischen sind auch die Bände 3 (BU2100) und 4 (BU2630) dieser offensichtlich erfolgreichen Edition erschienen. Enthält ersterer u.a. allein vier Ouvertüren zu Händel-Opern in vielseitig verwendbaren und gut spielbaren Arrangements des Herausgebers, bietet letzterer Rarissima von Meister Lehrndorfer, Flor Peeters (schön, dass so was noch neu aufgelegt wird!), Christopher Tambling (+2015), dazu elegante klassische Sonaten von Scarlatti und Valeri, nach denen man auf Programmen und in leicht zugänglichen Editionen bisher vergeblich suchte.

„An Organ Miscellany“ aus dem Kevin Mayhew-Verlag (ISBN 1 84003 523 4) halte ich für sehr anschaffenswert. 85 Stücke auf 288 Seiten bieten auf Jahre „Orgelfutter“ in moderatem Schwierigkeitsgrad. Und allein die Tatsache, dass es etwas Mühe macht, an die Ausgaben heranzukommen, garantiert eine gewisse „Exklusivität“. Mir gefallen stets die Stilkopien von Christopher Tambling. Da spürt man einfach den gewieften Praktiker, der für seine Hörer schreibt. In diesem Band ist eine komplette Suite aus seiner Feder versteckt, ein halbes Dutzend Stücke über das ganze Heft verteilt, denen das selbe Thema in G-Dur zugrunde liegt – offenbar ein mir unbekanntes englisches Kirchenlied. Tambling macht daraus einen barocken Konzertsatz, ein gefühlvolles Adagio für die Solozunge, ein elegantes Trio, lässt die Solo-Tuba in Triolen donnern und baut zum Finale eine Fuge über die erste Themenzeile, die sich zur Choral-Schlußapotheose mit Reger-Harmonien steigert – eine ernste Herausforderung an so manche „atmende“ Windversorgung. (So nennen das die Orgelbauer heute, wenn sie sich bei der Dimensionierung von Bälgen und Kanälen verrechnet haben!)

Ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis bietet auch der Folgeband
„A second organ miscellany“ (ISBN 1 84003 706 7). Der Untertitel „100 attractive Pieces“ ist nicht übertrieben. Das meiste ist uneingeschränkt gottesdiensttauglich und geht vom Blatt oder mit wenig Übeaufwand. Allerdings erfordern die Stücke, wie die des I. Bandes, eine lückenlos disponierte und in den Prinzipalen füllig intonierte Orgel mit sattem Schwellwerk und kräftiger, solofähiger Trompete 8’ im Hw. Ein rundes Cornett, eine lyrische Oboe und eine Streicherschwebung sind für die Interpretation etlicher Piècen fast ein Muß. Der stilistische Bogen reicht von gelungenen Barock- und Romantik-Stilkopien bis zu einer individuell gefärbten, gemäßigt modernen, bisweilen impressionistischen Tonsprache, die jedoch nie die Grenzen des tonalen Systems sprengt. Bis zu Langlais oder gar Messiaen haben sich die zeitgenössischen Komponisten aus dem angelsächsischen Sprach- und Kulturraum selbst bei französischen Stilimitaten nicht vorgewagt.
Weitere 280 Seiten in identischer Faktur – und z.T. von denselben Autoren bietet Mayhew in „Recessionals and Processionals – 100 Pieces for organ“ – eine Fundgrube für alle gottesdienstlichen Anlässe. Bei den allfälligen „Trumpet Tunes“ „Triumpal Marches“ und „Fanfares“ sind raumbeherrschende Zungen die halbe Miete, aber auch auf orgelbewegten Neobbarockeirnnen klingen – tragfähige Prinzipale vorausgesetzt – die „diapason movements“ ganz passabel. ISBN 0-86209-595-6, Preis (anno 2003) ebenfalls 40 Euro.

„Every Sunday of the year – 52 Volutaries for Organ“ heißt eine weitere sehr brauchbare Sammlung von Mayhew (ISBN 1-84417-496-4). Stilistisch reicht sie von Bach bis zur (englischen) Gegenwart, mit einem deutlichen Schwerpunkt in der Romantik. Unter anderem finden sich ein paar manualiter-Einzelsätze aus den Orgelsonaten Mendelssohns – die er ja in den Urfassungen für den angelsächsischen „Markt“ und die damals dortselbst verbreitete pedallose Orgel schrieb. Alles andere geht dann übrigens mit Pedal. Ein paar Guilmant-Communions, die m.W. derzeit nirgendwo sonst zu bekommen sind, machen mir die Sammlung besonders wertvoll. Darüber hinaus enthält der 160-seitige Band ein paar schöne und seltene Sachen von Franck, Lefébure-Wely, Gigout, Boellmann, Karg-Elert, Elgar. Allesamt wirkliche Raritäten, die ich hierzulande bis dato weder im Konzert noch im GD gehört habe. Die Arbeiten mehrerer britischer Zeitgenossen zeichnen sich durch sensiblen Klangsinn und aparte Harmonik aus. Keines der 52 Stücke – zwischen zwei und vier Druckseiten lang – ist wirklich schwer. An einigen muß man natürlich etwas arbeiten. Und eine ausgefeilte Klangregie, eine Orgel mit schönen Solozungen und sattem Schwellwerk, kommen dieser Musik sehr entgegen. Bezahlt habe ich für den Band 35 Euro. Für ausländische Druckerzeugnisse gibt es übrigens keine Preisbindung, daher lohnt sich durchaus der Vergleich zwischen verschiedenen Anbietern.

Wer’s romantisch, leise und britisch mag, ist mit der Sammlung „Vesper Melody“ aus der Butz-Reihe „Orgelmusik aus England und Amerika“ sehr gut beraten (BU 1900). 20 stille, besinnliche, versonnene und heitere Stücke enthält das Heft. Keines geht über drei Druckseiten hinaus, keines erfordert Virtuosität und jedes klingt auf einer Orgel mit ein paar satten Grundstimmen und Flöten und einer schönen Solozunge hinter einer wirksamen Schwellwand bezaubernd. Ideale Abendmahls- und Meditationsmusik – schlicht, aber nicht simpel - ansprechend, aber nicht seicht. Eine sehr gelungene Auswahl. Ein ausgezeichnetes Notenbild, ein stabiler Einband und ein fairer Preis runden den exzellenten Eindruck ab.

Und im Februar 2007 ist ein Folgeband erschienen:
„Vesper Melody Heft 2“ (BU 2020) als Band 21 der äußerst empfehlenswerten Butz-Reihe „Orgelmusik aus England und Amerika“. In der Verlagsankündigung heißt es: „Wohlklang pur, leichte Ausführbarkeit und sofortige Verfügbarkeit bei allen Anlässen, die meditative, relativ kurze Orgelpretiosen erfordern.“ Und das könnte von mir sein. Denn dem ist nichts hinzuzufügen. Mit den beiden Heften tut Ihr euren Hörern und Euch wirklich was Gutes.

Eine beachtenswerte Raritätensammlung im stilistischen und zeitlichen Umfeld César Francks ist bei Forberg in drei Bänden erschienen:
„Les maitres Parisiens de l’orgue au 19ième siècle“. hg. von Kurt Lueders. Leider sind die zwischen 40 und 70 Seiten zählenden Bände recht teuer (Jaja, das kommt davon ,dass die bösen, bösen Organisten immer so viel kopieren!). Aber man kriegt für’s Geld wirklich ein paar schöne Sachen, die nicht jeder spielt, z.B. eine Fuge von F. Benoist und eine Élevation von Batiste, wer ein selten gespieltes Konzertstück sucht, ist mit Guilmants „Prélude, Thème, Variations et Final op 24“ gut beraten. (alle in Bd. 1) Übrigens sind die Druckbilder von Forberg sehr augenfreundlich, das lässt das Loch im Noten-Anschaffungs-Etat verschmerzen. Band II enthält Weihnachtsmusik – überwiegend über die klassischen franz. „Noels“, die man von Daquin, Balbastre und Dandrieu kennt – hier eben in der romantischen Variante und vor allem sehr leicht zu spielen!
Band III bietet längere Stücke, was nicht unbedingt „schwierig“ heißt. Ein Kabinettstück der besonderen Art: ein Prozessionsmarsch von Charles Gounod. Frei nach dem bewährten Rezept: Man nehme eine Kathedrale, installiere dortselbst eine Cavaillé-Coll mit doppeltem Bombardenchor und der Festungsartillerie aus dem Krieg 1870/71 und donnere munter drauflos. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Kirchenarchitekten oder Ihren Ohrenarzt.

Gerade die Orgelmusik der Bachzeit hat den Vorteil, allgemeinverständlich und auf den meisten Orgeln angemessen darstellbar zu sein. Außerdem stellen die meisten Opera des Bach-Schülerkreises und Umfeldes eher moderate technische Anforderungen (nimmt man die großen Krebs-Präludien aus – da hat man sogar mit ausgefeilter Dupré-Technik an den Pedalpassagen zu knabbern.) Dem trägt Breitkopf & Härtel mit einer empfehlenswerten zweibändigen Sammlung Rechnung:
„Orgelmusik um J.S. Bach“, hg. von R. Wilhelm, (Bd. 1 EB 8470, Bd. II EB 8685). Die inzwischen bekannteren „Kleinmeister“ Altnikol, Gerber, Kellner, Kittel Rinck und andere können ihre Herkunft von JSB nicht verleugnen. Die Sammlung umfasst durchweg solide gearbeitete Literatur im Grenzbereich von Spätbarock und früher Klassik. Schön sind bei Breitkopf stets die Druckbilder und die solide Heftung. Dafür gibt man gern ein paar Euro mehr aus.

Jetzt ein kleiner Streifzug durch die Gefilde südlich des Weißwurscht-Äquators, wo ich einige Jährchen mein Unwesen als Bezirkskantor getrieben habe:

Zunächst ein Heft aus der Edition Merseburger, „Musik des oberschwäbischen Barock“ (EM 812). Die längst verblichenen Kollegen waren überwiegend Organisten an bedeutenden süddeutschen Klöstern: Isfrid Kayser, Conrad Michael Schneider, Franz Anton Maichelbeck, Carlmann Kolb, Franz Schnizer (bisweilen auch Schnitzer), Sixt Bachmann und Joseph Lederer lebten allesamt zur Bachzeit und schrieben eher pianistische (cembalistische) Musik mit sparsamem Pedalgebrauch. (Wer einen der Komponisten kennt, kriegt einen grünen Pluspunkt! Zehn grüne Pluspunkte kann man bei mir an jedem 30. Februar gegen einen Leuchtkeks eintauschen. Das besondere am Leuchtkeks: Man findet ihn im Dunkeln!) Deshalb sind diese und die folgenden Sammlungen auch für Kollegen interessant, die Positive spielen oder historische Instrumente mir reduziertem Pedalumfang – und auch für die, die ein Cembalo in der Kirche haben! Wenn eine Orgel eine präzise repetierende und brillante Trompete 8’ hat, spiele ich gern Kaisers „Ouverture“, denn auf markige Grave-Punktierungen alla franchese folgt ein spritziges Presto mit federnden Repetitionsmotiven, einer spanischen „Batalla“ nicht unähnlich. Auf meiner ersten Stelle hatte ich eine komplette Batterie span. Trompeten im Hw. – bei aller Brillanz keine akustischen „Totschläger“. Da klang dieses Stück berauschend schön. Allerdings wirkt es auch prima mit Flöten 8’ + 4’ + prickelndem 2’Prinzipal. Tempo muss aber sein! Auch das Präludium von Maichelbeck erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit, um zu wirken.

Bei Anton Böhm & Sohn in Augsburg sind ebenfalls vier nette Hefte mit süddeutscher Barockmusik unter dem Titel „In Organo“ erschienen. Hg. war Gregor Klaus, der ehemalige Organist der berühmten Gabler-Orgel in Weingarten.
Heft 1 enthält Präambeln, Fugen und Versetten, allesamt von liturgieverträglicher Länge, mäßigen technischen Anforderungen und auf kleinsten Orgeln machbar, meistens auch rein manualiter.
In Heft 2 finden sich Ricercari und Fugen, manche von ihnen spiele ich schlicht mit einem schön singenden Prinzipal 8’ als Abendmahlsmusik, andere sind prächtige Plenumstücke für einen leuchtenden Prinzipalchor.
Heft 3 bietet Variationszyklen, Chaconnen und Capricci. Sie leben vom Farbenwechsel und dem geistvollen Umgang mit den Registerzügen. Ab und an nehme ich so etwas zu Orgelvorführungen – vor allem bei kleineren Instrumenten mit Neobarock-Disposition. (Der üblichen mittelhessischen Einheits-Dorforgel-Disposition mit 14 Registern lässt sich damit Erstaunliches abgewinnen.)
In Heft 4 sind dann „Schwäbische Orgelmeister des 18. Jh.“ zu finden. Wobei mit „Schwaben“ nicht Württemberg gemeint ist, sondern der bayerische Regierungsbezirk zwischen Iller, Lech, Donau und Alpen. In ihm liegen Ottobeuren, Irsee, die Wieskirche und andere barocke Juwele mit entsprechenden Orgeltraditionen. Die Musik dieses Heftes trägt schon deutlich „galante“ Züge. Die Stücke würden – auf dem Klavier gespielt – durchweg als bisher unentdeckte Werke Mozarts durchgehen, die der Frühvollendete im Laufställchen komponiert hat.

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« Antworten #2 am: 02. Juni 2017, 21:13:26 »

Bis zum Kauf einer DO für unsere zweite Predigtstätte, ein großes Seniorenzentrum, gehörte es einige Jahre lang zu meinem Dienstumfang, im dortigen Gottesdienst ein Positiv zu traktieren. Und ich habe in dieser Zeit wieder intensiver mit Manualiter-Literatur beschäftigt. Da sind die Werke der barocken Engländer, allesamt für die dortzulande bis ins 19. Jh. hinein übliche pedallose Orgel geschrieben, erste Wahl.

„Old english organ music for manuals“, hg. von C.H. Trevor, erschienen bei „Oxford University Press“. Das Book 1 (ISBN 0 19 375824 5) hat 24 Seiten und ist mit knapp 20 Euro nicht gerade billig. Aber der Inhalt – Einzelsätze aus den „Voluntaries“ von Händel-Zeitgenossen wie Croft, Keeble, Heron, oder den eine Generation später wirkenden Goodwin und Wesley – ist auf allem spielbar, was Pfeifen (seien sie real oder virtuell) und Tasten hat – vom dreiregistrigen Positiv bis zur Domorgel. Natürlich ist ein sattes Plenum auf 16’-Basis für die allesamt rein manualiter spielbaren Stücke besser, aber im Prinzip läßt sich jede „Grave“-Einleitung mit der Registerangabe „full organ“ auch mit Flöten 8’+4’ und einem glitzernden Prinzipal 2’ spielen. Wer im Klavierunterricht die Kuhlau- oder Clementi-Sonatinen gespielt hat, der kann mit dieser Literatur eigentlich sofort auf die (pedallose) Orgel umsteigen; dem machen auch die Allegrosätze keine Mühe. Natürlich gewinnt die Musik, wenn die Orgel zwei Manuale mit Cornett und Trompete hat. Und ich spiele die „full-organ“-Partien – Achtung, Puristen: Weiterlesen auf eigene Gefahr! - mit Pedal. Ich hab’s untenrum nun mal gern saftig. Gelegentlich mißbrauche ich die zweistimmigen Allegrosätze der barocken Engländer auch als Etüden für Pedal und rechte (oder linke) Hand. Ein tolles Training, sich im Triosonaten-Spiel zu habilitieren. Da lernt man, an Fußsätzen zu feilen und sich auf konsequente Artikulation (war in meiner Studienzeit ein absolutes Muß, heute geht’s oft nach dem Motto „inconsequentia delectat“) zu konzentrieren.                                                
Book 2 aus derselben Reihe hat die ISBN 0-19-375825-3, Book 3 die ISBN 0-19-375826-1. Auch sie enthalten gefällige manualiter-Musik von sehr moderatem Schwierigkeitsgrad – wobei so manchem Allegro etwas Fingerfertigkeit und Übefleiß gut anstehen. Das Heft enthält u.a. einen satten Akkordsatz für zwei abwechselnde Manualplena von Jonathan Batthishill (I’ve never heard from him before)– und es macht kaum Mühe, die Baßstimme der Hw-Passagen ins Pedal zu nehmen. Dann hat man ein richtig saftiges Plenumstück, bei dem die rudimentär bewanderten Hörer auf einen bisher unbekannten Mendelssohn tippen würden. Weitere Bonbons für jede gottesdienstliche Lage: ein „Flute piece“ von Thomas Thorley, das mit leichtflüssigem Allegro und intelligenter Artikulation in die Tastatur getupft werden muß; etliche „Diapason movemets“ für ruhige Prinzipalklangfarben und für alle, die noch schnell was für die Christvesper suchen und nicht zum Üben kommen: eine Pastorale von Philip Hayes – liebliche Sext- und Terzparallelen über Orgelpunkten. Sie klingen nicht nur mit einer schönen Flöte und Tremulant, sondern auch in allerlei Triomischungen allerliebst. Wer das nicht vom Blatt hinkriegt, sollte vom öffentlichen Spiel Abstand nehmen, bis er so was vom Blatt hinkriegt – also nicht allzu lange. Eine elegante Gavotte von Matthew Camidge eröffnet Band 3 – sie rechnet ebenfalls mit zwei Manualen und gut gestuften Prinzipalklängen. Das „Flute piece“ von William Hine habe ich am Sonntag nach dem Erwerb des Heftes meinem Gottesdienstpublikum als Epistelmusik dargeboten (In meiner Gemeinde gibt es jeden Sonntag Epistel- und Evangelienlesung, dazwischen wird vom Presbyterium, das in der rheinischen Kirche „Liturgiehoheit“ hat, ausdrücklich Orgelliteratur gewünscht.) und hinterher mehrfach darauf angesprochen. Die Vortrags-bezeichnung lautet „brisk“ - auf schwäbisch: saug’schwind. In die Sparte „Musik zum Krippenspiel“ gehört ein „Siciliano“ von John Alkock, in pastoralem G-Dur und wonniglich wiegendem Rhythmus. Das geht auch noch in der Christvesper um 23 Uhr – nach Weihnachtsgans, Aperitif, zwei edlen Tischweinen, Likör im Dessert und den Resten aus der angebrochenen Sektflasche.
Die Bände 4,5 und 6 dieser Sammlung gehorchen denselben Editionsprinzipien. Der Besitz der kompletten Edition lässt so schnell keine Verlegenheit aufkommen, wenn schnell gut klingende und leicht zu erarbeitende Literatur her muss. Ich greife gelegentlich gern in diesen kleinen Stapel - vor allem, wenn ich nicht weiß, was mich an einem Einsatzort erwartet (abnorme Pedalmensuren und andere Eigenheiten). An Mittelhessens schönster Denkmalorgel auf dem Altenberg bei Wetzlar (Pedal: C-c0), an der 80 Prozent aller barocken Orgelliteratur nicht zu spielen ist, klingen diese Sachen bezaubernd.  

Meine ältesten Manualiter-Hefte mit englischer Barockmusik habe ich 1978 in London gekauft: „English Organ music of the 18th century“, hg. von Gordon Phillips bei Hinrichsen (Peters), erschienen unter No. 180a (Volume I) und 293a (Volume II). Alles, was ich oben geschrieben habe, trifft auch auf die in der Sammlung enthaltenen Opera von Boyce, Travers, Walond, James, Sanders Dupuis, Keble, Berg und Nares zu: elegante Spielmusiken für viele Gelegenheiten. Möglicherweise sind diese beiden Hefte aber inzwischen vergriffen.

Auf der Demo-CD eines Digitalorgelherstellers habe ich schon vor einiger Zeit eine dreisätzige d-moll-Sonate von Baldassare Galuppi gehört und gedacht, das wär’ doch was Positives für mein Seniorenheim-Positiv. Bei der Recherche wurde ich auf Musik aufmerksam an der ich bisher demonstrativ vorbeigegangen bin. Denn der Begriff „Orgelmusik in Italien“ war für mich bisher nur mit Gruselerfahrungen besetzt. Nirgendwo sind mir schlechter instand gehaltene und/oder schlechter gespielte Instrumente begegnet. (Petersdom zu Rom inklusive – als ich die grausam verstimmte, wie ein Harmonium wimmernde „Hauptorgel“ hörte, war ich so ergriffen, daß ich sofort die Flucht ergriff. Daß Zungen so verstimmt sein können und der Organist trotzdem meint, sie benutzen zu müssen, war mir neu.)
Wenigstens meine Einstellung zur Orgelmusik südlich der Alpen hat sich jetzt teilweise positiv verändert. (Ich muß gestehen, daß ich Frescobaldi nie viel abgewinnen konnte. Jaaaa Leute, ich weiß: hochgelehrte Kontrapunktik, Übertragung der altklassischen Vokalpolyphonie aufs Tasteninstrument. Daaas Ideal katholischer liturgischer Orgelmusik schlechthin. Aber – ich mag’s einfach nicht. Habt Nachsicht mit mir!)
Herbert Paulmichl hat bei Butz vier Bände „Unbekannte Orgelmusik aus Italien“ herausgegeben (Bd. I BU 1328, Bd. II BU 1329, Bd. III BU 1626, Bd. IV BU 1718). Besagte Sonate fand sich in Bd. III, und da ich die anderen Stücke ebenfalls ganz nett fand, habe ich mir die restlichen Hefte auch besorgt und es nicht bereut. Es handelt sich überwiegend um – durchweg dreisätzige – Sonaten ohne feste liturgische Bindung. Auf dem Cembalo brillant gespielt, gehen sie als frühe Mozarts oder Telemanns durch. Die Allegrosätze beschränken sich meistens auf Zweistimmigkeit, brauchen aber Tempo und eine elegante Technik. Wiewohl es sich um reine Manualiter-Literatur handelt (gelegentlich taucht mal ein Pedal-Orgelpunkt auf), habe ich mir einige Adagios als Trios mit Pedal eingerichtet. Auch die Toccaten leben von einer überdurchschnittlichen Geläufigkeit – wiewohl sie von richtig-gehender „Virtuosität“ ein Stück Abstand halten. Sehr reizvolle harmonische Wendungen enthalten die „Elevationen“, eine spezifische Gattung, die im italienischen und französischen Stilkreis während der (stillen) Einsetzungsworte des Priesters bei der Konsekration von Brot und Wein gespielt wurde.

Schon seit einiger Zeit pflege ich ja die romantische Orgelmusik Englands – meine jüngste Entdeckung sind
50 Victorian pieces for organ“ bei Mayhew (ISBN 1-84417-236-8), Stücke von max. fünf Minuten Länge bei eher moderatem Schwierigkeitsgrad. Sie stammen überwiegend von Henry Smart, Samuel Sebastian Wesley und William Thomas Best – alles im „nobilamente“-Stil der viktorianischen Ära, komponiert für Instrumente mit satten Grundstimmen, differenzierten 8’-„Solisten“ und orchestralen Zungen. Sie zeichnen sich aus duch feinen Klangsinn, bisweilen subtile Kontrapunktik (Wesley) und gediegene Satztechnik. Ich hätte keine Skrupel, eines der längeren Stücke (Smarts „Andante in F“) von quasi-sinfonischen Ausmaßen konzertant zu spielen. Der Band enthält auch Wesleys elegante „Gavotte“, ein Kabinettstück der englischen Orgelromantik, das sogar manualiter „geht“, mit ausgefeilter Registrierung auf „Great“ und „Swell“ natürlich erheblich wirkungsvoller ist.

Butz hat zu seinen „Präludien und Postludien der englischen Romantik“ jetzt einen Folgeband aufgelegt (BU 1966), weitere 16 genretypische Stücke, sehr wirkungsvoll bei mäßigem Übeaufwand sin vor allem „Alla marcia“ von Thomas Adams“ und „Processional March“ von John Warriner – „pompichte“ Dreiminüter, die man bei vielen Gelegenheiten brauchen kann – von der Trauung bis zur Pfarrerseinführung oder zum Einzug der Konfirmanden.

Wer in seiner Orgel schöne Solostimmen hat und sie mit (zeitgenössischem) englischem Repertoire vorstellen will, findet passendes im Band „Soloing the Stops – thirty pieces showcasing their characteristic voices“ von Mayhew (ISBN 1-84003-881. Er enthält Arbeiten, die in Bewegung und Ausdruck schönen Trompeten, Tuben, Oboen, Prinzipalen, Flöten und Streichern auf den Leib geschrieben sind – in einer durchaus modernen, aparten Tonsprache ohne gesuchte Dissonanzen. Nicht alles würde ich im Gottesdienst spielen, aber Stoff für Orgelvorführungen und originelle Zugaben finden sich allemal. Nicht zuletzt kann man sich viel über die wirkungsvolle Behandlung der jeweiligen Soloregister ablauschen für die eigene Improvisationspraxis.

Der Königin der britischen Orgelregister, der „Tuba“, hat Mayhew ein eigenes Heft gewidmet: „Couple the tuba“ (ISBN 1-84417-196-5). Neun Stücke zum solistischen Brillieren oder zum Drauflosdonnern – harmonisch reizvoll, rhythmisch lebendig, nie wirklich schwer aber immer eine solide technische Basis und etwas Spielwitz voraussetzend. Wenn englische Tuben hierzulande auch zu den Rarissima zählen: Eine entsprechend satte Trompete tut es auch – am besten schwellbar. Mein Trick: Ich ziehe oft die 4’-Oktave und (im Solo) auch die Quinte 2 2/3’ dazu, das gibt mehr „Fleisch“ in den mittleren Frequenzbereichen und mildert manche Spröde – vorher empfiehlt sich eine Reinstimmung.

