Sakralorgelforum

Unterforen => Plauderecke => Thema gestartet von: Machthorn am 08. Januar 2018, 18:42:56



Titel: Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 08. Januar 2018, 18:42:56
Nur weil man meint, noch auf lange Sicht an der dreckisten aller Energiegewinnungsmethoden in Deutschland festhalten zu müssen, werden auch heute noch Menschen umgesiedelt. Heute wurde dann mit dem Abriss der eigentlich denkmalgeschützten neoromanischen Basilika St. Lambertus in Immerath begonnen. Mir fehlen die Worte.

https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/kirche-immerath-besetzt-100.html (https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/kirche-immerath-besetzt-100.html)


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 08. Januar 2018, 18:47:30
Wie kann denn das sein?
Gibts es tatsächlich noch Instanzen, die auch den Denkmalschutz aushebeln bzw. außer Kraft setzen können?  :kratz:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 08. Januar 2018, 20:18:24
Es gibt eine Instanz in Deutschland, die fast alles aushebeln kann. Sie nennt sich Energielobby. Sie ist in etwa so mächtig wie die Autolobby. An den beiden kommt man quasi nie vorbei.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Aeoline am 08. Januar 2018, 20:23:14
Ähnlich wie die Hotellobby - an der kommt auch keiner vorbei, der ins Hotel will...

Mal ehrlich - machen wir uns doch nichts vor: Die Zahl derer, die an einen Sakralbau ihr Herz gehängt haben, nimmt rapide ab.

Würden wir die nachwachsende Generation fragen, was sie auf dem Kirchberg lieber hätten: Ein Gotteshaus oder eine Laser-Tag-Arena... - die Antwort würde vielen von uns nicht gefallen.

So ist zumindest derzeit der Zeitgeist...

LG
Aeoline


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 08. Januar 2018, 20:39:25
Das stimmt zwar leider, allerdings finde ich es erschreckend, dass immer noch gewaltige Flächen dem Tagebau geopfert werden. Umwelt, Geschichte, Kultur soziale Strukturen etc. sind dabei völlig bedeutungslos und werden unwiderbringlich zerstört. Das scheint RWE nicht im Geringsten zu kümmern:

Zitat
Der Sprecher des Tagebaubetreibers RWE Power, Guido Steffen, bezeichnete den Protest als "ein weiteres Schauspiel von Demonstranten gegen die Braunkohle".

Die erheblich teurere aber "sauberere" Steinkohleförderung wird in diesem Jahr in Deutschland komplett eingestellt, das spart hübsch Subventionen. Die dreckigere billige Braunkohle darf noch für mindestens 26 weitere Jahre Riesenlöcher in die Landschaft buddeln. Wo ist da die Menschlichkeit?

Ich weiß, reichlich politisch und gehört folglich nicht hierher, aber es ärgert mich ziemlich, und weil konkret gerade eine schöne alte Kirche betroffen ist, dachte ich an dieses Forum.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 08. Januar 2018, 20:47:52
Klingt fast satirisch: "Nun lasst doch mal unsre arme Braunkohle in Ruhe..."
Unglaublich eigentlich.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Romanus am 08. Januar 2018, 21:49:31
Das ist wirklich schlimm, traurig, eine Schande und eigentlich ein Riesenskandal, nur leider kann ich überhaupt nichts dagegen tun (außer vielleicht um ein Wunder beten ?).  :( :bloed: :bad:

Aber das ist nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte Fall dieser Art:

In meinem Bezirk musste(?) mal (viele Jahre vor meiner Zeit !) eine gotische Pfarrkirche (St.Erhard in Wien-Mauer) zum Großteil abgerissen und in einer anderen Himmelsrichtung neu (aber leider nicht gotisch) gebaut werden, weil sie der (damals neuen) Straßenbahn "im Weg" war:
https://de.wikipedia.org/wiki/Pfarrkirche_Mauer
Solange ich das nicht wusste, habe ich mich immer über das architektonisch inhomogene Erscheinungsbild dieser Kirche gewundert. Meiner Meinung nach war das ebenfalls eine Riesen-Kulturschande, aber angesichts anderer Kirchenneubauten der jüngeren Vergangenheit muss man wohl noch froh sein, dass der Neubau nicht schlimmer ausgefallen ist.

Bei dieser Gelegenheit sei auch an die nicht weniger skandalöse Sprengung der gotischen Leipziger Paulinerkirche(Universitätskirche) am 20. Juni 1968 erinnert, der sogar eine große Orgel zum Opfer fiel.
An dieser Kirche und dieser Orgel wirkte übrigens einer der genialsten Organisten der DDR, Robert Köbler. Ich bewundere heute noch seine alten Aufnahmen barocker Meisterwerke auf historischen Orgeln, die es teilweise auf CD gibt.  :hail: Ich könnte mir sogar vorstellen, dass diese sinnlose Zerstörung dazu beigetragen hat, dass er "seine" Kirche und "seine" Orgel um nur 2 Jahre überlebt hat.

Und dabei sind willkürliche Zerstörungen wertvoller alter Bauwerke noch bei weitem nicht das schlimmste, was auf dieser Welt passiert, aber das ist ein anderes Kapitel.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Viola da Gamba am 09. Januar 2018, 20:55:40
Hallo,

man darf sich da nichts vormachen. Wir leben in einem säkularen Zeitalter. Die ev. Kirche hat im Lutherjahr mehr Gläubige verloren als die katholische Kirche. Unser unsere abendländische, christliche Kultur, die uns in allen Bereichen der Kunst begegnet, ist Jugendliche heute nicht mehr vertraut. Und speziell die ev. Kirche tut fast nichts dagegen. Pfarrer begegnen mir heute so inaktiv wie nie. Die Berufunfg zu diesem Amt, so wie es das früher mal gab, existiert heute fast nicht mehr. Gottesdienste werden abgeschafft und gegeb zweifelhafte Veranstaltungen eingetauscht und und und. ....

Meine Mitgliedschaft in diesem verein wird jedes Jahr wieder hart auf die Probe gestellt. Da überlegt man sich schon ab und zu, ob es das bisschen Verdienst noch Wert ist. Der Kirchenabriss ist die Folge davon. Das Umfunktionieren von Kirchengebäuden ist die sanfte Form dieses Sterbens.
Das ist unsere Realität.

