Seiten: 1 ... 5 6 [7] 8   Nach unten
Drucken
Autor Thema: Fette zweimanualige Dispositionen  (Gelesen 5335 mal)
Wichernkantor
Moderator
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 3487


« Antworten #60 am: 14. Januar 2015, 12:26:18 »

Das Rücken von Mensuren geht grundsätzlich mit allen Labialen. (Bei den Lingualen kann man auch Bechermensuren verändern.) Allerdings muss auch der Platz dafür auf der Lade da sein - es sei denn, man setzt die tiefe Oktave auf eine Bank. Dann muss man Kondukten legen. Deren Länge hat Auswirkungen auf den Winddruck. Erhöht man den, beginnt das kleinfüßige Zeug, das Benedikt ja schon als "kreischend" charakterisiert hat, noch penetranter zu lärmen. Vermutlich ist auch die Windversorgung eher schwachbrüstig ausgelegt, so dass der Wind kaum ausreicht, erhöhten Bedarf zu decken.
Wenn wir bei uns in der Kirche mal einen Prinzipal 8' dazu bauen sollten (*träum*), muss der auf jeden Fall eine eigene Versorgung haben. Dann kommt halt ein zweiter Gebläsemotor dran. Den kleinen Meidinger kriegt man gebraucht schon um die 500 € und das ist Schweizer Präsisionsarbeit. Eine Reihe Kontakte unter das Manual (haben wir ja schon), unter jede Pfeife einen Topfmagneten, das ganze auf eine Kastenlade - das ist eine minimalinvasive und relativ kostengünstige Lösung. So um die 10.000 bis 12.000 € halte ich für realistisch. Greift man in die Orgel ein und versucht, das mechanisch zu machen, wird es sehr arbeitsintensiv und damit auch sehr teuer.
Nichtsdestotrotz mein ceterum censeo: Ferndiagnose bringt keine sachgerechten Lösungen, sondern ist immer in die hohle Hand gepfiffen. Augen- und Ohrenschein sind die Prämisse von Lösungen mit Augenmaß, die den Ohren gefallen.

LG
Michael
Gespeichert
Martin78
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1469


WWW
« Antworten #61 am: 14. Januar 2015, 17:03:13 »

Zitat von: Machthorn
Riecht, als wäre da ein Controller am Werk gewesen: die beiden teuersten Register streichen wir mal eben. Denkt man sich in Hauptwerk und Pedal je einen Prinzipal 8' dazu, wird die Dispo brauchbar.

Richtig.

Wieviel gesunden Wohlklang eine ausreichende Prinzipalbasis erzeugen kann...!

Dagegen wurde das billige kleinfüssige Zeug, 1 1/3', 1', in den 50er-/60er Jahren gerne gebaut. Hier in der Gegend hat ein Orgelbauer im Pedal eine kombinierte Gedacktreihe gebaut, oft bestückt mit Subbass 16', Gedacktbass 8', Pedalflöte 4' und Bauernflöte 2'. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen Extensionen im Pedal habe - sehr überzeugend beispielsweise hier gelöst - ist der musikalische Nutzen der erstgenannten, recht mageren Reihe in den oberen Lagen vernachlässigbar. Bei elektrischer Traktur erforderte ein "Register" gerade mal 12 kleine Gedacktpfeifen und ein Registerschildchen - aber Hauptsache, der örtliche Pfarrverwaltungsrat (damals hiessen die noch "Kirchenvorstand") konnte sich über eine hohe Anzahl Register freuen.   Augenrollen

Dagegen habe ich heute noch eine tolle CD von Flamme mit Hieronymus-Prätorius-Orgelwerken an einer fantastischen Orgel gehört: Dieses Werk hat auch nur 32 Register (4 Werke à 8 Register), aber man beachte die Prinzipalbasen! Die Alten hatten es drauf.
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
Moderator
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 3487


« Antworten #62 am: 14. Januar 2015, 17:11:13 »

Oh ja, die Pedal-Einheitsdisposition aus dem Hause Sebald ...