Andreas Rockstroh hat sich ja inzwischen als Schatzgräber einen Namen gemacht. Seine Editionen mit unbekannter Orgelmusik der Romantiker in diversen Verlagen zeichnen sich durch hohen praktischen Nutzwert und inhaltliche Originalität aus. Ganz auf dieser Linie liegt seine Reihe bei Bärenreiter. Obwohl die Bände freie und choralgebundene Werke enthalten, ordne ich sie unter den freien Werken ein, denn auch die Choralvorspiele sind – meist allein schon wegen der Länge – eher gottesdienstliche Rahmenmusiken als Choraleinleitungen. Außerdem sind aus Gründen der klanglichen Ästhetik nicht alle Choralbearbeitungen in die heute üblichen Tonarten transponiert.                                                                                      
„Orgelmusik zu Lob und Dank“, bei Bärenreiter als BA 8494 erschienen, heißt eine von Rockstrohs neueren Publikationen. Auf 109 Seiten findet sich viel Wirkungsvolles über die gängigen protestantischen Festchoräle von den „üblichen Verdächtigen“ wie Piutti (Fest-Hymnus op. 20, sehr pompicht mit eher versteckt eingearbeitetem „Nun danket alle Gott“), Forchhammer, Herzogenberg etc. – aber auch eine „Frühlingsfantasie“ des Stettiners Gustav Flügel, die nicht nur schwungvoll-programmatischen, sondern auch konzertanten Anspruch erhebt. Generell gilt für die 17 Opera dieses Bandes, daß sie durchaus schwieriger sind als die Stücke in den bisherigen Rockstroh-Publikationen. Dabei wird es allerdings nie so richtig virtuos, wenngleich z.B. Uso Seiferts „Fantasie über „Lobe den Herren, den mächtigen König“ schon etwas Geläufigkeit braucht, dann aber wirklich eindrucksvoll klingt (wenn die Orgel es hergibt).
In „Orgelmusik zur Passions- und Osterzeit“ (BA 2910) hat Rockstroh dasselbe Prinzip angewandt. Neben wenigen freien Werken finden sich vor allem sehr affektgeladene Choralbearbeitungen im Passionsteil. Bemerkens- und spielenswert scheint mir vor allem eine „In memoriam“ betitelte „Introduktion und Fuge mit Choral“ des zu Lebzeiten hochgeschätzten Opern- und Salonmusikkomponisten Carl Reinecke. Hätte ich den Band eine Woche früher bekommen, hätte ich das Stück für den Karfreitag in Erwägung gezogen, denn es zitiert im Schlußteil deutlichst den Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“. Unter den Arbeiten für Ostern gibt es eine imposante Fantasie (eigentlich Introduktion und Fuge) von Max Gulbins über „Christ lag in Todesbanden“. Damit habe ich meine Gemeinde dann am Ostermontag „hinausgeorgelt“. Auch für diesen Band gilt: An allen Stücken muß man arbeiten, aber sie sind durchaus gut machbar und sehr effektvoll. Druckbild und Notensatz (Hochformat) sind in beiden Bänden über jede Kritik erhaben. Aber bei Bärenreiter ist man das ja gewohnt.

Die Sammlungen aus der Strube-Edition sind ebenfalls durchweg von hohem praktischem Nutzen. Karl-Peter Chilla hat dort unter dem Titel
„Maestoso“ „feierliche leicht ausführbare Ein- und Auszugsstücke für Festgottesdienst und Hochamt“ herausgegeben, wie es im Untertitel heißt. Die genannten Attribute treffen auf die 16 überwiegend freien Kompositionen durchweg zu. Darunter befinden sich z.B. die nette „Sortie D-Dur“ von César Franck, die m.W. bisher nur in der Franck-Uralt-Harmonium-Sammlung „L’organiste Vol. II“ abgedruckt war – seit Urzeiten eines meiner Zugabenstücke und Hochzeitsfavoriten (obwohl das Motiv aus einem franz. Weihnachtslied stammt – aber das muß man ja nicht verraten!). Jede Menge Pomp bietet auch Lemmens’ „Marche pontificale“, deren vollgriffigen Satz der Herausgeber spielerfreundlich entschärft hat, ohne zu sehr in die Substanz einzugreifen. Unter den Choralbearbeitungen gibt es „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ – eigentlich die Schlußapotheose von Liszts „Weinen, Klagen …“, ein Arrangement, das mit ausgetüftelter Klangregie vom pp bis zur akustischen Breitseite den Einsatz aller Klangressourcen in knapp 40Takten ermöglicht. Theodor Drahts schönes CVS „Lobe den Herren, den mächtigen König“ hat der Hg. dankenswerterweise in (original-) G und in F aufgenommen.
Diese Sammlung ist offenbar so gut ankommen, dass bis jetzt (Sommer 2017) zwei Folgebände nach demselben Strickmuster erschienen sind: "Maestoso II" Strube Ed. 3292 und "Maestoso III" Strube Ed. 3348. Das ein oder andere Stück wie Wesleys "Prelude and Gavotte" oder eine Boellmann-Sortie aus den "heures mystiques" findet sich auch in anderen neueren Anthologien. Aber der Mix aus Barockem und Romantischem ist gelungen und der Herausgeber hat die vollgriffigeren Sachen da, wo es sinnvoll ist, entschärft und z.T. in handlichere Tonarten transponiert. Das erhöht den Nutzwert beträchtlich für Leute, die es nicht so mit Vorzeichenwäldern haben.



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« Antworten #3 am: 02. Juni 2017, 21:47:55 »

Zu den jüngsten Editionen freier Orgellitaratur gehört die Reihe "... das spiele ich morgen" von Karl-Peter Chilla. Seit dem Eintritt in den Ruhestand gibt der Dillenburger Kollege die Hefte bei Strube heraus, deren Titel Programm ist. Denn es handelt sich durchweg um Stücke aus allen Stilkreisen, die mit wenig zeitlichem Aufwand zu erarbeiten sind. Vieles ist vom Blatt spielbarund das Meiste nicht an einen spezifischen Orgeltypus gebunden.
Die Hefte I bis V liegen jetzt auch im Querformat als Sammelband mit stabilem Deckel vor (Strube-Edition 3470). Wer sich diesen stattlichen Band ( zu einem sehr etatfreundlichen Preis) anschafft, wird ihn schnell schätzen lernen. Für die Rahmenmusiken, Zwischenspiele, Kasualienliteratur - für alle Situationen bietet der Band reichlich Material. Wenige Wochen nach dem Kauf habe ich ihm einen Platz in meinem "Notfallkoffer" gegeben.
Zwischenzeitlich ist die Sammlung um die Bände VI (Strube 3461) und VII (Strube 3475) gewachsen. Wie alle Einzelhefte im Hochformat. (Nach Heft X ist dann wohl ein Sammelband II fällig).
Auffallend viel Literatur aus Klassik und früher Romantik (auch aus England und Frankreich) hat Chilla zusammengetragen - Sachen, die auf seiner klangschönen Oberlingerin in der ev. Dillenburger Stadtkirche auch besonders gut klingen.
Ich halte den Sammelband für eine jeder Anthologien, die an jede Orgel gehören - beschafft von der Kirchengemeinde.

"Wohlauf und spiele schön ..." heißt ein Heft des Verbandes der Ev. Kirchenmusiker in Bayern, das bei Strube unter der Editionsnummer 3370 erschienen ist. Es enthält auf 36 Seiten sehr leichte freie Orgelstücke bayerischer Kantorenkollegen, die bewusst für "einfachste" Verhältnisse geschrieben haben. Und dass die Stückchen zwar "einfach" geblieben, aber nicht "simpel" geworden sind, zeugt vom Können der Autoren. Zielgruppe sind sicher Nachwuchsorganisten, die gerade mal ihre Begleitsätze und Intonationen aus dem (sehr guten bayerischen) Orgelbuch lernen und denen "größere" Literatur noch nicht zugänglich ist. Denn wer einen vierstimmigen Begleitsatz hinbekommt, schafft mit etwas Übung auch diese Stücke, die z.T. richtig was dahermachen.

Karl-Peter Chillas Heftreihe "Adagio" bei Strube ist inzwischen auf drei Hefte angewachsen.  (Ed. 3211, 3272 und 3298) Da findet sich viel Brauchbares und schnell Einstudiertes für Abenmahl, Kasualien, Trauungen - für alle Anlässe, an denen die Musik "getragene" Würde haben sollte.Die drei Hefte bieten freie und choralgebundene Werke aus Barock, Klassik und Romantik. Allmählich scheint sich die Erkenntnis Bahn zu brechen, dass auch die Klassik nicht nur Epigonales bietet, sondern auch durchaus reizvolle Originalkompositionen für Orgel entstanden sind - sogar im opernseligen Italien. Natürlich hat Chilla in seine Sammlung auch bewährte "Klassiker" aufgenommen: Bachs "Jesus bleibet meine Freude" oder die "Air", Beethovens Violinromanze in einem gut spielbaren Arrangement, das unvermeidliche "Ave Maria" von Gounod/Bach. Durchweg ist auch hier in userfreundliche Tonarten transponiert und manches entschärft, was schwer in die Finger geht.
Wenn da noch ein weiteres Heft kommen sollte, böte sich an, auch diese Reihe im Querformat und festem Einband als Sammlung von hohem Nutzwert anzubieten.

Johannes Michel, Bezirkskantor für Nordbaden und Titulaire der monumentalen Steinmeyerin in der Mannheimer Christuskirche, hat schon vor 30 Jahren eine editorische Pionierleistung erbracht, als er einen Band mit Choralvorspielen aus Klassik und früher Romantik herausgab. Jetzt hat er einen opulenten Band mit freien Werken nachgeschoben. Der Titel "alla Mozart" deutet indes nur die stilistische Richtung an. Von Mozart selber ist in diesem Orgelbuch nichts zu finden. Dafür gibt es 270 Seiten Opera seiner Zeitgenossen und der nachfolgenden Generation. So z.B. das komplette "Floeten-Concert" von Rinck nebst diversen seiner größeren "Concert-Fantasien", die der "großherzogl. hessische Orgelbau-Commissär" bei ländlichen Orgelweihen zu spielen pflegte. Sehr dankbar sind auch die choralbezogenen und freien Arbeiten des Dresdners Christlieb Siegmund Binder, Sonaten und Sonatinen unbekannter Italiener des ausgehenden 18. Jh., Incognita von Justin Heinrich Knecht. dem "Abbé" Vogler oder dem Thüringer Carl Gottlieb Umbreit. Geordnet sind die Stücke chronologisch, d.h. nach den Geburtsdaten der Komponisten.
Erschienen ist das im doppelten Wortsinn gewichtige Buch (mit hartem, solidem Einband) bei Strube (Ed. 3374). Trotz des Preises von 48 € kann man von einem durchaus günstigen Preis-/Leistungsverhältnis sprechen. Der Band hat das Zeug zum "Standardwerk" für Orgelmusik des späten 18. und frühen 19. Jh., zumal die 77 enthaltenen Stücke an keinen Orgeltypus gebunden sind.

Wer's barock und norddeutsch mag, ist mit dem "Husumer Orgelbuch von 1785", editiert von Konrad Küster, bestens bedient. Er hat die Manuskriptsammlung des dortigen Kantors Benedix Friedrich Zinck ausgewertet. Herausgekommen sind 17 z.T. mehrsätzige Concerti, Präludien und Ciaconnen in der Buxtehude-Traditionslinie von Hinrich Zinck (offenbar ein Verwandter des "Sammlers" oder Anonymi bzw. (bis dato) Incogniti. Mir z.B. sagte der Name Christoph Wolfgang Druckenmüller nichts, bis mir dieser Band in die Hände fiel.
Als ich zum ersten Mal einen seiner Konzertsätze als gottesdienstliches Nachspiel verwendet habe, stand ein (mir als urteilsfähig bekannter) Besucher hinterher an der Emporentreppe und fragte. "War das Händel?".
Auch dieser Band hat das Zeug zur Standardsammlung. Und wenn sich bei Carus endlich mal 'rumspricht, dass man querformatige Orgelbücher dieser Dicke besser fest einbindet, machen die Stuttgarter einen weiteren Pluspunkt bei mir. Dort hat der Band die Nummer CV 18.053.
Lesenswert und erkenntnisreich auch der umfangreiche text- und quellenkritische Apparat, den der renommierte Freiburger Musikwissenschaftler vorangestellt hat. (Sinnvolle Lektüre während suboptimaler Predigten!  Lachen Teufel Lachen)


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« Antworten #4 am: 02. Juni 2017, 22:03:38 »

Teil II: Freie Orgelwerke einzelner Komponisten:

Auch in dieser Abteilung beschäftige ich mich eher mit Raritäten und Alternativen zum üblichen Repertoire. Ich setze voraus, dass jeder, der sich intensiver mit dem Orgelspiel befasst, seine Bach-Bände von Peters, Bärenreiter oder Breitkopf daheim hat. (Ich selber spiele Bach bis heute aus der Dupré-Ausgabe von Editions Borneman, Paris, halte mich allerdings nicht mehr an alle Fingersätze, dafür umso mehr an die Fußsätze. Da einzelne Bände nach jahrzehntelangem Gebrauch im fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls waren, habe ich mir sukzessiv die – inzwischen alte - Breitkopf-Ausgabe zugelegt. Sie hat ein gut lesbares Notenbild, ist mir „textkritisch“ genug und bietet klug durchdachte Wendestellen.) Die schönen Breitkopf-Gesamtausgaben von Buxtehude, Lübeck, Walther, Böhm, Bruhns, Krebs, gehören komplett oder in Auszügen m.E. ebenso in jede Organistenbibliothek wie die Pachelbel-Bände von Bärenreiter. Idealerweise beschafft und bezahlt sie aber die Kirchengemeinde.

Eine Alternative zur gängigen Präludien-Literatur im C-Kursus sind „14 leichte Praeludien und Fugen“ von Johann Caspar Simon, erschienen bei Schott (ED 3877). Das Strickmuster aller Werkchen – nach Tonarten geordnet - ist identisch: Knappes Präludium mit Wechsel von Laufwerk und Akkordschlägen, locker gebaute dreistimmige Fuge, die in eine austoccatierte Kadenz mündet. Pedalgebrauch nicht obligat, aber empfehlenswert. Solides, barockes Organistenhandwerk, wohl „aus den Fingern gelaufene“ Improvisationen des Nördlinger Kantors, brillant gespielt kleine Kabinettstücke (B-Dur!).

Die Alternative dazu: „25 Orgelvorspiele zum Gottesdienst in den gebräuchlichen Tonarten“ von Paul Horn, erschienen bei Strube (Edition 3057). Horn hat Simons Präludien genommen und in den Fugen die nicht immer konsequente Stimmführung „verbessert“. Über die Legitimität solchen Treibens ließe sich trefflich streiten, hauen und stechen. Die Werke werden dadurch nicht „besser“ sondern „richtiger“. Aber auch nicht schlechter. Wer Horns Bearbeitung verwendet, sollte vom Original die Finger lassen – und umgekehrt. Es sei denn, er will sich aus Interesse an der edlen Satzkunst über die Abweichungen von Original und „Fälschung“ informieren. Was die Sammlung m.E. kaufens- und spielenswert macht, sind Horns eigene Arbeiten. Gediegene, jeweils eine Doppelseite umfassende barockisierende Stilkopien, die durchaus Individualität haben. Sehr gelungen in Themenbildung und Ausführung sind die drei Fugen in g-moll, a-moll und G-Dur (letztere eine spritzige kleine Gigue, BWV 577 läßt grüßen!), auch die a-moll-Ciaconna ist ideenreich gemacht.

Wer unter Blut, Schweiß und Tränen seine ersten Choralsätze mit akzeptabler Trefferquote spielen kann, wer der (Organisten-)Not gehorchend und dem Drängen des Pfarrers nachgebend, Orgeldienst macht, obwohl er lieber noch etwas „Schonzeit“ hätte, der sucht bisweilen händeringend nach Vor- und Nachspiel-Literatur. Idealerweise ist sie nicht schwieriger als Bachs kleine Klavierpräludien, dabei musikalisch anspruchsvoller als der abgegriffene Band mit „Präludien und Kadenzen in allen Tonarten“ der wohl auf jeder Landorgelempore vor sich hin modert. Hier mein absoluter Geheimtip: Friedrich Schmoll: „Sechs leichte Orgelstücke“, erschienen bei Möseler als Heft 6 der Reihe „Orgelmusik aus Klassik und Romantik“, hg. von Wolfgang Stockmeier (M 19.026). Die Stücke sind bei aller Schlichtheit gefällig in der Melodiebildung, sauber im Satz, ideenreich in der Erfindung und eben schon „richtige“ Orgelmusik. Wenn ich meinen Schülern das Heft in die Hand gab, haben sie immer nach mehr gelechzt. Schmoll war Mozart-Zeitgenosse. Er amtierte an einer großen Stumm-Orgel in Kirchheimbolanden, die allerdings mehrfach erfolgreich „kaputtrestauriert“ wurde.

Wenn wir schon bei Stockmeiers editorisch gelungener Möseler-Reihe sind: Band 12 (M 19.032) enthält ein Stück, das mir mein erster Orgellehrer verboten hatte. Seither liebe ich es: „Fanfare, Cantabile und Finale“ von Nicolas Jacques Lemmens. Zwei Generationen von Hochzeitspaaren habe ich das (oder Th. Dubois’ G-Dur-Toccata) als Alternative zu den einschlägigen „Schmachtfetzen“ von Mendelssohn, Wagner und Händel aufgeschwatzt. Und meistens genügten ein paar Takte der „Fanfare“, um sie zu überzeugen. „Fanfare“ zum Einzug, „Cantabile“ während der Tränen der Brautmutter, „Finale“ zum Finale. Kommt immer gut, braucht aber eine entsprechende Orgel, am besten dreimanualig. Die Doppel-Echos sind für drei Manuale gedacht. Auf zwei Manualen muss für jeweils zwei pp-Takte ab- und zuregistriert werden, sonst fällt auf, dass Lemmens an dieser Stelle nix eingefallen ist! Sehr von Vorteil ist eine opulente Zungenbesetzung. Im Hw. ist der linguale 4’ wichtiger als der 16’, im Sw gibt ein Fagott oder Bombarde16’ in den Manualiter-Passagen satten Fond. Die Dreiklangsbrechungen in der Fanfare brauchen schon Feuer und im Cantabile sollte man „vorzeichenfest“ sein. Das Finale bläst den Dreck aus den kleinsten Pfeifchen, deshalb vorher sorgfältig prüfen, ob der Diskant von Mixturen und Zungen halbwegs stimmt.

Johann Christoph Schmügel war in der Generation nach Bach Organist an St. Johannis in Lüneburg. Ihm ist Heft 13 der Möseler-Reihe gewidmet (M 19.033). Schmügel schreibt einen sehr durchsichtigen Orgelsatz und bevorzugt die weite Lage. Etliche Stücke lassen sich ausgezeichnet in kammermusikalischer Registrierung als Trio spielen, vertragen aber auch Einmanualigkeit (keine Stimmkreuzungen) und ein gravitätisches Plenum. Der Schwierigkeitsgrad ist eher moderat.

Und noch das Heft 7 von Möseler (M 19.027): Johann Christian Kittel: „Sechzehn Präludien“ - ebenfalls eine Alternative zu Bachs „acht kleinen“, aber ohne Fugen. Dafür enthalten etliche ein paar 32tel-Passagen, deren sorgfältiges Beackern weiterbringt. Auch für das Spiel in entlegeneren Tonarten findet sich Studienmaterial. Mir gefallen nicht alle Präludien, einige wirken etwas manieriert, aber XV in G-Dur und IX in E-Dur finde ich z.B. sehr originell. Und das einleitende C-Dur-Präludium ist hörbar inspiriert (um nicht zu sagen „abgekupfert“) von BWV 545 – allerdings ohne die donnernden Pedalpassagen. Vielleicht hatte Kittel gerade den Fuß verstaucht ...

Hier zwei meiner abgegriffensten Hefte: „Preambuli e Fughe per Organo“ von Johann Baptist Peyer, (1678 – 1733, Bach-Zeitgenosse) Teil I und II, Bde. XIII undd XIV der Reihe „Süddeutsche Orgelmeister des Barock“ hg. von Rudolf Walter bei Coppenrath, Altötting. Peyer war Hoforganist in Wien. Die beiden Hefte umfassen Fugen-Zyklen, deren Ordnung noch den Kirchentonarten folgt. Allerdings stehen sie sämtlich in Dur-moll-Tonalität. Jeder Folge von mehreren, thematisch verwandten Fugen ist eine „Präambel“ vorangestellt, eigentlich nur eine erweiterte Kadenz mit etwas Laufwerk. Das Pedal beschränkt sich – auch in den Fugen – im wesentlichen auf Orgelpunkte und die Kadenztöne. Die Fugen sind durchweg dreistimmig, handwerklich sehr solide gebaut, die Themen und Motive haben durchaus Originalität. Der Satz liegt gut in den Händen und klingt auf allem, was Tasten hat. Die Länge geht selten über eine Doppelseite hinaus. Der Clou an dieser Sammlung: Braucht man „mehr“ Musik, spielt man einfach die nächste Fuge. Sie ist meistens mit der Vorgängerin verwandt, lediglich Takt und Tempo können variieren. Ich habe in thematischen Konzerten mit süddt. Barockmusik gern einen kompletten Peyer-Zyklus gespielt und dabei immer etwas „Registerzauberei“ vorexerziert.

Wer seine Leidenschaft für das Triospiel entdeckt hat, aber technisch noch weit entfernt ist von Bachs Triosonaten, wird in der Reihe „Incognita Organo“, hg. von Ewald Kooiman, bei Harmonia Uitgave fündig. (In Deutschland wir das Harmonia-Sortiment u.a. vom Verlag Butz vertrieben, aber auch von jeder Musikalienhandlung besorgt.) Heft 8 der Reihe (HU 3181) enthält 11 doppelseitige Trios von Georg Andreas Sorge, die allesamt ausgesprochen hübsch klingen. Ihr Studium macht trittsicher in Pedaloktaven und Dreiklangsfiguren. Wenn das Pedal figuriert, haben die Manuale Haltetöne und umgekehrt. Aus den Einzelsätzen lassen sich komplette „Triosonaten“ zusammenstellen, wenn man zwischen zwei Allegro-Sätze in identischer Dur–Tonart ein Adagio in der moll-Parallele setzt. Ich habe mindestens ein halbe Dutzend möglicher Kombinationen ausgeknobelt und verwende sie sehr gern als Abendmahlsmusiken von flexibler Länge. Die geeignete Orgel hat Barockdisposition, mind. 2 Manuale, brauchbare, gut verschmelzende Aliquoten und eine schöne Solozunge für die linke Hand (Krummhorn, Dulcian, Schalmey, Oboe). Wichtig ist ein eigenständiges Pedal mit nicht zu mulmigem Subbaß, flötigem 8’ und vor allem 4’. Auf einer Einmanualigen gehen die Sachen auch, da in den Manualpartien keine Stimmkreuzungen vorkommen. Aber es geht halt der Farbwert des Triospiels verloren.

G.A. Sorge, Angehöriger der Nach-Bach-Generation, hat übrigens drei spielfreudige, dreisätzige Sonaten geschrieben, die Gerhard Weinberger bei Merseburger (EM 1804) herausgegeben hat („drei Sonaten für Taseninstrumente“). Bei diesen Werken handelt es sich um reine manualiter-Literatur, natürlich ist Pedalgebrauch nicht verboten. Das Strickmuster ist identisch: spritziger Allegrosatz pro Organo Pleno, anmutige Aria für Flöte 8’ mit Tremulant oder Duo mit Solomischung, zum Schluß eine locker gebaute, dreistimmige Fuge. Etwas Fingerfertigkeit sollte man haben, denn die Stücke leben in den Ecksätzen von einem leichtflüssigen, eleganten Allegro. Richtige technische Schwierigkeiten enthalten sie nicht.

Etwas länger und technisch anspruchsvoller als die Sorge-Trios sind „Zwölf Trios für die Orgel“ von Johann Ernst Rembt (1749-1810), erschienen bei Coppenrath. Die melodische Erfindung ist schon deutlich „frühklassisch“, wer sich daran wagt, sollte „im obligaten Pedalgebrauche habilitieret“ sein, oder die Stücke zur „Habilitierung“ nutzen. Zwei Manuale sind unbedingte Voraussetzung, da Rembt auch mit Stimmkreuzungen arbeitet.

Drei Trios des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs, erschienden als „Incognita Organo“Heft 20 (HU 3402) bei Harmonia Uitgave, sind nicht leichter als Bachs Triosonaten-Sätze, nur kürzer. Vor allem im Pedalpart merkt man, was Bach seinen Schülern so beibrachte. Auch diese Trios setzen unbedingt Zweimanualigkeit voraus – wer so was ordentlich zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule spielen würde, hätte wohl kaum Probleme.

Hier die „süddeutsche“ Alternative zu Buxtehude Lübeck und Pachelbel: 10 Toccaten von Johannes Speth, erschienen als „Liber Organi“, Heft IX, in der Edition Schott (4537). Speth war in der Generation vor Bach Domorganist in Augsburg. Die Toccaten erfordern – bedingt durch den Instrumententypus – wenig Pedal, sind im Manualpart effektvoll gemacht und in der Regel mehrteilig, mit Laufwerk und Akkordschlägen in den Rahmenteilen, Binnenfugen und Grave-Überleitungen. Geeignete und klangprächtige vom-Blatt-Literatur auf Barock- oder Neobarock-Instrumenten. Ich habe die Stücke viel im C-Kurs spielen lassen.

Aus ausführlicherem Präludium, mehreren kappen Versetten und einem „Cadentia“ betitelten Schluß-Allegro bestehen die Stücke der Sammlung „Certamen Aonium“ des Benediktiner-Organisten P. Carlmann Kolb (1703 – 1765). Stilistisch typisch „süddeutsch“, für Orgeln mit singenden Prinzipalen geschrieben. Wenig und keineswegs obliagtes Pedal, aber Kolb muß über eine gute Manualtechnik verfügt haben. An den Präludien muß man etwas arbeiten. Sie belohnen aber mit prächtigem Plenoklang. Klangliche Eleganz und eine freudig-spielerische Grundhaltung sind allen Stücken gemein. Auf meinen „Raritäten“-Programmen und bei Orgelweihen in Süddeutschland stand meistens ein Kolb.

Vor 25 Jahren war der Name ebenfalls noch ein Geheimtip: Aléxandre-Pierre-Francois Boely (1785 – 1858). Nach Dandrieu und vor Franck – ein ungünstiger Platz in der franz. Orgelmusikhistorie. Harmonia hat ihm zwei „Incognita-Organo“-Hefte gewidmet: Heft 6 (HU 3087) enthält Orgelmusik, die durch die Wahl der Themen eindeutig dem österlichen Festkreis zuzurechnen ist. Sie ist recht leicht zu spielen, hat noch barocken Duktus und lässt in der Harmonik bereits die Romantik erahnen. Noch dankenswerter und eine hervorragende Alternative zur üblichen „Pastorale“-Literatur an den Weihnachtstagen ist Heft 16 (HU eine 3315), eine „Messe du jour de Noel“ enthaltend. Richtig schöne franz- Weihnachtsmusik mit Ohrwurm-Melodien, dafür noch weit entfernt von den pianistischen Anforderungen vieler entsprechender Kompositionen der Romantik. Allerdings sollte die Orgel hörbar „französeln“ – und zwar eher barock als romantisch. Nasard 2 2/3, Cromorne und Hautbois 8’ eine solofähige Trompette 8’ und ein weitmensuriertes Cornet müssen schon sein, damit es klingt. Im Plenum ist eine 4’-Trompete von unschätzbarem Wert.

Seit die französische Romantik den deutschen Orgelbau der Gegenwart dominiert, ist die barock-französische Literatur zugunsten der Sinfonik in den Hintergrund getreten. Dabei ist diese Musik äußerst spielenswert - zumals sie im Gegensatz zu den Orgelsonfonien der frz. Romantiker - ja für liturgische Zwecke geschrieben wurde. Der geeignete Orgeltypus war in den 80er Jahren des 20. Jh. bei deutschen Neubauten gar nicht so selten. Man braucht für alle barocken Franzosen eine Orgel mit rund und sonor klingenden Zungen: Trompete 8' im Hw, am besten noch ein 4'-Clairon, dazu ein weit mesuriertes Cornet für grand-jeu-Mischungen, im Ow ein Krummhorn, das für die klassische "basse-de cromorne"-Mischung gerade im Baßbereich sehr nobel klingen und prompt ansprechen muß. Die meisten Krummhörner dt. Bauart sind dafür zu eng gebaut und klingen zu mager und plärrig. Mein Trick in diesem Fall: Ich ziehe eine Oktave 4' dazu. Das setzt allerdings peinlich genaue Stimmung voraus! Übrigens gibt eine 4'-Oktave auch einer spröden Solotrompete im Diskant etwas mehr Körper. Ein rundes Solokornett im Ow. ist sehr von Vorteil, am besten zerlegt, damit ein Nazard 2 2/3’ für die diversen „Recits“ und eine einzeln registrierbare Terz für die „Tierce en taille“-Mischungen des Genres zur Verfügung steht. Unter diesen Rahmenbedingungen klingen die Stücke aus folgenden Opera äußerst farbig und freudig.
Die beiden Messen von Francois Couperin (Messe à l’usage des Paroisses“ und „Messe à l’usage des couvents“) bieten eine Fülle relativ leicht spielbarer und gut klingender gottesdienstlicher Stücke. Die Registriervorschriften des Komponisten sind bindend. Eine „basse de cromorne“ als „Notlösung“ mit einer Sesquialter-Mischung zu spielen, nimmt dem Stück das Kolorit. Dann wirklich lieber zu einem anderen Stück greifen! Wer sich an Couperin & Kollegen macht, sollte zuvor auch die im Vorwort meistens dazugestellten Trillertabellen studieren und trocken üben. Ich verwende die Couperin-Uralt-Ausgabe, herausgegeben von Aléxandre Guilmant, erschienen bei Schott als ED 1878. Der dicke Band heißt schlicht „Pièces d’orgue“ und enthält beide Messen. Pracht- und Prunkstück der Sammlung ist das „Offertoire sur les grands jeux aus dem „Paroisses“-Zyklus. Das war lange Zeit eines meiner Standard-Orgelweih-Stücke auf entsprechend französelnden Instrumenten. (Ich kenne ein paar Orgeln von Georg Jann oder Winfried Albiez, auf denen es einfach traumhaft klingt.) Es ist ein richtig großes, dreiteiliges Konzertstück, das ausgefeilte Registrierung und am besten drei Manuale braucht. Üben muß man es auch. Denn gerade der Schlußteil lebt von Brillanz im Tempo und Subtilität in den Ornamenten. Aber es gab Leute, die damit die königlich-bayerische C-Prüfung überstanden haben, obwohl ich in der Prüfungskommission saß. Guilmants Notetentext hält auch nach knapp 130 Jahren einer kritischen Überprüfung stand. Nur seine Registriervorschläge für die „moderne“ Orgel sollte man tunlichst meiden. Daraus spricht Zeitgeist pur.

Guilmant hat sich sehr verdient gemacht um die Neuedition franz. Barockmeister. Deshalb kann ich aus der gleichen Reihe („Guilmant Archives“) das "Premier livre de pièces d'orgue" von Jean Francois Dandrieu, Ed. Schott ED 1880, uneingeschränkt empfehlen. Vor allem die Offertoires sind richtig mächtig klingende Orgelmusik, die nicht viel Mühe macht. Die Stücke sind in Zyklen entsprechend der alten Kirchentonarten zusammengefaßt, allesamt nicht übermäßig lang und schwierig, und münden jeweils in ein etwas ausladenderes Offertoire. Besonders hübsch sind die „Basse-“ oder „dessus-de-Trompette“-Piècen mit ihren eingängigen Repetitionsmotiven. Sowas setze ich gelegentlich als Epistelmusik ein. Ich habe aber auch eine ungewöhnlich schöne, brillante ( und – da digital hinuzgemogelt - immer sauber gestimmte) Hw-Trompete für derlei in meiner Dienstorgel.

Und natürlich das "Livre d'orgue" von Louis Nicolas Clérambault mit seinen beiden Suiten - Schott, ED 1874. Die "deuxième Suite" gehört zu den Orgelwerken, die ich am meisten liebe: farbig im Klang, abwechlungsreich in der Form, vollendet und abgerundet als Zyklus. Man kann mir ihr faszinierenden Registerzauber entfalten. Wenn ich irgendwo konzertiere und die Orgel nicht gerade aus 1890 stammt, nehme ich die zweite Clérambault-Suite sehr gern ins Programm. Es gibt kaum ein Stück, in dem man in rund 15 Minuten so viele Facetten organistischer Ausdrucksmöglichkeiten an den Hörer bringen kann.
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« Antworten #5 am: 02. Juni 2017, 22:04:46 »

Etliches von Dandrieu und Stil- und Zeitgenossen - vor allem Corrette - steht in den beiden ersten Bänden des an anderer Stelle besprochenen Sammelwerkes „Orgelmusik im Gottesdienst“ von Hinrichsen/Peters - was für den praktischen Nutzen dieser ausgezeichneten Sammlung spricht. Ich hoffe ja, daß diese Musik noch zu meinen Lebzeiten eine Renaissance der Wertschätzung erfährt. Irgendwann wird die Romantik-Welle (die mein Repertoire und meinen Horizont unbestrittenermaßen sehr erweitert hat) ja wohl mal abebben. Vielleicht baut man dann auch wieder etwas brillantere neue Orgeln, ohne ihnen die Fülle zu nehmen. Das wäre nämlich zufällig genau mein Klangideal.

Wer vom Klavier aus der Sonatinenstufe an die Orgel gewechselt und noch etwas zu viel Respekt vor den Pedaltasten hat, wird bei der Suche nach geeigneter Literatur im englischen Barock fündig – die Orgellandschaft der Insel erlebte erst im frühen 19. Jh. die flächendeckende Einführung des Pedals.                                      
Dankbare manualiter-Musik bieten die „10 Voluntaires“ von Henry Heron (18. Jh.), erschienen als Heft 29 der Harmonia-Reihe „Incognita Organo“ (HU 3585). Kraftvolle Adagio-Einleitungen, spritzige zweistimmige Allegros, dreistimmige Pleno-Fugen, das ganze technisch gut machbar. Eine zweimanualige Orgel ist von Vorteil, aber nicht Bedingung.

Eine Fundgrube in diesem Literatur-Genre sind die 30 Voluntaries von John Stanley (1713 – 1786), als opp. 5, 6 und 7 in drei Heften zu jeweils 10 Stücken bei Hinrichsen (Peters) als 1033, 1034 und 1035 erschienen. Reine manualiter-Literatur von mäßigem Schwierigkeitsgrad und fantasievoller Motivbildung. Die Werke sind durchweg dreisätzig und stehen stets in gängigen Tonarten. Eine solide Klavier-Grundtechnik sollte da sein, vor allem flüssiges Tonleiternspiel über mindestens 2 Oktaven ist in den Allegrosätzen handwerkliche Voraussetzung. Die Orgel sollte über eine schöne Sesquialtera und eine solofähige Trompete verfügen. Denn gerade die „Trumpet Voluntaries“ zählen zu den effektvollsten.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat den Engländern dann gezeigt, daß ein Pedal an der Orgel ganz praktisch ist. Und sie haben sofort angefangen, die besten sinfonischen Orgeln der Welt zu bauen und dafür hinreißend schöne Musiz zu komponierne. Das finde ich jedenfalls.

Zum Beispiel: Herbert Brewer, „Marche héroique“, trotz des franz. Titels in der Tradition von Elgars „Pomp-and-Circumstance-Marches“; markiges Haupt- und hymnisches Seitenthema mit triumphaler Schluß-Apotheose, technisch nicht allzu schwer, aber die Legati der Oktaverdoppelungen wollen geübt sein.
Das Stück steckt in einem Sammelband mit Werken von H.B., erschienen bei Butz, St Augustin, Verl. Nr. BU 1680, Bestandteil einer kompletten Reihe „Orgelmusik aus England und Amerika“. Auch die restlichen (leichteren) neun Stücke aus Brewers Feder sind der Mühe wert.

In der gleichen Reihe (BU 1701) ist eine Sammlung mit Opera von Henry Smart erschienen, darin ein – ebenfalls typisch viktorianischer – „Grand Solemn March“, der zwar etwas Arbeit macht, dafür aber sehr wirkungsvoll ist. Als Gegenstück dazu gibt es eine „vom-Blatt“-Marcia, für einen Großraum mit ebensolchem Instrument oder für die „Wohnzimmer-Domorgel“. Dazu noch ein spritziges „Minuet“ und ein paar kleinere Nettigkeiten.

Henry Smart (1813-1879) war ja Autodidakt und galt trotzdestonichts als hochrangiger Virtuose der viktorianischen Ära. Aber er hat sich offenbar stets an seine eigenen Anfänge erinnert und Musik für normale „parish organists“ geschrieben. „12 leichte und kurze Stücke in verschiedenen Stilen“ sind im Heft BU 1732 aus dem Verlag Butz veröffentlicht. Kurz sind die Stücke nicht immer, der Schwierigkeitsgrad reicht von „ganz leicht“ bis C-Prüfungs-tauglich. Allen gemeinsam ist ein gediegenes kompositorisches Handwerk und ein ruhiger, organischer und nobler Fluß der Stimmen – very british!

Auf einer CD aus dem Dom zu Münster habe ich den „Tuba tune“ von Norman Cocker gehört - und als regelmäßiger User einer glänzenden, vollen Hauptwerkstrompete habe ich mir gedacht, das wär’ doch was - und mich nicht getäuscht. An die Noten heranzukommen, war etwas schwierig. Die Trüffelsucher vom mmz (www.mmz.de) haben es geschafft. Der Verlag heißt Stainer & Bell, London, die ISMN lautet M 2202 0458 2. Kocker führt ein sequenzierendes Ohrwurm-Thema - mal solistisch gegen ein Plenum, mal im satten Schwellwerks-klang - in großen Sprügen durch den Quintenzirkel. Damit nicht jeder es so einfach spielen kann, stehen gut 30 Takte in Fis-Dur - und da spaziert zu allem Überfluß die l.H. über lauter Obertasten in Achtel-Oktavgängen mit demonstrativen Legatobögen gegen das Thema im Diskant. (Hanons öde, aber heilsame Geläufigkeitsübungen fürs Pianoforte lassen grüßen.) Aber am Ende wird alles gut, laut und neunstimmig. Ein Stück von grandioser Wirkung, das etwas Arbeit macht - und das eine etwas satter grundierte Orgel braucht.

Ebenfalls beim Anhören einer CD bin ich aufmerksam geworden auf ein „Andante con moto“ des niederländischen Romantikers Albert Pomper. ( 1862-1917). Ein feines Solo für eine lyrische Oboe bildet den Rahmen, ein paar Entrückungen nach E-, H-,Fis-Dur im bewegerten Mittelteil sind leichter als sie zunächst aussehen. Seit ich dieses Stück „drauf“ habe, verwende ich es als süßes Zugaben-Bonbon oder bei Hochzeiten während der Tränen der Brautmutter. Das Heft, in dem es steht, heißt „Orgelkunst, Band 1“, verlegt bei Willemsen, Huizen, als Nr 801. Außerdem enthält dieser kleine und preiswerte Band noch ein leichtes und gefälliges Trio von J.G. Bastiaans, einem Mendelssohn-Zeitgenossen und -Nachahmer.

Auf derselben CD war auch eine „Suite in E“ von Michael Chr. Festing, bestehend aus Largo, Allegro, Aria und zwei Variationen über ein heiter-verspieltes Thema. Auch dieses Stück gibt’s - zusammen mit einer „Fantasy“ von Thomas Adams - bei Willemsen, Verlagsnr. 574. Beide Opera sind sauber gemachte barocke Stilkopien. Festings Suite eignet sich sehr gut für etwas Farben- und Registerzauber. Sie geht trotz „Notenfriedhof“ (jede Menge Kreuze) nicht über C-Kurs-Anforderungen hinaus und ist eine freundliche Abendmahls- oder Epistelmusik.

Wenn wir schon gerade bei den Holländern (und bei CDs) sind: Auf einer CD, die ich vor Jahren dort im Urlaub gekauft habe, fand ich Opera von Jan Zwart, darunter eine monumentale „Hymne“ über „Wilt heden nu treden“ - bei uns bekannt als „Altniederländisches Dankgebet“ oder preußisches Armeegebet im „großen Zapfensteich“. Zwart war zu Lebzeiten (wesentlich die 1. Hälfte des 20. Jh.) in den Niederlanden eine Legende und ein begnadeter Improvisator. Die „Hymne“ ist ein breit dahinströmendes, vollstimmiges und majestätisches Grave, sehr hoch geführt, mit vielen Oktavverdopplungen - auch über weite Strecken im Pedal. Das Heft heißt „Drie Oud-Hollandsche Liederen“, enthält also noch zwei weitere Bearbeitungen über holländische Choralweisen. Da sie bei uns unbekannt sind, habe ich die Stücke unter den freien Werken eingeordnet. Erschienen ist das Heft als „Boek 12“ in der „Uitgeverij en Atiquariaat ‘Jan Zwart’“ in Zaandam - offenbar ein kleiner Fachverlag, der das Erbe des Meisters pflegt.

Auf einer Demo-CD habe ich auch das „Präludium C-Dur von Johann Christoph Kellner gehört und spontan beschlossen, mein „vom-Blatt“-Repertoire um dieses Stück zu erweitern. Fündig wurde ich in Ewald Kooimans bereits gewürdigter Reihe „Incognita Organo“ bei „Harmonia Uitgave“ in Hilversum. Heft 18 der Reihe enthält außer dem durchsichtigen, elegant perlenden Präludium noch eine gravitätische, affektgeladene Fantasie in g-moll, ein knappes, leichtes Trio und eine handwerklich gediegene Choralbearbeitung über „Jesus, meine Zuversicht“ in Trioform. Da merkt man, was der alte Bach seinen Schülern so beibrachte – und wie sie fröhlich die Lehren der „alten Perücke“ (so Bachs Spitzname bei seinen Söhnen) über Bord warfen, um dem hochmodernen „galanten Stil“ zu frönen. Wer auf dem Klavier die Sonatinenstufe erfolgreich durchlaufen und sich einigermaßen „im Pedalspiele habilitiret“ hat, kriegt die Stücke mit viel Spaß und wenig Mühe hin.

Ich erwähnte bereits die Werke von A.P.F. Boely. Außer den beiden „Incognita Organo“-Heften mit kürzeren liturgischen Stücken besitze ich auch drei Hefte (livre 1-3) der „Ouevres complètes“, erschienen bei Alphonse Leduc in Paris. Sie enthalten Boelys längere und anspruchsvollere Stücke, darunter die Fantaisie B-Dur/b-moll, die inzwischen als Kabinettstück frühromantischer franz. Orgelmusik gilt und auf fast jeder einschlägigen CD zu hören ist. Aber Vorsicht, was da so flüssig perlt, macht Arbeit (bis es flüssig perlt)! An die Leduc-Ausgaben ist schwer heranzukommen. Außerdem hatten die Franzosen zu DM-Zeiten die unangenehme Angewohnheit, auf die Rechnungen einfach „Mark“ statt „Francs“ zu schreiben, ohne dem aktuellen Wechselkurs auch nur ansatzweise Rechnung zu tragen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sich das mit der Einführung des Euro geändert hat. Meine Boely-Hefte habe ich mir irgendwann in den späten 80ern über den „Pro-Organo“-Verlag und Versand in Leutkirch besorgt. Und da kostete das Stück schlaffe 60 DM. Inzwischen gibt es auch eine neue vierbändige Gesamtausgabe bei Editions Publimuses, in Deutschland bei Butz im Sortiment. Bd. 1 (PM 32.01) enthält die „Offertoires“, Bd. 2 (PM 33.01) Werke für Advent und Weihnachten, Bd. 3 (PM 35.02) zwölf umfangreichere Kompositionen und Bd. 4 (PM 37.01) Stücke für Orgel oder Harmonium – also eher die „Salonmusik“. Die Bände haben lt. Verlagsverzeichnis um die 120 Seiten und kosten 42 Euro (pro Stück!).

Kürzere „Registerpiècen“ des frz. Barock im Stil von Couperin und Dandrieu bietet das „Troisième livre d’orgue“ von Michel Corrette, erschienen bei der Edition Bornemann, Paris – ebenfalls wohl ziemlich teuer. Da rechnen sich eher die bereits mehrfach erwähnten Bände „Orgelmusik im Gottesdienst“ (siehe unter „Sammlungen“), in denen jede Menge Corrette, Dandrieu, Marchand, Couperin u.a. drinsteht.

Eine ausgezeichnete Reihe „Orgue et liturgie“ gab es bei „Editions musicales de la Schola Cantorum“ in Paris. Als Gymnasiast auf Klassenfahrt bin ich da in den wilden 60er Jahren mal eingefallen und habe kräftig Beute gemacht. Als ich als Jungkantor meinen Raubzug wiederholen wollte, war das Etablissement in Konkurs gegangen. (Ich war nicht schuld!) Später habe ich dann herausgekriegt, dass das Sortiment von „Editions musicales Labatiaz“ im schweizerischen CH-1890 St.-Maurice übernommen wurde. Da gab es schöne Sachen, z. B. Vertonungen des Meßordinariums von Francois d’Againcour (1684-1758), oder zwei Bände mit kürzeren Stücken von Boely (Oeuvres complètes pour l’orgue, deuxième livre, 1er et 2ième fasciule). Wer so etwas antiquarisch auffindet, sollte unbedingt zuschlagen. Vielleicht findet sich ja auch ein Musikalienhändler, der Bezugsquellen ausfindig macht.

Frucht jener Klassenfahrt waren auch die beiden Bände von César Francks Harmonium-Sammlung „l’Organiste“. Ich habe sie damals bei Enoch & Cie im Lagerkeller aus einem Stapel Noten gezogen, die noch aus der Vorkriegszeit (ich meine vor dem 1. Weltkrieg) dort gelegen haben müssen. Der Verkäufer hatte mir dieses „Antiquariat“ gezeigt und mich dann mit der Bemerkung „Cherchez et prenez que vous voulez“ alleingelassen. Als ich dann (Stunden später) mit einem 30 Zentimeter hohen Notenstapel und leicht angestaubten Händen auftauchte, legte er einfach ein Metermaß an meine Beute und schlug mir vor, pro Zentimeter einen Franc zu zahlen. Der war damals so etwa 85 Pfennig wert. Auf dieses Geschäft bin ich heute noch stolz! Und der Franck ist seither einer meiner sorgsam gehüteten Schätze. Band 1 mit kleinen Zyklen in den Tonarten von C bis F ist m.W. derzeit nirgends zu bekommen. Bd. 2 ist bei Butz unter dem Titel „l’Organiste II“ (BU 1560) neu aufgelegt. Und er ist der gehaltvollere von beiden. Da sind zwei äußerst effektvolle „Sorties“ über frz. Weihnachtslieder in C und D drin, die auch von Kollegen zu bewältigen sind, die von den „Six pièces“ oder den „Trois Chorals“ noch weit entfernt sind. Eine „pièce symphonique“ macht ebenso wenig Mühe und ist trotzdem „richtiger“ Franck, ebenso ein gutes Dutzend kleinerer Sachen, die auf einer grundstimmenreichen Orgel gut klingen.

Das Sortiment von Butz ist inzwischen eine Fundgrube für leichtere romantische Orgelliteratur. So z.B. die „Sieben Stücke für Orgel“ von Théodore Dubois (BU 1672). Besonders hübsch die „Marcietta“ und der „Rausschmeißer“ „Marche-Sortie. Für kontemplativere Gemüter gibt es u.a. eine innige „Prière“, die technisch keine Probleme bereitet, aber sorgfältiges Auskundschaften des Vorzeichen-Fallen im Notentext erfordert.

Zwei Kantoren-Kollegen aus dem Frankenland haben sich beispielhaft ihrer nebenamtlichen Organisten angenommen: Ekkehard Nickel hat seine Arbeiten, die überwiegend aus der Unterrichtspraxis erwachsen sind, unter dem Titel „Schwabacher Orgelbuch“ bei Strube veröffentlicht (Strube Edition 3138). „Schön und leicht“ war die Vorgabe – und beides hat der Komponist geschafft. Und es steckt sogar ein richtiges „Konzertstück“ drin, das ich oft im D-Kurs habe spielen lassen: Toccata, Aria und Fuga parva a-moll“. Insgesamt 21 Stücke von höchster Praxistauglichkeit für sog. „kleine Verhältnisse“ – handwerklich sehr solide, wohlklingende Musik, die auch dem Organisten wirkliche Erfolgserlebnisse verschafft, der niemals etwas aus Bachs „Orgelbüchlein“ spielen wird.

Noch etwas leichter – ohne zu simplifizieren – macht es der Windsbacher Kantor Emanuel Vogt in seinen beiden Heften mit dem bieder-abschreckenden Titel „Orgelbuch für Landorganisten“, erschienen im Verlag G. Schulist im fränkischen Heilsbronn. Der Inhalt hingegen ist ausgesprochen anziehend: Bd 1 enthält 18, Bd. 2 14 Stücke in verschiedenen Tonarten, ausdrücklich „für Unterricht und gottesdienstlichen Gebrauch“ bestimmt. Das Notenbild ist besonders groß und augenfreundlich gestaltet. Und bei den Stücken, die über mehr als zwei Seiten gehen, kann man die weiteren Seiten herausklappen, so dass keine Wendestellen entstehen – eine genial einfache und nachahmenswerte Lösung! (Wem sind nicht schon mal irgendwelche Kopien zum ungünstigsten Zeitpunkt vom Notenpult auf die Manuale gerauscht?) Falls die Bände von Schulist nicht mehr zu bekommen sind: Vogt hat inzwischen ein einbändiges „best of“ –aber immer noch mit demselben biederen Titel - bei Strube herausgebracht. Ich besitze es allerdings nicht.

Wer sich etwas in die gemäßigte Moderne einarbeiten will, ist mit dem „Manuale op. 79“ von Flor Peeters gut beraten, erschienen bei Schwann (Peters) unter S 2216. „Sechzehn einfache Fantasien für Orgel“ lautet der absolut zutreffende Untertitel. Alle Stücke sind manualiter spielbar, gewinnen aber durch Pedalgebrauch. Mir persönlich gefällt Peeters’ lineare Klangsprache ungemein. Dissonanzen entstehen ausschließlich durch die Konsequenz der Stimmführung, deshalb liegt die Musik gut in den Fingern. Peeters hat seine Klangvorstellungen stets in eindeutigen Registerangaben fixiert. So lassen sich seine Intentionen sehr gut nachvollziehen.

Und jetzt meine drei bevorzugten „Ohrwürmer“: „Air und Gavotte“ des Mendelssohn-Zeitgenossen Samuel Wesley, erschienen bei Willemsen im holländischen Huizen, Verlagsnr. 267. Vor allem die Gavotte ist – in straffem Tempo leichthändig und -füßig in die Tastaturen getupft – ein anmutiges Stück Musik, das mit wechselnden Plenum-Stufen auf Haupt- und Schwellwerk Spiel –und Hörfreude aufkommen lässt.

Für eine schöne, runde Solotrompete und ein Begleit-Schwellwerk, in dem auch „was zum Schwellen“ drinsteht, ist Alfred Hollins’ „Trumpet Minuet“ geschrieben, ebenfalls bei Willemsen unter der Nr. 866 erschienen. Die durchgängig hochgeführte linke Hand ist etwas gewöhnungsbedürftig, ansonsten bietet das Stück kaum Schwierigkeiten. Im Pedal muss allerdings der Fußsatz für die D-Dur-Skalenausschnitte sicher, flüssig und vor allem legatissimo sitzen!
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« Antworten #6 am: 02. Juni 2017, 22:05:32 »

„Tuba tune in D“ von Craig S. Lang, gleichfalls von Willemsen, Nr. 730. Inzwischen eines meiner Standard-Orgelvorführstücke („Tuba mirabilis“ gegen den Rest der Welt). Wenig Übeaufwand – tolle Wirkung!

Johann Christian Heinrich Rincks Choralvorspiele sind ja schon seit einiger Zeit „rehabilitiert“, jetzt scheint dieser Prozess auch bei seinen freien Werken einzusetzen. Bei Butz (BU 1708) gibt es 12 Präludien und Fugen aus Rincks op. 55. Die Präludien sind z.T. recht knapp gehalten, sie bieten eher musikalischen Affekt im Stil der Frühklassik als orgeltypische motivische Arbeit. Sauberes Organistenhandwerk sind die Fugen im harmonischen Idiom der Frühromantik. Die gelegentlichen Oktaverdopplungen zwischen l.H. und Pedal (oder im Ped. selber) sind auf modernen Instrumenten zu vernachlässigen. Als Rinck seine Präludien schrieb, waren die Pedalkoppel und der Choralbass 4’ in der gemeinen hessischen Landorgel noch nicht (bzw. nicht mehr) flächendeckend im Schwange. Sehr schön an dieser Ausgabe finde ich die Übernahme der originalen Vortrags- und Phrasierungsangaben Rincks. Der Komponist drückte sehr konkret leicht nachvollziehbar aus, wie er seine Stücke gespielt haben wollte. Die Möglichkeit, sie also recht „authentisch“ zu spielen, gibt dieser Musik einen ganz besonderen Charme, finde ich.

Da ich die Choralbearbeitungen von Herbert Paulmichl sehr schätze, haben seine „7 Präludien und Fugen“ mein Interesse geweckt (pro organo 1075). Sie sind von etwas herberer Klanglichkeit – bei strenger Linearität – als die CVS des Komponisten. Dabei überzeugen mich die konsequente motivische Arbeit und ein organischer Fluß der Stimmen. Gewöhnungsbedürftig ist der Verzicht auf Generalvorzeichnung am Zeilenanfang, jedes Vorzeichen steht im Notentext eigens da. Die sieben Stücke, die P. seinem Regensburger Kompositionslehrer Oskar Sigmund gewidmet hat, sind bewusst knapp und konzentriert gehalten. Einem „anfahenden“ Organisten bieten sie eine (sehr) behutsame Einführung in (geringfügig) ausgeweitete Tonalität.

Gleich auf mehreren Demo-CDs von Digitalorgelherstellern habe ich Ralph W. Driffils „Orgeltoccata“ gehört und kam zum Schluß: sehr wirkungsvoll bei eher moderatem Aufwand. Gefunden habe ich den rauschenden Vierminüter im Sortiment von Willemsen im niederl. Huizen unter der Best.-Nr. 534. Der Aufbau folgt dem bewährten und vielkopierten franz.-sinfonischen Strickmuster: bewegte (anfangs moll-) Figuration in der r.H. über hingetupfter Akkordik, lyrisches Nebenthema in der Durparallele für alles was streicht und schwebt, schließlich triumphale Schlussapotheose mit Toccatenfigur in Dur und Nebenthema im doppelten Fortissimo. Ein nicht ganz unversierter Hörer würde auf einen bis dato unentdeckten Boellmann oder Dubois tippen.

Ebenfalls durch eine Demo-CD wurde ich aufmerksam auf ein „Voluntary“ des ndl. Zeitgenossen Teke Bijlsma. Die einsätzige barocke Stilkopie führt ein elegant-spritziges Motiv für Cornett oder Solotrompete in munterem Allegro über generalbaßartig stützender Flötengrundierung. Konzise Form und nachvollziehbarer Modulationsplan machen das hübsche, flotte vom-Blatt-Stück zu einem Ohrwurm. Ich denke, es könnte meinen Konfis gefallen. Erschienen ist es bei Willemsen unter Nr. 744 zusammen mit einem nicht minder flüssigen “Flute piece“ Bijlsmas, einer duftigen quasi-Invention (manualiter) für eine 4’-Soloflöte gegen einen diskreten Bourdon 8’. Am Schluß geht's in die Durparallele und wird mit Pedal-unterfütterten Füllakkorden auskadenziert. Die allfälligen Stimmkreuzungen lassen sich ggf. durch Tiefoktavierung mit zweitem 4’-Register vermeiden.



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« Antworten #7 am: 03. Juni 2017, 08:55:49 »

Wer eine vollwertige französische Toccata sucht, bei der nicht ständig Vorzeichenfallen lauern und die (noch) nicht so abgenutzt ist wie die G-Dur von Maitre Dubois, dem empfehle ich die Toccata pour Grand Orgue d-moll von Gaston Bélier. Das Thema ist eingängig, das Nebenthema sanglich, die donnernden Pedalsechzehntel sehen schwerer aus als sie sind, der Modulationsplan ist schlüssig und die Länge überschaubar. Alles macht daraus ein gottesdienstliches Bravourstück. Ein schönes Druckbild und einen fairen Preis für dieses anmutige Stückchen französischer Orgelsinfonik bekommt man bei Butz, BU 2489. Wer 50 Cent sparen will, findet einen Nachdruck des Originals bei B-Note. Aber ein übersichtlicheres, klareres Druckbild und kluge Wendestellen sind mir einen halben Euro mehr wert.
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« Antworten #8 am: 03. Juni 2017, 09:04:04 »

Teil III: Choralbearbeitungen Sammelbände

Der „Klassiker“ für ev. Organisten war wohl bis zum Erscheinen des EG die vierbändige Sammlung „Choralvorspiele für den gottesdienstlichen Gebrauch“ hg. von Adolf Graf und erschienen bei Bärenreiter. Die Bände I und II (BA 1223 und 5482) mit den barocken „Klassikern“ des Genres (viel Walther), Band III mir Romantikern und frühen Zeitgenossen (BA 5483) – zum Zeitpunkt des Erscheinens revolutionär, war doch die Verdammung dieser Musik noch weitverbreitet – und der Band IV (BA 5484) mit Zeitgenossen der 70er Jahre und damit äußerst „zeitgeistig“. Will heißen: Wenn Ihr heute daraus spielet, müsst Ihr damit rechnen, dass die Verkehrspolizisten in der Gottesdienstgemeinde hinterher das Auto umlauern, falls sie Euch nicht gleich an der Emporentreppe den „Alcomaten“ an die Lippen drücken. Zur Ehrenrettung dieses Bandes sei gesagt, dass er immerhin ein paar originelle (ev.!) Choralbearbeitungen von Jean Langlais enthält, die es sonst nirgendwo gibt. Nicht mehr ganz aktuell sind bei etlichen Chorälen die Tonarten. Viele nebenamtliche Kollegen praktizieren übrigens zivilen Ungehorsam, indem sie - soweit möglich - einfach die alten Choralbücher weiterverwenden.

Eine Fundgrube von Raritäten – vor allem aus der Nach-Bach-Generation und der frühen Romantik – waren mir bis zum Abebben der „Barockwelle“ und entsprechend vielseitigeren Neupublikationen die „Choralvorspiele und Orgelchoräle aus vier Jahrhunderten zum Ev. Kirchengesangbuch“ hg. von Johannes Muntschick. Meine Ausgabe in drei Bänden habe ich mir damals aus der DDR besorgen lassen. Sie war erschienen bei der Ev. Verlagsanstalt in Berlin – heute m.W. in Leipzig. Es gab auch eine Ausgabe West bei Merseburger, aber sie ist in keinem Verlagsverzeichnis mehr zu finden, also offenbar vergriffen. Deshalb kann ich hier auch keine bibliographischen Angaben mitteilen. Aber wem die schön fest eingebundenen Bände antiquarisch über den Weg laufen, der sollte zugreifen. Einziger Nachteil (?) der Sammlung ist das relativ kleine Format, deutlich unter A4 – wahrscheinlich musste man im volkseigenen „graphischen Großbetrieb Leipzig“ volkseigenes Papier sparen.

Die einzige mir bekannte umfassende Sammlung zum kath. GL , die „Orgelstücke zum Gotteslob“, erschienen 1975 als „halboffizielle“ Publikation in sechs Bänden im Bonifatius-Verlag Paderborn. Weil ich jahrelang ohne Ansehen der Konfession in der Kapelle eines Klinikums georgelt habe, bekam ich sie vom - lieben, wie so oft in diesem Berufsstand längst pensionsreifen - kath. Klinikpfarrer geschenkt. Wahrscheinlich wollte er damit erreichen, dass ich nicht ständig so „evangelisch“  (d.h. mehr als zwölf Takte, vollständige Choraldurchführung in „unerhörten“ Lagen) vor den Kirchenliedern daherorgele. Seine eigenen Organisten durfte er nämlich nicht mehr mitbringen. Der leitende ärztl. Direktor des Hauses hielt den Gottesdienst und die darin enthaltene Musik für ein wichtiges Therapeutikum, war selber ein sehr guter Hobbypianist und hatte für die relativ große Klinikkapelle eine schöne Orgel anschaffen lassen (II 18 ) – und wie ich ihn kenne, wahrscheinlich größtenteils aus seiner Privatschatulle bezahlt. Er hatte die Übertragung eines kath. Gottesdienstes in die Krankenzimmer einmal abschalten lassen, als er das hörte, was eine amtierende Dame älteren Semesters so für „Orgelspiel“ hielt. Sein Kommentar: Solche „Unmusik“ könne bei frisch operierten Herzpatienten schwerste Komplikationen auslösen. Aber ich erzähle schon wieder einen Schwank – wahrscheinlich, weil ich mich um ein Urteil über die Sammlung drücken will, deren Opera überwiegend von noch lebenden Meistern stammen. Es ist nämlich – auf die Gefahr hin, dass ich jetzt einen Konfessionskrieg auslöse – ziemlich vernichtend. In den sechs dicken Bänden, die ich übrigens auf fast jeder kath. Orgelempore umherliegen sehe, habe ich wenige Stücke gefunden, von denen ich – völlig subjektiv natürlich – sagen kann, dass ich sie wirklich „schön“ finde. Darunter eine Meditation über „O Lamm Gottes unschuldig“ von Arno Leicht, einige größere "Brucknereien" von Erwin Horn (ein richtig origineller Harmoniker) und eine paar witzige "Programmusiken" vom Plany. Bei allen anderen Essays der Herausgeberkommission wollte sich – trotz erkennbarer Kompositionsideen sowie reichlich summierter satztechnischer und kontrapunktischer Gelehrsamkeit – einfach kaum Spielfreude einstellen. Die Mehrzahl der Piècen wirken auf mich – ich wiederhole: völlig subjektiv – schlichtweg öde und spröde. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass nebenamtliche Organisten darauf „abfahren“. Ach ja, einige Arbeiten von Gustav Biener ließen noch Praxisbezug und „Bodenhaftung“ erkennen. Wenn das das Ideal kath. liturgischer Musik im ausgehenden 20. Jh. gewesen sein sollte, bin ich froh, ein Lutherischer zu sein. Aber beim geplanten „GL neu“ besteht ja die Möglichkeit, es besser zu machen – zumal es etliche kath. Komponisten gibt, die Choral-bearbeitungen geschrieben haben, die man gern hört und spielt (z.B. Herbert Paulmichl, der allzu früh verstorbene Karl Norbert Schmid und mein verehrter Lehrer Franz Lehrndorfer). Und ich habe die Bände nicht weggeworfen, sondern bewahre sie als „zeitgeschichtliches Dokument“ auf – nicht zuletzt als Erinnerung an meine Tätigkeit als „Musiktherapeut h.c.“. Durch das neu erschienene GL und die allmählich am Markt erscheindene Sekundärliteratur sind diese Bände aber so was von überholt ...

Erstaunenswerterweise gab es nach meinen Beobachtungen nur eine einzige umfangreichere Sammlung mit älteren Choralvorspielen zum GL (alt): die „Leichten Choralvorspiele zum GL“ hg. von Simon Dach, bei Christophorus in Freiburg erschienen – aber m.W. nicht mehr lieferbar. Es handelt sich um eine Loseblatt-Sammlung in drei Mappen (ähnlich wie die „Orgelbox“ mit Vorspielen zum EG der bayerischen Landeskirche). Die Tonarten sind denen des GL angepasst, aber an etliche schöne Vorspiele aus protestantischem Kernbestand ist der „Zensor“ mit der Schere herangegangen . (Sie waren wohl allesamt länger als 12 Takte.) Doch immerhin, sie klingen auch „amputiert“ zeitlos schön. Ideenreich finde ich die 3. Lieferung mit „Orgelversetten zu Hallelujarufen für die Zwischengesänge des Gottesdienstes“ allerdings habe ich derlei nie in kath. Gottesdiensten „live“ gehört. Wenn überhaupt, waren das immer mehr oder weniger gut gemachte Verlegenheitsimprovisationen. Für alle, die es anders erleben, freue ich mich.
Und wer um weitere gute Publikationen weiß – möglicherweise gibt es in einzelnen Diözesen ja entsprechende gute Sammlungen der Ämter für Kirchenmusik – möge sie bitte unter diesem Thema einstellen.

Nun zu einigen umfangreichen Sammlungen, die im Gefolge des neuen Ev. Gesangbuches (EG) seit 1995 erschienen sind. Da wären an erster Stelle die beiden „opera magna“ von Breitkopf und Bärenreiter zu nennen. Die Breitkopf-Sammlung heißt „In Ewigkeit dich loben“ und enthält Stücke vom 16. bis zum 20. Jh. Die Sammlung ist nicht alphabetisch nach Liedanfängen wie bisher, sondern nach Gesangbuchnummern geordnet. Die Bände 1 bis 4 (EB 8571 – 8574) umfassen den Stammteil des EG, Band 5 (EB 8670) enthält Beaarbeitungen zu „ausgewählten Liedern der Regionalteile“. Die Sammlung ist m.E. erste Wahl, stilistisch vielseitig, editorisch gut gemacht, mit dem bei Breitkopf üblichen exzellenten Notenbild. Sie gehört an jede ev. Orgel – und die Gemeinde sollte sie beschaffen. Denn rund 150 Euro sind für nebenamtliche Organisten bei aller Liebe zum Handwerk kein Pappenstiel. Und nicht jeder hat einen so großzügigen Sachbearbeiter beim Finanzamt wie ich, der mir als Dankeschön für meine ehrliche Steuererklärung immer reichlich Notenkauf als Arbeitsmaterial anerkennt.

Wenn nicht Breitkopf, dann die nicht minder gut gemachte Sammlung „Choralvorspiele“ zum Ev. Gesangbuch“ hg. von Jürgen Bonn, erschienen in sechs Bänden bei Bärenreiter (BA 8224 –25 –28 –29 –30 –38 ), ebenfalls nach EG-Nummern geordnet, ebenfalls stilistisch äußerst vielseitig und nach nachvoll-ziehbaren Qualitätskriterien zusammengestellt. Zur Breitkopf-Ausgabe gibt es erfreulich wenig Doubletten, so dass der Besitz beider Sammlungen einen repräsentativen und recht umfassenden Querschnitt durch die choralgebundene dt. Orgelmusik zwischen Bach und der frühen Moderne bietet. Aber auch hier sind für alle Bände rund 150 Euro fällig – die zweifellos sehr gut angelegt sind (vor allem, wenn sie aus der Kirchenkasse kommen).