Viola da Gamba


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 09. Januar 2018, 21:34:02
Zitat
Der Kirchenabriss ist die Folge davon.
Im Prinzip schon, nur nicht in diesem Fall. Hier wird einfach alles gnadenlos den energiewirtschaftlichen Interessen geopfert. Die Kirche ist nur ein Teil davon.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Martin78 am 10. Januar 2018, 00:40:11
Wie kann denn das sein?
Gibts es tatsächlich noch Instanzen, die auch den Denkmalschutz aushebeln bzw. außer Kraft setzen können?  :kratz:
Ja, das RWE.
Denn laut Gerichtsurteilen geht unser aller “Allgemeinwohl” den Interessen der Bewohner dort vor.
Es tut weh, so etwas zu sehen. Auch Borschemich (https://www.youtube.com/watch?v=oTNxi0jQuzU&t=93s), ein paar km weiter, wurde in den letzten Jahren mitsamt der Kirche und dem ehem. Wasserschloss Haus Paland niedergelegt. Wenigstens darf die Klaisine (II/16) in der Erkelenzer Hauptkirche als Chororgel bzw. Interimsinstrument weiter erklingen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 10. Januar 2018, 08:08:54
Das mit dem säkularen Zeitalter wird schon stimmen...
Zu anderen Zeiten wäre eine derartige Dominanz des Faktors Wirtschaft/Energie undenkbar gewesen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Ebi am 10. Januar 2018, 12:24:31
Ich erinnere mich noch an den Geographie-Unterricht in den 70er Jahren, wo wir das Thema Energieversorgung durchgenommen und die Bedeutung der Braunkohle herausgestellt hatten. Damals wurde uns Schülern gezeigt, dass alles, was abgerissen wurde an Häusern und öffentlichen Gebäuden, am anderen Ende des Tagebaus wieder neu und fein säuberlich wieder aufgebaut wurde. Ist das heute nicht mehr so?


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Martin78 am 10. Januar 2018, 13:56:21
Zumindest im Falle von Immerath (https://de.m.wikipedia.org/wiki/St._Lambertus_(Immerath_(neu))) und Borschemich (https://de.m.wikipedia.org/wiki/St._Martinus_(Borschemich_(neu))) scheint man seitens des Bistums Aachen jedenfalls keine großen Kirchen an den neuen Standorten gewollt zu haben ...


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 10. Januar 2018, 15:55:31
Die neuen Gebäude werden an den heute und in Zukunft erwarteten tatsächlichen Bedarf angepaßt.
Vgl. Garzweiler ;-).
Ich halte das für gelungen und klug vorher geschaut.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 10. Januar 2018, 20:48:10
Angesichts des emotionalen Themas ist die Versuchung groß, sarkastisch zu werden. Im Krieg wurden Kirchen durch Bomben zerstört; heute schafft man das auch ohne Bomben.
Tatsächlicher Bedarf ist aber ein gutes Stichwort. Meine alte Gemeinde hat auch so einen kleinen Dom im Städtchen stehen (Wichernkantor kennt ihn); die Sonntagsgemeinde besteht aus 30 - 70 Leutchen. Das Gebäude bröckelt aller Enden, eine nachhaltige Sanierung ist angesichts der Finanzlage so gut wie unmöglich. Der fromme Pfarrer sagte einmal: "Bei einem Erdbeben möchte ich nicht hier drinnen sein..."


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 10. Januar 2018, 20:56:42
Ohne Bomben wurde nach WKII in Hannover die vollfunktionstüchtige Garnisonkirche am Goetheplatz gesprengt! An der Leine wurde die eigentlich denkmalgeschützte Wasserkunst für den Straßenbau gesprengt.
In Köln wurde das "alte Opernhaus" am Rudolfplatz, dem lediglich das Dach fehlte, gesprengt. Der nachfolgende Nachkriegsbau wird seit Jahren als Dauerbaustelle versucht zu sanieren (Kölner Posse).....
In der Lausitz wurden werden genauso wie in Gartzweiler ganze Ortschaften samt Kirchen weggebaggert....


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Schwarzspieler am 10. Januar 2018, 21:53:45
Also die neue Kirche in Borschemich erinnert mich eher an eine Turnhalle oder ein Gefängnis. Es tut einfach nur weh, die alte Kirchenausstattung und den alten Hochaltar in so einem Umfeld :( zu sehen!


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 11. Januar 2018, 00:01:28
Wenigstens ist die Ausstattung teilweise erhalten geblieben. Auch das war in der Vergangenheit nicht immer so. Der Rest ist Geschmackssache.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 11. Januar 2018, 00:07:24
Natürlich kann, wer will, darin auch Vorteile sehen. Die Bausubstanz ist neu, erfüllt modernste Wärmedämmungsvorschriften, etc. Das ist sachlich richtig, geht aber am Kern vorbei. Welche Stadt ist liebens- und lebenswerter, Heidelberg oder Wolfsburg? Das ist das eigentliche Problem. Es gehen Charme und Geschichte verloren, Erinnerungen, ideelle Werte, soziale Umfelder. Das ist alles immateriell und nicht messbar, aber gleichzeitig unermesslich wichtig für die Identität eines Menschen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 11. Januar 2018, 00:17:06
... Gartzweiler II und Lausitzbraunkohle werden doch von den Politikern der großen Parteien forciert. Der kleine Mann wird doch gar nicht gefragt. Wenn er sich dann wehrt, wird er im glücklichen Fall mit Tränengas und in der Eskalationsstufe 2 mit CS-Gas begast. Anschließend wird der brave Staatsbürger enteignet (beim Talsperrenbau, für Autobahnen, .....). Was interessiert Politiker das originäre Flair gewachsener Stukturen :ratlos:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 11. Januar 2018, 08:55:07
Habe mir auf eure Postings hin sogleich das Interieur der neuen Kirche von Borschemich angesehen und muss sagen: Ich finde es ansprechend. :ratlos: Da gibt es weiß Gott „kältere“ Lösungen bzw. Neubauten.

Im Zuge unserer Diskussion frage ich mich immer öfter, ob unser „Konsens im Entsetzen“ zwar in kultureller Hinsicht durchaus nachvollziehbar, theologisch aber unhaltbar ist.
Letztlich scheint mir alles um die Frage zu kreisen: Wofür gibt es eigentlich Kirchen?
Haltet mich für naiv, aber ich würde sagen: Zum Beten. Dass die Ästhetik und das hohe Alter mancher „Bethäuser“ irgendwann einmal zu der Überzeugung geführt hat, dass man sie denkmalpflegerisch schützen müsse, ist verständlich, ja lobenswert. Der eigentliche Zweck - das Beten - kann aber auch in noch so lieblosen Neubauten erfüllt werden. Klar, dort wo das Christentum auftaucht, hinterlässt es unweigerlich auch kulturelle Spuren. Aber ist es das, worum es eigentlich geht?

