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Autor Thema: Es kommt ein Schiff geladen - Advent- oder Weihnachtslied ?  (Gelesen 1238 mal)
Romanus
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« am: 14. November 2016, 18:31:23 »

Ich habe das wunderschöne, alte Kirchenlied "Es kommt ein Schiff geladen" eigentlich immer für ein Adventlied gehalten und es war im alten GL auch entsprechend eingeordnet. Im neuen GL allerdings ist es plötzlich zum Weihnachtslied avanciert !?  Verwirrt
Ich dachte immer, alles was "noch kommt", wie z.b. "Macht hoch die Tür, die Tor´macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit" oder "Komm, du Heiland aller Welt" und nicht schon da ist, steht eindeutig für Advent.

Übrigens, "Wachet auf, ruft uns die Stimme" ist im neuen GL ebenfalls kein Adventlied mehr, sondern beim Thema "Die himmlische Stadt" eingeordnet.

Ich neige dazu, beide Lieder (wie früher auch) im Advent zu spielen, aber die Macher des neuen GL sehen das wohl anders.  Ratlos

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Martin78
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« Antworten #1 am: 14. November 2016, 18:41:12 »

Naja, die hier genannte vierte Strophe zumindest ist ja eine rein weihnachtliche und würde nicht in den Advent passen. Trotzdem empfinde ich es auch eher als adventlich denn weihnachtlich, da gebe ich dir recht.

Kennst du Max Regers Weihnachten aus op. 145? Total düsterer Beginn, dann kommt das geladene Schiff, anschließend der ev. Fastenchoral "Ach, was soll ich Sünder machen" (vgl. auch die letzten Strophen des "Es kommt ein Schiff"!) mit großer dynamischer Steigerung, dann die geniale und wunderschöne Kombination von "Vom Himmel hoch" und "Stille Nacht, heilige Nacht".

Ein tolles Stück, hier eine Aufnahme. Weihnachten im ersten Weltkrieg halt (1915); der Kontrast z.B. zu den heutigen "Weihnachtsmärkten" (schon lange vor dem ersten Advent) könnte nicht größer sein ...

"Wachet auf" werde ich auch selbstverständlich im Advent spielen.
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fawe
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« Antworten #2 am: 14. November 2016, 20:30:40 »

Die Einordnung von »Es kommt ein Schiff« als Weihnachtslied im neuen Gotteslob geht auf die Quellen des Liedes zurück. Im Andernacher Gesangbuch (1608) steht es bei den »Gesäng zu Weyhnachten« und wird wie eigentlich auch bei seiner »Renaissance« im 19. Jahrhundert nicht als Lied von der Erwartung, sondern als Lied von der Erfüllung gewertet (vgl. Michael Fischers Kommentar zum Lied unter www.liederlexikon.de). Eigentlich steht es also genau zwischen Advent und Weihnachten und ist darum auch als erstes unter den Weihnachtsliedern abgedruckt. Die Einordnung als Adventlied geht tatsächlich hauptsächlich auf GL1975 und EG zurück.
Ich sing im Advent immer nur die ersten drei Strophen, die anderen drei dann beim Weihnachtsliedersingen an Hl. Abend.

Warum »Wachet auf« an der entsprechenden Stelle gelandet ist, darüber habe ich nur eine Vermutung, die aber zu spekulativ zum Schreiben ist. Der eschatologische Charakter des Liedes ist sicher nicht unschuldig an seiner neuen Position im GL. Im Endeffekt wird hier auch das eher lutherische Verständnis des Liedes übernommen. Natürlich kann man das Lied gut im Advent singen, ich brings aber auch im Hochsommer, wenn das Evangelium von den klugen Jungfrauen trifft. Bei uns passt es auch am Patroziniumsevangelium der Hl. Cäcilia (das in unserer Pfarrei traditionell an Christkönig [vulgo Ewigkeitssonntag der Lutheraner] gefeiert wird).

Man sollte sich meiner Meinung nach nicht so von den Rubriken leiten lassen: »Zu dir, o Gott, erheben wir« ist der Eingangsgesang am 1. Advent und »Macht hoch die Tür« kann man wunderbar am Palmsonntag singen …

Viele Grüße,
fawe

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Orgelelch
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« Antworten #3 am: 15. November 2016, 15:28:15 »

Zum Geladenen Schiff ist ja schon ein bissl was geschrieben worden.
Ich habe schon nur Strophen 1-3 in der Adventszeit gespielt, Strophe 4 an Weihnachten, oder auch
alle 4 Strophen an Heiligabend um 17.00 zum Einzug.

"Wachet auf" geht auf das Gleichnis der 12 Jungfrauen (ich glaube Matt. 25) zurück, dabei geht es tatsächlich nicht um Jesus Christus als Bräutigam, auf den gewartet wird. Jesus Christus erzählt vielmehr das Gleichnis als Ankündigung des Kommens des Reiches Gottes und dem rechtzeitigen Bußetun. Deshalb wird das Lied bei den Evangelen zum letzten Sonntag des Kirchenjahres gesungen, dem "Ewigkeitssonntag", und findet sich auch uinter der Rubrik "Ende des Kirchenjahres". ich hatte mal einen sehr jungen evangelischen orgellehrer der verglich das Singen dieses Chorals in der Adventszeit mit dem Singen von "Nun nimm denn meine Hände" zur Hochzeit. Die Macher des neuen GL haben sich jetzt offenbar dieser Einordnung angepasst, zumal das Lied ja von einem evangelischen Textdichter ist.

ich habe dann aber in jener Frühphase meines gottesdienstlichen Orgelspiels  mal zu diesem Punkt einen evangelischen Pfarrer interviewt, (schlicht, weil ich nicht so viele Choräle geübnt hatte und damals eben auch noch eine Zeit brauchte, so dass nach der entsetzten Bemerkung meines Orgellehrers damals Verzweiflung ausbracht)  der meinte, ein Adventslied wär es nun zwar eigentlich gar nicht, aber da man ja immer aufs Reich Gottes warten könnte, wär es ja nun auch nicht völlig unpassend.  Geheimtipp
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Romanus
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« Antworten #4 am: 15. November 2016, 16:24:40 »

Wenn man die Liedtexte so genau betrachtet, gehört bei GL 227 "Komm du Heiland aller Welt" die 3. " ... so erschien er in der Welt ..." und 4. Strophe "Glanz steigt von der Krippe auf" aber eigentlich auch in die Weihnachtszeit und die 5. könnte man nach Belieben zum Dreifaltigkeits-Sonntag singen.  Schlaumeier
Man hätte es mit diesem Argument noch eher in den Weihnachts-Teil aufnehmen können als das geladene Schiff, trotzdem war es von der Tradition und von Charakter her (wie übrigens auch GL 236) immer mehr ein Adventlied.
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« Antworten #5 am: 15. November 2016, 17:10:03 »

Hallo,

wie sagte doch "Harmonica" in einer der letzten Szenen von "Spiel mir das Lied vom Tod" (jedenfalls in der deutschen Synchronisation)? - "Irgendeiner kommt immer" oder so ähnlich... ;-)

Beste Grüße von der Warterkant
Christoph P.

P.S: Videofans können das hier nachgucken (Achtung: kein Choral, eher Kategorie "Corral"). ;-)
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fawe
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« Antworten #6 am: 15. November 2016, 19:31:56 »

Wenn man die Liedtexte so genau betrachtet, …

Naja, mach ich eigentlich grundsätzlich …

… gehört bei GL 227 "Komm du Heiland aller Welt" die 3. " ... so erschien er in der Welt ..." und 4. Strophe "Glanz steigt von der Krippe auf" aber eigentlich auch in die Weihnachtszeit und die 5. könnte man nach Belieben zum Dreifaltigkeits-Sonntag singen.

Die dritte Strophe passt schon noch in den Advent, und das »Kleingedruckte« besagt ja, dass die 4. Strophe erst ab dem 17. Dezember (mit Beginn der O-Antiphonen) gesungen werden soll. Eigentlich ist der Text bei Ambrosius (und Luther) ja auch noch viel länger und schließt Höllenfahrt und Auferstehung Jesu mit ein und. Zum (lange zeit fast singulären) adventlichen »Dauerbrenner« hats erst Luthers Übersetzung gemacht.
Die trinitarische Schlusstrophe hat man bei jedem Hymnus (quer durchs hymnologische »Gemüsebeet«) in ähnlicher Form und kann sie darum auch durchaus am Dreifaltigkeitsfest singen.

Gruß,
fawe
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Romanus
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« Antworten #7 am: 15. November 2016, 20:45:06 »

Die dritte Strophe passt schon noch in den Advent, und das »Kleingedruckte« besagt ja, dass die 4. Strophe erst ab dem 17. Dezember (mit Beginn der O-Antiphonen) gesungen werden soll. Eigentlich ist der Text bei Ambrosius (und Luther) ja auch noch viel länger und schließt Höllenfahrt und Auferstehung Jesu mit ein und. Zum (lange zeit fast singulären) adventlichen »Dauerbrenner« hats erst Luthers Übersetzung gemacht.
Die trinitarische Schlusstrophe hat man bei jedem Hymnus (quer durchs hymnologische »Gemüsebeet«) in ähnlicher Form und kann sie darum auch durchaus am Dreifaltigkeitsfest singen.

Gruß,
fawe
Warum die 3. Strophe noch in den Advent passt, musst du mir noch näher erklären: "so erschien er in der Welt", "erschien" = Präteritum. Ich denke, Jesus erscheint erst bei seiner Geburt, bin aber zugegebenermaßen kein Theologe.

4. Strophe ab dem 17. Dezember: Was macht das für einen Unterschied ? Advent ist Advent und nachdem Jesus keine Frühgeburt war, war seine Krippe eine Woche vor seiner Geburt noch leer (oder zumindest kein Kinderbett), nehme ich mal an.

Glanz strahlt von der Krippe auf,
neues Licht entströmt der Nacht.
Nun obsiegt kein Dunkel mehr
und der Glaube trägt das Licht.

Bei so viel Licht könnte ich mir allenfalls noch vorstellen, es nach der Sonnwende zu singen, obwohl ich den von der (leeren) Krippe aufsteigenden Glanz dann immer noch etwas verfrüht finde.

Ich neige dazu, die 4. und 5. Strophe diesmal im Weihnachts-Liedplan zu verwenden.
 
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Gemshorn
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« Antworten #8 am: 15. November 2016, 20:57:38 »

Ne cacaveris in vestem! Schlaumeier

Theologische Vor- und Rückgriffe sind in der Liturgie keineswegs unüblich. Man sehe sich nur einmal die Gebete in den Liturgien von Karfreitag und Osternacht an. Auch da wird wechselweise verschränkt.

Also: Wer das beladene Schiff im Advent spielen will, der möge dies bitte ohne Skrupel tun.
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fawe
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« Antworten #9 am: 15. November 2016, 21:08:03 »

Der »Glanz« und die Vorfreude ist liturgisch durchaus vorhanden: Sowohl der vorletzte (4.) Fasten- als auch (3.) Adventssonntag stehen in diesem Zeichen. Darum hellt sich an diesen Tagen auch die liturgische Farbe von Violett zu Rosa auf. Zugegeben, das ist nicht überall der Fall, aber zumindest in unserer Pfarrgemeinde wird es so gehalten.
Ich lass die Gottesdienstbesucher die Besonderheit dieser Sonntage auch anders »spüren«: Es gibt im Gegensatz zu allen anderen Gottesdiensten der Fasten- und Adventszeit (mit Ausnahme der Hochfeste) ein Orgelnachspiel und weniger »staade« Phasen im Gottesdienst.
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