Nach wie vor liegt die Romantik im Trend. Und wohl deshalb haben beide Verlage noch zusätzlich Sammlungen mir romantischer Choral-Literatur zum EG aufgelegt. Bei Breitkopf & Härtel heißt die Sammlung „Hier preisen auf der Erd“, hg. von Klaus-Uwe Ludwig in zwei (dicken) Bänden (EB 8628 und 8629). Sie enthält ein paar echte Raritäten und durchweg qualitätvolle, textausdeutende Bearbeitungen von z.T. gehobenem Schwierigkeitsgrad.

Bärenreiter zieht nach mit „Choralvorspiele des 19. Jh.“ hg. von Andreas Rockstroh – bisher sind zwei Bände der alphabetisch nach Liedanfängen geordneten Sammlung erschienen (BA 8431 Buchstabe A-D, BA 8432 Buchst. E). Inzwischen ist die Sammlun g komplett und vierbändig geworden. Der Herausgeber hat eine gute Nase für das, was auch ohne großen Übeaufwand geht und wirklich gut klingt. Und offenbar hat er Zugriff auf einen umfangreichen Fundus von Sammlungen der Jahrhundertwende, die vor Jahren noch auf fast jeder Empore vor sich hin schimmelten und oft bei irgendeiner Entrümpelungsaktion im Müll landeten. (Häufig waren Orgelneubauten Anlaß dazu - und ich habe mich als zugezogener Sachberater immer mit diesem „alten Glump“ beschenken lassen. Wenn ich mal Rentner bin – eine handvoll Jährchen sind’s noch hin – gehe ich vielleicht doch noch unter die „Editoren“.) Mit sicherem Griff pickt sich Rockstroh die Rosinen aus diesen Alben heraus. Eine äußerst empfehlenswerte Sammlung, wenn die übrigen Hefte das halten, was die ersten beiden versprechen.

Soweit die wesentlichen Sammlungen choralgebundener Musik. Bei Merseburger gibt es noch eine Reihe mit dem Titel „Gott loben, das ist unser Amt“. Ich habe die Bände bei meinem bevorzugten Notendealer durchgeblättert und gleich wieder beiseite gelegt. Denn da war durchweg der spröde „Einheitsbrei“ lauwarm aufgewärmt, der in den 50er und 60er Jahren als „dienende“ ev. Orgelmusik en vogue war – und der so recht zur „neuen Sachlichkeit“ von Kirchen im Fabrikhallenstil mit schrillen Piepsorgeln passte. Schön, dass wir diese Zeit hinter uns haben. Finde ich zumindest. Wer ihr nachweint, der kann sich ja an dieser "Notenmathematik" delektieren. Die Bestellnummern muß er allerdings selber herausfinden.

Wer sich keine mehrbändige Sammlung von Choralvorspielen zulegen kann oder will, und wer dazu ausschließlich manualiter präludieren will oder muß, der ist mit den „Orgelvorspielen zum EG“ hg. von Johannes Muntschick bei Strube (VS 3077) gut beraten. Der – dicke und mit festem Deckel gebundene – Band liefert zu den Liedern des EG in der Regel zwei versch. Vorspiele, die zeitgenössischen Autoren haben sich bewusst um gediegenes Handwerk bemüht und leben ihre „Modernität“ anderswo aus. Alle Stücke sind durchweg vom Blatt zu spielen.

Inzwischen gibt es jede Menge Neueditionen romantischer Choralvorspiele - als Johannes Matthias Michel 1986 seinen Band „Choralvorspiele aus Klassik und Romantik“ veröffentlichte (Strube VS 3020), war das aber fast eine Pioniertat. Denn vor allem die lange Zeit vielgeschmähten Klassiker Fischer, Kittel, Rinck etc. waren erstmals wieder greifbar – in qualitätvoller Auswahl. Darüber hinaus bietet das Heft romantische „Kleinmeister“ wie Barner, Flügel, Mergener, Ritter, Reichhardt, Engelbrecht und andere, deren Namen ich bis zum Kauf dieser Sammlung nie gehört hatte. Trotz mäßigen Schwierigkeitsgrades genügen die Arbeiten hohem Qualitätsanspruch. Und in der Neuauflage soll das Notenbild erheblich verbessert sein – in meinem Heft wirken die Noten noch „handgemalt“.

Heft 39 der Reihe „Incognita Organo“ bei Harmonia Uitgave (HU 3879) bietet sechs „Choralbearbeitungen um J.S. Bach“. Die Stücke von Johann Bernhard Bach, Georg Andreas Sorge und Gottfried Kirchhoff sind solides Organistenhandwerk, unspektakulär aber klangschön, sauber am c.f. entlangearbeitet und mit wenig Aufwand zu spielen. Die Orgel sollte aber schon zweimanualig sein und über ein Cornett für Diskant- und eine leise Solozunge für Tenordurchführungen verfügen.

Eine altbewährte Sammlung – falls überhaupt noch lieferbar – ist der Peters-Band „Choralbearbeitungen des 17. und 18. Jh., hg von Erhard Franke (EP 9931). Obwohl in die Jahre gekommen, bietet der umfangreiche Band immer noch einen editionstechnisch ausgezeichneten Notentext über 120 Choralbearbeitungen von Buxtehude- und Bach-Zeitgenossen. Mein Exemplar stammt aus der Konkursmasse des „ersten (und hoffentlich letzten) Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden“, also von Peters Leipzig, und hat einen schönen, festen (braunen – sie wollten wohl das Rot nicht profanieren) Einband. Wenn so was antiquarisch zu bekommen wäre, würde ich zuschlagen – wenn ich den Band noch nicht hätte.

Ebenfalls ein Peters-Uralt-Klassiker ist Karl Straubes „Choralvorspiele alter Meister“ (EP 3048). Der Band bietet u.a. das gesamte Choralwerk von Johann Nicolaus Hanff, Walthers schöne Partita über „Jesu, meine Freude“ und andere Opera unbekannterer Barockmeister, insgesamt 45 Stücke. Das Notenbild mit Straubes allgegenwärtigen Phrasierungsbögen, jede Menge dynamischer Zeichen und Schriften, Walzencrescendi etc. erfüllt zwar fast den Tatbestand der Nötigung, aber immerhin hat sich der Meister überwunden, die Hände vom Notentext zu lassen (was ihm nicht einmal in seiner Bach-Ausgabe gelungen ist). Trotzdem – viel Choralbearbeitung für relativ wenig Geld. Ich jedenfalls würde den Band nicht aus meinem Fundus ausmustern, denn ich finde in ihm öfter mal was, was ich in neueren Sammlungen nicht habe.

Einen sehr brauchbaren Notentext ohne alle überflüssigen Zutaten bietet Hermann Keller in den „80 Choralvorspielen deutscher Meister des 17. und 18. Jh.“, erschienen bei Peters (EP 4448). Keller bietet nicht nur eine gute Auswahl, die sich nur geringfügig mit den Sammlungen von Straube und Franke überschneidet (und dann in der Regel Alternativtonarten zu den Doubletten bietet). Er hat dem c.f. immer den Choraltext (1. Vers) unterlegt. Das finde ich für Schüler sehr hilfreich. (Ich musste bei meinem ersten Orgellehrer im Unterricht bei den Chorälen aus Bachs Orgelbüchlein (fast) immer den c.f. mitsingen. Das vermittelte ein Gefühl für das „tempo giusto“.) Die Sammlung ist alphabetisch nach Liedanfängen geordnet, das meiste steht noch in den „alten“ (höheren) Tonarten.

Ob es die drei Bände von Fleischer/Fiebig „Leichte Choralvorspiele“, erschienen bei Leuckart, München, noch gibt, weiß ich nicht. Die meinen sind rund 50 Jahre alt und haben sich – vor allem in meinen organistischen Säuglingsjahren – hervorragend bewährt. Was mir an ihnen auch heute noch gefällt: Die Autoren hatten viele Beiträge von Zeitgenossen aufgenommen, die sehr bewusst und mit viel Klangsinn für die Neo-Barockorgel schrieben (Grabner, J.N. David, Hessenberg, E. Wenzel, Hiltscher, Höller, Raphael). Durchweg lineare Musik, deren harmonische Reibungen sich stets aus einer schlüssigen Stimmführung ergeben. Ich habe diese Sachen als Schüler sehr gern gespielt. Weiterer Vorteil der Sammlung: Jedem Choralvorspiel folgt ein gut liegender dreistimmiger Begleitsatz, der manualiter oder als Trio mit c.f. im Sopran gespielt werden kann. Ich durfte an diesen Sätzen meine ersten Improvisationsversuche (Choraltrio mit koloriertem c.f.) wagen. Band III bietet ein kleines Kompendium an freien Werken. Darunter manches, was man sonst nirgendwo findet und durchweg gut klingt. Vor allem Stücke, die an so ziemlich jeder Orgel irgendwie "gehen".

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« Antworten #9 am: 03. Juni 2017, 09:04:39 »

Der Verband der e.v Kirchenmusiker in Bayern gibt bei Strube in lockerer Folge Hefte mit praxisgerechten Choralbearbeitungen heraus. Das jüngste Produkt trägt den Titel "Mit Herzen, Mund und Händen" und die Editionsnummer Strube 3395. Praxiserfahrene bayerische Kollegen haben hier bewusst auf Personalstil und Modernismen verzichtet, um ihrer Klientel gut gearbeitete, gut spielbare und gut klingende Vorspiele zum EG zu liefern. Die Bandbreite reicht von der Intonation (oft mit folgendem Begleitsatz) bis hin zu kleinen Concerti und Präludien, die sich für den gottesdienstlichen Rahmen auch als eigenständige Voertagsstücke eignen. Zu etlichen Chorälen gibt es mehrere Bearbeitungen. Und man kann sich eine Menge Ideen für das eigene Spiel abgucken. Die Sammlung hat m.E. höchsten Praxiswert.

Als Anfang der 70er Jahre das "Einheitsgesangbuch" "Gotteslob" erschien, brachte Bonifaciusdruck in Paderborn. Eine Sammlung mit "Einheitsvorspielen" heraus, die über Jahre die einzige Sammlnug blieb, sieht man von den Intonationen in den Orgelbüchern der diözesanen Eigenteile ab. Die Aufgabe war eher suboptimal gelöst und vor allem die Nebenamtler spielten lieber Kadenzenzwirn, als ihre Gemeinden mit allerei Schrägheiten zu "confundiren". Offenbar hat man aus diesem Flop gelernt. Und so hat Carus, diesmaliger "halboffizieller" Betreuer der Sekundärliteratur zum neuen GL, die Herausgabe einer Reihe "Choralvorspiele für Orgel zum Gotteslob" übernommen. Richard Mailänder zeichnet als Hg für die Auswahl verantortlich, bisher sind drei der geplanten sechs Bände erschienen. Sie haben Überformat hoch, vermutlich auch, um schnelle Verbreitung durch Kopien zu verhindern. Band I (CV18.202/00, 979-007-14171-4 - puh, länger als die IBAN meines Bankkontos  Lachen) bietet Bearbeitungen zu Advents- und Weihnachtsliedern. Allerdings nicht flächendeckend, sondern in Auswahl dafür zu manchem Cantus gleich mehrere Stücke unterschiedlicher Länge und gestuften Schwierigkeitsgrades. Ich habe darin viel Schönes gefunden, sowohl was die alte Literatur als auch die der jungen Zeitgenossen anbetrifft. War in meinen Studienjahren das Ideal einer gottesdienstlichen Musik so herb und unsinnlich wie nur irgend möglich (am besten aus leeren Quinten und Quarten in Parallelführung), so schreibt die junge Generation wieder melodiös, dabei formsicher. Heraus kommen Stücke, die die Sinne ansprechen, statt sie zu verprellen. Das ist z.T. sehr effektvoll geraten, bei relativ wenig Aufwand. Ich hatte stellenweise großen Spaß. Ein paar der alten Autoren haben neue Sachen geschrieben. (Ein Altmeister wie Plany fällt da immer wieder sehr angenehm auf ...) Da der Anteil des ökumenischen Liedgutes im neuen GL deutlich angestiegen ist, habe ich ein paar nette Sachen gefunden, die ich brauchen kann.
Band II ist dem österlichen Stilkreis zugeordnet (Passion und Ostern CV18.203/00, 979-0-007-14342-8) Band III trägt den Titel "im Jahreskreis I" (CV18.204/00).
Es bleiben immer noch genug Lücken im GL, die es zu schließen gilt, aber der Auftakt ist schon mal gelungen, finde ich. (Ich entsinne mich an die Enttäuschung von uns Jungmusikern, als damals die Vorspielsammlung zum ersten GL kam. Wir haben uns ratlos angeguckt und uns gefragt: "Wer spielt denn sowas Ödes?") Für den - wie immer stattlichen - Carus-Preis hätte man den gewichtigen Bänden ruhig feste Deckel geben können. Und ich würde von meiner Gemeinde erwarten, dass sie mir die Bände sponsort.


 
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