Bitte um Nachsicht; auf manchen werden diese Einlassungen wahrscheinlich nahezu ketzerisch wirken... :verwirrt:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 11. Januar 2018, 09:29:06
Wer energetisch ein wenig sensibel ist, dem wird in einem seit Jahrhunderten "durchbeteten Raum" kaum die Energie der alten Gebete verborgen bleiben. Wer meint er habe dafür gar keinen Sensus (... das sei alles Humbuk), den lade ich nach Köln ein, zur persönlichen Demonstration  :church:.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: PM am 11. Januar 2018, 11:17:34
Mit Gefahr um als Fundamentalist gesehen zu werden, ich denke, ist es nicht dies warum es eigentlich geht (im klassische Christendom)?

Marcus 12 - Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das: "Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger Gott; 30und du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften." Das ist das vornehmste Gebot. 31Und das andere ist ihm gleich: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Es ist kein anderes Gebot größer denn diese.…

Wobei ich nicht sagen möchte, dass die äußere Form der Kirche (Gebäude, Interieur, Gebete, Predigt, nicht zu vergessen unser Spielplatz „die orgel“, usw) unwichtig ist, im Gegenteil. Die Form ist wichtig. Und, ich stimme übrigens der Ablehnung der nutzlosen Zerstörung des kulturellen Erbes ganzes Herzens zu.

Aber eigentlich….


grüß, PM


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 11. Januar 2018, 11:35:49
Ich sehe das nicht als Fundamentalismus, PM.
Der Ruf zum eigentlich Wichtigen muss erlaubt sein, ohne ihn können Christentum und Kirche gar nicht existieren. Stichwort semper reformanda.

Clemens’ Beobachtung zur „spirituellen Aufladung“ von jahrhundertelang durchbeteten Räumen kann ich nur zustimmen - auch ganz ohne Köln je besucht zu haben.

Freilich wurde auch im ältesten Dom irgendwann einmal mit dem Bau begonnen, irgendwann einmal erstmalig darin gebetet - und irgendwann davor und danach standen auch Gerüste, Baumaschinen, Putzkolonnen und ungläubige Touristen darinnen. All das hat den Gebäuden und ihrem Nimbus vermutlich nicht geschadet.
Übrigens werden in 300 Jahren auch die Kirchenneubauten von heute historisch sein. Vorausgesetzt, dass man sie lange genug stehen lässt und nicht den Baggern vorwirft.

Was ich nicht gelten lassen kann, ist die Annahme, dass in alter Zeit grundsätzlich „besser“ (stimmiger, schöner, großzügiger, spiritueller...) Kirchenbau betrieben wurde als heute. Nicht alles Alte ist gut, nur weil es alt ist. Und nicht alles Neue ist schlecht, nur weil es neu ist.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Schwarzspieler am 11. Januar 2018, 13:20:49
Über den Geschmack lässt sich ja streiten: Erschreckend und vor dem Hintergrund, dass hier Gläubige Altes zurücklassen mussten, etwas herzlos, finde ich einfach den Kontrast von alten Kunstwerken und Figuren mit Gesichtern, die eine jahrhundertealte Wärme ausstrahlen, mit einem modernen Zweckbau (in diesem besonderen Fall nach meinem Empfinden "sterilen" Backsteinbau). Sicherlich, beten kannst Du überall - ne Messe in der Turnhalle geht immer...


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 11. Januar 2018, 16:23:25
Bei der Planung dieser neuen sakralen Zweckbauten wird ein kluger Architekt sicher eine spätere Umnutzung mit einbeziehen.
Mir ist mitunter ein Abriß lieber, als eine Umnutzung zur Skaterhalle, Diskothek, Speiselokal "Zum Abendmahl", oder SaunaClub....


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 11. Januar 2018, 18:07:38
Zitat
Bitte um Nachsicht; auf manchen werden diese Einlassungen wahrscheinlich nahezu ketzerisch wirken.
Überhaupt nicht. Auch das 20. und in Teilen schon das 21. Jahrhundert haben zweckmäßige wie stilvolle Sakralbauten hervorgebracht. Wichtig ist zuoberst, dass das Haus seiner Aufgabe gerecht wird, und diese muss im Mittelpunkt stehen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: wohli am 11. Januar 2018, 18:21:44
Mir ist mitunter ein Abriß lieber, als eine Umnutzung zur Skaterhalle, Diskothek, Speiselokal "Zum Abendmahl", oder SaunaClub....

oder so etwas hier: https://www.gruseleum.de/

Die klassische NAK-Bauweise ist eindeutig identifizierbar ...

 :-) LG Bernd


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: PM am 11. Januar 2018, 20:59:19
Mir ist mitunter ein Abriß lieber, als eine Umnutzung zur Skaterhalle, Diskothek, Speiselokal "Zum Abendmahl", oder SaunaClub....
Auf der einen Seite: Ja. Auf der anderen Seite, wenn es eine monumentale Kirche ist, dann ist die Degradierung ein großer Verlust, besonders in einem Dorf, aber auch in der Stadt.

Und es kann anders. Zum Beispiel, Die Stichting Oude Groningse Kerken verwaltet Kirchen und gibt ihnen ein Ziel. Manchmal vermieten sie sogar die Kirche an den früheren Besitzer (die Kirchengemeinde). Siehe https://www.groningerkerken.nl/index.php (leider nur teilweise im Deutsch, drucke die Flagge rechtsoben).
Schönes Nebeneffekt: Die Orgeln werden ebenfalls behalten…gepflegt….und gespielt. :jump:

Siehe https://www.groningerkerken.nl/index.php?s=1&m=1&id=96 zelf op een SOGK-orgel spelen – het kan.

Gruß, PM


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Romanus am 12. Januar 2018, 04:02:37
Was ich nicht gelten lassen kann, ist die Annahme, dass in alter Zeit grundsätzlich „besser“ (stimmiger, schöner, großzügiger, spiritueller...) Kirchenbau betrieben wurde als heute. Nicht alles Alte ist gut, nur weil es alt ist. Und nicht alles Neue ist schlecht, nur weil es neu ist.
Schönheit ist natürlich immer Geschmacksache, ich persönlich ziehe z.b. die Mödlinger Spitalkirche der Wotrubakirche in Wien 23 vor.
Hier zum Vergleich:
http://www.othmar.at/kirchen/spitalkirche/spitalkirche.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Wotrubakirche#/media/File:Wotrubakirche_IV.png

Ich persönlich kenne offen gestanden mehr in meinen Augen hässliche moderne Kirchen und müsste unendlich lang nachdenken, wenn ich eine hässliche alte oder eine schöne moderne nennen sollte.  :kratz:

Nein, nicht alles Alte ist besser als alles Neue, ich fahre z.b. lieber einen neuen Audi TTS als einen alten VW-Käfer, ziehe die moderne Medizin mittelalterlichen Aderlässen vor, höre Musik lieber in Dolby Surround als über ein 100-jähriges Grammophon und gehe sogar so weit, offen zu bekennen, dass ich junge Fitnessstudio-Benutzerinnen im Durchschnitt attraktiver finde als 100-jährige Uromas.

Ich behaupte also nicht, dass alles Alte automatisch besser sein muss als alles Neue, nur weil es alt ist, wohl gemerkt, muss aber schon feststellen, dass ich alte (oder historisierende) Architektur der neuen vorziehe. Hatten die Architekten früher mehr ästhetisches Empfinden als ihre modernen Kollegen, die meinen, alles um jeden Preis "modern", abstrakt, originell und neu machen zu müssen ? Ist es einfach der Zeitgeschmack oder diese allgemein in "Künstlerkreisen" grassierende Antiquophobie, nur ja nichts Antiquiertes, Konservatives, Ästhetisches oder gar - um Gottes Willen !  :exor:- Schönes zu machen ? Denn das ist ja verpönt, warum auch immer.  :(


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Wichernkantor am 12. Januar 2018, 05:37:41

https://de.wikipedia.org/wiki/Wotrubakirche#/media/File:Wotrubakirche_IV.png

Uups - und ich dachte, die Schäden durch russische Artillerie seien zwischenzeitlich weitgehend beseitigt? 
:duckundweg:


*Grusel*
Michael


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Schwarzspieler am 12. Januar 2018, 07:57:10
Wie schreibt Wikipedia: "Kirche ist der Epoche des Brutalismus zuzuordnen". Ist wenigstens einfallsreich. Aber wer geht da Sonntagmorgen gerne rein??


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Wichernkantor am 12. Januar 2018, 08:36:19
Wie schreibt Wikipedia: "Kirche ist der Epoche des Brutalismus zuzuordnen". Ist wenigstens einfallsreich. Aber wer geht da Sonntagmorgen gerne rein??

Treffender kann man es kaum formulieren. Sieht aus wie ein gesprengter Westwallbunker ...  :D

LG
Michael


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Jesaiah am 12. Januar 2018, 08:38:00
Naja. M.E. immer noch schöner als manche neugotische / neuklassizistische Monströsität aus den späten 1800ern ... Stichworte Votivkirche in Wien oder Herz-Jesu-Kirche in Graz ... die zeichnen sich neben dem optischen Eindruck von "wir wären gern, aber leider hat es nicht gereicht" auch meist durch eine entsetzliche Akustik aus. Eigentlich interessant: Der Kölner Dom ist in etwa zur gleichen zeit fertiggestellt worden wie die beiden genannten. Warum "klingt" der so viel besser?



Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Wichernkantor am 12. Januar 2018, 09:32:10
Naja. M.E. immer noch schöner als manche neugotische / neuklassizistische Monströsität aus den späten 1800ern ... Stichworte Votivkirche in Wien oder Herz-Jesu-Kirche in Graz ... die zeichnen sich neben dem optischen Eindruck von "wir wären gern, aber leider hat es nicht gereicht" auch meist durch eine entsetzliche Akustik aus. Eigentlich interessant: Der Kölner Dom ist in etwa zur gleichen zeit fertiggestellt worden wie die beiden genannten. Warum "klingt" der so viel besser?



Weil Akustik Glückssache ist. Die meisten "gerechneten" Akustiken in Kirchen gehen daneben, weil die klugen Rechner einen von gefühlten 100 Faktoren vergessen haben - und genau dieser der entscheidende war ...
Es hilft letztlich immer nur: Probieren und hören, was geht ...

Ein Beispiel aus meiner Praxis: In einer modernen Kirche mit Haupt- und zwei (pfeilerlosen) abgesenkten Seitenschiffen verursachten die Mixturen der neuen Orgel (aus renommiertem Hause) seitliche Flatterechos. Aufgefallen ist das übrigens so richtig beim Versuch, eine CD zu produzieren.
Der Grund war ein ganz einfacher: Die Windladen standen auf einer Mittelempore zehn Zentimeter unterhalb des Deckenkanten-Niveaus der Seitenschiffe. So pusteten die kleinen Mixturpfeifen unterhalb dieses Niveaus entlang bis an die Außenwände, wurden reflektiert, klirrten und flirrten, während die ganze Restorgel dank höherer Pfeifenfüße im Klangkanal des oberen Mittelschiff-Drittels gebündelt und konzentriert wurde. Abhilfe: Alle Mixturen 15 Zentimeter "aufgebänkt". Und es funzte ...

Kein Akustiker und erst recht kein Achitekt war darauf gekommen.

LG
Michael


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Martin78 am 12. Januar 2018, 10:25:34
Warum "klingt" der so viel besser?
Gut klingen ... sprichst du wirklich vom Kölner Dom??  :schock:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Jesaiah am 12. Januar 2018, 11:04:29
Also, ich hab die beiden Orgelkonzerte, die ich dort gehört habe, in sehr guter Erinnerung...

(Beide auf dem Klais-Schwalbennest).


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Martin78 am 12. Januar 2018, 11:45:10
Natürlich, die Orgeln klingen sehr gut - aber die brutal kräftige Querhausorgel beispielsweise nur ab dem Vierungsbereich. Im Landhaus klingt die wie ein Fernwerk. Will meinen: Ich finde den Raum einfach zu groß, den bekommt man nicht gleichmäßig beschallt. Und als singender Gottesdienstteilnehmer hat man m.E. aufgrund dieser riesigen Raumverhältnisse auch nicht das Gefühl, dass ein erhebender, kompakter Gemeindegesang entsteht ...


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Wichernkantor am 12. Januar 2018, 12:00:33
Natürlich, die Orgeln klingen sehr gut - aber die brutal kräftige Querhausorgel beispielsweise nur ab dem Vierungsbereich. Im Landhaus klingt die wie ein Fernwerk. Will meinen: Ich finde den Raum einfach zu groß, den bekommt man nicht gleichmäßig beschallt. Und als singender Gottesdienstteilnehmer hat man m.E. aufgrund dieser riesigen Raumverhältnisse auch nicht das Gefühl, dass ein erhebender, kompakter Gemeindegesang entsteht ...

Clemens kennt ein Plätzchen, da klingen sie beide ...  :meld:

LG
Michael


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Martin78 am 12. Januar 2018, 12:05:43
Clemens kennt ein Plätzchen, da klingen sie beide ...  :meld:
Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel!  ;-)
Ich vermute aber, dass man, um dieses Plätzchen zu ergattern, mindestens anderthalb Stunden vor den Orgelfeierstunden dort aufkreuzen muss ...  :ratlos:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Romanus am 12. Januar 2018, 13:58:02
Naja. M.E. immer noch schöner als manche neugotische / neuklassizistische Monströsität aus den späten 1800ern ... Stichworte Votivkirche in Wien oder Herz-Jesu-Kirche in Graz ... die zeichnen sich neben dem optischen Eindruck von "wir wären gern, aber leider hat es nicht gereicht" auch meist durch eine entsetzliche Akustik aus. Eigentlich interessant: Der Kölner Dom ist in etwa zur gleichen zeit fertiggestellt worden wie die beiden genannten. Warum "klingt" der so viel besser?
Okay, jedem seine Meinung !
Hier nochmal zum Vergleich: :lupe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wotrubakirche#/media/File:Wotrubakirche_IV.png "schöner als manche neugotische / neuklassizistische Monströsität aus den späten 1800ern"
Und hier die beiden oben zitierten neugotischen Monströsitäten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Votivkirche_(Wien)#/media/File:Wien_Votivkirche_um_1900.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Herz-Jesu-Kirche_(Graz)#/media/File:Herz_Jesu_Kirche,_Graz,_%C3%96sterreich.jpg
Es ist dein gutes Recht, die Wotrubakirche schöner zu finden, wohlgemerkt, das ist eben dein Geschmack, aber ich wage zu behaupten, dass du damit eher zu einer Minderheit gehörst. ;-)
Wenn du die beiden o.g. "neugotischen Monströsitäten" schon so hässlich findest, beeindruckt es dich vermutlich auch nicht, dass beide über große, historisch-romantische Walcker-Orgeln aus dem späten 19. Jahrhundert verfügen und die Kollegen im Kölner Dom vermutlich froh wären, etwas gleichwertiges zu haben. Ich rede jetzt nicht von der "Größe" bzw. Anzahl der Register, mein Motto war immer "Qualität vor Quantität" und bei manchen Orgelkonstruktionen, die einfach nur "groß" sind, drängt sich für mich schon eher der Begriff "Monströsität" auf, ich rede von Klangfülle, Weichheit, Verschmelzungsfähigkeit, das ist für mich "Klangschönheit", aber okay, jedem das seine !

Die Grazer Herz-Jesu-Kirche kenne ich nicht persönlich, die Wiener Votivkirche (auch nicht zu Unrecht "Ringstraßendom" genannt) schon, für mich ungeachtet ihrer Entstehungszeit ein architektonisches Meisterwerk, in meinen Augen sogar fast schöner als der Stephansdom, weil symmetrischer mit 2 gleich großen Türmen, stimmiger, stilistisch homogen, dem Kölner Dom gar nicht unähnlich, wenngleich natürlich kleiner.
Auch ihre Akustik finde ich beeindruckend, letztere ist bekanntlich auch für den Klang der Orgel mitentscheidend und diesen habe ich schon vielfach in Konzerten und auf CDs bewundert und wage zu behaupten, dass ich damit nicht allein bin.
Und wo konkret hat es hier eigentlich "nicht gereicht" ?  :kratz:

Auf Wikipedia findet sich übrigens auch ein kurzes Klangbeispiel von der Grazer Herz-Jesu-Orgel.  :tipp:

Da fällt mir ein: Was für eine Orgel befindet sich eigentlich in der Wotrubakirche ?  :kratz:
Den Wiki-Autoren ist sie jedenfalls keine Erwähnung wert und auch in Günter Lade´s Buch findet sich nichts darüber, nicht mal die "Liste der Orgeln in Wien" gibt darüber Auskunft:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Orgeln_in_Wien



Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 12. Januar 2018, 16:01:20
Wotruba und Wallfahrtskirche Neviges stammen so ziemlich aus der gleichen Epoche.
In Neviges gehörte eine Ahlborn C-35 zur Erstausstattung. In Wotruba tippe ich ebenfalls auf ein Elektronium :jump:
...Ich vermute aber, dass man, um dieses Plätzchen zu ergattern, mindestens anderthalb Stunden vor den Orgelfeierstunden dort aufkreuzen muss ...  :ratlos:

Als Einzelperson, der die Chuzpe besitzt auch über Bänke zu klettern, haben auch 5 Minuten vor Beginn gereicht. Wer ganz sicher gehen will, bringt sich einen Klappstuhl mit. Von den akustisch besten Plätzen aus, sind zumindest Teile beider Orgeln ohne Kopfbewegung sichtbar....


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: matjoe1 am 12. Januar 2018, 16:20:11

https://de.wikipedia.org/wiki/Wotrubakirche#/media/File:Wotrubakirche_IV.png


Würg!  :augenroll:
(Sorry)

LG
Matthias


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 12. Januar 2018, 16:39:32
Naja. M.E. immer noch schöner als manche neugotische / neuklassizistische Monströsität aus den späten 1800ern ...
Aus österreichischer Sicht ist der Neogotikverdruss nachvollziehbar. In Nord- Ost- und Westdeutschland sind viele große Neugotische od. Neoromanische Großkirchen den Bomenhageln im 2. WK zum Opfer gefallen. Einer Rekonstruktion analog zur Frauenkirche Dresden, oder dem Berliner Schloss, stand die Architektengeneration des Wiederaufbaus entgegen. Geld war auch nicht gerade im Überfluß da. In Hannover die große Kirche St. Maria in Hainholz (beherbergt die ehem. Braunschweiger Domorgel) stark vereinfachter Wiederaufbau in Backstein, St. Joseph stark vereinfachter Wiederaufbau mit Übertünchung sämtlicher Reste des Freskenbestandes - Berlin, Moabit Dominikanerkirche (der Haß auf Neogotik ging soweit, daß man fast die original-gotischen Seitenaltäre verbrannt hätte. In Köln- Mülheim, Köln-Kalk, Architekturbrüche (Man sollte immer an die Kriegereignisse erinnert werden).
In der Kölner Innenstadt, Herz-Jesu: Der statisch intakte neogotische Kapellenkranz brutal abgebrochen. Eine Hälfte der Kirchenschiffes ist noch neogotisch, die andere Beton-Backsteinarchitektur.....

Einen eigentlich architektonischen Bauunfall in der Neogotik hat sich in Notre Dame de Laeken(BE), erhalten.
Wenn man aus der Ferne auf die Kirche zukommt (Größe etwa wie Votivkirche in Wien) wirkt es wie eine weiße Neogotische Kathedrale. Je näher man kommt kann man erkennen, daß es sich hier in der Detailgestaltung der Außenhaut um Scheinarchitektur handelt. Weil das Geld für die Steinmetze ausging, hat man auf die genaue Ausgestaltung der Krabben verzichtet. Den Platz der Krabben nehmen (vereinfachte) steinerne Klötzchen ein.
Die Kirche ist allein wegen der Scheyven-Orgel (ein C-Coll-Dialekt) eine Reise wert.    


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: jogo31 am 12. Januar 2018, 17:00:01
Kommt immer auf die Umsetzung an. Wir haben hier auch einen Kirchenanbau (an die bestehende Kirche aus der Barockzeit) aus der Zeit des "Betonbarock", gebaut 1973-1981, allerdings hat man hier beschlossen (außer die Pfeiler) den Beton mit Farbe zu verdecken. Ich finds - jaja ich weiß, Eigenlob stinkt - nicht schlecht.

 http://se-haertsfeld-kochertal.de/ebnat-pfarrkirche


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 12. Januar 2018, 17:38:31
Hallo Jogo,
die Gesichtszüge des Jesuskind in den Glasfenstern könnten  :lupe: ja wohl ein Indiz für das Vorliegen einer geistigen Behinderung sein. 


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: jogo31 am 12. Januar 2018, 19:24:38
Das musst du mir aber erklären. Ich befürchte ich begreife nicht was der Casus Knacktus deines Beitrages ist.  :kratz:



Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: PM am 12. Januar 2018, 19:44:10
Die Kirche ist allein wegen der Scheyven-Orgel (ein C-Coll-Dialekt) eine Reise wert.
Das kann ich bestätigen! Bin einmal dort gewesen und die Orgel klingt grandios. Füllt die Raum völlig. Und wenn Sie dann im Brussel sind: im Vorort Elsene gibt es die St. Bonifatiuskerk mit auch ein Merklin-Schyven. Baujahr 1868, 30/IIP, fast unverändert behalten – man glaubt an ein CC zu zitzen!

Hier eine bescheibung (ein Tolle webseite!):
http://www.orgbase.nl/scripts/ogb.exe?database=ob2&%250=2029300&LGE=NL&LIJST=lang

Gruß, PM


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 12. Januar 2018, 19:54:57
Das musst du mir aber erklären. Ich befürchte ich begreife nicht was der Casus Knacktus deines Beitrages ist.  :kratz:
In der Darstellung finde ich Hinweise, die auf Trisomie 21 Rückschlüsse ziehen lassen....


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 12. Januar 2018, 19:56:47
Das gehört glatt der Glaubenskongregation gemeldet. :exor:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 12. Januar 2018, 19:57:40
Ich finde es sehr schwierig, mit so inhaltsleeren Begriffen wie "schön" und "hässlich" zu argumentieren, die sagen außer subjektivem Ge- bzw. Missfallen nichts aus. Ich habe mir mal statt "schön" ein paar positive Attribute überlegt, die für die seelsorgerische Aufgabe eines Sakralbaus von Bedeutung sind, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Offen, einladend, freundlich, warm, beruhigend, friedlich.

Es fällt mir sehr schwer, diese auf große gotische Kirchen wie z.B. den Kölner Dom anzuwenden, der wirkt auf mich eher einschüchternd, bedrohlich, demütigend, arrogant. Dass er dabei ein imposantes und beeindruckendes Stück Architektur ist, will ich gar nicht abstreiten. Aber die emotional angenehmen Attribute finde ich oft eher bei Nachkriegsbauten, lassen wir einmal brutalistische Beispiele außen vor.

Natürlich gibt es auch große alte Kirchen, die diese positiven Attribute aufweisen können, aber weniger in der Gotik sondern eher in Renaissance und Barock.

Edit: jogo, ich finde deine Kirche übrigens wirklich sehr angenehm! Hier kann man sich wohl fühlen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 12. Januar 2018, 21:40:48
Das gehört glatt der Glaubenskongregation gemeldet. :exor:
Ja, ja, .... wenn ein Sachverhalt nicht ausgesprochen werden darf, weil er den Klerikern  :church: gotteslästerlich erscheint, obwohl eine sachliche Beweisführung vorliegt, dann werden heute zumindest in den Köpfen wieder  :exor: Scheiterhaufen errichtet.  :duckundweg:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Romanus am 12. Januar 2018, 22:00:38
Offen, einladend, freundlich, warm, beruhigend, friedlich.
Ich weiß nicht, ob das die Attribute sind, die ich einer Kirche zuordnen würde. :kratz:
Die oben genannten Eigenschaften würde ich mir von einem Restaurant oder einem Kindergarten wünschen.
Eine Kirche sollte für mich schon mehr sein als eine gemütliche, gute Stube.  
Schönheit ist natürlich immer Geschmacksache, also kein objektives Kriterium, da gebe ich Machthorn Recht.
Für mich war und ist eine gotische Kirche einfach der Prototyp des Sakralbaus, wahrscheinlich deshalb, weil die ersten Kirchen, die ich als Kind sah, eben gotisch waren.
Die Athmosphäre einer gotischen Kirche (ganz egal ob alt oder "neu") ist für mich immer etwas ganz besonderes:
Mystisch, geheimnisvoll, faszinierend, magisch, erhaben, Ehrfurcht gebietend, für manche Menschen haben sie auch etwas unheimliches, das dämonisch-sakrale Element spielt hier auch mit hinein, doch gerade das macht für mich auch die Faszination einer gotischen Kirche aus.  :hail: Genau wie der 1. Teil der (wenn auch nicht gotischen, aber für mich eindeutig gotisch-inspirierten) Toccata BWV 565: Ein weihevoller Schauer, bei dem man eine Gänsehaut bekommt.  :church:
Diese Kirchen spiegeln das Gottesbild der Menschen im späten Mittelalter wieder, das noch viel stärker von der Vorstellung eines strengen, strafenden Gottes geprägt war. Auch wenn dieses Gottesbild heute längst überholt ist, ziehe ich - was Kirchen betrifft - die Gotik jeder anderen Stilrichtung vor.
Ich liebe gotische Kirchen, sie sind für mich so viel mehr als einfach nur "schön", ich liebe auch ihre hallige Akustik, die Orgelklängen etwas mystisches und zugleich erhabenes verleiht, ich träume sogar immer wieder von gotischen Kirchen !


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 12. Januar 2018, 22:19:55
Zitat
Ich weiß nicht, ob das die Attribute sind, die ich einer Kirche zuordnen würde. Kopfkratzen
Ich gebe zu, dass das wieder rein subjektiv ist. Mein persönlicher Anspruch an eine Kirche ist die, dem Besucher eine gewisse Wärme und Geborgenheit zu geben. Hier darf er Gottes Nähe und Liebe fühlen. Hier darf er auch mit Ängsten und Nöten herkommen. Hier darf die Seele ein wenig ausruhen. Das fällt in Kirchen mit den von mir aufgezählten Attributen leichter als in solchen, deren Atmosphäre du als "[...]Mystisch, geheimnisvoll, faszinierend, magisch, erhaben, Ehrfurcht gebietend, [...] unheimlich[es], [...] dämonisch-sakral[e]" bezeichnest.

Mit dem Übergang zur Renaissance und damit schon vor über fünfhundert Jahren fand dieser Paradigmenwechsel übrigens in Florenz statt. Als erste Kirche, die unter diesen Gesichtspunkten entworfen wurde, gilt die von Brunelleschi (dem Erbauer der Florentiner Domkuppel) erbaute Basilica di San Lorenzo. Leider ist die Fassade bis heute unverkleidet und entsprechend nackt und etwas abweisend. Die Kirche hat übrigens eine mit 35 Registern für italienische Verhältnisse fast schon ungewohnt große dreimanualige Orgel, womit auch der Bogen zum Forum wieder geschlagen wäre.

Siehe hier: wikipedia.org/wiki/Basilica_di_San_Lorenzo_(Florenz) (http://wikipedia.org/wiki/Basilica_di_San_Lorenzo_(Florenz))


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: PM am 12. Januar 2018, 23:19:42
Neben Religion (und Fußball) scheint nichts effektiver die Emotionen auf zu hetzen als Orgeln, Orgelmusik und Organisten..... ;-) :D
Ich muss mich selbst corrigieren. Habe die kirchengebäuden vergessen..... :D :D


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 13. Januar 2018, 01:42:00
Eines der charakteristischen Stilelemente einer gotischen Kirche (im Gegensatz zur Romanik) ist ja gerade, daß man beim Betreten mit geradeaus gerichtetem Blick, die tatsächliche Raumhöhe gar nicht erfassen kann. Damit wird die Größe Gottes symbolisiert.
Heute kennen wir diese Räume i.d.R. nur noch weiß gekalkt. Wer mal das optische Erlebnis hat, einen in der ursprünglichen Ausmalung (in der ostdeutschen Backsteingotik gibt's es da noch ein paar sehenswerte Exemplare) zu erleben, der empfindet diese Räume als wirklich heimelig. Wenn dann noch morgens um 5:30 von Mönchen oder Nonnen eine Laudes gesungen wird und man mit ins Chorgestühl darf (in der kalten Jahreszeit einen möglichst bodenlangen Mantel nicht vergessen) dann wird es mir schon warm, weil Architektur und Gebet zur Einheit verschmelzen.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: 2nd_astronaut am 13. Januar 2018, 02:33:05
aha, mir scheint hier ist meine kleine bildersammlung von modernen kirchen nötig  (auch wenn sie anscheinend nur mir gefallen ;-) ):

(https://c1.staticflickr.com/8/7283/8754651636_3da8d5f21f.jpg)
(https://i1.trekearth.com/photos/41415/dsc_0324a.jpg)
(http://ch.media.france.fr/sites/default/files/styles/horizontal/public/image/press_kit/%2810%29Eglise%20Saint-Joseph%20%C2%A9Fabrice%20Moley%20-%20OTAH_0.jpg?itok=rEUUs6XN)
(https://i.pinimg.com/736x/7c/8a/91/7c8a91598756ef3ddf823e7032b7453f--holy-cross-church-architecture.jpg)
(https://qph.ec.quoracdn.net/main-qimg-a89b903857be2ea4a4888b5ec0f3be3d-c)
die wotruba gehört natürlich auch dazu, aber die hatten wir ja schon.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Romanus am 13. Januar 2018, 05:53:11
aha, mir scheint hier ist meine kleine bildersammlung von modernen kirchen nötig  (auch wenn sie anscheinend nur mir gefallen ;-) ):
(https://i1.trekearth.com/photos/41415/dsc_0324a.jpg)

Die Kathedrale von Brasilia gefällt mir auch !  :dafuer:
Sie sieht aus wie eine große Krone, sehr ästhetisch, damit tanzt sie gegenüber den anderen modernen Sakralbauten aus der Reihe.

Ich habe übrigens vor ca. 22 Jahren in einem Dipl. Ing. Heinz Ahlborn - Prospekt gelesen, dass dort eine Dipl. Ing. Heinz Ahlborn - Digitalorgel steht, also in Wahrheit eine modifizierte (oder einfach nur umbenannte ?) Viscount, ich habe diesen Prospekt sogar noch, da ist auch ein Bild davon, es ist eine 2-manualige mit ca. 40 Registern.
Weiß jemand, ob sich diese Orgel bis heute gehalten hat oder ob inzwischen eine neue (derselben Marke ?) installiert wurde ? Bei Wikipedia findet man nichts darüber.
Nicht umsonst dient die charakteristische Kronen-Form dieser Kathedrale auch heute noch als Firmenlogo der Dipl. Ing. Heinz Ahlborn GmbH:
http://www.ahlborn-kirchenorgeln.de/  
Auf der Referenzliste wird sie jedenfalls nicht genannt. :lupe:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Jesaiah am 13. Januar 2018, 08:00:44

Auf Wikipedia findet sich übrigens auch ein kurzes Klangbeispiel von der Grazer Herz-Jesu-Orgel.  :tipp:


Naja... Die Walcker in Herz-Jesu ist groß und wurde mit großem Aufwand und sehr liebevoll restauriert. Das Problem ist ihre Pneumatik einerseits, und andererseits die Akustik des Kirchenraumes. Letztere macht, und das weiß ich aus eigener Erfahrung, trotz guter Beschallungsanlage das Zelebrieren zu einer Herausforderung, und die Nachhallzeiten bzw. -frequenzen sind für die Orgel enorm, dadurch wird alles recht diffus. In Köln ist auch ein langer Nachhall, aber in den Frequenzen viel differenzierter, sodass mir scheint, dass die Orgel - die natürlich auch eine ganz andere Charakteristik als die Walcker hat - besonders in den hohen Mitten besser "zeichnet".

Mein Bruder und ich hatten vor zwei Jahren den Auftrag, für eine CD mit einem sehr guten Organisten in Herz-Jesu aufzuzeichnen (Zoltan Borbely, Novi Sad). Wir haben es eine Woche lang versucht, mit unterschiedlichsten Mikrofonkonstellationen und -positionen, dann hatten wir eine Aufnahme, die zunächst (vor Ort im Kopfhörer und auf den Kleinmonitoren) sehr akzeptabel klang ... Im Studio in der Nachbearbeitung kamen dann so viele Schwächen heraus (Nachhallphänomene, Echos, einzelne "schreiende" Aliquoten und vor allem die Geräusche der Arbeitsbälge), dass die Aufnahme unbrauchbar war. Wurde in Senta wiederholt. Das hat dann geklappt.

Daher meine "akustische Skepsis" gegenüber der konkreten Situation.
Was aber am selben Ort TOLL funktioniert, sind die Kinoabende - einmal im Jahr gibt es eine Projektion von Filmklassikern (stumm), zu denen live auf der Orgel improvisiert wird. Großartig!

Entschuldigt die laienhafte Ausdrucksweise. Mir fehlt da zum Teil auch die Fachterminologie...




Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Gemshorn am 13. Januar 2018, 08:50:11
Danke für die Bildbeispiele. Beeindruckend! :thx:
Das eine Foto - anscheinend senkrecht in einen Turm hinein gerichtet - machte einem Science-Fiction-Film alle Ehre. Sieht aus wie ein gewaltiges Raumschiff. Die Trekkies unter uns werden sich vielleicht an Star Trek I erinnern, wo die Enterprise in das riesige Gebilde V'ger hineinflog...


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: clemens-cgn am 13. Januar 2018, 17:24:27
...Ich habe übrigens vor ca. 22 Jahren in einem Dipl. Ing. Heinz Ahlborn - Prospekt gelesen, dass dort eine Dipl. Ing. Heinz Ahlborn - Digitalorgel steht, also in Wahrheit eine modifizierte (oder einfach nur umbenannte ?) Viscount, ich habe diesen Prospekt sogar noch, da ist auch ein Bild davon, es ist eine 2-manualige mit ca. 40 Registern. Auf der Referenzliste wird sie jedenfalls nicht genannt. :lupe:
Zu dieser Zeit war die Fa. Dipl. Ing. Heinz Ahlborn selbständig und das Brasilia Instrument war auf keinen Fall eine Umlabelung. Auf der Referenzliste hat sie jedenfalls lange gestanden. Der Firmenname hat ja im Laufe auch Eigentümerwechsel erfahren.
Das Referenzinstrumente aus den Firmenlisten mitunter verschwinden ist im PObau wie auch im DOBau nichts ungewöhnliches. Ein sehr frühes Referenzobjekt von Ahlborn-Ditzingen mit dem Auxillaire innerhalb der EKD in der Kreuzkirche in Hannover, war bereits in den 70iger Jahren in der medialen Versenkung verschwunden... und auch dafür gibt es Gründe   


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: matjoe1 am 13. Januar 2018, 17:44:36
mir scheint hier ist meine kleine bildersammlung von modernen kirchen nötig  (auch wenn sie anscheinend nur mir gefallen ;-) ):

Bis auf die angenehme Erscheinung der Kirche in Brasilia bekomme ich von allen mehr oder weniger starken Augenkrebs.

LG
Matthias


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Machthorn am 13. Januar 2018, 18:21:16
Zitat
Bis auf die angenehme Erscheinung der Kirche in Brasilia bekomme ich von allen mehr oder weniger starken Augenkrebs.
Brutalismus vom Feinsten halt. Ich kann Romanus gut verstehen, dass er solche Gebäude nicht mag. Ich tu es ebenfalls nicht.


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: 2nd_astronaut am 13. Januar 2018, 19:35:10
Zitat
Nicht umsonst dient die charakteristische Kronen-Form dieser Kathedrale auch heute noch als Firmenlogo der Dipl. Ing. Heinz Ahlborn GmbH:
interessant, das wusste ich nicht.

---

das foto senkrecht von unten in den turm ist in Le Havre. eine stadt, die ich gerne mal besuchen möchte, denn der stadtkern ist aus einem guss nach dem weltkrieg von auguste perret wiederaufgebaut worden (also eine ähnliche situation wie in brasilia, beide städte sind soweit ich weiß auch folgerichtig weltkulturerbe).


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: jogo31 am 15. Januar 2018, 06:05:29
Oh... das Tipi von Brasilia und die Raketenabschussvorrichtung von Le Havre. Wems gefällt. Ich finds grauslig.  :duckundweg:


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: viola pomposa am 15. Januar 2018, 08:43:21
(https://i.pinimg.com/736x/7c/8a/91/7c8a91598756ef3ddf823e7032b7453f--holy-cross-church-architecture.jpg)

gesprengter Westwallbunker?  :kratz: :ratlos:

fragt sich


Gerd


Titel: Re:Kirchenabriss
Beitrag von: Laurie am 15. Januar 2018, 15:31:18
Es gibt auch positive Beispiele. Etwa zeitgleich zu diesem Thread hatte die Hamburg Port Authority den Mietvertrag mit der ev-luth. Thomasgemeinde für die St.Gertrud-Kirche in HH-Altenwerder verlängert. Die Kirche (mit einer Beckerath-Orgel 25/II von 1969) steht bekanntlich mitten im Containerhafen, wo fast alles schon automatisch abläuft. Jeder, der mal über die A7 durch den Elbtunnel gefahren ist, wird die Kirche gesehen haben. Keine menschliche Behausung weit und breit, darum gehört das Gebäude auch der Hafenbehörde. Trotzdem finden dort weiter Gottesdienste und sogar hin und wieder Orgelkonzerte statt. Das Kirchengebäude ist auch Identifikationspunkt für die Menschen aus Altenwerder, die alle für die Hafenerweiterung umgesiedelt wurden.

http://kirche-suederelbe.de/altenwerder/op-platt/ (http://kirche-suederelbe.de/altenwerder/op-platt/)

Passende "Untertitel" für User aus dem Gebiet südlich der Harburger Berge  ;-) gibt es hier:

http://kirche-suederelbe.de/altenwerder/ (http://kirche-suederelbe.de/altenwerder/)