Die neue Bitburgerin hat zwei Manuale? Was ist denn mit der Vorgängerin aus dem Hause Späth passiert? Helmut Schwindling (auch ein Merziger) ist ja wg. Ruhestand da sicher nicht mehr Kantor.

Hast Du das mp3 mit der Flentrop gekriegt?

LG
Michael
Gespeichert
Martin78
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1469


WWW
« Antworten #63 am: 14. Januar 2015, 17:20:51 »

Zitat von: "Wichernkantor"
Hast Du das mp3 mit der Flentrop gekriegt?

Ja, danke!

Nach Herrn Schwindling hat es in der Bedastadt schon mindestens vier andere Kirchenmusiker gegeben, Nummer fünf ist jetzt Dekanatskantor Manfred Kochems (auch ein Saarländer).

Pfeifenmaterial der Bitburger Vorgängerorgel ist m.W. hier in einen Orgelneubau eingegangen.

LG
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
Moderator
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 3487


« Antworten #64 am: 14. Januar 2015, 17:49:49 »

Da merkt man, dass man älter wird ...
Ich fand die Späth gar nicht so übel - auf jeden Fall beser als die Sebald in der modernen Kirche. Wie kommt's, dass man die Neue ein gut Stück kleiner gebaut hat? No cash? Nach meiner Erinnerung könnte der Raum doch eigentlich ganz schön was vertragen ...

Und hast Du das Teil in Konz schon mal gehört?
Von Gaida hört man so viel Widersprüchliches. Die einen loben die Farbigkeit, die anderen jammern über die allfälligen Tonlöcher - denn im Prinzip sind seine Instrumente ja Multiplex-Orgeln. Gar nicht so weit weg von Smets eigentlich ...
Leider habe ich es immer noch nicht geschafft, mal eine zu betasten, wenn ich in der Heimat bin - die Rodenerin zum Beispiel.

Wir findest Du Biggs? Und die Flentrop - soweit im mp3-Format hörbar?

LG
Michael
Gespeichert
Machthorn
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1392



« Antworten #65 am: 14. Januar 2015, 17:54:31 »

Zitat
Dieses Werk hat auch nur 32 Register (4 Werke à 8 Register), aber man beachte die Prinzipalbasen! Die Alten hatten es drauf.
Meine Güte, das Ding muss ja mächtig gravitätisch klingen! Soviel Basis hätte mein Laienverstand bei einer barocken Norddeutschen nicht erwartet! Dabei fällt mir die ziemlich magere große Oktave auf, wurde die im Zuge der Restaurierung 1994 so wieder hergestellt oder war die trotz aller Umbauten immer so erhalten geblieben?
Gespeichert

Gloria Klassik 226 Trend
Wichernkantor
Moderator
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 3487


« Antworten #66 am: 14. Januar 2015, 18:09:19 »

In Sachen Gravität werden die norddt. Barockorgeln gern unterschätzt. Der Hörer hat halt Steiles von Beckerath, Kleuker, Hillebrand, Ott etc. aus den 50er Jahren des 20. Jh. im Ohr. Wenn Du mal in die Nähe von Goslar kommst, unbedingt im Kloster Grauhof vorbeifahren. Die Orgel hat so was von Rundung und Fülle ...

Die Mixturen der Schnitger-Schule haben einen erstaunlich tief liegenden Tonhöhenplafond. Sebst die alten Walcha-Aufnahmen aus den späten 50ern mit Norddt. Barockwerken bilden den Klang voll und sonor ab.

LG
Michael
Gespeichert
Martin78
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1469


WWW
« Antworten #67 am: 14. Januar 2015, 18:33:02 »

Zitat von: "Wichernkantor"
Da merkt man, dass man älter wird ...
Ich fand die Späth gar nicht so übel - auf jeden Fall beser als die Sebald in der modernen Kirche. Wie kommt's, dass man die Neue ein gut Stück kleiner gebaut hat? No cash? Nach meiner Erinnerung könnte der Raum doch eigentlich ganz schön was vertragen ...
Wie schon oben geschrieben, nach Neuintonation durch Fasen ist die Sebaldine in St. Peter gar nicht so übel, begünstigt durch gute Akustik. Davon gibt es leider zu wenig in Liebfrauen, wo die neue Zweimanualige locker reicht. Da hat man mal schöne französische Farben im SW, aber sobald mehr als 50 Leute in der nicht grossen Kirche (-> Holzdecke  Dagegen ) zuhören, ist kaum was an Nachhall mehr da. Der OB des Liebfrauen-Neubaus schrieb jedenfalls nicht wirklich unbescheiden in der Festschrift zur Orgelweihe über das Instrument: "(...) der man schon jetzt nachsagt, es könne zum Orgelstolz der Region werden."... ohne Kommentar.
Zur Vorgängerin kann ich nicht viel sagen, man munkelt, sie sei ziemlich grottig gewesen und nicht zu vergleichen mit dem Neubau. Habe sie mal in einem Konzert mit einem einzelnen Stück gehört, das war ok, aber auch nicht toll.

Zitat von: "Wichernkantor"
Und hast Du das Teil in Konz schon mal gehört?
Leider habe ich es bis heute noch nicht nach Konz oder zu einer anderen Gaidaline geschafft...

Zitat von: "Wichernkantor"
Wie findest Du Biggs? Und die Flentrop - soweit im mp3-Format hörbar?
--> Ich schicke dir später ne PN Freundlich
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Martin78
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 1469


WWW
« Antworten #68 am: 14. Januar 2015, 22:02:47 »

Zitat von: "Wichernkantor"
Wenn Du mal in die Nähe von Goslar kommst, unbedingt im Kloster Grauhof vorbeifahren. Die Orgel hat so was von Rundung und Fülle ...

Grauhof, meine absolute Barock-CD-Lieblingsorgel! Diese Scheibe muss fantastisch sein (ich habe die noch nicht) - diese ist es definitiv. Hört euch bei Lang das - eh schon mega-gravitätische BWV 566 - in noch gravitätischerem C-Dur und dann auf dieser Orgel an (16'-Plenum inkl. 32'-Rohrflöte) - Klangbeispiel 1 zeigt den Anfang. Das kesselt!  Dafür

Wundere mich echt, dass Grauhof noch nicht stilkopiert wurde.

LG
Martin
Gespeichert

Gloria Concerto 350 Trend
Wichernkantor
Moderator
Allwissendes Orakel
*****
Beiträge: 3487


« Antworten #69 am: 15. Januar 2015, 06:47:58 »

Die Grauhoferin passte halt gar nicht ins gängige Neo-norddeutsch-Barock-Klangbild - statt Steilheilt und Schärfe eine gewisse behäbige Breite und Substanz. Da versuchte man sich im Nachkriegsorgelbau lieber an Pseudo-Neo-Schnitgerinnen und -Silberfrauen.
Als für die Bach-Gesamtedition auf 200 und ein paar CDs bei Carus die Orgelwerke aufgenommen werden sollten - das war so Ende der 80er Anfang der 90er - da gab es ziemlichen Zoff, als ein Interpret für die großen Orgelwerke der Leipziger Reifejahre (542, 547, 548, 543, 546) die Grauhoferin ins Gespräch brachte. "Treutmann - wer ist denn das?" Den Ausschlag gab Marie-Claire Alain, die sich von der ersten bis zur ihrer dritten und letzten Bach-Gesamteinspielung von den steilen Marcussens aus den 50ern und 60ern abgewandt hatte zu historischen Instrumenten - weil sie deren Gravität und Majestät entdeckt hatte. Zwei der 15 Scheiben der letzten Einspielung sind in Grauhof entstanden. Und so geschah es dann auch in der Carus-Edition (Johannssen, Gnann, Bryndorf u.A.). Mir gefallen beide Editionen ausgezeichnet.

Zum Thema Schnitger kann ich übrigens folgende Doppel-CD empfehlen:
https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail ... um/5196053

LG
Michael
Gespeichert
Seiten: 1 ... 5 6 [7] 8   Nach oben
Drucken
 
Gehe zu: